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Veröffentlicht am 17.08.2024

Auf der Suche nach einer Leerstelle

Seinetwegen
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Seinetwegen beschreibt als autofiktionales Werk die Suche Zora del Buonos nach E.T., dem Verursacher des Autounfalls, bei dem ihr Vater tödlich verletzt wurde. Sie selbst war damals noch ein Säugling, ...

Seinetwegen beschreibt als autofiktionales Werk die Suche Zora del Buonos nach E.T., dem Verursacher des Autounfalls, bei dem ihr Vater tödlich verletzt wurde. Sie selbst war damals noch ein Säugling, der Vater über den ihre Mutter aus Schmerz und Trauer mit ihr nie vermochte zu sprechen, blieb eine ewige Leerstelle in ihrem Leben, ebenso wie die Umstände, die zu seinem Tod führten. Erst in ihrer zweiten Lebenshälfte, unter dem Eindruck der fortschreitenden Demenz der Mutter wagt sie sich auf die Reise diese Leerstelle zu füllen. Dies ist sowohl wörtlich, als Reise und Suche nach dem Unfallverursacher gemeint, jedoch ebenso im übertragenen Sinne als Reise und Erkundung ihrer selbst, ihrer Vergangenheit und der Beziehung und Haltung zu dem Vater, der eine Leerstelle, aber dessen Fehlen in ihrem Leben auf andere Art immer präsent war, sei es als Halbwaise, als Tochter einer verwitweten Mutter oder als Tochter eines Italieners, jeweils mit entsprechenden Vorurteilen konfrontiert. So kommt die Autorin mit der Recherche nach E.T. auch, und das ist vielleicht viel entscheidender, dem Vater näher, über den nie gesprochen wurde, und damit letztlich auch einem Teil von sich selbst.

Was Seinetwegen für mich jedoch primär ist, ist eine sensible, schonungslos ehrliche Selbsterkundung, die mich sehr an Annie Ernaux erinnert hat. Wie Ernaux erkundet del Buono nicht nur aufmerksam ihre Umwelt und Vergangenheit, sondern entdeckt und legt als „Ethnologin ihrer Selbst“ in der Introspektion ihre Gefühle und Prägung offen und teilt diese mit uns als Leserinnen. Der Ton bleibt dabei nüchtern, sachlich, jedoch keineswegs emotionslos. Es wirkt vielmehr als ob die sachliche Distanz erst ermöglicht, um so tiefer emotional vorzudringen.

In diesem Kontext behandelt die Autorin auf ihrer Reise zusätzlich wichtige Themen, wie den Umgang mit Demenz, Trauer, sowie Vorurteilen und Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, Herkunft und Sexualität.

Besonders machen den Stil des Buchs auch die vielen Assoziationen und Anekdoten, die die Autorin bei ihrer Suche und im täglichen Erleben herstellt und teilt. Nur scheinbar zusammenhangslos erzeugen diese eine Stimmung, verdichten das Bild, und lassen am Erleben der Autorin auf diesem Weg teilhaben.

Seinetwegen ist ein besonderes Buch, auf das man sich stilistisch und inhaltlich einlassen muss, wer das tut, wird mit einem ebenso persönlich-inhaltlich wie literarisch-stilistisch besonderen Lebenserlebnis belohnt!

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Veröffentlicht am 08.08.2024

Blick in den Abgrund: Ein wichtiges Buch, das hoffentlich nicht nur zum Nachdenken sondern auch zum Handeln anregt

Ganz unten im System
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In - Ganz unten - nimmt uns der Journalist Sascha Lübbe mit auf eine Recherche im Schatten der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Wobei im Schatten die Menschen leben, um die es geht, und die Regelungen ...

In - Ganz unten - nimmt uns der Journalist Sascha Lübbe mit auf eine Recherche im Schatten der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Wobei im Schatten die Menschen leben, um die es geht, und die Regelungen stattfinden, denen sie unterworfen sind, ganz offen ist hingegen das Ergebnis, welches sie erwirtschaften, die Häuser, die sie bauen, die Wurst, die sie herstellen, die Waren, die sie liefern. Wir alle profitieren davon, und doch wissen wir nur wenig über die Bedingungen unseres Wohlstands und die Menschen, die diesen mit erwirtschaften, nicht selten auf Kosten ihrer eigenen Gesundheit und eines Familienlebens in ihren Herkunftsländern.

Lübbe nähert sich der Thematik über drei zentrale Branchen, in denen die Beschäftigung von Menschen aus dem Ausland lange System und Tradition hat und in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten stetig ausgebaut wurde - die Baubranche, die Fleischindustrie und das Transportwesen.

Im Mittelpunkt stehen die Arbeiterinnen, hier entscheidet sich Lübbe bewusst mit den Menschen zu sprechen, statt über sie. In jeder Branche macht sich der Autor engagiert auf die Suche in dem Milieu, recherchiert und interviewt Betroffene. So entsteht ein authentisches und erschreckendes Bild der Arbeits- und Lebenswelt der Arbeitsmigrantinnen, die in den untersuchten Branchen beschäftigt sind und deren Lebensrealität der Autor uns schonungslos vor Augen führt.

Man merkt deutlich, dass der Autor hier nicht stehen bleiben möchte und lediglich auf Betroffenheit, die schnell vergessen ist, abzielt. Er möchte verstehen, die Menschen, ihre Geschichte, aber auch das System, welches dahinter steht, wer profitiert und ganz besonders wie sich etwas daran ändern kann.

Dazu untersucht er die rechtlichen und politische Rahmenbedingungen, lässt Gewerkschafter, Politikerinnen und Sozialarbeiter, Beraterinnen, Unterstützerinnen und den Zoll zu Wort kommen und hakt auch bei den Verantwortlichen und Unternehmen selbst nach. So setzt sich nach und nach ein Bild zusammen von einem verzweigten Kosmos, in dem einige profitieren und viele leiden. Lübbe zeigt gekonnt auf, wie sich ein selbsterhaltendes System gebildet hat, das sich über diverse Abhängigkeiten stabilisiert und stetig weiterentwickelt, selten zum Vorteil der Arbeitsmigrantinnen am Ende der Pyramide.

Ein Muster wird in allen Branchen, die der Autor vorstellt, immer wieder deutlich, die Expansion nach Osten, auf der Suche nach noch billigeren Arbeitskräften, in Ländern, die wiederum einen noch niedrigeren Lebensstandard haben und deren Bevölkerung deshalb bereit ist zu zum Teil menschenunwürdige Bedingungen jenseits von Mindestlohn und gängigen Sozialstandards zu arbeiten. Dies ist ein Modell, das, ohne das der Autor darauf eingeht, die Textilindustrie bereits seit vielen Jahren und Jahrzehnten perfektioniert hat, zum Teil zum Preis von Menschenleben.

Was passiert, wenn diese Expansion ihr natürliches Ende erreicht? Was, wenn es keine ärmeren Länder und Menschen mehr gibt, die bereit sind sich auszubeuten zu lassen und ihr eigenes Leben zu riskieren, um den Wohlstand der westlichen Industrienationen mitzuerwirtschaften? Wird dann ein Umdenken stattfinden? Was muss, was wird bis dahin noch alles passieren? Sascha Lübbes Recherchen lassen daher für mich viele Fragen zurück, und dies im positivsten Sinne, denn er lädt ein auch über unsere eigene Rolle in diesem System und unser Engagement dagegen nachzudenken.

Ein kleiner Kritikpunkt war für mich, dass statistisch und begrifflich noch sauberer hätte gearbeitet werden können. Zum Teil wird die Grundgesamtheit in der Wiedergabe von Prozentzahlen nicht deutlich. Eventuell kann dies in einer folgenden Auflage noch korrigiert werden.

Sascha Lübbe zeigt in - Ganz unten - die Bedingungen für billiges Fleisch, günstige Pflegekräfte, billige Waren on-time: denn der Betrag an der Kasse mag günstig sein, es sind jedoch Arbeitsmigrant
innen, die dafür mit ihrer Gesundheit, zum Teil ihrem Leben, einen teueren Preis bezahlen. Es ist ein menschenverachtendes System, das dies ermöglicht, es mag aufgrund der Vielzahl der Akteure auf innerstaatlicher und europäischer Ebene kompliziert sein etwas daran zu ändern, aber, auch das sollte jeder Leserin nach der Lektüre klar sein - wir müssen es versuchen!

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Veröffentlicht am 04.08.2024

Mit Liebe gemacht - ein toller Reiseführer, der schon zuhause Fernweh aufkommen lässt

Reisehandbuch Tirol für alle Jahreszeiten
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Geheimtipps von Freunden - der Untertitel ist zugleich Programm, denn man fühlt sich mit dem Reiseführer Tirol für alle Jahreszeiten von Mela Hipp tatsächlich durch die unmittelbare, einladende Schreibweise ...

Geheimtipps von Freunden - der Untertitel ist zugleich Programm, denn man fühlt sich mit dem Reiseführer Tirol für alle Jahreszeiten von Mela Hipp tatsächlich durch die unmittelbare, einladende Schreibweise der Autorin und das tolle Layout inkl. Fotos, direkt wie von Freunden eingeladen das schöne Tirol zu entdecken.

Den Hauptteil des Buchs bilden fünf Hauptregionen Tirols (Tiroler Unterland, Innsbruck und Umgebung, Tiroler Oberland, Außerfern und Osttirol), innerhalb derer wiederum verschiedene Orte mit Tipps zum Übernachten, Unternehmungen etc. vorgestellt werden. Als ein echtes Highlight habe ich empfunden, dass die Autorin fast jedem Ort und Gebiet, das sie innerhalb der Regionen vorstellt, ein einseitiges Feature eines ganz besonderen Ausflugszieles voranstellt. Hier lernt man u.a. den Almwirt, der auch Schriftsteller ist kennen, wird mit auf den Zirbenweg genommen oder kann entdecken wo in den Bergen Wein angebaut wird.

Daneben finden sich in einem separaten Kapitel tolle Vorschläge für mehrtägige Roadtrips mit dem Auto zwischen drei und fünf Tagen entlang toller Spots inkl. Wanderungen. In einem kurzen Kapitel werden ebenso Mehrtagestouren zu Fuß, mit dem Rad oder sogar auf Ski vorgestellt.

Besonders gut hat mir zudem der einleitende Teil zu Beginn des Buchs gefallen. Hier erläutert die Autorin sehr kurzweilig und informativ allerlei Hintergründe zu Menschen, Kultur, Geographie, Flora und Fauna, Sprache und gibt ganz grundsätzliche Tipps für die Anreise, Reisezeiten und das Bergwandern, die gerade für Anfänger:innen und Menschen, die das erste Mal in der Berge reisen, sicher sehr hilfreich sind. Doch auch ich als Wiederholungstäterin konnte hier noch den ein oder anderen wertvollen Hinweis mitnehmen.

Was mich etwas irritiert hat, war jedoch der Hinweis vor Ort ein Auto zu mieten, um bestimmte Ausgangsorte besser erreichen zu können. Hier wünsche ich mir im 21. Jahrhundert andere Möglichkeiten und Lösungen.

Gestalterisch ist das Buch wahnsinnig toll umgesetzt! Haptik, Layout, Schriftart und Zeilenabstand sind sehr angenehm, die fantastischen Fotos machen einfach nur Lust direkt nach Tirol zu fahren.

Für mich ist das Buch perfekt geeignet, um Tirol neu oder noch näher kennenzulernen und Inspiration für den Urlaub und Touren zu sammeln. Durch die sehr schöne Aufmachung, Haptik und den einladenden Stil der Autorin beginnt so der Urlaub ein bisschen schon zu Hause beim Schmökern und Planen! Eine wirklich tolle Lektüre, die viel mehr als „nur“ ein Reiseführer ist!

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Veröffentlicht am 29.07.2024

Eine faszinierendes Leseabenteuer zwischen Komödie und Gesellschaftskritik

Vorstandssitzung im Paradies
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In Vorstandssitzung im Paradies nimmt uns Arto Paasilinna mit auf ein skurriles, zuweilen komisches und gleichzeitig nicht weniger lehrreiches Leseabenteuer.

Der Ich-Erzähler ist finnischer Journalist ...

In Vorstandssitzung im Paradies nimmt uns Arto Paasilinna mit auf ein skurriles, zuweilen komisches und gleichzeitig nicht weniger lehrreiches Leseabenteuer.

Der Ich-Erzähler ist finnischer Journalist auf einer Recherchereise von Japan nach Australien. In dem von der UN gecharterten Flugzeug sind die Mitpassagiere Krankenschwestern, Ärzte und Waldarbeiter aus verschiedenen skandinavischen Ländern, die in unterschiedlichen Regionen auf dem asiatischen Kontinent Entwicklungshilfe leisten sollen. Als das Flugzeug schließlich dramatisch über dem stillen Ozean abstürzt, landen die Überlebenden auf einer Insel im gefühlten Nirgendwo.

Aus dem Kampf ums Überleben, zunächst allein, dann in der Gruppe, wird Tag für Tag mehr ein Einrichten in ein neues Leben mit schließlich einigem Komfort dank dem Erfindungsreichtum und der Zusammenarbeit in der Gemeinschaft. Eine große Rolle spielt hier das allmähliche Finden als Gemeinschaft und die Anpassung an die Natur in dem nicht freiwillig gewählten Paradies.

Die Entwicklung und Weiterentwicklung der Gemeinschaft der Gestrandeten wird sehr gut herausgearbeitet, Ansätze und Entwicklungen der Ideengeschichte werden dabei geschickt integriert, so beispielsweise die Einführung des Geldes als Sündenfall (Rousseau) und daraus abgeleitet der Verbleib im Naturzustand ohne Eigentum, die Entwicklung des Tauschsystems, der Versorgung und letztlich auch eines Strafrechts (auch wenn letzteres zunächst doch sehr archaisch war) und eines kleinen Gesundheitssystems. So begleitet der Autor die Entwicklung eines eigenen Gesellschaftssystems, das sich partizipativ und dem Gemeinwohl verpflichtet, in der Gruppe auf der Insel herausbildet. Dabei wird deutlich, dass es eben dieses System ist, das letztlich das Überleben der Gruppe sichert, die zunehmend kritisch die vermeintlichen Errungenschaften des Westens mit allen Folgen für Mensch und Natur reflektiert.

Der Schreibstil des Autors hat mich direkt begeistert, schnörkellos, eingängig, ein absolut trockener Humor und viel Selbstironie - wer das mag, wird wie ich große Freude an dem Buch haben.

Insgesamt war das Buch für mich eine tolle Mischung aus Komödie und Gesellschaftskritik. In ähnlicher Form kenne ich das beispielsweise auch von Erich Kästner, insofern war es auch interessant für mich einen Autor mit ähnlichem Stil und gesellschaftskritischem Anliegen aus einem skandinavischen Land zu lesen. Eine absolute Empfehlung und für mich die Einladung weitere Bücher des Autors zu entdecken!

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Veröffentlicht am 28.07.2024

Über eine Liebe, die ihre Zeit sucht

Man sieht sich
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Man sieht sich erzählt die Geschichte von Friederika, genannt Frie, und Robert, die seit ihrer Jugend eine tiefe Freundschaft verbindet. Und zunächst insgeheim ist da auch immer schon mehr, doch es ist ...

Man sieht sich erzählt die Geschichte von Friederika, genannt Frie, und Robert, die seit ihrer Jugend eine tiefe Freundschaft verbindet. Und zunächst insgeheim ist da auch immer schon mehr, doch es ist das Leben, das immer wieder verhindert, dass aus der Freundschaft die Liebesbeziehung wird, die sie sein könnte. So ist der Roman nicht nur eine Geschichte vom Finden und Verlieren der Liebe, sondern viel mehr als das, eine Geschichte über die Irrungen und Wirrungen des Lebens, die manchmal unseren Weg bestimmen.



Beginnend mit der gemeinsamen Schulzeit als Robert zur 11. Klasse an Fries Schule wechselt, begleitet Julia Karnick Frie und Robert über rund drei Jahrzehnte bis in die Gegenwart. Die Perspektive wechselt hier von Kapitel zu Kapitel zwischen Robert und Frie. Dies finde ich sehr gelungen, da wir so in beide Charaktere einen tiefen Einblick bekommen und die Welt, aber auch die jeweils andere Person mit ihren/seinen Augen sehen.

Für mich ist Man sieht sich kein klassischer Liebesroman, sondern im aller positivsten Sinne insgesamt eher ein Gesellschaftsroman, der durch die Liebesgeschichte eine zusätzliche Ebene und Rahmen gewinnt. Anhand der Lebensgeschichten von Frie und Robert thematisiert die Autorin nicht nur das Entstehen und Scheitern von Beziehungen sondern auch gesellschaftliche und persönliche Problemlagen, wie den Umgang mit schweren Erkrankungen, die Bürden von Alleinerziehenden für Elternteil und Kind, traditionelle und ungesunde, dominante Beziehungsmuster, die Rolle von Frauen in der Gesellschaft und vieles mehr. Das klingt viel, ist es aber nicht, da es ganz natürlich über die sehr authentischen Lebensgeschichten Fries und Roberts und natürlich ihre Liebesgeschichte thematisiert wird. Ein toller Roman, den ich sehr gern uneingeschränkt empfehle!

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