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Veröffentlicht am 22.10.2024

Es ist kompliziert...

Antichristie
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Dass alles kompliziert sein kann, macht "Anti-Christie" bewusst: Raum und Zeit, Idenitität, Geschichtsschreibung, Religion, Widerstand, freundschaftliche und familiäre Beziehung usw.: nichts ...

Dass alles kompliziert sein kann, macht "Anti-Christie" bewusst: Raum und Zeit, Idenitität, Geschichtsschreibung, Religion, Widerstand, freundschaftliche und familiäre Beziehung usw.: nichts ist eindeutig, alles weist verschiedene Facetten auf und muss aus unterschiedlichen Blickwinkeln hinterfragt werden. Aus diesem Grund war ich bei der Lektüre ziemlich gefordert, zumal vieles an geschichtlichen Fakten unbekannt war, eine Vielzahl von Protagonisten auftritt und der Roman zwischen verschiednen Zeitebenen hin und herspringt.
Hauptfigur ist "Anti-Christie" ist Durga, die als Tochter eines Inders und einer Deutschen im Deutschland aufgewachsen ist. Nun arbeitet sie in London an einer entkolonialisierten Neuverfilmung von Agatha Christie mit. Währenddessen fällt sie plötzlich aus der Zeit und findet sich im Jahr 1906 unter indischen Revoluzzionären wieder, welche zu dieser Zeit im India House in London lebten und den Widerstand gegen die britische Kolonialmacht vorbereiteten. Doch Durga ist nicht mehr Durga sondern Sanjeev, sodass sie Geschlecht, Alter und kulturellen Hintergrund komplett gewechselt hat. Ebenso wie der Leser weiß Sanjeev/Durga wenig über seine Geschichte und erfährt viel Neues über den Ablauf der indischen Unabhängigkeitsbewegung. Dabei zeigt sich, dass die Geschichtsschreibung häufig subjektiv ist und sich die Vergangenheit aktiv gestalten oder verändern lässt, je nachdem wie man sie erzählt. Zugleich debattiert die Autorin, wie gewaltfrei ein Widerstand gegen das vorherrschende Regime sein kann oder darf, um zu Unabhängigkeit zu gelangen. Es zeigt sich also, dass "Anti-Christie" auf vielen Ebenen wichtige gesellschaftliche, politische und soziale Fragen aufwirft, was den Roman sehr komplex und kompliziert macht.
So manches Mal habe ich mit mir gehadert, ob ich weiterlesen will oder nicht, da aufgrund des verwirrenden Plots und der Fülle an Informationen und Personen das Buch eine wirkliche Herausforderung war. Ich hatte oft Schwierigkeiten, die verschiedenen Personen in India House auseinanderzuhalten und hatte oft das Gefühl, Szenen oder Anspielungen nicht zu verstehen, weil mir die historishen Hintergrundinformationen fehlen. Da die Autorin aber wirklich gut und unterhaltsam mit Wortwitz schreiben kann und der Roman selbst bei kontroversen Fragen z.B. zu Religion oder Identität nicht dogmatisch wirkt, bin ich dran geblieben und habe es als zusätzlichen Vorteil gesehen, dass ich so einiges über die Geschichte der kolonialen Verbindung zwischen England und Indien dazulernen konnte, was so nicht in den Geschichtsbüchern steht. Selbst die Autorin hat in einem Interview erzählt, dass sie viele Fakten bei der Recherche überrascht haben. Dadurch regt der Roman auf jeden Fall zum Nachdenken an und man hinterfragt sein westliches Geschichtsbild, das so viel anderes ausblendet.
Was mich jedoch gestört hat, ist, dass durch die Zeitreise von Sanjeev/Durga ein wenig der rote Faden verloren gegangen ist und Unplausibilitäten oft einfach durch den Umstand der Zeitreise erklärt worden sind. Wenn Sanjeev/Durga etwas nicht verstanden hat, sind ihm/ihr manchmal plötzlich Gedanken in den Kopf gekommen, die das Geschehen dann erklären konnten und Sanjeev/Durga wusste selbst nicht, woher dieses versteckte Wissen kam. In solchen Szenen hatte ich das Gefühl, die Autorin macht es sich etwas einfach, um möglichst viele Informationen und Handlungsstränge in den Roman einbringen zu können und ja kein Detail unerwähnt zu lassen.
Im Großen und Ganzen war die Lektüre kein absoluter Spaß, sondern eher eine komplizierte Angelegeheit. Da man aber viel dazulernt, kritisch reflektiert und die Autorin auch wirklich gut schreiben kann, sollte man sich trotz aller Widerstände an den Roman wagen und nicht total "anti" sein.

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Veröffentlicht am 07.08.2024

Politisch aktuell, aber wenig unterhaltsam

Juli, August, September
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Aufgrund des Klappentextes hatte ich mit "Juli, August, September" einen Roman erwartet, der zum einen aktuelle politische, kulturelle und soziale Probleme thematisiert, das aber zugleich in ...

Aufgrund des Klappentextes hatte ich mit "Juli, August, September" einen Roman erwartet, der zum einen aktuelle politische, kulturelle und soziale Probleme thematisiert, das aber zugleich in einer humorvollen, augenzwinkernden Weise tut. Da es unter anderem um jüdische Identität in Deutschland geht, habe ich Olga Grjasnowas Roman mit "Gewässer im Ziplock" verglichen, in dem eine jugendliche Erzählerin zwar ernste Fragen stellt, aber trotzdem nicht allzu melancholisch oder ernst wird.
"Juli, August, September" ist sicher hervorragend geschrieben und man sollte das Buch mehr als einmal lesen, um alle Anspielungen und Doppeldeutigekeiten der Autorin zu verstehen. Thematisch und literarisch ist diese Lektüre anspruchsvoll, dass die Erzählerin zynisch ist, passt meiner Meinung nach auch, doch ich würde den Roman nicht als unterhaltsam im Sinne von heiter bezeichnen. Unter Unterhaltungsliteratur verstehe ich etwas anderes und wenn ich Olga Grjasnowas Neuling mit "Gewässer im Ziplock" vergleiche, dann fand ich "Gewässer im Ziplock" weitaus unterhaltsamer zu lesen! Vor allem im zweiten Teil des Buches, in dem die Erzählerin verstärkt nach ihrer Identität sucht, die zwischen jüdisch, russisch und deutsch liegt, überwiegend ein melancholischer, ernster Ton, der mich eher deprimiert als unterhalten hat. Innerhalb der Familie der Erzählerin schwelen Unstimmigkeiten und Streitereien, deren Ursprung bis in die Zeit des Holocausts zurückreichen, und auch die Ehe der Erzählerin hängt am seidenen Faden. All diese Probleme machen den Roman zwar zu einem wichtigen und gehaltvollem Werk, aber dennoch konnte ich mich aufgrund der Stimmung der Erzählung nicht richtig für "Juli, August, September" erwärmen. Wer unterhaltsamer über die Identitätssuche deutscher Juden (oder jüdischer Deutsche?) lesen möchte, sollte meiner Meinung nach eher nach "Gewässer im Ziplock" greifen.

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Veröffentlicht am 02.04.2024

Süß und sauer

Die Frauen der Familie Carbonaro
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Endlich geht es mit der Familiensaga um die Carbonaros weiter und dieses Mal erleben die LeserInnen die Geschichte aus der Perspektive der Frauen. Während im ersten Band vor allen Dingen der ...

Endlich geht es mit der Familiensaga um die Carbonaros weiter und dieses Mal erleben die LeserInnen die Geschichte aus der Perspektive der Frauen. Während im ersten Band vor allen Dingen der Lebensweg des Patriarchen Barnaba Carbonaro im Mittelpunkt stand, kommen nun seine Frau Pina, deren Schwiegertochter Anna und die Enkelin Maria zu Wort. Ich habe mich sehr auf diese Fortsetzung gefreut, aber leider konnte ich keine volle Punktzahl vergeben - wie bei Zitrusfrüchten vermischt sich Saures mit Süßem.
Leider las sich vor allem der erste Teil des Romans wie eine Wiederholung und es gab mir zu viele Parallelen zum ersten Buch. Zwar fand ich eine gewisse Auffrischung der Informationen hilfreich, um wieder in die Geschichte zu kommen und sich an die vielen Charaktere zu erinnern, aber alles in allem war mir das dann doch zu umfangreich. Es kam keine rechte Spannung auf, weil ich schon wusste, wie sich die Handlung entwickelt und es voraussehbar wurde. Außerdem war es manchmal schwierig dem roten Faden zu folgen und den Überblick über die vielen Personen zu behalten, da die Erzählung über die drei Generationen hinweg vor- und zurückspringt und man sich immer wieder vergegenwärtigen muss, in welcher Zeitebene man sich gerade befindet. Dass ist doppelt verwirrend, wenn Namen doppelt auftauchen. Da musste ich manches Mal überlegen, wer jetzt eigentlich gemeint ist.
Nichtsdestotrotz ist der Roman aber gut geschrieben und er liest sich ansonsten leicht weg. Das italienische Flair wird gut vermittelt und ich halte die Familiensage der Carbonaros deswegen auch für ein geeignetes Sommerbuch! Und im zweiten Teil wird es auch deutlich interessanter! Gerade die Münchner Jahre, die von der Enkelin Maria erzählt werden, haben mir sehr gut gefallen und dann wird auch endlich eine neue Perspektive aufgemacht und die Handlung entwickelt sich weiter. Am Ende erfährt man dann auch Neues über den Werdegang der Carbonaros und es wird interessanter, aber leider erfolgt das wie gesagt etwas zu spät für mich. Aber gerade das Ende des Romans hat mich nun doch neugierig auf einen weiteren Band der Reihe gemacht, von dem ich hoffe, dass er die Geschichte der Enkelgeneration aufgreift und weiterspinnen wird.
Zusammenfassend war das Buch wie eine Zitrusfrucht für mich: irgendwie erfrischend und leicht zu lesen, teilweise etwas "sauer" durch die vielen Parallelen zum ersten Buch, aber gegen Ende doch mit einer gewissen "Süße", die mich am Ende die Lektüre noch recht positiv bewerten lässt.

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Veröffentlicht am 21.01.2024

(Zu) Exotischer Lesetrip

Die sieben Monde des Maali Almeida
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Eines Tages findet sich Maali Almeida im Jenseits wieder und weiß nicht, wie er dorthin gekommen ist. Er hat nun sieben Monde (bzw. Tage) Zeit, um herauszufinden, wer ihm das Leben genommen hat und warum. ...

Eines Tages findet sich Maali Almeida im Jenseits wieder und weiß nicht, wie er dorthin gekommen ist. Er hat nun sieben Monde (bzw. Tage) Zeit, um herauszufinden, wer ihm das Leben genommen hat und warum. Also wandelt er als Geist durch das vom Bürgerkrieg gezeichnete Sri Lanka und versucht die Umstände seines Todes aufzuklären, wobei schnell klar ist, dass seine Arbeit als Kriegsfotograf damit zusammenhängt. Auf diesem übernatürlichen Trip trifft er auf zahlreiche Dämonen, Geister und lebende, aber ebenso zwielichtige Gestalten und wird mit der Brutalität des bürgerkriegsgeschüttelten Sri Lankas konfrontiert.
Das exotische Setting, der magische Realismus und nicht zuletzt das psychedelische Cover haben mich angesprochen und da ich gerne anspruchsvolle Roman lese, mit denen ich meinen Horizont erweitern und dazulernen kann, habe ich mich mit Maali Almeida auf diese außergewöhnliche Reise gewagt. Aber schnell hat mich der Roman überfordert und war doch allzu exotisch für mich, weswegen ich ihn dann leider abgebrochen habe und bei diesem Lesetrip nicht bis ans Ziel gelangt bin.
Dabei ist „Die sieben Monde des Maali Almeida“ durchaus gut und literarisch anspruchsvoll geschrieben, was auch ein Grund ist, warum ich doch bis zur Hälfte durchgehalten habe. Der Roman ist in der „Du-Perspektive“ geschrieben und dadurch ist man sehr nah am Protagonisten und der Handlung dran. So wirken die Kriegsgräuel noch erschütternder auf einen und der Roman bekommt eine atmosphärische Dichte. Auch der schwarze Humor des Erzählers und das ungewohnte Setting machen die Lektüre interessant, doch habe ich schnell gemerkt, dass mir das nötige Hintergrundwissen zur Geschichte Sri Lankas fehlt.
Auf jeden Fall sollte man sich über die politischen und gesellschaftlichen Umstände informieren, denn ansonsten verliert man jeglichen Kontext. Nicht nur, dass die historischen Hintergründe der Handlung verworren und kompliziert sind, auch die unglaubliche Fülle von Personen und deren lange, exotische Namen erschweren das Verständnis. Dazu springt der Erzähler zwischen mehr als einer Ebene hin und her: Jenseits und Diesseits, Gegenwart und Vergangenheit, verschiedene Orte in der Gegenwart – anstrengend! Durch das episodenhafte Erzählen wird die Handlung nur bruchstückhaft klar und es ist mir schwergefallen, bei diesem wilden Lesetrip auf der Spur zu bleiben. Da zudem häufig die Personen auch einfach im direkten Dialog mit einander sprechen, fehlt wieder ein erklärender Kontext und all das hat mich dann leider doch überfordert. Auch sollten Leser nicht zart besaitet sein, denn es mangelt nicht an Blut und Leichen…
Ich habe mir von dem Buch eine Lektüre außerhalb meiner gewohnten „Lesekomfortzone“ versprochen, wollte eine fremde Welt und eine surreale Wirklichkeit kennenlernen. Das habe ich zwar bekommen, aber es war dann doch zu viel des Guten und zu exotisch für mich.

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Veröffentlicht am 17.09.2023

Coming-of-Age in der römischen Antike

Ich, Sperling
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„Ich, Sperling“ ist die Coming-of-Age-Geschichte eines namenlosen Erzählers, der in der römischen Antike im 4. Jahrhundert nach Christus in einem Bordell zwischen Prostituierten, Zuhältern und allerlei ...

„Ich, Sperling“ ist die Coming-of-Age-Geschichte eines namenlosen Erzählers, der in der römischen Antike im 4. Jahrhundert nach Christus in einem Bordell zwischen Prostituierten, Zuhältern und allerlei anderen zwielichtigen Gestalten aufwächst. Dabei wird er mit der brutalen Realität derer konfrontiert, die am Rande der Gesellschaft leben, und muss sich seinen Weg durchs Leben kämpfen.
Für mich persönlich ist das Buch hinter den Erwartungen zurückgeblieben, die die vielen lobenden Besprechungen geweckt haben. Sicherlich ist der Roman gut geschrieben und akkurat recherchiert, doch mit den Charakteren bin ich nicht richtig war geworden, da sie mir alle eher unsympathisch waren.
Erzählt wird aus der Sicht des Protagonisten, der sich abschnittsweise immer wieder im Stile der antiken Geschichtsschreibung an die Leser wendet und die Fiktionalität und Subjektivität seiner Berichte betont. Was wahr und was erdichtet ist, lässt er somit im Zweifel.
Und nicht nur der Erzählstil, auch das historische Setting wird im Roman authentisch geschildert. Man merkt, dass der Autor umfangreich recherchiert hat, um die historischen Fakten korrekt und atmosphärisch wiederzugeben und so durch viele Details sowie intertextuelle Bezüge zu antiken Schriftstellern seine Leserschaft glaubhaft in die römische Antike zu versetzen. Besonders gerne gelesen habe ich zum Beispiel die Marktszenen, denn was man über das Alltagsleben der normalen Leute in der römischen Provinz erfährt, ist wirklich interessant.
Doch wie gesagt konnten mich die Charaktere nicht voll überzeugen, da sie für mich wenig Identifikationspotenzial geboten haben und eher abstoßend wirkten. Der Roman spielt in einem Milieu am Rande der Gesellschaft und dementsprechend sind einige Szenen recht brutal oder pornografisch. Der Protagonist versucht in dieser „Schattengesellschaft“ seine Identität zu finden und sich im wahrsten Sinne des Wortes einen „Namen zu machen“. Diese Coming-of-Age-Geschichte ist auch der einzige Handlungsschwerpunkt, was mich aufgrund der fehlenden Verbindung zu den Personen trotz aller Faszination für die römische Antike dann gelangweilt hat.
Für wen ist das Buch also etwas? Vielleicht für Fans von Robert Harris, der Krimis, die in der römischen Antike spielen, schreibt. Zwar ist „Ich, Sperling“ kein Krimi, aber an zwielichtigen Gestalten mangelt es nicht. Auch Leser und Leserinnen, die sich für Themen wie Identität, „Coming-of-Age“ und Selbstbehauptung interessieren, dürfte der Roman ansprechen. Oft werden diese Themen in einem modernen Kontext behandelt, doch hier lernt man mal eine neue, ungewöhnliche Perspektive kennen. Obwohl der Roman in der Antike spielt, lassen sich die Probleme und Fragen auf die heutige Gesellschaft übertragen.

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