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Veröffentlicht am 21.08.2024

Grausame Mordserie in Florenz

Signora Commissaria und der lachende Tod
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Commissaria Giulia Ferrari ist gerade erst an ihrem neuen Arbeitsplatz in Florenz angekommen, als sich eine Serie von Morden ereignet. Der Mörder lässt die Toten mit einem erstarrten Lächeln und den Initialen ...

Commissaria Giulia Ferrari ist gerade erst an ihrem neuen Arbeitsplatz in Florenz angekommen, als sich eine Serie von Morden ereignet. Der Mörder lässt die Toten mit einem erstarrten Lächeln und den Initialen des nächsten Opfers zurück – ein Fakt, welcher Giulia und ihre Kollegen Commissario Luigi Batista und Sergente Enzo Aleardi in besondere Zeitnot versetzt. Doch was ist die Verbindung zwischen den Ermordeten, scheinen sie doch auf den ersten Blick völlig unterschiedlich zu sein?

„Signora Commissaria und der lachende Tod“ von Alexander Oetker ist, wie ich mir aus dem Text erschließen musste, bereits der zweite Band der Reihe um Giulia Ferrari und ihre Kollegen. Der erste erschien in einem anderen Verlag und noch unter dem Pseudonym Pietro Bellini – die Handlung lässt sich aber auch ohne Kenntnis des ersten Bandes gut verfolgen. Die Erzählperspektive wechselt zwischen den Hauptfiguren Giulia, Luigi und Enzo, so dass wir stets alle Schritte der Ermittlung mitverfolgen können.

Dem Autor ist der Regionalkrimi keinesfalls fremd, seine Charaktere ermitteln in Marseille, auf Zypern, in Paris und im Aquitaine – und auch diese in Florenz spielende Reihe ist ihm gut gelungen. Er lässt Giulia und ihre Kollegen durch die Stadt wandeln und erweckt sie so zum Leben. Das italienische Lebensgefühl unterstreicht er noch mit einigen Rezepten, die Luigis Frau Clara für ihn zubereitet und die wir nun selbst zuhause nachkochen können.

Darüber hinaus streut er noch Besonderheiten seiner Figuren ein, die diese individueller und authentischer wirken lassen. Luigi arbeitet nur noch in Altersteilzeit für die Polizei und beschäftigt sich den Rest der Zeit mit seiner Bar und Golden Retriever Tulipan. Giulia hat in ihrer Vergangenheit einen großen Verlust erlitten und Enzo zeigt, wie ein blinder Ermittler sich zurechtfinden und maßgeblich zur Lösung des Falls beitragen kann. Dieser ist durchaus spannend, aber gegen Mitte der Handlung kann man bereits erraten, was hinter der Mordserie steckt – was dem Lesevergnügen jedoch keinen Abbruch tut und dazu führt, dass ich jetzt unbedingt Band 1 nachholen muss.

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Veröffentlicht am 12.08.2024

Ein Kaleidoskop aus Geschichten

Donnerstags im Café unter den Kirschbäumen
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In einem Vorort von Tokio, an einem kleinen Fluss und unter Kirschbäumen liegt das beschauliche Café Marble mit seinen drei Tischen. Hier arbeitet Wataru schon einige Jahre, seit der eigentliche Besitzer ...

In einem Vorort von Tokio, an einem kleinen Fluss und unter Kirschbäumen liegt das beschauliche Café Marble mit seinen drei Tischen. Hier arbeitet Wataru schon einige Jahre, seit der eigentliche Besitzer – genannt „Master“ - herumreist und junge Künstler*innen fördert. Für Mako, eine seiner Stammkundinnen schwärmt Wataru heimlich. Jeden Donnerstag trinkt sie im Café eine Tasse heiße Schokolade und schreibt Briefe ins Ausland. Doch eines Tages ist ihr üblicher Platz besetzt und so ergibt sich zwischen ihr und Wataru ein Gespräch, das alles verändern soll.

„Donnerstags im Café unter den Kirschbäumen“ ist bereits der zweite Roman der japanischen Schriftstellerin Michiko Aoyama; die deutsche Übersetzung stammt dabei erneut von Sabine Mangold, die auch schon Werke von Yoko Ogawa oder Haruki Murakami übertrug. Erzählt wird in insgesamt 12 Kapiteln, jeweils in der Ich-Form, nach einem ganz bestimmten Schema: die zentrale Figur trifft auf eine andere Person, die nun selbst im Folgekapitel im Fokus steht. So geht es z.B. zunächst um die erfolgreiche Asami, die Zweifel an ihren Fähigkeiten als Mutter hat. Im Kindergarten ihres Sohnes trifft sie auf Erzieherin Ena, die nun in der nächsten Geschichte zur Protagonistin wird und berichtet, wie sie mit ihrer individualistischen Art bei Kolleginnen und Eltern aneckt.

So ergeben die einzelnen Kapitel ein Kaleidoskop aus Begegnungen und Erlebnissen, in denen auch immer wieder Personen auftauchen, die wir bereits früher kennengelernt haben. Die Geschichten spielen dabei sowohl in Tokio als auch in Sydney und sind zudem nach Farben benannt. So wird das Thema der Kunst wieder aufgegriffen, das im Roman mehrmals eine Rolle spielt. Darüber hinaus geht es aber auch um die Rolle der Frau in der Gesellschaft, Beziehungen und Freundschaft. Dennoch bleibt „Donnerstags im Café unter den Kirschbäumen“ leicht und kurzweilig, was sicherlich auch an der Erzählweise in Kurzgeschichten liegt. Diese ist für mich Fluch und Segen zugleich, denn so kann ich einerseits einer Fülle von Charakteren begegnen, sie aber auch nur ein kurzes Stück ihres Weges begleiten.

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Veröffentlicht am 22.07.2024

Die Frage nach der Schuld

Ein menschlicher Fehler
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Psychotherapeutin Hae-Su lebt sehr zurückgezogen, seit sie nach einer unbedachten Äußerung und dem darauffolgenden Shitstorm ihren Job, ihren guten Ruf, ihren Mann und ihre Freunde verloren hat. Eines ...

Psychotherapeutin Hae-Su lebt sehr zurückgezogen, seit sie nach einer unbedachten Äußerung und dem darauffolgenden Shitstorm ihren Job, ihren guten Ruf, ihren Mann und ihre Freunde verloren hat. Eines Tages trifft sie auf einem nächtlichen Spaziergang auf ein junges Mädchen, das sich um die Straßenkatzen der Nachbarschaft kümmert. Zu der zehnjährigen Se-I, die in der Schule gemobbt wird, fasst sie Vertrauen, weil sie sich von ihr nicht kritisch beurteilt oder beobachtet fühlt. Gemeinsam schmieden sie einen Plan zur Rettung der verletzten Katze „Rübe“ und nach und nach scheinen auch die Wunden der beiden Außenseiterinnen zu heilen.

„Ein menschlicher Fehler“ ist nach „Die Tochter“ bereits der zweite Roman der südkoreanischen Schriftstellerin Kim Hye-jin, der ins Deutsche übersetzt wurde: beide übrigens von Ki-Hyang Lee, die auch schon Han Kang und Cho Nam-Joo übertrug und kürzlich für ihre Übersetzung von Bora Chungs „Der Fluch des Hasen“ mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde. Erzählt wird aus der Perspektive der Protagonistin Hae-Su in der dritten Person und der Gegenwartsform. Immer wieder werden auch Briefe eingeflochten, die sie an die unterschiedlichsten Menschen schreibt, die mit dem Vorfall direkt oder indirekt zu tun hatten – die meisten schickt sie jedoch nie ab.

Hae-Su hat mit ihrer Äußerung damals sicherlich einen Fehler begangen, ihre Schuld ist jedoch bei weitem nicht so schwer, wie manche es ihr anlasten wollen. Sie selbst schwankt zwischen Schuldeingeständnis und Empörung hin und her und stößt dabei auch Menschen von sich, die ihr wohlgesonnen sind. Erst gegen Ende des Romans zeichnet sich ab, dass sie mit den Geschehnissen ihren Frieden machen kann – auch wenn das vielleicht bedeutet, in gewisser Hinsicht aufzugeben. Parallel dazu, und in manchen Punkten ähnlich, verläuft die Geschichte der kleinen Se-I. Auch sie sieht sich Anfeindungen gegenüber, die ihr den Schulalltag zur Hölle machen und eines Tages bricht alles aus ihr heraus. Kann Hae-Su ihr den entscheidenden Rat geben, wie es nun weitergehen soll?

Fazit: Ein interessanter Roman über Schuld und Außenseitertum

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Veröffentlicht am 21.03.2024

Moderner, feministischer Vampirroman

Die Hungrige
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Lydia ist zum ersten Mal in ihrem Leben allein, seit sie ihre Mutter in ein Pflegeheim bringen musste. Die Ärzte vermuten eine Alzheimer-Erkrankung, doch Lydia weiß, dass das nicht stimmt, denn ihre Mutter ...

Lydia ist zum ersten Mal in ihrem Leben allein, seit sie ihre Mutter in ein Pflegeheim bringen musste. Die Ärzte vermuten eine Alzheimer-Erkrankung, doch Lydia weiß, dass das nicht stimmt, denn ihre Mutter ist – wie sie selbst – eine Vampirin. Nun soll ihr neues Leben mit einem Praktikum in einer Galerie beginnen. Beim Einzug in ihr Atelier lernt Lydia Ben kennen, der ihr sofort gefällt. Der Fakt, dass er bereits eine Freundin hat, soll bald ihr geringstes Problem sein, denn es gibt jede Menge Schwierigkeiten zu bewältigen.

„Die Hungrige“ ist der erste Roman der Musikerin und Autorin Claire Kohda. Protagonistin Lydia erzählt aus der Ich-Perspektive und in der Gegenwartsform und das finde ich besonders gelungen, ist sie doch so völlig anders, als wir Vampire bisher in der Literatur erlebt haben. Im Prinzip ist Lydia wie jede andere junge Frau auch, nur dass sie nicht leben kann, wie Menschen es tun. Besonders fasziniert ist sie vom Thema Essen und recherchiert immer wieder in den sozialen Medien, was andere zu sich nehmen. Sie selbst kann nur von Blut überleben.

Lydias Charakter ist stark von der Erziehung ihrer Mutter geprägt, die ihr stets eintrichterte, Vampire müssten für die eigene Existenz Buße tun. Als Kind eines japanischen Vaters, den sie nie kennengelernt hat, und einer malaysisch-britischen Mutter wird sie außerdem in der Schule gehänselt. Ihre beste und einzige Freundin muss sie irgendwann zurücklassen, damit diese nicht bemerkt, dass Lydia nicht im selben Tempo altert. So wächst sie auf, ohne je mit anderen essen zu können, ohne andauernde Freundschaften, ohne eine Beziehung und trotz ihrer körperlichen Stärke möchte sie es allen immer nur recht machen.

Als Lydia sich Ben annähert, ergibt sich zum ersten Mal die Chance auf ein wenig Normalität. Doch es gibt immer noch Kämpfe auszufechten: die Suche nach Nahrung, die unangenehmen Annäherungsversuche des Galeriechefs, die Schwierigkeiten ihrer Mutter, sich im Pflegeheim einzuleben und dann ist da noch Bens wirklich nette Freundin Anju. Wie soll Lydia in all dem Chaos existieren? Ein moderner, feministischer Vampirroman.

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Veröffentlicht am 18.03.2024

Wichtige Neuerzählung

James
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Der Sklave James, genannt Jim, soll verkauft werden, was die Trennung von Frau Sadie und Tochter Lizzie bedeuten würde. So beschließt er, zu fliehen und sich zunächst auf einer kleinen Insel im Mississippi ...

Der Sklave James, genannt Jim, soll verkauft werden, was die Trennung von Frau Sadie und Tochter Lizzie bedeuten würde. So beschließt er, zu fliehen und sich zunächst auf einer kleinen Insel im Mississippi zu verstecken. Dort trifft er auf den jungen Huckleberry Finn, der seinen eigenen Tod vorgetäuscht hat, um seinem gewalttätigen Vater zu entkommen. Jim ist sofort klar: man wird ihn verdächtigen, den Jungen ermordet zu haben und so beginnt eine abenteuerliche Reise, die die beiden in mehrere Staaten führen wird.

In „James“ erzählt Percival Everett die Geschichte des Sklaven aus Mark Twains „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“ neu und lässt ihn dabei selbst in der Ich-Form zu Wort kommen. Jim und die anderen Sklaven sprechen dabei einen Südstaaten-Slang, den sie nur im Beisein von Weißen verwenden. Dieser soll ihre eigene Intelligenz verbergen und ihre Besitzer in Sicherheit wiegen. Erst gegen Ende des Romans wird Jim bewusst mit dieser Regel brechen. Die Szene ist ungemein beeindruckend, auch wenn in der deutschen Übersetzung diese Sprechweise nicht einfach umzusetzen war - was der Übersetzer in einem Nachwort zur Sprache bringt.

Egal, wohin er und Huck fliehen, die Situation bleibt für Jim doch immer dieselbe – auch wenn sie gerade die Grenze zu einem angeblich „freien“ Staat überschritten haben. Er gerät immer wieder an Menschen, die in irgendeiner Art seine Arbeitskraft ausnutzen wollen. Das Beste, was er dabei erwarten kann, ist keine Gewalt zu erfahren und am Ende des Tages sein Leben zu behalten. In Huck erleben wir den Widerstreit zwischen einem kindlichen Ungerechtigkeitsgefühl und dem Gedanken, dass Jim eben doch anders ist, als er selbst. Dabei wird gerade dieser Junge einer der loyalsten Fürsprecher sein, die Jim unterwegs hat.

Der Roman ist in mehrere Teile gegliedert und ich muss gestehen, dass gerade der erste sich für mich etwas zog und Handlungselemente sich stets wiederholten. Spätestens als Jim sich einer Minstrel Show anschließt, die absurder Weise nur aus weißen Männer besteht, die ihr Gesicht schwärzen, entwickelt der Roman einen gewaltigen Sog. Unbedingt lesen!

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