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Veröffentlicht am 22.08.2024

Sehr lesenswert

Vielleicht können wir glücklich sein
1

Mit „Vielleicht können wir glücklich sein“ hat die Heimkehr-Trilogie ihr Ende gefunden. Es sind beeindruckende Bücher voller Leben, voller Sorgen und doch auch voll Hoffnung, auch wenn diese zeitweise ...

Mit „Vielleicht können wir glücklich sein“ hat die Heimkehr-Trilogie ihr Ende gefunden. Es sind beeindruckende Bücher voller Leben, voller Sorgen und doch auch voll Hoffnung, auch wenn diese zeitweise verloren scheint. Die Trilogie beginnt mitten in der Weltwirtschaftskrise 1929 und endet mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Alexa Hennig von Lange hat sich von den Lebenserinnerung ihrer Großmutter inspirieren lassen, die diese auf mehr als 130 Tonbandkassetten gesprochen hat.

Auch dieser dritte Band wird auf zwei Zeitebenen erzählt. Los geht es mit Isabell, der Enkelin von Klara, im Jahre 2000. Mit ihrer kleinen Tochter auf dem Schoß liest sie den Brief ihres Großvaters, den er kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges an seine Frau geschickt hat. Er berichtet von Tolla, die Klara damals, als die Juden vor den Nationalsozialisten nicht mehr sicher waren, als ihr Kind ausgegeben hat. Um das Überleben des jüdischen Mädchens zu sichern, hat Klara sie schweren Herzens mit den Kindertransporten nach England gehen lassen, nur ist sie dort nie angekommen. Er hat sie bei einem der Todesmärsche gesehen, schreibt er. Sie alle waren nur noch Haut und Knochen, in Lumpen gewickelt und brach einer zusammen, wurde er von den SS-Wachen erschossen.

Mit Klara sind wir dann im September des Jahres 1944. Ihre vier kleinen Kinder muss sie alleine großziehen, ihr Mann Georg kämpft wie alle wehrdiensttauglichen Männer für das Vaterland. Der Kinder wegen musste sie die Leitung im Frauenbildungsheim aufgeben, sie hat genug damit zu tun, ihren Alltag und den ihrer Kinder zwischen Fliegeralarm und dem Überleben einigermaßen erträglich zu gestalten. Stramme Nazis im Ort wachen über jedes Wort und sind sofort zur Stelle, wenn dem Regime ihrer Meinung nach nicht genug gehuldigt wird.

Mit Kriegsende endet auch die Heimkehr-Trilogie. Die fiktive Figur Klara steht im Mittelpunkt dieser Erzählung. Alexa Hennig von Lange hat viel von ihrer Großmutter mit einfließen lassen, die sie beim Hören der Kassetten nochmal ganz neu kennengelernt hat. Sie nimmt ihre Leser direkt mit hinein in Klaras Familie, ich erfahre von den Pflichtschulmädchen, die kinderreiche Familien unterstützen. Das jüngste ihrer Kinder liegt noch im Waschkorb, der älteste ist mit seinen sechs Jahren so vernünftig, wie man es einem Sechsjährigen nicht zutraut. Ich bin direkt dabei, wenn die Sirene feindliche Flieger ankündigt und sie sich schleunigst in Sicherheit bringen müssen. Ich spüre eine tiefe Beklemmung, wenn ich vom täglichen Spagat zwischen der eigenen Überzeugung und dem, was nach außen dringen darf, lese.

Von den beiden Erzählebenen hat mich vor allem Klaras Erzählstrang tief beeindruckt. Man merkt förmlich, welch Gewicht auf ihr lastet. Erst gegen Ende ihres Lebens konnte Klara wenigsten dem Tonband diese Jahre anvertrauen. Ihre Geschichte steht stellvertretend für viele andere Schicksale in einer finsteren Zeit. Eine Zeit, die den Menschen viel abverlangt hat. Die Heimkehr-Trilogie ist ein einfühlsam erzähltes Zeugnis einer Zeit vor dem geschichtlichen Hintergrund voller Entbehrungen und schrecklichen Erlebnissen, aber auch voller Liebe und Fürsorge.

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Veröffentlicht am 21.08.2024

Von nun an ist nichts mehr so, wie es war

Mein drittes Leben
1

Der Tod des eigenen Kindes – was macht das mit einem? Linda und Richard haben ihre siebzehnjährige Tochter verloren. Sie war mit dem Fahrrad unterwegs, als sie ein LKW-Fahrer in einer Rechtskurve übersieht ...

Der Tod des eigenen Kindes – was macht das mit einem? Linda und Richard haben ihre siebzehnjährige Tochter verloren. Sie war mit dem Fahrrad unterwegs, als sie ein LKW-Fahrer in einer Rechtskurve übersieht und überrollt. Von nun an ist nichts mehr so, wie es war.

Die verwaisten Eltern gehen mit diesem Unglück unterschiedlich um. Richard braucht bald wieder Menschen um sich herum, Linda dagegen meidet sie. In einem kleinen Dorf findet sie eine alte Frau, die ihren Hof in guten Händen wissen will. Nach deren Tod zieht Linda hierher, kümmert sich um die Tiere, um das Haus und den Garten, nur um sich selber kümmert sie sich nicht sonderlich. Die Trauer um ihre Tochter lässt dies nicht zu. Richard erklärt sie, dass sie Abstand braucht, denn nur alleine kann sie den immerzu wachen Schmerz besänftigen und vielleicht auch den Erinnerungsfallen entkommen. Ob er denn in ihren Plänen noch vorkäme, will Richard wissen und ja, er kommt schon vor, aber er ist auch Teil des Problems. Sie gibt ihn frei und doch spürt man ihre Verbundenheit, der Kontakt zwischen ihnen reißt nie so ganz ab.

„Mein drittes Leben“ ist eine innige, ein intensiv erzählte Geschichte um den viel zu frühen Tod des geliebten Kindes. Und Linda lässt die lange Trauerphase zu, sie kann gar nicht anders. Das Schicksal hat ihr alles genommen - ihr Kind, ihre Leichtigkeit, ihren Lebensmut. Es sind dunkle Tage, die sie nur mit sich selbst ausmachen kann. Es sind die Tiere und die Natur, die ihr Auftrieb geben, die sie über den Tag retten.

Daniela Krien findet trotz der Schwere die richtigen Worte. Das Buch berührt, es ist emotional, es ist ehrlich, man fühlt mit Linda, kann ihre selbstgewählte Zurückgezogenheit verstehen. Und irgendwann, ganz langsam, kann sie wieder Menschen um sich herum ertragen. Da sind etwa Natascha und ihre schwerbehinderte Tochter Nina, die in ihrer Nähe wohnen. Sie nähern sich einander an, unterstützen und schätzen sich. Es sind aber auch andere, aus dem früheren Leben, die einfach nicht mehr dazugehören. Was soll man da Freundschaft heucheln, wo nichts mehr ist, vielleicht auch nie sehr viel war.

Es ist ein eindringlich erzähltes Buch, eine tieftraurige Geschichte, die doch Mut macht, denn keiner kann seinem Schicksal entrinnen. Ein Buch über das Sterben, aber auch über das Weiterleben. Ein grandios erzähltes Meisterwerk, das zu lesen es sich lohnt.

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Veröffentlicht am 14.08.2024

Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit

Scandor
1

Philipp und Tessa sind zwei von insgesamt hundert Teilnehmern einer ganz besonderen Challenge. Es ist ein Testlauf für einen neu entwickelten Lügendetektor, in dem jeder gegen jeden antritt und nur derjenige ...

Philipp und Tessa sind zwei von insgesamt hundert Teilnehmern einer ganz besonderen Challenge. Es ist ein Testlauf für einen neu entwickelten Lügendetektor, in dem jeder gegen jeden antritt und nur derjenige fünf Millionen Euro gewinnt, der als letzter übrig bleibt.

Schon das Erstgespräch macht deutlich, dass sich die absolute Wahrheit hinter vielen kleinen Mogeleien verbirgt, die einen im Alltag gar nicht auffallen. Also heißt es, sich jedes Wort, jeden Satz, ganz genau zu überlegen. Zu den ihnen genannten Bedingungen gehört auch, dass sie auf jede Frage antworten müssen, zudem sind pro Tag maximal drei Gegenfragen gestattet. Vorsicht ist geboten, denn es ist erlaubt, unfair zu spielen. So manch ein Gegner wartet nur darauf, sein Gegenüber hinauszukicken, auch können sie sich zusammentun und Teams bilden. Nachdem die Regeln vertraglich festgehalten und unterschrieben sind, ist Scandor ihr ständiger Begleiter. Sollten sie vorher ausscheiden, ist ihr Spieleinsatz einzulösen.

Wie oft lügen wir bewusst oder unbewusst? Ursula Poznanski hat nicht nur diese Frage in den Raum gestellt, sie zeigt auch deutlich auf, dass es nicht einfach ist, immer bei der Wahrheit zu bleiben. Denn auch eine gnädige Lüge oder eine Umschreibung bitterer Tatsachen erlaubt Scandor nicht. Wie oft fallen im Alltag Höflichkeitsfloskeln wie etwa „sorry, es tut mir leid“ und zig andere abgegriffene Redewendungen, die einfach so, ohne nachzudenken, gesagt und in dem Augenblick, in dem sie ausgesprochen werden, nicht so gemeint sind. Schon schlägt Scandor an. Der entlarvte Lügner ist aus dem Spiel, sein Einsatz ist fällig. Und der ist nicht ohne, denn jeder Teilnehmer hat hinterlegt, was bei ihm die größte Angst auslöst und genau dieser Angst muss er sich nun stellen.

Ist schon die Idee der absoluten Wahrheit ohne Wenn und Aber grandios, so ist die Umsetzung beeindruckend und rundherum gelungen. Hauptsächlich folgen wir Philipp und Tessa, den beiden Hauptakteuren, und natürlich ihren Konkurrenten. Wir erfahren, wie sie zu Scandor kamen, sind bei so manchem „Duell“ dabei, werfen mehr als einen Blick ins Innere der Firma, die Scandor verantwortet - all das spannend, sehr unterhaltsam und gut nachvollziehbar präsentiert. Das Ende dann hat mich nochmal innehalten lassen, ich bin schlichtweg begeistert und empfehle diesen Thriller, der mich sofort in seinen Bann gezogen hat, sehr gerne weiter.

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Veröffentlicht am 13.08.2024

Tod eines Politikers

Freunderlwirtschaft
1

Max Langwieser, der junge Minister für Tourismus und Landwirtschaft, liegt tot in seiner noblen Wohnung. Was ist passiert? Ist er unglücklich gegen seinen Glastisch gestürzt? War er alleine oder hat da ...

Max Langwieser, der junge Minister für Tourismus und Landwirtschaft, liegt tot in seiner noblen Wohnung. Was ist passiert? Ist er unglücklich gegen seinen Glastisch gestürzt? War er alleine oder hat da einer nachgeholfen? Und warum ist Jessica, seine Verlobte, so plötzlich verschwunden?

„Wir haben einen bedenklichen Todesfall.“ Alma Oberkofler ist gerade vier Tage bei der Wiener Mordgruppe, als sie von „der Leiche im Achten“ Stock informiert werden. Alma fährt mit ihren neuen Kollegen Kolonja, der ihr gleich mal das Du anbietet, an den Ort des Geschehens. Ihr junger Kollege Babic, der ihr gegenüber etwas distanzierter auftritt, hat Bürodienst.

Zunächst gehen wir zurück ins Jahr 1992, da ist Alma zwölf und es drängt sie bald, nach einem schweren Schicksalsschlag, Polizistin zu werden. Auch Jahre später hält sie an ihrem Berufswunsch fest und auch wenn die Eltern dies nicht so gerne sehen, unterstützen sie ihre Tochter dann aber schon. Und nun ist sie in Wien in der Abteilung Leib und Leben angelangt, ihre Vorgängerin hat sie die letzten zwei Wochen eingewiesen. Die Ermittlung um den Tod des jungen, dynamischen Ministers führt sie mitten hinein in die politischen und wirtschaftlichen Ränkespiele. Sie steht einem Machtapparat gegenüber, der es ihr nicht gerade leicht macht, denn zu vieles soll oder darf nicht an die Öffentlichkeit.

Erzählt wird aus Almas und aus Jessicas Perspektive, die beiden Erzählstränge wechseln sich ab. Alma war mir sofort sympathisch, ihre unbestechliche, geradlinige Art gefällt mir sehr. Die Ermittlungsarbeit vermischt sich immer mal wieder mit halbprivaten Momenten, auch ist sie mit ihrem finnischen Freund mal ganz privat unterwegs.

Aus Jessica werde ich zunächst nicht so ganz schlau, ihr Part wirft viele Fragen auf und bleibt lange nebulös. Hat sie mit Langwiesers Tod zu tun? Ihre Flucht könnte schon darauf hindeuten – aber wovor hat sie Angst?

Der Kriminalroman im politischen Umfeld ist durchweg spannend erzählt mit Charakteren, denen man ihre Eigenheiten allesamt abnimmt. Sie sind nett und liebenswert, sind erfrischend normal oder durchtrieben, ja gefährlich. „Freunderlwirtschaft“ ist ein kurzweiliges Lesevergnügen, das Buch gewährt einen tiefen Blick hinter die Kulissen von Politik und Wirtschaft, von Vetternwirtschaft und Korruption, versteckt hinter den weißen Westen so manch aalglatter Akteure. So manches sickert so oder so ähnlich durch, wir hören und lesen es im realen Leben immer mal wieder.

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Veröffentlicht am 08.08.2024

Nervenkitzel garantiert

Und tot bist du (Thriller)
1

Ihr Privathandy klingelt. „Hallo Tabsi…“ klingt eine verzerrte Stimme an ihr Ohr. Wer ist dieser unbekannte Anrufer? Wer kennt ihren Kosenamen? Denn niemand außer ihrer Mutter und ihrer Schwester nennt ...

Ihr Privathandy klingelt. „Hallo Tabsi…“ klingt eine verzerrte Stimme an ihr Ohr. Wer ist dieser unbekannte Anrufer? Wer kennt ihren Kosenamen? Denn niemand außer ihrer Mutter und ihrer Schwester nennt sie so. Ein Geschenk hätte er für sie, teilt er ihr noch mit. Es liegt auf den Bahngleisen, leider ist es ihm zerbrochen.

Frank Schürmann, Ermittler im Morddezernat, wird Tabea Kurz mitsamt seinem Team zur Seite gestellt. Er stellt sich ihr vor, ist ziemlich kurz angebunden, denn was soll er mit einer unerfahrenen Streifenpolizistin? Da dieser Unbekannte aber weiterhin nur mit ihr kommunizieren will, bleibt Frank nichts anderes übrig, als sie in die Ermittlung einzubinden.

Nun, sie fahren zu den Bahngleisen und finden das Opfer - nackt, komplett blau eingefärbt, zerschmettert – auf den Eisenbahnschienen. So wie es aussieht, wurde sie von der Brücke hinuntergeworfen. „Runde eins.“ Der Zettel an ihrem großen Zeh macht klar, dass dies erst der Anfang einer ganzen Serie sein wird.

Gunnar Schwarz hat es wieder getan. Er hat mich mit seinem neuesten Thriller dermaßen gefangen genommen, dass ein Weglegen des Buches schier unmöglich war. Und ich hoffe, dass es mit dem Ermittlerduo Schünemann & Kurz weitergeht, dass „Und tot bist du“ der Auftakt einer neuen Thriller-Serie sein wird.

Schon der Prolog „Du bist mein wunderschönes, blaues Kind… deine letzte Reise treten wir gemeinsam an, es wird kaum wehtun…“ lässt Schlimmes ahnen. Lange wird nicht sichtbar, wer denn dieser Serienkiller ist, wie und warum er diese Gräueltaten regelrecht inszeniert und wieso er ausgerechnet Tabea als seine Ansprechpartnerin wählt. Der raffiniert konstruierte Fall hat es in sich.

Frank tritt Tabea ziemlich distanziert gegenüber, aber noch mehr lässt der Rechtsmediziner Albert Krause sie spüren, dass sie nicht zu dem erfahrenen Team passt. Tabea hat mich aber gleich – im Gegensatz zu dem arrogant auftretenden Rechtsmediziner - mit ihrer Schlagfertigkeit für sich eingenommen. Dabei bleibt sie höflich, was man von Albert nicht immer sagen kann. Ihre Dialoge laden trotz des todernsten Hintergrundes zum Schmunzeln ein. Wären da noch die IT-Expertin Ella und noch so einige Charaktere, die trotz ihrer Unterschiedlichkeit ein gutes Team bilden. Auch wird der unterkühlte Ton zwischen Frank und Tabea wärmer, sie beschnuppern sich, sie vertrauen sich, sie arbeiten dann doch vertrauter zusammen.

Zusammenfassend möchte ich sagen, dass ich schlichtweg begeistert bin. Von der so spannenden wie dramatischen Story, vom einnehmenden Schreibstil und vom Ende, das sich schon ankündigt, das nochmal gute Nerven braucht. Schünemann & Kurz ermitteln hoffentlich bald wieder, ich wäre dabei.

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