Eine zauberhafte Gute-Nacht-Geschichte erwartet die kleinen und die großen Leser in dem Bilderbuch „Gute Nacht“ von Agi Ofner. „Sei so nett und bring mich ins Bett!“, wer könnte der freundlichen Bitte ...
Eine zauberhafte Gute-Nacht-Geschichte erwartet die kleinen und die großen Leser in dem Bilderbuch „Gute Nacht“ von Agi Ofner. „Sei so nett und bring mich ins Bett!“, wer könnte der freundlichen Bitte des kleinen Siebenschläfer widerstehen. Und er braucht in der Tat ein bisschen Hilfe, wie die lieben Kleinen auch, wenn sie sehr müde sind oder das ins Bett gehen noch ein wenig hinauszögern wollen. Aber wenn sie dem Siebenschläfer helfen, sich fürs Bett fertig zu machen, dass sollten ihnen von so viel guten Tagen doch ganz langsam die Augen schwer werden. Auch wenn das ob der wundervollen Bilder wirklich schade ist. So tolle, ruhig gedämpfte Farben, so liebevolle Illustrationen! Da ist man froh, wenn man am nächsten Abend dem kleinen Siebenschläfer wieder helfen darf, wenn er bittet: „Sei so nett und bring mich ins Bett!“. Ein Buch zum Immer-wieder-Lesen und -Anschauen für Groß und Klein!
Die Essex Dogs sind eine Truppe von Söldnern, die für den englischen König in den Krieg mit Frankreich ziehen. Im zweiten Band „Winterwölfe“ der Essex-Dogs-Trilogie kämpft der Rest der Truppe immer noch ...
Die Essex Dogs sind eine Truppe von Söldnern, die für den englischen König in den Krieg mit Frankreich ziehen. Im zweiten Band „Winterwölfe“ der Essex-Dogs-Trilogie kämpft der Rest der Truppe immer noch in diesem brutalen Krieg. Da man ihnen den Sold für die grausame Schlacht bei Crècy, der einigen von ihnen das Leben kostete, schuldig bliebt, bleibt ihnen nichts anderes, als weiterzukämpfen. In langer, zäher Belagerung der Stadt Calais werden die Essex Dogs auf eine harte Geduldsprobe gestellt. Immer wieder scheint sich das Schicksal gegen sie zu stellen. Ihre Kräfte und Nerven werden immer weiter aufgerieben durch die skrupellose Ausbeutung der Mannschaften von den Herrschenden, denen es um nichts anders geht als Macht und Geld.
Dan Jones zeichnet ein packendes Bild der Brutalität des Kampfes und des Lebens in den Zeiten des 100jährigen Kriegs zwischen Engländern und Franzosen, in dem es oft nur um das Retten der nackten Existenz geht. Nicht nur die Krieger müssen unendliche Strapazen und Entbehrungen erdulden. Auch die Zivilbevölkerung ist Opfer des Krieges: Brutalität, Grausamkeit, Entbehrung, Hunger, Not und Gewalt ist ihr tägliches Los. Profiteure sind letztlich nur die, die mit dem Krieg Geschäfte machen, wie die Piraten und die Kaufleute. Und den Königen und Rittern ist das Schicksal ihrer Völker gänzlich gleich, nicht wert, bedacht zu werden.
Der Autor ist nicht nur ein kundiger Historiker, sondern auch ein guter Erzähler, der diesen fernen Zeiten wieder Leben einzuhauchen versteht und auch Nicht-Kenner dieser Zeit mit seiner Geschichte in denn Bann zieht. Sehr gelungen!
In dem Roman „Pi mal Daumen“ von Alina Bronsky begegnen sich zwei, die sich im „normalen Leben“ so wohl nie über den Weg gelaufen werden. Denn sie scheinen grundverschieden.
In einer Mathematikvorlesung ...
In dem Roman „Pi mal Daumen“ von Alina Bronsky begegnen sich zwei, die sich im „normalen Leben“ so wohl nie über den Weg gelaufen werden. Denn sie scheinen grundverschieden.
In einer Mathematikvorlesung sitzt der 17jährige Oscar, ein Mathematikgenie mit autistischen Zügen. Oscar und, wie er die Welt sieht: Das Mathestudium ist viel zu einfach, die meisten Menschen sind dumm und gehören deshalb nicht in den Studiengang Mathematik, sondern sind besser in der Germanistik aufgehoben. Moni ordnet er noch nicht einmal als Studentin ein, als sie sich in der Mathematikvorlesung neben ihn setzt. Sie ist viel zu alt und ihr Outfit viel zu schrill. Und sie wird, so Oscars Meinung, niemals das Studium schaffen. Doch da er für die Lösung der obligatorischen Pflichtaufgaben einen Partner braucht und er sonst keine Menschen mag, geschweige denn Freunde hätte, schlägt er Moni vor, die Aufgaben zu erledigen und ihren Namen mit auf den Lösungsbogen zu schreiben. Moni nimmt den Vorschlag an, aber nicht, wie Oscar glaubt, dankbar darüber, dass jemand ihr hilft, sondern im Laufe der Zeit ist es viel mehr Moni, die Oscar unter ihre Fittiche nimmt und ihm in all den Dingen hilft, die man Alltag nennt und für die Oscar gänzlich ungeeignet scheint. Dass Moni dabei in Mathe gar nicht so schlecht ist, verwundert Oscar zwar immer noch, aber immer weniger. Und dass auch Moni Hilfe braucht, da sie eine Kümmerin ist, die sich immer schon gekümmert hat, nur nicht um sich selbst und um das, was sie im Leben möchte, merkt schließlich auch Oscar. Oder vielmehr endlich einmal jemand überhaupt.
In dem Roman haben sich zwei Figuren gefunden, die zeigen, wie wundervoll und ergänzend eine Freundschaft werden kann, wenn man alle Vorurteile beiseite schiebt und dem Auf-den-ersten-Blick eine zweite Chance gibt. Mit wunderbarem Humor schildert Alina Bronsky die skurile Sicht auf die Welt aus Augen Oscars und die liebevolle Beziehung, die zwischen dem ungleichen Paar entsteht. Oscar erfährt, dass so etwas wie menschliche Nähe etwas Schönes und Bereicherndes sein kann. Und Moni erfährt, dass sich jemand auch einmal über sie Gedanken macht, wenn diese manchmal auch etwas direkt und ungefiltert aus Oscar herauspoltern. Bei aller Situationskomik fehlen nicht die ernsten Töne und ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Mit der Zeit enthüllen sich Geheimnisse aus Monis Familie, die zeigen, wie sehr sie ihr Leben in den Schatten anderer stellt und wie sehr eine Lücke im Leben seine Spuren hinterlässt.
Oscar lernt, das Leben „Pi mal Daumen“ zu sehen und nicht alles in mathematische Kategorien von „wahr“ und „falsch“ einzuordnen. Er entwickelt Gefühle und menschliche Zuwendung. Und Moni erfährt, dass auch ihr Leben einen anderen Wert hat als den, immer für andere dazu sein.
Ein wunderbar heiter, aber auch berührendes Buch mit einer großen Liebe zu den eigenen Figuren!
Was ist nur aus diesem Land geworden, fragt sich BKA-Kommissarin Yasira Saad, die in einem Fall der Vergewaltigung der Schülerin Laura Palmer ermittelt, dessen Video zuvor viral gegangen ist. Die darin ...
Was ist nur aus diesem Land geworden, fragt sich BKA-Kommissarin Yasira Saad, die in einem Fall der Vergewaltigung der Schülerin Laura Palmer ermittelt, dessen Video zuvor viral gegangen ist. Die darin gezeigten Täter hatten eine dunkle Hautfarbe, was eine Hatz im Netz und in der Realität auf „Ausländer“ auslöste. Angeführt wurde diese von der „Heimatfront“, die mit Hilfe dieses Videos Front macht gegen Überfremdung und im Namen der Selbstverteidigung zur Selbstjustiz aufruft – wieder per Video viral. Doch je weiter Yasira in den Ermittlung vorstößt, desto mehr Fragen tun sich auf, bis hin zu der Frage, wie wirklich die Wirklichkeit denn nun wirklich ist. Und bald gerät Yasira, nicht nur, weil auch sie als „Ausländerin“ zählt, in die Schusslinie von Presse und der „Heimatfront“.
Die Gemüter kochen hoch in dem Roman „Views“ von Marc-Uwe Kling. Ein ungewohnt ernster Roman für einen Autor, der vor allem für seine Komik bekannt ist durch die Känguruh-Trilogie oder die Quality-Bände, die sich auch schon mit dem Thema „Internet“ und die Steuerung der Gesellschaft durch das „Netz“ auseinandersetzten. Allerdings eher auf eine lustige Art. Dass sich der Autor hier weitestgehend jeglichen flapsigen Seitenhieb unterlässt, ist dem Thema auch mehr als angemessen. Denn hier geht es um das ernste und mehr als aktuelle Thema, wie „Fake news“ die öffentliche Meinung manipuliert und zwar ohne Grenze. Ohne hier das Ende verraten zu wollen, eröffnen sich in Klings Roman bisher noch nicht ganz vorstellbare Möglichkeiten der Manipulation durch künstliche Intelligenz, die lediglich über unendliche Fähig- und Fertigkeit, nicht aber über ein Bewusstsein für Richtig oder Falsch verfügt.
Marc-Uwe Kling nutzt das Medium der Literatur, eine mögliche Welt zu erschaffen, in der er modellhaft durchspielen kann, was bereits in Ethikkommissionen auf abstraktem Level diskutiert wird. Ein schon vom Buchcover her intelligent gemachtes Kabinettstück über die Möglichkeiten des Machbaren und deren fehlende Grenzen. Und die Moral von der Geschicht ist, dass, egal, welche „Wahrheiten“ das virtuelle Netz erfindet, die Reaktion der Menschen darauf immer echt und real ist.
Am packendsten an dem Roman „Nur nachts ist es hell“ von Judith W. Taschler fand ich den Erzählstil der Autorin. Sie schildert das Leben der Elisabeth Burger, die gegen alle Widerstände der Zeit Medizin ...
Am packendsten an dem Roman „Nur nachts ist es hell“ von Judith W. Taschler fand ich den Erzählstil der Autorin. Sie schildert das Leben der Elisabeth Burger, die gegen alle Widerstände der Zeit Medizin studieren und als Ärztin arbeiten kann. Sie muss sich aber nicht nur mit den gesellschaftlichen und politischen der Zeit des beginnenden 20. Jahrhunderts auseinandersetzen, sondern auch mit den Geheimnissen ihrer Familie. So birgt fast jedes ihrer Mitglieder sein eigenes Geheimnis, das seinem Leben eine entscheidende Wendung gibt.
Erzählt wird aus Sicht Elisabeths selbst. Sie richtet sich dabei, wie man nach und nach erfährt, rückblickend an die Enkelin ihres Bruders Eugen.
Geschickt beginnt die Autorin mit einer Kurzversion des Lebens von Elisabeth, in der dem Leser blitzlichtartig einige Stationen ihres Lebens vor Augen aufflammen und mehr Fragen hinterlassen als Übersicht zu geben. Damit ist die Neugier geweckt, was sich hinter den Geschehnissen verbirgt, in der Ahnung, dass da noch mehr sein müsse als die Fakten eines Lebenslaufes.
Die Autorin wählt einen Erzählstil, dem ich sehr viel abgewinnen kann. Indem sie die Protagonistin selbst zu Wort kommen lässt, vermittelt sie dem Leser ihre Gedanken- und Gefühlswelt. Man sieht die Ereignisse der Zeit in den Augen der sympathischen und interessanten Frauenfigur vorüberziehen. Reizvoll daneben stehen die Lebensausschnitte der anderen Familienmitglieder wie der Mutter oder des Bruders Eugen, die über Briefe oder wiedergegebene Gespräche vermittelt werden, sodass trotz der Ich-Perspektive auch die Innensicht in andere Figuren dieser exzeptionellen Familienkonstellation möglich ist.
Dabei enthüllt sich dem Leser oft Ungeheuerliches, das dem Leben der Figuren eine bisweilen grausame Wendung des Lebens zuteil werden lässt. Dabei handelt es sich nur periphär um die zeitgeschichtlichen Gegebenheiten, die die Autorin geschickt, eher en passant in die Geschichte einfließen lässt, mit denen sie aber zugleich mit interessantem Detailswissen ein lebendiges Porträt der Zeit erschafft. Es sind vielmehr die persönlichen Geschicke und Entscheidungen, die auch der Romanhandlung immer wieder unvermutet Wendung geben.
Gerade dadurch, dass die Autorin sehr sparsam mit Gefühlsäußerungen und Wertungen ist, lässt sie dem Leser Raum für eigene Gedanken und dafür, den Gefühlen selbst nachzuspüren. So kann er – insbesondere mit der Hauptfigur – eine zarte Bindung aufbauen und fühlt sich durch die eingestreuten Anreden an die Enkelin des Bruders selbst als Adressat der Erzählung.
Wunderbar zu lesen, mit großer Sympathie für die Figuren und von daher berührend!