Vielversprechender Einstieg, leider wenig überzeugende Umsetzung in Gänze
Die Buchreisenden - Ein Weg aus Tinte und MagieIn einer mysteriösen, unscheinbaren Buchhandlung arbeitet ein junger Mann namens Adam als Erzähler. Doch er ist kein normaler Erzähler. Adam, wie auch seine ausnahmslos männlichen Kollegen bei Libronautic ...
In einer mysteriösen, unscheinbaren Buchhandlung arbeitet ein junger Mann namens Adam als Erzähler. Doch er ist kein normaler Erzähler. Adam, wie auch seine ausnahmslos männlichen Kollegen bei Libronautic Inc. verfügen über die besondere Gabe, Risse in den Raum zwischen Realität und Fiktion zu lesen, der es den betuchten Kund:innen der Buchhandlung ermöglicht, mitten in ihre liebsten Geschichten einzutauchen und so ein Teil davon zu werden. Doch die Idylle trügt und nach zwei merkwürdigen Vorkommnissen, die im Beisein von Adam geschahen, beginnt die vermeintlich heile Welt um Libronautic zu bröckeln. Es entspinnt sich ein Konstrukt um Lügen und Intrigen, von dem Adam offenbar nichts wusste, in welchem er jedoch eine zentrale Rolle spielt.
Die Idee zum Buch hat mich sofort neugierig gemacht, die Leseprobe über die ersten rund 40 Seiten hatte Sogwirkung. In eingängiger, ansprechender und lebhafter Sprache nimmt Akram El-Bahay seine Leser:innen mit auf eine temporeiche Reise durch wahre und fiktive Welten, durch große und teils auch eher unbekannte Werke der Literatur. Dabei weben die Hauptcharaktere sich ein in ein komplexes Geflecht aus Intrigen, Verbrechen und großen Gefühlen, die in den klassischen Geschichten – abseits des Haupthandlungsstranges – ihren Platz finden.
Leider verlieren mit Fortgang des Buches insbesondere die beiden Hauptcharaktere zunehmend an Profil, bis hin zu Verhaltensweisen oder Aussagen, die nicht sinnvoll mit der bisherigen Darstellung der Protagonisten in Einklang zu bringen sind. Auch die Storyline leidet unter zu viel Tempo und Spannung, die zu erzeugen versucht wurde; Charaktere reagieren in sehr emotionalen Situationen äußert knapp oder gar befremdlich, wenig authentisch.
ACHTUNG, ab hier Spoiler mit Blick auf das Ende des Buches!!! Es kommt zu einem dramatischen Kampf in einer der maßgeblichen Geschichten in der Geschichte, welcher für mich nach wie vor eindeutig den Haupthandlungsstrang berührt, diesen beeinflusst und so überhaupt nicht möglich sein sollte. In zwei Drittel des Romans wurde mehrfach und deutlich darauf hingewiesen, dass Eingriffe, die dem Haupthandlungsstrang oder den Hauptcharakteren zu nahe kommen oder den Haupthandlungsstrang gar verändern, die Erzählung zum Kollabieren bringen und die Besucher sehr wahrscheinlich den Tod finden. – Die Geschichte von „Die Buchreisenden“ ging nur dieser eigenen Regel ungeachtet ungerührt weiter. Mag sein, dass das Absicht war, weil besagte Geschichte irgendwie besonders ist und für diese andere Regeln gelten; der Autor selbst schrieb, dass der Zeitpunkt, zu dem der Kontakt stattfindet, außerhalb des Haupthandlungsstrangs liege. Das konnte mich aber nicht restlos überzeugen. Leider fügt sich diese Unstimmigkeit zudem mit noch weiteren in eine kleine Serie von Irritationen, die mich persönlich gestört haben.
Zum Ende: Für mich endet dieses Buch mitten in der Handlung, es werden in nur sehr geringem Umfang offene Fragen zum Abschluss gebracht. Dass der zweite Teil erst im Herbst erscheint und damit viele Leser:innen in der Luft hängen – auch solche, die gerne unbedingt erfahren möchten, wie sich die Geschichte auflöst – finde ich zudem sehr unglücklich.
Fazit: Die Idee klang toll, die Umsetzung startete vielsprechend, aber das Buch war für mich nicht imstande, zu halten, was es versprach, und ist daher eher enttäuschend. Nach den Irritationen und Ungereimtheiten im letzten Drittel sowie der (für mich) zu langen Wartezeit bis zur Veröffentlichung des zweiten und letzten Teils der Dilogie, werde ich die Geschichte sehr wahrscheinlich nicht zu Ende lesen, d. h. Band zwei gar nicht erst beginnen. Ein dicker Band, der die Teile eins und zwei bündelt, hätte mir womöglich mehr zugesagt.