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Veröffentlicht am 01.09.2024

Spurensuche

Vielleicht können wir glücklich sein
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Im letzten Band der Trilogie der „karierten Mädchen“ geht die Enkelin anhand der Briefe und aufgezeichneten Kassetten ihrer Großeltern auf die Spurensuche, nachdem ihre Großmutter verstorben ist. Und sie ...

Im letzten Band der Trilogie der „karierten Mädchen“ geht die Enkelin anhand der Briefe und aufgezeichneten Kassetten ihrer Großeltern auf die Spurensuche, nachdem ihre Großmutter verstorben ist. Und sie lernt, ihre Großmutter mit anderen Augen zu sehen.
Klara, einst Heimleiterin für eine Erziehungsheim für junge Mädchen, nun Mutter von vier Kindern, muss gegen Ende des 2. Weltkrieges sehen, wie sie sich und ihre Kinder durchbringt. Ihr Mann Täve ist an der Front und damit ein weiterer Grund zu permanenter Sorge. Die Bomber kommen näher. Lebensmittel sind dank des eigenen Gemüsegartens nicht gar so knapp. Aber mit drohender Niederlage und Untergang des 3. Reiches werden seine Anhänger zunehmend fanatischer und unberechenbarer. Und Klara schwankt zwischen der Sorge vor Deniunziation und zunehmendem Zweifel an dem, was sie getan hat. Sie hat sich als Leiterin des Erziehungsheimes in den Dienst der nationalsozialistischen Ideologie gestellt, sie hat das kleine jüdische Mädchen Tolla, das zehn Jahre in ihrer Obhut lebte, retten wollen. Doch war es niemals in England angekommen, wohin sie es hatte retten wollen, sondern wurde nach Theresienstadt deportiert. Klara fragt sich immer wieder, wie es ihm ergehen mag und ob es ein Chance zu überleben hat. Sie fühlt sich gefangen in der Verantwortung für ihre Kinder und zugleich in ihrer Schuld Tolla gegenüber.
Isabella, ihre Enkelin, selbst Mutter und oft genug schon überfordert mit der einen kleinen Tochter, spürt den Gefühlen ihrer Großmutter nach und stellt sich selbst die Frage nach Schuld und Verantwortung und nach dem Schicksal der kleinen Tolla.
Ich hatte ziemliche Mühe, mich in den dritten Band einzulesen. Weil ich die ersten beiden Bände mit großer Begeisterung gelesen habe, war ich von den dritten doch ein wenig enttäuscht. Obwohl es mit dem Ende des 2. Weltkriegs in eine spannende historische Phase geht, fand ich gerade den Einstieg sehr langatmig. Später habe ich mich etwas eingelesen. Aber ich fand die immer wiederkehrenden Gedanken Klaras und auch die Wiederholung aus den ersten beiden Teilen störend dabei, sich von der Geschichte packen zu lassen. Besonders im ersten Band hat mich die Figur der Klara sehr beeindruckend. Sie fehlt mir zum einen hier als aktiv handelnde Person. Zum anderen finde ich sie aus den Erinnerungen heraus bisweilen eher etwas unsympathisch dargestellt. In diesem Band liegt wohl die Betonung darauf, ihre Strenge Seite hervorzukehren, die für ihre Kinder und Enkelkinder später lange wenig nachvollziehbar war, bis die Kassettenaufzeichnungen über ihre Vergangenheit für Verständnis sorgt.
Ich finde das Projekt nach wie vor eine spannende Idee, und Klaras Geschichte, die ja auch die Geschichte der Großmutter der Autorin ist, unbedingt erzählenswert. Aber vielleicht ist die Geschichte mit den drei Bänden zu lang geraten. Der letzte ist für mich auf jeden Fall der schwächste in der Reihe.

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Veröffentlicht am 25.08.2024

WG von Einzelgängern

Das Licht in den Birken
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Thea kehrt nach langer Zeit als Ziegenhirtin nach Deutschland zurück. Sie findet Unterschlupf auf einem Lebenshof für Tiere, den Eigenbrötler Benno betreibt. Auf den stolpert auch Juli auf ihren Wandertrip ...

Thea kehrt nach langer Zeit als Ziegenhirtin nach Deutschland zurück. Sie findet Unterschlupf auf einem Lebenshof für Tiere, den Eigenbrötler Benno betreibt. Auf den stolpert auch Juli auf ihren Wandertrip durch die Lüneburger Heide. Alle drei sind vom Leben gebeutelt und von den Menschen enttäuscht. Da ist ihre zunächst unfreiwillige WG schon eine Herausforderung und nicht konfliktfrei. Aber die Rettung des Lebenshofes für Tiere, der vor dem finanziellen Ruin steht, eint die drei, für die Tiere sowieso die besseren Menschen sind.
Ich muss gestehen, dass mir keine der Figuren wirklich sympathisch geworden ist. Sie sind ruppig, unfreundlich, harsch und besserwisserisch. Das kann auch nicht entschuldigen, dass das Leben ihnen übel mitzuspielen scheint. Von der Frau verlassen, vom Freund betrogen, von der Mutter nicht beachtet. Schuld sind immer die anderen, so klingt es. Dazwischen packt die Autorin ein paar Weisheiten über das, was wichtig ist im Leben. Versüßt wird das ganze mit vielen detaillierten Beschreibungen von Mahlzeiten, die zubereitet werden. Essen hält eben doch immer Leib und Seele zusammen.
Insgesamt kann man den Roman „Das Licht in den Birken“ von Romy Fölk lesen, wenn man auf schwierige Familienkonstellationen steht und auf der Suche nach alternativen Lebensformen ist, man muss dabei aber gewisse Längen in Kauf nehmen.

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Veröffentlicht am 18.08.2024

Merkwürdiges Ende

Die Gräfin
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Die erst Hälfte des Romans „Die Gräfin“ von Irma Nelles habe ich mit großer Begeisterung gelesen. Die Gräfin lebt mit ihrem Knecht und ihrer Haushälterin auf einer Hallig. Dort bietet sie nicht nur ausgemusterten ...

Die erst Hälfte des Romans „Die Gräfin“ von Irma Nelles habe ich mit großer Begeisterung gelesen. Die Gräfin lebt mit ihrem Knecht und ihrer Haushälterin auf einer Hallig. Dort bietet sie nicht nur ausgemusterten Pferden Obdach, sondern verhilft auch denen, die sich vor den Nazis verbergen müssen, zur Flucht. Es ist das Jahr 1944, als ein englischer Pilot auf der Hallig abstürzt und mit seiner Anwesenheit die Halligbewohner in Gefahr zu bringen droht. Er löst in allen dreien unterschiedliche Gefühle aus.
Die Naturgewalten und das einfache Leben auf der Hallig werden sehr eindringlich und anschaulich beschrieben. Zunächst erscheint die Gräfin als eigenwillige, aber durchaus bewundernswerte Person, die allem Komfort eines adeligen Lebens zugunsten einer einfachen, naturnahen Existenz aufgegeben hat. Ihre beiden Mitbewohner sind schon fast mehr Freunde als Angestellte. Und auch mit einigen Festlandbewohnern gibt es engen Kontakt, zumeist aus der gemeinsamem Ablehnung der Nazis heraus.
Mit dem Auftauchen des Fliegers entsteht eine für mich nicht ganz nachvollziehbare Dynamik. Die Gräfin wird zusehends exzentrischer und ihr Verhalten skurriler. Auch der Pilot ist in seinem Verhalten wenig verstehbar: statt dankbar für seine Rettung zu sein, fühlt er sich von den Vergangenheitsgeschichten der Gräfin zunehmend genervt, auch wenn verständlich ist, dass er die lebensrettende Insel so schnell wie möglich verlassen will.
Das Ende lässt dann wirklich alle Fragen offen. Sie verweist auf eine Beziehungsebene zwischen Gräfin und Piloten, die zuvor auch schon einmal kurz angedeutet wurde, als die Gräfin bedauert, dass sie schon zu alt sei und die Liebe im Alter schwinde und schal werde. Irgendwie aber passt ein möglicher amouröser Zug sogar nicht in die Beziehung der beiden, zumal der Pilot sich mehr für die gleichaltrige Meta zu interessieren scheint.
Warum dann noch eine weitere Person auf die Insel kommt und wie es mit allen weitergeht, bleibt völlig unklar. Ein wenig wird sogar angedeutet, dass der Pilot auf der Insel etwas gefunden haben könnte, von dem er noch nicht einmal wusste, dass er es suchte.
Das Ende lässt etwas ratlos und ziemlich unbefriedigt zurück. Schade.

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Veröffentlicht am 15.07.2024

Auf der Fluchtroute der Großmutter

Die Glücksfrauen - Die Kraft der Bücher
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Im zweiten Teil der Reihe „Glücksfrauen“ trifft June auf die Enkelin von Maria, einer der Freundinnen, denen ihre Großmutter das Startkapital für ein Café in New York verdankt. Dies sollte die Zuflucht ...

Im zweiten Teil der Reihe „Glücksfrauen“ trifft June auf die Enkelin von Maria, einer der Freundinnen, denen ihre Großmutter das Startkapital für ein Café in New York verdankt. Dies sollte die Zuflucht für die drei Freundinnen aus dem nationalsozialistischen Deutschland sein. Doch riss die Geschichte die drei auseinander. Jetzt ist es an den Enkelinnen, den Spuren ihrer Großmütter zu folgen, um vereint das Erbe antreten zu können.
Von New York aus geht es also zunächst einmal nach Brasilien, wo Sarah die Buchhandlung ihrer Großmutter Maria mehr recht als schlecht betreibt. Die reisefreudige Sarah ist sofort begeistert, als June den Vorschlag macht, der Fluchtroute von Maria und ihrer Familie zu folgen, die sich mit letzter Mühe und Not aus Deutschland retten konnte und den beschwerlichen Weg über Frankreich und Spanien auf sich nehmen musste, um sich mit einem der letzten Schiffe nach Brasilien retten zu können. Die beiden Enkelinnen hoffen, auf ihrer Reise etwas über die dritte im Bunde der Freundinnen zu erfahren.
Die Idee und die Umstände der Geschichte sind spannend und durch die Verknüpfung sowohl der drei Schicksale als auch der zwei Zeitebenen sehr vielschichtig und interessant. Hier liegt großes Potential zu einer spannenden Saga, das meiner Meinung nach aber eher schwach umgesetzt wird. Die Figuren wirken etwas einfach gestrickt, die Erzählweise ist bisweilen recht hölzern und holprig. Viele Ungereimtheiten und allzu abrupten Wendungen lassen keinen wirklichen Spannungsbogen entstehen. Von irgendwo kommt unvermittelt immer Hilfe. Vieles, was Möglichkeit zu Spannung und Dramatik böte, bleibt ungenutzt, löst sich quasi in Nichts auf. Ein Sturz in den Pyrenäen endet zwei Sätze weiter mit ein paar Kratzern. Einem Bekenntnis Marias, ihren Mann unermesslich zu lieben, läuft zwei Seiten später ein attraktiver Fluchthelfer über den Weg. Das wirkt leider wenig authentisch und eher aufgesetzt. Und zwischendurch gibt es ein paar moralische Lehren mit erhobenem Zeigefinger: Wir lesen zu wenig, wir sind zu viel auf Social Media unterwegs, wir leben zu sehr in Hektik und Ablenkung und Stress und sollten das Leben mehr genießen.
Auch bleibt die Story in der Gegenwart recht farblos. June kommt höchstens als kleinkariertes, verwöhntes Gegenstück zur lebenslustigen, aber ziemlich unbedarften Sarah vor. Ein bisschen Kummer um die Buchhandlung, ein bisschen Liebesreigen führen zu wenig Tiefgang in der Story. Da wäre definitiv mehr möglich gewesen.
Was der Autorin auf jeden Fall gut gelingt, ist, Spannung auf den dritten Teil aufzubauen, denn das Schicksal der dritten Freundin wird zwar angedeutet, aber die Aufgabe der Enkelinnen ist noch nicht gelöst.

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Veröffentlicht am 27.05.2024

Nicht so witzig

Fucking Famous
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Ich hatte das Buch „Fucking Famous“ gelesen in der Erwartung, dass es eine witzige, bissige Abrechnung mit dem Social-Media-Influencer-Gedöns würde. Ich fand es dann aber weniger witzig, als vielmehr die ...

Ich hatte das Buch „Fucking Famous“ gelesen in der Erwartung, dass es eine witzige, bissige Abrechnung mit dem Social-Media-Influencer-Gedöns würde. Ich fand es dann aber weniger witzig, als vielmehr die alte Leier: Vom Leben frustrierte, alternde Single-Frau mit wechselnden Hip-Berufen, Freundinnenclique, aber ohne Alltag und geregeltem Leben, was man ja nicht unbedingt haben muss, ist frustriert, gelangweilt und ohne tieferen Sinn im Leben. Das kann ja nicht alles gewesen sein. Da muss noch was kommen. Zum Glück hat sie eine reiche Hacker-Freundin mit viel Personal und guten Connections, die sie mit Make-Up, coolen Klamotten und Fake-News bzw. Videos geschickt in den Sozialen Medien in Szene setzt. Und der Plan geht auf: Lotte Hohenfeld, nicht adelig und ohne „von“, wird berühmt. Verbürgte früher einmal Berühmtheit so etwas wie Unsterblichkeit, so ist die Lebensdauer des Ruhms auf social media ungefähr so lang oder vielmehr so kurz wie die einer Eintagsfliege.
Die Mechanismen der Scheinwelt der Influencer, wie ihre Berühmtheit funktioniert, wie man in den Focus der Aufmerksamkeit gerät, nicht aufgrund besonderer Fähigkeiten oder Talente sondern vielmehr aufgrund der Abwesenheit von Scham und Schmerzgrenzen, wie man den Mainstream bedient, auch unter völliger Aufgabe seiner selbst, stellt die Autorin überzeugend und mit gewisser Expertise da.
Aber der Witz fehlt. Und so wird es doch wieder die Geschichte einer „alten, weißen Frau“, die den Sinn im Leben verpasst zu haben scheint und in Selbstmitleid und Verzweiflung nicht versinkt, sondern zur Tat oder eher zur Schlagzeile greift. Man kann es lesen, muss man aber nicht. Die Welt der Influencer wird sich weiter im Schnellkreisel drehen. Wer mitfahren will, viel Spaß.

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