Eine Fortsetzung? Eine Hommage? Eine Kopie?
Zauberberg 2Pünktlich zum 100. Geburtstag von Thomas Manns „Der Zauberberg“ präsentiert Heinz Strunk seinen Roman „Zauberberg 2“ – eine augenscheinliche Hommage, die gleichzeitig an eine Imitation oder gar an eine ...
Pünktlich zum 100. Geburtstag von Thomas Manns „Der Zauberberg“ präsentiert Heinz Strunk seinen Roman „Zauberberg 2“ – eine augenscheinliche Hommage, die gleichzeitig an eine Imitation oder gar an eine literarische Plünderung denken lässt. Mit diesem Werk wagt sich Strunk an eines der bedeutendsten und literarisch anspruchsvollsten Bücher des 20. Jahrhunderts.
In „Zauberberg 2“ überträgt Strunk das zentrale Thema von Manns Klassiker – die Suche nach Sinn und Identität – in die Gegenwart. Im Mittelpunkt steht Jonas Heidbrink, ein Prototyp des modernen Erfolgsmenschen, dessen glänzende Karriere hinter ihm liegt. Er begibt sich freiwillig in ein schlossartiges Sanatorium in Mecklenburg-Vorpommern, um sich seiner Depression und existenziellen Leere zu stellen. Schon bald verschmilzt er mit der Welt anderer Patienten, die allesamt auf ihre Weise vom Weltschmerz zermürbt sind.
Die Monotonie des Kliniklebens und die Begegnungen mit psychisch labilen Figuren bilden das Zentrum der Erzählung. Strunk schildert die Charaktere mit einer ironischen Überzeichnung, die manchmal an Karikaturen erinnert. Die Patienten wirken grotesk, als verzerrte Spiegelbilder moderner Gesellschaftstypen, und ihre Gespräche schwanken zwischen tiefgründiger Selbstdarstellung und heiterem Unsinn. Fast jedes ernste Wort wird durch satirischen Witz entwertet.
Heidbrinks Zustand spiegelt das Sanatorium selbst wider. Die Klinik, einst ein Ort der Hoffnung und Genesung, verkommt zusehends – ein Sinnbild für Heidbrinks inneren Zerfall. Strunk zeigt dies meisterhaft, indem er die Organisation der Klinik allmählich ins Chaos gleiten lässt: Patienten kommen und gehen, Beziehungen verflachen, und der Protagonist verliert mehr und mehr den Kontakt zur Außenwelt.
Parallel dazu vertieft sich Heidbrinks Isolation. Ohne Ziel und ohne Menschen, die ihn vermissen, versinkt er in einer existenziellen Leere. Das Sanatorium wird zu seiner neuen Realität, und die Außenwelt wird bedeutungslos. Diese Entwicklung ist nicht neu; sie erinnert stark an Hans Castorps schleichende Entfremdung im Original. Doch während Thomas Manns Figur eine gewisse innere Reise durchlebt, bleibt Heidbrink weitgehend passiv. Seine depressive Perspektive verstärkt die düstere Atmosphäre, ohne jedoch eine wirklich neue Dimension hinzuzufügen.
Einen wesentlichen Unterschied macht Strunks satirischer Erzählton. Während Manns „Zauberberg“ von intellektueller Ernsthaftigkeit geprägt ist, brilliert Strunk mit zynischem Humor. Die Dialoge und Monologe seiner Figuren, allen voran des Patienten Zeissner, sind oft bewusst überzeichnet. Zeissner, der sich als philosophischer Lebensberater inszeniert, wird zur Parodie moderner Weltweisheiten. Seine Phrasen, die zeitgenössische Bücher und Selbsthilferatgeber widerspiegeln, werden von Heidbrink konsequent entlarvt.
Diese ironische Brechung zeigt, wie Strunk das Thema Depression und Sinnsuche in die heutige Zeit transportiert. Während diese Themen heute allgegenwärtig sind, erscheinen manche Aussagen schon abgedroschen – ein Effekt, den Strunk geschickt einsetzt. Er entlarvt die Oberflächlichkeit moderner Selbstoptimierungsparolen und zeigt, dass diese für Heidbrink ebenso wenig Erleichterung bieten wie die traditionellen Antworten aus Manns Zeit.
Strunk bleibt in vielen Aspekten erstaunlich nah an der Vorlage. Der Aufbau des Romans, bei dem die ersten Tage im Sanatorium detailliert in Echtzeit geschildert werden, ehe die Zeit plötzlich gerafft wird, ist ein methodischer Kniff, den er aus „Der Zauberberg“ übernimmt. Auch das Gefühl der Vertrautheit, das zu Beginn zwischen den Figuren entsteht, und später der zunehmende Verlust von Nähe und Identität, sind bekannte Elemente aus Manns Werk.
Doch während Thomas Mann eine unterschwellige Misanthropie durchscheinen lässt, ist Strunks Bild vom Menschen explizit zynisch. Die Charaktere sind weder tiefgründig noch wirklich liebenswert, sondern bewusst übertrieben und oft lächerlich. Diese überzeichnete Darstellung lässt keinen Zweifel daran, dass „Zauberberg 2“ als Satire gelesen werden muss – ein Kontrast zum intellektuellen Ernst von Manns Text.
Die Frage, ob „Zauberberg 2“ einen Mehrwert gegenüber Manns Original bietet, ist schwer zu beantworten. Strunk hat die Geschichte unbestreitbar in die Gegenwart geholt: Die Figuren sind Vertreter moderner Gesellschaftsschichten, und Themen wie Depression und Isolation erscheinen relevanter denn je. Trotzdem bleibt vieles, was Strunk erzählt, bereits aus „Der Zauberberg“ bekannt. Man könnte argumentieren, dass Strunk keinen neuen Zugang zur Thematik findet, sondern vielmehr eine moderne Version des Klassikers schafft. Dieser Ansatz mag für Leser, die sich vor Manns anspruchsvollem Stil scheuen, attraktiv sein. Doch wer das Original kennt, wird sich fragen, ob eine Neuinterpretation wirklich notwendig war – insbesondere, da „Der Zauberberg“ zeitlos bleibt.
„Zauberberg 2“ löst gemischte Gefühle aus. Einerseits gelingt es Heinz Strunk, mit seinem humorvollen Stil einen zugänglichen und unterhaltsamen Roman zu schaffen, der die Grundideen von Manns Klassiker respektiert. Andererseits bleibt der Eindruck, dass dieses monumentale Werk keine moderne Adaption benötigt.
Strunk bietet eine neue Perspektive, die durch Satire und Ironie besticht, aber die Tiefe und Komplexität von Manns Text nicht erreicht. Sein Roman ist lesenswert, vor allem für jene, die sich von Manns Werk überfordert fühlen. Doch als Ersatz für das Original kann „Zauberberg 2“ nicht dienen. Vielmehr bleibt es ein amüsanter, manchmal nachdenklicher, aber letztlich sekundärer Kommentar zu einem der größten Romane des 20. Jahrhunderts.