Literarisches Meisterstück
Seltsame Sally DiamondSally Diamond verbrennt ihren toten Adoptivvater Tom Diamond in der Tonne zur Entsorgung des Mülls, schließlich hat er sie selbst darum gebeten, bevor er an einer Krankheit starb. Nie hätte Sally sich ...
Sally Diamond verbrennt ihren toten Adoptivvater Tom Diamond in der Tonne zur Entsorgung des Mülls, schließlich hat er sie selbst darum gebeten, bevor er an einer Krankheit starb. Nie hätte Sally sich träumen lassen, welche Konsequenzen diese Tat für sie haben würde, da sie jahrzehntelang zusammen mit Tom zurückgezogen gelebt hat, nachdem ihre Adoptivmutter verstorben ist. Sie fängt allmählich an, unter Menschen zu gehen, Freundschaften zu knüpfen und Vertrauen zu fassen, was ihr schwer fällt. Warum das so ist, hat sie nie hinterfragt, aber die Vergangenheit steht bereits vor der Tür und Sally wird lernen müssen, damit umzugehen.
„Ich begann, meine Gefühle und meine Eigenschaften zu erforschen. Ich stellte fest, dass ich wütend, nachtragend, verletzt und ängstlich war, aber auch dankbar, warmherzig, freundlich, rücksichtsvoll und einsam. Tina sagte, mangelndes Vertrauen sei mein größtes Problem, aber angesichts meiner Vergangenheit sei das vollkommen verständlich. Das gefiel mir. Ich war verständlich.“ (Seite 137)
Nach „Kleine Grausamkeiten“ sowie „Auf der Lauer liegen“ ist dies das dritte Buch der Autorin, das ich lesen durfte, und obwohl ich dachte, dass das zuerst genannte Buch nicht übertroffen werden könnte, wurde ich eines Besseren gelehrt. Man sollte sich von dem harmlosen Titel und dem fast schon unschuldigen Titelbild nicht täuschen lassen, denn auch wenn es fast insgesamt unblutig blieb, war die Geschichte reich an Gewalt und Perversität. Was Sally über ihre Kindheit erfuhr, zeigte mir die Richtung, in die es geht; Liz Nugent wäre aber nicht Liz Nugent, wenn sie nicht noch weitere Überraschungen in petto gehabt hätte.
Der erste Teil erklärte vergangene Ereignisse, im zweiten tauchte plötzlich ein weiterer Ich-Erzähler auf, der weit in die Vergangenheit zurück ging und Ungeheuerliches zu berichten hatte. Dies aber so raffiniert, dass ich eine lange Zeit nicht sicher war, was ich davon halten soll. War es gelogen oder steckte ein Fünkchen Wahrheit drin? Lange war mir dies überhaupt nicht klar. Die folgenden Enthüllungen entsetzten mich, wie grausam und perfide dies alles war! Als sich eine Kehrtwende abzeichnete, riss die Autorin das Ruder erneut herum und ich konnte nicht fassen, was dann geschah. Der dritte Teil, der Höhepunkt des Dramas in drei Akten, hat mir einiges abverlangt, denn natürlich stellte ich mir vor, wie es zu Ende gehen könnte. Letztendlich wurde ich auch da überrascht, denn nicht alles ist, wie es scheint und nichts bleibt, wie es immer war. Highlight!