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Veröffentlicht am 20.08.2024

Gelungene Familiengeschichte aus Anfang der 1970er Jahre

Wenn die Welt nach Sommer riecht
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In diesem Roman begegnet uns ein drittes Mal der Protagonist Siegfried mit seiner Familie aus den früheren Romanen des Autors „Die Welt war eine Murmel“ und „Die Welt war voller Fragen“. Er schließt nahtlos ...

In diesem Roman begegnet uns ein drittes Mal der Protagonist Siegfried mit seiner Familie aus den früheren Romanen des Autors „Die Welt war eine Murmel“ und „Die Welt war voller Fragen“. Er schließt nahtlos an diese an. Doch lassen sich alle drei Bücher auch völlig unabhängig voneinander lesen, ohne dass man zuvor einen früheren Band gelesen haben muss.
Der Erzähler Sigi findet in der Gegenwart in seinem früheren Elternhaus sein erstes Fotoalbum. Dieses ist für ihn Anlass, aus seiner Kindheit aus dem Zeitraum Sommer bis Winter 1970/1971 zu erzählen, als er 13 Jahre alt war. Dabei geht es vor allem um seine Schulzeit im vierten Jahr auf dem Gymnasium und sein Alltagsleben zu Hause. Gerade in mir, die ich auch ein Kind der 1960er Jahre bin, wurden viele schöne Erinnerungen geweckt. Denn auch ich habe mich über den ersten Farb-Fernseher gefreut, las die Karl May-Romane und habe Musik auf Kassetten aufgenommen. Von den damaligen gesellschaftlichen Einstellungen der Menschen wird ein realistisches Bild gezeichnet, wenn es etwa um die Frage geht, ob die Mutter Nur-Hausfrau zu sein hat oder auch einer Berufstätigkeit nachgehen darf. Viel Raum wird auch der Frage gewidmet, wie mit den „alten Nazis“ umzugehen ist, die wichtige Positionen in Sigis Schule innehaben. In diesem Zusammenhang wird auf die Schülerproteste eingegangen, die den Schülern zu mehr Rechten verhelfen sollen. Sigi lässt beim Erzählen so manche Anekdote einfließen, wodurch alles recht humorvoll erscheint und er als rundum sympathischer Erzähler rüberkommt, gerade auch, weil er oft redet, ohne zuvor darüber nachzudenken. Indem er in seinen Gedanken in der Gegenwart auch immer kurz die heutigen Zustände schildert, wird ein schöner Vergleich zwischen damals und heute angestellt. Als erfrischend und authentisch empfinde ich, dass die eine oder andere typisch österreichische Vokabel in den Text einfließt.
Ein Buch, dem ich eine volle Leseempfehlung gebe, auf noch eine Fortsetzung hoffend.

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Veröffentlicht am 17.08.2024

Klasse Roman mit einer neurotischen, sympathischen Hauptfigur

Sobald wir angekommen sind
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Es handelt sich um einen sarkastisch geschriebenen Roman mit einem tragikomischen Protagonisten. Dieser ist dermaßen von Ängsten getrieben, die er auf seine jüdische Herkunft zurückführt, dass er angesichts ...

Es handelt sich um einen sarkastisch geschriebenen Roman mit einem tragikomischen Protagonisten. Dieser ist dermaßen von Ängsten getrieben, die er auf seine jüdische Herkunft zurückführt, dass er angesichts eines vermeintlich bevorstehenden Atomkriegs in Europa die aberwitzige Flucht aus der Schweiz ins sichere Brasilien antritt, zusammen mit seiner Ex-Frau und den gemeinsamen Kindern und ganz in der Tradition des jüdischen Volkes, das sich vor drohenden Gefahren stets durch Flucht gerettet hat. Der Aufenthalt in Recife gestaltet sich zugleich als Exil, Arbeitsaufenthalt und Wandeln auf den Spuren seines Autorenkollegen Stefan Zweig. Aus der Sicht der Hauptfigur Ben erzählt, erfahren wir als Leser immer mehr über seine Neurosen, Paranoia, fehlende Entscheidungsfreude, seinem Bedürfnis nach Anerkennung, seine selbst auferlegte Opferrolle, sein ewiges Selbstmitleid. Alles mutet oft komisch an. Lehrreich sind die Passagen über das Judentum und Stefan Zweig.
Das Lesen dieses Romans hat mir viel Freude bereitet.

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Veröffentlicht am 16.07.2024

Eine liebevoll erzählte Geschichte über einen Demenzkranken

Der Bademeister ohne Himmel
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Die Autorin hat ihrem Roman ihre eigene langjährige Erfahrung aus der Pflege demenzkranker Menschen zugrunde legen können, so dass eine realistische Geschichte entstanden ist, die zugleich tragisch als ...

Die Autorin hat ihrem Roman ihre eigene langjährige Erfahrung aus der Pflege demenzkranker Menschen zugrunde legen können, so dass eine realistische Geschichte entstanden ist, die zugleich tragisch als auch humorvoll ist. Sie lässt sie die fiktive polnische Pflegerin Ewa und die 15jährige Linda aus der Nachbarschaft des demenzkranken 87jährigen Hubert vorbildhaft mit diesem umgehen. Sehr liebevoll erzählt sie von dem zunehmenden geistigen und dann auch körperlichen Verfall Huberts. Für ihn ist es ein Glück, dass seine Tochter, die mit der Situation überfordert erscheint, Ewa engagiert und dann auch Linda gegen ein Taschengeld stundenweise einspringen lässt. Wir können über einige Monate hinweg den Alltag des alten Mannes verfolgen, der einen mit seinen Reaktionen oftmals zum laut Auflachen animieren könnte, wenn nicht seine Lage so tragisch wäre. Ewa und Linda wachsen einem sofort ans Herz – Ewa mit ihrem radebrechenden Deutsch und Linda, die denkt und redet, wie ihr der Schnabel gewachsen ist, und so schöne Ideen im Umgang mit Hubert realisiert, dabei intuitiv alles richtig macht. Leider fragt ihre Umgebung kaum danach, wie es ihr eigentlich geht. Denn zu Anfang trägt sie sich mit realen Suizidgedanken, die erst durch die zur Freundschaft werdende Beziehung mit Hubert und einen unerwarteten Zwischenfall schwinden.
Das Buch ist erfrischend zu lesen und keiner muss befürchten, durch das Thema Demenz hinabgezogen zu werden. Meine Bestbewertung hat es.

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Veröffentlicht am 05.06.2024

Ein Stück Familiengeschichte der Autorin

Seinetwegen
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Bereits in ihrem früheren Roman „Die Marschallin“ hat sich die Autorin mit ihrer eigenen Familiengeschichte beschäftigt. Konkret ging es darin um ihre Großmutter väterlicherseits. Nunmehr verfolgt Zora ...

Bereits in ihrem früheren Roman „Die Marschallin“ hat sich die Autorin mit ihrer eigenen Familiengeschichte beschäftigt. Konkret ging es darin um ihre Großmutter väterlicherseits. Nunmehr verfolgt Zora del Bueno im Alter von sechzig Jahren die Spuren ihres Vaters, des Sohnes ebendieser Großmutter. Ihn hat sie nie gekannt, weil er dreiunddreißigjährig, als sie selbst noch im Babyalter war, bei einem von einem Dritten verursachten Verkehrsunfall ums Leben kam. Vor allem interessieren sie aber der Täter und die Frage, wie er zeit seines Lebens mit der auf sich geladenen Schuld leben konnte. Bei ihren Recherchen zu ihm ändert sie erstaunlicherweise ihre Einstellung zu dem Unfallverursacher und erlangt zugleich nie gehabte Informationen zu ihren Eltern. Tragisch ist, dass ihre noch lebende Mutter ihr keine Hilfe ist, weil diese schwer dement ist. Den Rahmen füllt sie mit Faktenwissen, Gesprächsaufzeichnungen mit Freunden, Lexikonwissen, Statistiken u.ä. aus. Obwohl das Thema sehr berührend für sie selbst ist, schreibt sie in einem nüchternen, knappen Stil, der sich gut lesen lässt. Herausgekommen ist ein wunderbarer Roman, der Leser von Familiengeschichten ans Herz zu legen ist.

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Veröffentlicht am 02.06.2024

Schöne Fortsetzung

Windstärke 17
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Dies ist die ebenso gelungene Fortsetzung des Debütromans „22 Bahnen“ der Autorin. In Aufbau und Sprachstil sind beide Romane ähnlich. Sie lassen sich durchaus unabhängig voneinander lesen. Jetzt gibt ...

Dies ist die ebenso gelungene Fortsetzung des Debütromans „22 Bahnen“ der Autorin. In Aufbau und Sprachstil sind beide Romane ähnlich. Sie lassen sich durchaus unabhängig voneinander lesen. Jetzt gibt sie der jüngeren der beiden Schwestern Tilda und Ida das Wort, den beiden Töchtern einer alkoholkranken und an Depressionen leidenden Mutter, die kürzlich an einer Überdosis verstorben ist. Ida, inzwischen in ihren 20ern, macht sich enorme Schuldvorwürfe hinsichtlich des Todes ihrer Mutter und droht daran selbst zu zerbrechen. Kurz entschlossen lässt sie ihr altes Leben hinter sich und fährt möglichst weit weg, nach Rügen. Dort scheint sie sich zu fangen, nachdem sie herzlich von einem älteren Ehepaar aufgenommen wird und den – ebenfalls aufgrund seiner Vergangenheit verletzlichen - Leif kennenlernt. Dann allerdings droht sie aufgrund eines Ereignisses in ihrer neuen Familie wieder zurückzufallen in Wut und Schuldgefühle…
Trotz des problematischen und traumatischen Hintergrunds in Idas Leben ist es sehr erfrischend, über sie zu lesen. All ihre Wut und Schuld kommt sprachlich treffend zum Ausdruck. Darüber, ob Idas Schuldvorwürfe zutreffen, sollte jeder selbst werten. Es ist schön zu erfahren, dass Ida und ihre Mutter auch einige schöne Momente miteinander hatten. Ida reift und erholt sich sichtlich in den wenigen Wochen, die sie auf Rügen ist. Ganz besonders ist die sich allmählich entwickelnde Beziehung zwischen ihr und Leif. Formell finden sich ebenfalls einige Besonderheiten. So sind die vielen Dialoge nicht durch wörtliche Reden kenntlich gemacht, sondern schlicht durch Voranstellung des Namens des Sprechenden und einen Doppelpunkt.
Sehr zu empfehlen.

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