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Veröffentlicht am 02.09.2024

sehr reflektierte Autofiktion, interessanter Stil

Das Ende von Eddy
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10 Jahre nach Erscheinen legt der Fischer Verlag „Das Ende von Eddy“ von Édouard Louis neu auf, das damals in Frankreich für einen Skandal sorgte und den Autor gleichzeitig zum Shootingstar der französischen ...

10 Jahre nach Erscheinen legt der Fischer Verlag „Das Ende von Eddy“ von Édouard Louis neu auf, das damals in Frankreich für einen Skandal sorgte und den Autor gleichzeitig zum Shootingstar der französischen Literatur und der linken französischen Intellektuellen machte.

In diesem autobiografischen Roman beschreibt der Autor das Aufwachsen als homosexueller Junge in der Arbeiterklasse in einem kleinen nordfranzösischen Dorf. Er selbst bezeichnet seine soziale Herkunftsschicht in Interviews immer wieder als „Lumpenproletariat“.

Schonungslos offen und gleichzeitig mit einer reflektierten Distanz schildert Louis die offenen Anfeindungen innerhalb der Familie, der Dorfgemeinschaft und unter Mitschülern, die Drangsalierungen und Gewalt, denen er als Homosexueller ausgesetzt war. Hierbei geht es ihm jedoch nicht um eine Abrechnung, sondern vielmehr darum, ein Bewusstsein für diese prekären Milieus des Proletariats zu erzeugen und ihnen eine Stimme zu geben. Das soziale Gefüge, die vorherrschenden Rollenbilder und die Vorstellungen von Männlichkeit, die dort herrschen und sich immer wieder selbst reproduzieren, sind seiner Ansicht nach eine direkte Folge der Klassengesellschaft.

Besonders gelungen fand ich die sprachliche Umsetzung, bei der Louis fliegend zwischen zwei Ebenen wechselt und die auch optisch voneinander abgesetzt sind. Eddys Schilderungen werden immer wieder verwoben mit kursiv gesetzten Einschüben in der Umgangssprache der jeweiligen Personen, so dass der Text sehr authentisch und eindrücklich wirkt.

Es hat mich sehr beeindruckt, dass ein derart ausgefeiltes und reflektiertes Werk einem gerade 20-Jährigen gelungen ist, der sich nur wenige Jahre zuvor schrittweise aus seinem Herkunftsmilieu lösen konnte. Sehr lesenwert!

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Veröffentlicht am 30.08.2024

Spannender und atmosphärischer Krimi

Das Diamantenmädchen
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Berlin, Herbst 1926. Die Protagonistin Lilli Kornfeld, 27 Jahre alt und Journalistin bei der "Berliner Illustrirten" gerät unversehens in die Mordermittlungen um einen Toten, bei dem ein Rohdiamant gefunden ...

Berlin, Herbst 1926. Die Protagonistin Lilli Kornfeld, 27 Jahre alt und Journalistin bei der "Berliner Illustrirten" gerät unversehens in die Mordermittlungen um einen Toten, bei dem ein Rohdiamant gefunden wird. Welche Rolle spielt ihr Jugendfreund Paul, der Diamantenschleifer, und wieweit kann sie Kommissar Schambacher vertrauen?

Ewald Arenz erzählt abwechselnd aus den Perspektiven von Lilly und Dr. Schambacher. In Rückblenden erfahren die Leser/innen mehr über Lillis Jugendjahre. Der Schreibstil ist intensiv, bildhaft und lebendig, und ich kann sofort in die Atmosphäre der 20er Jahre eintauchen und sehe die mondänen Bars und Clubs, die Mode und Leuchtreklamen vor mir, auf den Straßen herrscht reges Treiben, Pferdefuhrwerke, Droschken und Automobile sind unterwegs. Politisch ist die Situation angespannt, die Niederlage des Ersten Weltkrieges und die Reparationszahlungen lasten schwer auf der jungen Republik, der Nationalsozialismus wirft seine Schatten voraus.

Ewald Arenz zeichnet ein stimmungsvolles Bild des herbstlich-regnerischen Berlin, in dem die durchbrechenden Sonnenstrahlen für faszinierende Lichtspiele sorgen - passend zum Funkeln der Diamanten, die das Licht tausendfach brechen und reflektieren.

Der Fall entwickelt sich spannend, und auch wenn ich bezüglich bestimmter Personen sehr schnell den richtigen Riecher hatte, hat mich die Geschichte bis zur letzten Seite gefesselt.

Ewald Arenz verwebt historische Figuren wie den berühmten Kriminalrat Ernst Gennat, Wegbereiter der modernen Kriminalistik, oder den Staatssekretär Carl von Schubert geschickt mit einem spannenden Mordfall. Auch die realen Ullstein Zeitungsverlage mit ihrem charakteristischen Auslieferungs-LKW und das berühmte "Mordauto" der Berliner Mordkommission sorgen für Authentizität.

Fazit: Ein äußerst spannender und stimmungsvoller Krimi über das flirrende Berlin der 20er Jahre - unbedingt lesenswert!

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Veröffentlicht am 27.08.2024

Die perfekte Reiselektüre!

Nachtzugtage
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In " Nachtzugtage" nimmt uns Millay Hyatt mit auf ihre zahlreichen Zugreisen quer durch Europa und bis nach Georgien, in die Türkei, nach Spanien, Paris, Bulgarien oder Schottland. Jede Reise besitzt ein ...

In " Nachtzugtage" nimmt uns Millay Hyatt mit auf ihre zahlreichen Zugreisen quer durch Europa und bis nach Georgien, in die Türkei, nach Spanien, Paris, Bulgarien oder Schottland. Jede Reise besitzt ein eigenes Kapitel und kann unabhängig von den anderen gelesen werden. Vorangestellt ist jeweils eine kleine Streckenzeichnung der Reiseroute.

Kurzweilig und eindrücklich schildert Hyatt ihre Erlebnisse und Begegnungen, verbindet ihre Gedanken mit passenden Zitaten aus ihrer Reiselektüre.

Meine letzte Zugfernreise ist schon viele Jahre her, und mit dem Nachtzug war ich zuletzt vor 25 Jahren unterwegs. Umso gespannter war ich auf Hyatts Buch. Ich habe einiges über die Kuriositäten des europäischen Bahnverkehrs, Anschlussprobleme und die aberwitzigen Schwierigkeiten internationaler Zugbuchungen erfahren, die mich beim Lesen den Kopf schütteln ließen. Entschädigt wird der bzw. die Reisende im Nachtzug durch einzigartige Landschaften, die am Fenster in der Dämmerung oder im Morgengrauen vorüberziehen, und die man in einem Zwischenzustand aus Wachen und Schlaf wahrnimmt, und die unterschiedlichsten Menschen, mit denen man für einige Stunden eine Schicksalsgemeinschaft bildet. Bei der Lektüre wurden alte Erinnerungen wieder wach, und ich konnte mich gut in Hyatt hineinversetzen. Eine äußerst unterhaltsame Lektüre, die zur Einstimmung auf eine Zugreise oder als Reiselektüre ganz hervorragend geeignet ist - oder ganz gemütlich auf Balkonien, fernab von Reisetrubel und Buchungschaos.

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Veröffentlicht am 21.08.2024

Ein spannender Detektivroman, der zum Miträtseln einlädt

Abenteuer-Express (Band 2) – Entführung im California Comet
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Nachdem meinen Sohn (10) und mich der erste Band der Abenteuer-Express-Reihe so begeistert hat, konnten wir es kaum erwarten, Band 2 zu lesen. Diesmal reist Henry mit seinem Onkel Nat im California Comet ...

Nachdem meinen Sohn (10) und mich der erste Band der Abenteuer-Express-Reihe so begeistert hat, konnten wir es kaum erwarten, Band 2 zu lesen. Diesmal reist Henry mit seinem Onkel Nat im California Comet quer durch Amerika und bekommt es mit einem aufsehenerregenden Entführungsfall an Bord zu tun: Marianne, die Tochter des Tech-Milliardärs August Reza, wurde gekidnappt. Zusammen mit den Geschwistern Hadley und Mason, mit denen er sich zu Beginn der Reise angefreundet hat, setzt Henry alles daran, den Fall aufzuklären. Da die Fälle in sich abgeschlossen sind, ist ein „Zustieg“ mit Band 2 problemlos möglich (aber Band 1 sollte man sich dennoch nicht entgehen lassen!).

Auch Band 2 ist ein wundervoller Kinderkrimi im Stil klassischer Detektivromane, und der Vergleich mit Agatha Christies „Mord im Orientexpress“ kommt einem sofort in den Sinn. Wer auf Action, moderne Gadgets und temporeichen Nervenkitzel steht, wird eher nicht fündig werden, doch alle Freunde verzwickter Fälle, die Spaß an kleinen Details haben und gerne konzentriert miträtseln, kommen hier voll auf ihre Kosten. Für uns passt das perfekt.

Der dreizehnjährige Henry ist sympathisch und offen, er findet schnell Freunde und zeichnet mit großer Begeisterung. Er ist verantwortungsbewusst, macht aber auch mal Fehler. Sehr gut gefällt mir in diesem Zusammenhang sein Onkel Nat, der verständnisvoll ist und jederzeit ein offenes Ohr für Henry hat. Das Autorenduo hat sich wieder ganz besonders vielfältige Passagiere ausgedacht, darunter einige skurrile Charaktere, die die Geschichte abwechslungsreich und geheimnisvoll machen. Wie schon in Band 1 darf auch ein ausgefallener tierischer Begleiter nicht fehlen. Hier ist es eine Bartagame, die von einem Fahrgast mit an Bord gebracht wird. Auch diesmal ist das Buch gespickt mit kleinen Besonderheiten über die Orte der Reiseroute – von Deep Dish Pizza (Chicago) über Elvis (Reno) bis zum Moffat-Tunnel (Colorado). Der Fall bleibt spannend bis zum Schluss und mein Sohn war mit Feuereifer am Rätseln.

Ein besonderes Highlight sind die wunderschönen s/w-Zeichnungen (Henrys Zeichnungen), die dank ihrer vielen Details dazu einladen, genau hinzusehen, und vielleicht auch einen Hinweis zur Lösung des Falles zu finden.

Uns hat auch Band 2 wieder sehr viel Spaß gemacht und mein Sohn wollte sofort wissen, wann den Band 3 erhältlich ist (im englischen Original gibt es bereits sechs teils preisgekrönte Bände, deren Kurzbeschreibung ich ihm gleich übersetzen sollte). Wir hoffen sehr, dass die Fortsetzungen zeitnah auf Deutsch erscheinen und freuen uns bereits jetzt, wieder mit Henry und Nat an Bord zu gehen!

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Veröffentlicht am 07.08.2024

sehr reflektiert und authentisch

Verrücktes Blut
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Joe Bausch kannte ich bisher vor allem als Rechtsmediziner aus dem Kölner Tatort, als ich in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung auf sein autobiografisches Buch aufmerksam wurde. Bausch wuchs als Bauernsohn ...

Joe Bausch kannte ich bisher vor allem als Rechtsmediziner aus dem Kölner Tatort, als ich in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung auf sein autobiografisches Buch aufmerksam wurde. Bausch wuchs als Bauernsohn im Westerwald auf. Früh musste er auf dem Hof mithelfen, von den Eltern gab es Prügel und verletzende Worte, aber weder liebevolle Nähe und noch Zuwendung. Auch die Lehrer und der Pfarrer herrschten mit harter Hand.

Joe Bausch schreibt sehr offen und authentisch über seine Kindheit und Jugend, über Missbrauch, Depressionen und Rebellion. Trotz allem wirkt er niemals bitter oder anklagend, sondern überaus reflektiert und auch selbstkritisch. Seine Fähigkeit, sein eigenes Leben und Erleben aus der Distanz zu schildern und sich um einen ausgewogenen Blick zu bemühen, ist bemerkenswert und verdient größten Respekt. Zudem ist es sehr ermutigend zu sehen, wie er allen Widrigkeiten zum Trotz und mit dem ein oder anderen Umweg sein Abitur und das Medizinstudium abgeschlossen hat.

Mich hat “Verrücktes Blut“ sehr berührt. Es ist lebendig und eindrücklich erzählt und ich konnte es nicht mehr aus der Hand legen, sondern habe es an einem Tag ausgelesen.

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