Platzhalter für Profilbild

MiriamDewi

Lesejury-Mitglied
offline

MiriamDewi ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit MiriamDewi über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 21.10.2025

Ein Kunstwerk zwischen Fakten und Fiktion

Aufstand der Fabelwesen
0

Dieses Buch ist weit mehr als eine Lektüre. Es ist ein Kunstwerk zwischen Realität und Fantasie. Schon das edle Erscheinungsbild zieht in den Bann: Der liebevoll gestaltete Einband entführt in die Welt ...

Dieses Buch ist weit mehr als eine Lektüre. Es ist ein Kunstwerk zwischen Realität und Fantasie. Schon das edle Erscheinungsbild zieht in den Bann: Der liebevoll gestaltete Einband entführt in die Welt der Sagen, Mythen und Märchen.
Dokumentarisch erzählt und zugleich voller Fiktion begleiten die Lesenden den Naturforscher Konstantin O. Boldt auf seinen abenteuerlichen Erkundungen einer magischen Welt. Der Text spielt mit der Grenze zwischen Wissenschaft, Märchen und Sagen, ein reizvoller Kontrast, der das Buch zu einem besonderen Erlebnis macht. Beim Lesen gleitet man zwischen den Welten, nie ganz sicher, ob man sich noch in der Realität oder schon in der Fiktion befindet. Ehe man sich versieht, ist man vollständig in eine andere Welt eingetaucht.
Die farbigen und schwarz-weißen Illustrationen und Zeichnungen sind das Herzstück dieser Publikation. Sie erweitern die Geschichte visuell und verleihen ihr Tiefe und Atmosphäre. Meine Lieblingsfigur: Archibald, der treue Tatzelwurm an der Seite von Konstantin O. Boldt.
Viele Seiten sind collageartig gestaltet, mit Zeitungs- und Briefausschnitten, die den dokumentarischen Charakter unterstreichen und gleichzeitig nostalgischen Charme versprühen.
Einziger Kritikpunkt: Einige alte Schriftarten sind etwas schwer lesbar und stellenweise gerät der Text durch seine berichtende Form etwas langatmig. Diese kleinen Schwächen mindern den Gesamteindruck aber kaum.
Auch ohne die vorherigen Bände gelesen zu haben, lässt sich der Geschichte gut folgen. Dieses Buch lädt dazu ein, sich Zeit zu nehmen, sich in vergangene Zeiten zu träumen und den Begegnungen mit Menschen und mythischen Wesen nachzuspüren.
Mit seiner prachtvollen Ausstattung ist es zudem ein wunderbares Geschenk für alle, die sich für Fantasy, Mythologie und kunstvoll gestaltete Bücher begeistern.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.08.2025

Eine Geschichte des Wahnsinns

Botanik des Wahnsinns
0

Botanik des Wahnsinns erzählt von Generationen: vom Leben der Eltern, Großeltern und Urgroßeltern des Erzählers und von ihm selbst. Es ist eine Familiengeschichte, durchzogen von psychischen Erkrankungen, ...

Botanik des Wahnsinns erzählt von Generationen: vom Leben der Eltern, Großeltern und Urgroßeltern des Erzählers und von ihm selbst. Es ist eine Familiengeschichte, durchzogen von psychischen Erkrankungen, Einsamkeit, Armut, Depression, Alkoholsucht und Klinikaufenthalten. Eine Chronik des Leids, der Brüche und der Sehnsucht nach Verstehen.
Der Erzähler selbst, umgeben von psychischer Fragilität in seiner Familie, flüchtet nach New York, Paris und Wien. Doch auch dort begegnet er dem „gleichen Menschenschlag“. Die Angst, selbst dem Wahnsinn zu verfallen, bleibt sein ständiger Begleiter.
Was wie ein autobiografischer Roman anmutet, ist zugleich ein vielschichtiger Text über die Geschichte der Psychiatrie und die Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft. Der Autor verwebt Erinnerungen und Reflexionen mit Erzählungen aus seinem Arbeitsalltag als Psychologe in einer psychiatrischen Einrichtung. Dabei gelingt es ihm meisterhaft, eine beklemmende Atmosphäre zu erzeugen und die existenzielle Schwere des Lebens seiner Vorfahren in eindrucksvolle innere Bilder zu übersetzen.
Besonders gefallen hat mir die Figur der leitenden Psychologin in der Psychiatrie, in der der Erzähler arbeitet, die durch ihre Unvoreingenommenheit und Menschlichkeit auffällt. Ihre Haltung und ihre Empfehlungen im Umgang mit Patient:innen lassen sich auch auf den eigenen Blick auf andere Menschen übertragen.
Dem Autor geht es um Verständnis und das Finden der eigenen Geschichte. Sehr aufschlussreich sind die Szenen in der Psychiatrie. Er beobachtet genau, sucht nach Erklärungen für sich und für die anderen, will verstehen. Man merkt deutlich die innere Zerrissenheit zwischen seiner Arbeit als professioneller Psychologe und als Laie, der verstehen will.
Immer wieder wechseln sich Episoden aus dem Leben seiner Familie, Szenen aus dem psychiatrischen Klinikalltag und psychologische Reflexionen ab. Dabei gelingt dem Autor das Kunststück, nicht zu urteilen, sondern zu fragen: offen, suchend, tastend. Die Grenze zwischen Fiktion und Biografie bleibt bewusst unscharf. Vielleicht ist es beides.
Der Text ist durchzogen von Zitaten bekannter Autor:innen den Text (Ingeborg Bachmann, Robert Musil, Sylvia Plath, Michel Foucault, Christine Lavant, Alfred Döblin, Siri Hustvedt). Eine gute Empfehlung für eine vertiefende Lektüre für diejenigen, die sich für Literatur interessieren.
Das Buch regt zum Nachdenken an – über das eigene Leben, über familiäre Prägung, über den Umgang mit psychischer Krankheit. Ein Werk, das man mehrfach lesen kann und sollte. Und eines, das auch ohne eigenen direkten Bezug zu Psychologie und Psychiatrie eine große Wirkung entfalten kann. Ich würde es sogar als Schullektüre in der Oberstufe empfehlen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.03.2025

Schicksalsschläge und Poesie mit Mascha Kaléko

Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken
0

Mit der Dichterin Mascha Kaléko als imaginäres Gegenüber entfaltet die Ich-Erzählerin Elisa an Anfang des Buches ihr Leben als Kind im „großen kalten Haus“. Sie zeigt uns die Tragik des Lebens im großen ...

Mit der Dichterin Mascha Kaléko als imaginäres Gegenüber entfaltet die Ich-Erzählerin Elisa an Anfang des Buches ihr Leben als Kind im „großen kalten Haus“. Sie zeigt uns die Tragik des Lebens im großen Haus mit Pool und Therapie, eine Jugendhilfeeinrichtung. Sie erzählt uns von der Mutter, deren Wärme, Kraft und Liebe irgendwann erstarrt durch Schicksalsschläge. Auch sie ist in einem „großen kalten Haus“ aufgewachsen.
Wir erfahren von ihrer ersten großen Liebe mit dem „Jungen mit den Augen“ und weiterer Jugendlieben, die alle für die Ewigkeit halten sollen, die Liebe zu Büchern und Gedichten, die ihr den Zugang zu einer anderen Welt ermöglichen. Die Bücherwelt begleitet sie von ihrem Zuhause in die Jugendhilfeeinrichtung, in das Teenie- Zimmer, dass die Mutter hergerichtet hat und selbst nie hatte, auf die Domplatte, in die Punkerunterkünfte und immer weiter.
Aber auch die andere Seite des Lebens bekommen wir zu sehen: Abschiede von geliebten Menschen, Kontakt zu Drogen und zu vereinsamten, gebrochenen Menschen. Ereignisse und Lebensabschnitte, die unter die Haut gehen. Die Suche nach Liebe, die Sehnsucht nach Sicherheit und einem kleinen Haus, die große Angst, die die Ich-Erzählerin immer verfolgt und die tröstenden Gedichte von Mascha Kaléko, durchziehen dieses wunderbare Buch.
Das Buch ist in mehrere thematisch in sich geschlossene und leicht lesbare Kapitel aufgeteilt. Jedem Kapitel ist ein passendes Gedicht von Mascha Kaléko vorangestellt. In kurzen Erwähnungen erfährt man über das Leben der Dichterin Mascha Kaléko, ihren Mann Chemjo und ihren Sohn Steven.
Das Buch hat mir Gedichte von Mascha Kaléko nähergebracht, die mir gut gefallen. Es sind Texte, die das Leben zeigen und auf ihre eigene Art tröstlich wirken. Am Ende des Buches finden sich Literaturhinweise, in welchem Buch von Mascha Kaléko die Gedichte zu finden sind.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.02.2025

Aktuelle Geschichte

Unter Grund
0

Franka ist Referendarin und besucht mit ihrer Klasse den NSU-Prozess. Mit dabei ist ihre WG-Mitbewohnerin Hannah, die Gerichtsreporterin ist. Der Prozess bringt Frankas verdrängte Erinnerungen an ihre ...

Franka ist Referendarin und besucht mit ihrer Klasse den NSU-Prozess. Mit dabei ist ihre WG-Mitbewohnerin Hannah, die Gerichtsreporterin ist. Der Prozess bringt Frankas verdrängte Erinnerungen an ihre eigene Vergangenheit und ihre Taten damals zutage. Sie macht sich auf die Reise in ihre damalige Heimat. Dort angekommen, erinnert sie sich an die Zeit mit ihrer dementen Großmutter, im Dorf nur die Fuchsin genannt, und das ambivalente Verhältnis zu ihr. Die Erinnerungen an den während ihrer Grundschulzeit verstorbenen Vater kommen wieder. Dann war da noch Leon, den Franka eigentlich mochte, der sie aber auch nicht so akzeptieren konnte, wie sie war.
In ihrer früheren Heimat kommt sie durch Jule, Ihrer Tante, einem Familiengeheimnis auf die Spur, dass ihr Lebenskonzept erschüttert und sie zwingt, sich ihrer Vergangenheit zu stellen.
Die Erzählweise pendelt zwischen Frankas gegenwärtiger Realität und den Erinnerungen an damals. Sie fühlte sich einsam, von der Mutter nicht verstanden und nicht gesehen, in der Schulklasse nicht integriert, vom Geschichtslehrer vorgeführt und nirgends richtig zugehörig. Das ändert sich, als sie Patrick und Janna kennenlernt, die ihre neuen „Freunde“ werden. Bei den Aktionen der Gruppe beschleichen sie dennoch immer wieder Zweifel. Trotzdem merkt Franka nicht, dass sie durch Patrick und Janna immer weiter in die rechte Szene gleitet.
Ein sehr aktuelles Thema zwischen Jugend, Wut und Frustration, die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und dunkle Familiengeheimnisse der Vergangenheit, die bis in die heutige Zeit hineinreichen und Generationen belasten.
Das Buch kann man als politische Botschaft lesen, ohne belehrend zu wirken. Es ist aber auch allein aufgrund seines literarischen Erzählens lesenswert. Der erzählte Wechsel zwischen Frankas Erinnerungen und ihrer Realität erfordert an einigen Stellen Konzentration, ist aber ein Kunstgriff, der das Buch unterhaltsam und lesenswert macht.
Am Anfang hatte ich meine Zweifel, ob das Buch für mich interessant ist. Den Klappentext mit dem Text auf der Buchrückseite zu verbinden, fiel mir schwer. Jetzt bin ich froh, das Buch gelesen zu haben.
Das Titelbild, der Titel und die Farbgebung des Umschlags haben sich mir erst auf den zweiten Blick erschlossen. Das Coverbild erinnerte mich erst an ein Naturbuch und sprach mich auch aufgrund der Farben nicht an. Aber: Der Fuchs steht nicht nur für Verwegenheit und List, sondern auch für die Fuchsin, Frankas Großmutter. Die in Brauntönen gehaltene Farbgebung gibt Hinweise auf den Wald und den Schlamm der Himmelsweiher, die Weiher mit denen Franka Heimat verbindet. Die Farbgebung des Covers gibt nicht zuletzt auch ein Hinweis auf die rechte Szene. Den Titel Unter Grund schließlich kann man auf die Geheimnisse von Frankas Familie beziehen, auf die Karpfen in den Himmelsweihern in Frankas Heimat, Frankas Anschluss an eine verdeckte Gruppe, sowie verschüttete Erinnerungen an die Vergangenheit.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.08.2024

Packende und melancholische Geschichte

Ich komme nicht zurück
0

Hanna, Zeyna und Cem sind Freunde seit den späten 80er Jahren und wachsen gemeinsam in einer Arbeitersiedlung im Ruhrgebiet auf. Solange sie zusammen sind, fühlen sie sich wie eine Familie. Herkunft spielt ...

Hanna, Zeyna und Cem sind Freunde seit den späten 80er Jahren und wachsen gemeinsam in einer Arbeitersiedlung im Ruhrgebiet auf. Solange sie zusammen sind, fühlen sie sich wie eine Familie. Herkunft spielt für sie keine Rolle. Hanna, ihre Großeltern, Cem und seine Familie behandeln Zeynas Vater Nabil und Zeyna, die beide vor dem Krieg geflüchtet sind, wie Familienmitglieder.
Hanna und Zeyna teilen das Schicksal, ohne Mutter aufzuwachsen. Während Hanna eher zurückhaltend ist, ist Zeyna immer vorne dabei. Trotz ihrer unterschiedlichen Charaktere ist Zeyna für Hanna wie eine Schwester.
Dann ist da noch Chem. Für Zeyna und Hanna war er immer der Fels in der Brandung und hat vermittelt, wenn sich die beiden gestritten haben. Aber auch an ihm geht der Zwist zwischen den Freundinnen nicht spurlos vorbei.
Mit der Zeit und beeinflusst von äußeren Umständen treten die Unterschiede zwischen den Freunden deutlich hervor. Nach den Morden in Mölln 1992 ziehen die Ereignisse um 9/11 endgültig einen Riss durch die Freundschaft. Cem, seine Eltern und Zeyna und Nabil spüren die Folgen am eigenen Leib. Für Hanna bleibt vordergründig alles beim Alten.
Im Wechsel zwischen vergangener Kindheit und Gegenwart erzählt der Roman von Wahlfamilie, Familie und Freundschaft, aber auch Einsamkeit, Suche nach Verlorenem und Sprachlosigkeit.
Ohne es explizit zu erwähnen, spielt die Gegenwart in der Zeit der Pandemie. Umso verständlicher die Einsamkeit, die manche in dieser Zeit begleitete, die Trennungen, die Stille, die einige nur schwer ertragen konnten.
Den Grund von Zeynas Verschwinden kann man nur erahnen, aber nicht wirklich aufklären. Auch was Hanna in ihrer Einsamkeit umtreibt, lässt sich nur raten. Die Autorin überlässt es den Leser:innen darüber nachzudenken. Das macht den Roman auch so interessant, weil er keine Lösungen oder Erklärungen vorgibt, sondern offene Wege.
Die Geschichte entwickelt einen Sog, wenn man selbst in den Neunzigern und Nullerjahren aufgewachsen ist und die damaligen Ereignisse einem begleiteten: Rassismus, Mölln 1992, 9/11.
Der Roman zeigt auf, wie frühe Verluste Menschen zu Suchenden machen. Suchenden nach Antworten, nach Heimat, nach Familie, nach Zugehörigkeit, nach Verstanden werden.
Der QR-Code mit den Musiktiteln, die die Freunde in ihrem Leben begleitet hat, ist eine besondere Beigabe im Roman.
Eine wundervolle, dicht geschriebene, packende und melancholische Geschichte mit herzerwärmender, poetischer Sprache. Eins der Bücher, die dauerhaft in meinem Bücherregal einziehen werden.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere