Bora Chung lässt in insgesamt zehn Kurzgeschichten die Grenzen von Realität und Wahnsinn verschwimmen. Die Geschichten sind alle völlig unterschiedlich und unterschiedlich lang. Sie haben aber alle gemeinsam, ...
Bora Chung lässt in insgesamt zehn Kurzgeschichten die Grenzen von Realität und Wahnsinn verschwimmen. Die Geschichten sind alle völlig unterschiedlich und unterschiedlich lang. Sie haben aber alle gemeinsam, mehr als grotesk, mystisch und extrem zu sein.
Man möchte gar nicht so viel von den einzelnen Geschichten erzählen, weil man die Geschichten selbst lesen muss, es ist nicht einfach, die Geschichten, geschweige denn das ganze Buch einem Genre einzuordnen. Es ist ganz anders als andere Kurzgeschichtenbücher, die man normalerweise liest.
Der Schreibstil ist angenehm und einfach zu lesen. Mich hat jedoch nicht jede Geschichte überzeugt und abgeholt, gerade die erste schreckt einen ab wegen ihrer Horror-Elemente. Auch die Reihenfolge hätte ich deswegen vielleicht geändert.
Nichtsdestotrotz hat Bora Chung ein außergewöhnliches Werk geschaffen, das man gelesen haben sollte, wenn man Geschichten mag, in denen Menschen in Extremsituationen gezeigt werden und die Grenzen zwischen Realität und Wahnsinn verschwimmen.
Nora Rischer ist Dozentin für Germanistik, Mitte vierzig und zu Beginn der Geschichte gerade zur Behandlung in einer Kinderwunschpraxis. Sie erhält eine E-Mail, in der ein Rassismus-Vorwurf an ihrer Universität ...
Nora Rischer ist Dozentin für Germanistik, Mitte vierzig und zu Beginn der Geschichte gerade zur Behandlung in einer Kinderwunschpraxis. Sie erhält eine E-Mail, in der ein Rassismus-Vorwurf an ihrer Universität im Raum steht. Sie fühlt sich sofort, auch wenn die Mail an alle Professoren gerichtet ist, angesprochen und erinnert sich an einen Vorfall mit ausländischen Studenten, den sie vor einiger Zeit in einer ihrer Vorlesung hatte. Sofort beginnt sich ihr Gedankenkarussell zu drehen und sie findet sich schnell in einem persönlichen Dilemma wieder.
Aufgrund des Covers hätte ich eine andere Geschichte erwartet. Auch der Klappentext hörte sich sehr interessant an, mich konnte die Geschichte jedoch nicht völlig abholen.
Das Besondere an dem Buch ist der Erzählstil: es wird ein Monolog im Kopf der Protagonistin wieder gegeben, in dem sie sowohl ihre Sicht der Dinge erörtert als auch andere fiktive Beobachter zu Wort kommen lässt. Immer wieder sind auch Aussagen ihres Umfelds eingebaut, beispielsweise ihrer Lebensgefährtin, ihrer Kollegen oder der Studierenden.
Es wird eine Fülle an Themen wie Rassismus, Alltagsdiskriminierung und Frauenfeindlichkeit behandelt, mir war es oft zu viel des Guten und hat mich verwirrt und überladen zurück gelassen. Die Handlung und auch die Gedanken der Protagonistin sind sprunghaft, oft erschien es mühsam, dem Ganzen zu folgen.
Aus der Geschichte trieft geradezu der schwarze Humor und die Ironie, dies wird sprachlich gekonnt umgesetzt und die tiefgründige Bedeutung ist immer gut herauszulesen.
Die Idee des Buches finde ich sehr gut, weil es etwas ganz Anderes als das ist, was man normalerweise im Romanbereich liest. Auch sprachlich kann ich dem Ganzen etwas abgewinnen, aber es ist auch nicht wirklich meins, weil es oft mühsam zu lesen war.
Trotz einiger Schwachstellen kann man das Buch gut lesen, man muss sich an den Schreibstil jedoch erst gewöhnen. Empfehlenswert ist es für alle, die mal etwas anderes lesen wollen mit viel schwarzem Humor und einem einzigartigen Schreibstil.
Der einst gefeierte und erfolgreiche Schriftsteller Eduard Brunhöfer hat schon lange kein Buch mehr geschrieben. Zu Beginn der Handlung sitzt er in einem Zug von Wien nach München. Als sich Catrin Meyr ...
Der einst gefeierte und erfolgreiche Schriftsteller Eduard Brunhöfer hat schon lange kein Buch mehr geschrieben. Zu Beginn der Handlung sitzt er in einem Zug von Wien nach München. Als sich Catrin Meyr in sein Abteil setzt, hat er zunächst gar keine Lust auf eine Konversation mit der fremden Frau. Nach und nach entspinnt sich jedoch ein Gespräch zwischen den beiden und Catrin interessiert sich vor allem für Eduards Art zu schreiben, sein Dasein als Schriftsteller und das Leben im Allgemeinen. Mit ihren schlagfertigen Fragen gerät der Schriftsteller gehörig in Zugzwang.
Zu Beginn hat mich die Geschichte noch abgeholt und die Überlegungen des Protagonisten waren frisch und amüsant. Die Geschichte ist in mehrere Kapitel unterteilt mit den Titeln der jeweiligen Haltestellen des Zugs. Der Protagonist Eduard Brunhöfer erzählt aus seiner Ich-Perspektive und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Auch noch als Catrin sich in das Abteil dazu setzt, hat die anfängliche Konversation etwas Alltägliches und als Leser beobachtet man das Geschehen live mit. Diese anfängliche Spannung nutzt sich aber mit der Zeit immer mehr ab und sowohl Eduard als auch Catrin wurden mir immer unsympathischer. Catrin hakt bei Eduard mit einer mehr als unangenehmen Penetranz nach und bohrt immer weiter, Eduard hingegen sucht brillante und schlagfertige Antworten darauf und das Gespräch verliert sich in diesen Wirrungen.
Die gesamte Geschichte hat mehr etwas von einem Belauschen eines Gesprächs im Zug, wie man es überall hören könnte und weniger von einem unterhaltsamen und spannenden Roman. Auch das Ende konnte mich nicht abholen, wenngleich es den Roman etwas aufwertet. Den Plottwist habe ich zwar irgendwann kommen sehen, aber es war gut zu lesen, dass nun endlich was passiert und man nicht mehr das Gespräch der beiden "belauscht", das mir irgendwann auf die Nerven ging.
Für mich ist "In einem Zug" eine kurzweilige Lektüre, die sich vielleicht besser lesen lässt, wenn man tatsächlich selbst in einem Zug unterwegs ist, aber als Roman konnte mich die Geschichte nicht überzeugen.
Die namenlose Protagonistin bekommt einen Job bei einem geheimnisvollen Ministerium. Als Übersetzerin wird sie dort aber nicht arbeiten, sie erfährt erst später worum es wirklich geht - bis dahin ist absolute ...
Die namenlose Protagonistin bekommt einen Job bei einem geheimnisvollen Ministerium. Als Übersetzerin wird sie dort aber nicht arbeiten, sie erfährt erst später worum es wirklich geht - bis dahin ist absolute Verschwiegenheit und Geheimhaltung angesagt wie auch die gesamte Handlung über. Dem Ministerium der Zeit ist es gelungen, mittels einer komplizierten Zeitmaschine einige Menschen aus der Vergangenheit in die Gegenwart zu holen. Einen von ihnen, den Polarforscher Graham Gore, soll die Protagonistin nun betreuen und ihm helfen, sich in der heutigen Zeit zurecht zu finden. Zwischen den beiden entwickelt sich ein enges Verhältnis und sie kommen sich näher. Es gibt jedoch einige Entwicklungen, die dem Leben aller Beteiligten ein Ende setzen könnten.
Ich war sehr gespannt auf die Geschichte: Zeitreisen, Geheimhaltung und eine romantische Liebesbeziehung unter ungewöhnlichen Umständen. Leider konnte das Buch meine Erwartungen nicht wirklich erfüllen.
Ich hatte mir mehr Science Fiction, mehr Action und Spannung erwartet, viele Themen werden auch angerissen, aber nicht auserzählt und die Geschichte wirkt dadurch nicht wirklich rund. Der Anfang ist zäh und langatmig, was mich zunächst nicht wirklich gestört hat, aber die Handlung nimmt im Verlauf kaum Spannung auf und zieht sich. Durch die Ich-Perspektive der Protagonistin erhält man Leser einen sehr subjektiven Eindruck des Geschehens. Oft hatte ich auch das Gefühl, dass sie beim Erzählen einiges verschweigt und den Leser an der Oberfläche hält. Der Zeitreisende Graham Gore wird toll und treffend beschrieben, die beiden Hauptfiguren haben eine besondere Beziehung zueinander, die beim Lesen schnell spürbar wird. Das Ministerium selbst hingegen bleibt bis zum Schluss undurchsichtig und geheimnisvoll, auch die Mitarbeiter dort bleiben einem fremd.
Das letzte Drittel des Buchs konnte mich am wenigsten überzeugen, immer wenn ich dachte, ich bin mit der Handlung warm geworden, folgte der nächste Twist und alles wurde immer verworrener. Die eingeschobenen, kurzen Kapitel über Graham Gore zu Zeiten seiner letzten Polarexpedition hätte es für mich nicht gebraucht, sie werten die Geschichte nicht auf.
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verschwimmen im Buch miteinander, aber es bleibt zu verwirrend als dass ich das Buch uneingeschränkt weiterempfehlen würde. Es ist kurzweilig, aber die Geschichte ist nicht rund.
Amane lebt in einer Welt, in der das klassische Liebes- und Familienleben nicht mehr existiert, wie wir es kennen. Man kann sich noch in Menschen (oder Fantasiewesen) verlieben, doch Geschlechtsverkehr ...
Amane lebt in einer Welt, in der das klassische Liebes- und Familienleben nicht mehr existiert, wie wir es kennen. Man kann sich noch in Menschen (oder Fantasiewesen) verlieben, doch Geschlechtsverkehr wird als extrem unnormal angesehen, Kinder entstehen ausschließlich durch künstliche Befruchtung. Amane erfährt bereits früh, dass sie auf natürliche Weise gezeugt und geboren wurde. Sie will fortschrittlich sein und heiratet zwei Mal, mit ihrem zweiten Mann denkt sie bereits an die Bewerbung für eine künstliche Befruchtung. Es ist normal und sogar gewünscht, dass man seine Ehepartner nicht treu ist und sich Befriedigung woanders sucht - Ehe ist nur zur (finanziellen) Sicherheit da. Als sie von "Experimenta" erfährt, früher die Stadt Chiba, in der Kinder der Stadt übergeben werden und von allen Bürgern großgezogen werden, sozusagen keine richtigen Eltern oder Familie haben, ist sie zunächst skeptisch. Ihr Mann und sie entschließen sich dann doch, nach Experimente zu ziehen - und Amane verändert sich immer mehr...
Ich war von der Idee des Buchs zunächst angetan und habe mir einen Roman fernab des Mainstreams gewünscht, der wichtige Fragen rund um das traditionelle Familienbild beleuchtet. Leider konnte mich die Geschichte dann doch nicht so abholen, wie ich es mir gewünscht hatte.
Am meisten gestört hat den Lesefluss für mich der sehr nüchterne, oft schon wissenschaftlich sterile Erzählstil. Auch wenn es typisch japanisch ist und zur Handlung passt, hat es mich doch beim Weiterlesen gestört. Die Protagonistin erzählt chronologisch aus ihrem Leben, angefangen im Kindergartenalter bis in die erwachsene Gegenwart. Sie fragt sich oft, was "normal" ist in der Gesellschaft und für sie selbst, für mich bleibt das aber meist an der Oberfläche, denn sie passt sich ganz den Normen der Gesellschaft an. Vor allem im ersten Drittel geht es extrem viel um Sexualität, da muss man sich beim Lesen erstmal durchkämpfen.
Interessanter, aber auch befremdlicher wurde es für mich, als der Umzug nach Experimenta bevorsteht. Bereits zuvor wirft die Autorin die Frage auf, wie die Zukunft in Bezug auf Familie und Ehe aussehen könnte, aber ab da wird diese Frage auf die Spitze getrieben. Für mich unvorstellbar, sein Kind nach künstlicher Befruchtung und Geburt anzugeben und sich als ganze Stadt um die Kinder zu kümmern. Außerdem gibt es dort keine Ehen oder Liebesbeziehungen mehr, vielmehr gibt man seine Liebe an die Kinder weiter, die stets "Kindchen" genannt werden. Jedes Kind sieht gleich aus, ist gleich angezogen und agiert mit derselben Mimik und Gestik. Erschreckend roboterhaft und steril erscheinen diese Erziehungsmethoden und das Leben in der Stadt.
Man wird beim Lesen gezwungen, über Themen wie klassische und traditionelle Rollenbilder, Sexualität, Familienleben und Erziehung nachzudenken und auch sich selbst zu hinterfragen, wie starr man in seinem Denken darüber ist. Trotz dieser interessanten Thematik konnte mich das Buch nicht ganz erreichen, auch der Schluss ist grenzwertig geschrieben, passt aber zum Rest der Geschichte.