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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 03.11.2024

Leiden und Leichtigkeit

Gratulieren müsst ihr mir nicht
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Lilli verbringt mit Anfang zwanzig viel Zeit im Krankenhaus. Das Einsetzen eines Herzschrittmachers ist erst der Anfang. Wir begleiten sie auf ihrem Leidensweg. „Ich war wütend, weil es mir so vorkam, ...

Lilli verbringt mit Anfang zwanzig viel Zeit im Krankenhaus. Das Einsetzen eines Herzschrittmachers ist erst der Anfang. Wir begleiten sie auf ihrem Leidensweg. „Ich war wütend, weil es mir so vorkam, als würde das Universum testen, wie viel ein Mensch aushalten konnte, und ich war wütend, weil ich das Gefühl hatte, ich sei das Versuchskaninchen dieses Experiments.“
Lilli Polanskys autofiktionaler Roman geht nahe, denn wir erleben sie authentisch in lebensbedrohenden Situationen oder mit einem Galgenhumor bei der Verarbeitung ihrer Lage. Die Figur lernen wir zudem in Rückblenden als Schulkind oder in ihrem Universitätsumfeld kennen, was das Gesamtbild vervollständigt.
Dieses Buch ist Unbeschwertheit und harter Tobak in einem. Szenen aus dem Alltag wechseln sich ab mit Stellen, an denen es um körperliche und psychische Beschwerden geht. Und dann möchte ich Lilli einfach in den Arm nehmen, weil sie so liebenswürdig wirkt und kämpferisch alles durchsteht. Die Autorin hat einen Ton gefunden, mit dem sie ihrer Geschichte Leichtigkeit verleiht, und dennoch geht kein bisschen Intensität verloren. Aufwühlend, berührend, charmant!

Veröffentlicht am 18.10.2024

Sagenhaft

Die Schwarze Greet und ein goldener Fisch
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Diese oder ähnliche Geschichten haben wir schon gehört, denn Sagen werden von einer Generation an die nächste weitergegeben. Oft geht es um einen Konflikt zwischen Gut und Böse oder etwas Übernatürliches. ...

Diese oder ähnliche Geschichten haben wir schon gehört, denn Sagen werden von einer Generation an die nächste weitergegeben. Oft geht es um einen Konflikt zwischen Gut und Böse oder etwas Übernatürliches. Da versucht der Teufel Seelen zu rauben oder Zwerge bringen Schätze zutage.
Bei den norddeutschen Ausprägungen kommt das raue Meer als landschaftliches Element dazu und damit einhergehend dessen Bewohner. „Der Meermann tobte vor Wut. Mürrisch und voller Groll kehrte er ins Meer zurück, zu seinem Meerweib Rahn. Seither versuchte er, den Syltern zu schaden, so oft und so viel er nur konnte.“
Dieser Band sammelt 22 Sagen um Windhexen, Wassermänner und die titelgebende schwarze Greet, selbst Till Eulenspiegel hat einen Gastauftritt. Die leicht verständliche Sprache eignet sich gut zum Vorlesen. Die Illustrationen geben dem Gehörten eine freche und originelle Note. Neben dem Verfolgen der unterhaltsamen Episoden war es mir ein besonderes Vergnügen, kleine Details in den Zeichnungen zu entdecken.

Veröffentlicht am 06.10.2024

Zwischen Wahn und Wohl

Das Wohlbefinden
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Anna ist Patientin in den Heilstätten von Beelitz und hat übersinnliche Fähigkeiten. »Ich sehe manchmal, wie die Dinge wirklich sind. Wie etwas wirklich ist, oder auch sein wird. Das sehe ich.« Johanna ...

Anna ist Patientin in den Heilstätten von Beelitz und hat übersinnliche Fähigkeiten. »Ich sehe manchmal, wie die Dinge wirklich sind. Wie etwas wirklich ist, oder auch sein wird. Das sehe ich.« Johanna ist Schriftstellerin und findet durch Anna Inspiration für ein Buch.
„Das Wohlbefinden“ wird in vier Handlungssträngen erzählt, die von Anna und Johanna Anfang des 20. Jahrhunderts, Johannas in den 1960er Jahren und der ihrer Urenkelin Vanessa im aktuellen Jahrzehnt. Dadurch fügen sich verschiedene Sichten zu einem Gesamtbild, denn die späteren Figuren reflektieren die Geschichte später anders als zum Zeitpunkt des Geschehens.
So lernen wir drei Frauen intensiv kennen. Anna ist die schillerndste Figur, erleben wir sie doch bei ihren Voraussagen ganz authentisch, während sich „Wissenschaftler“ nur mit ihr schmücken wollen. Johanna ist eine zwiespältige Protagonistin, der man auch vorwerfen mag, sie würde sich persönlich an der Situation bereichern. Vanessa fungiert kaum mehr als als Rezipientin des Lebens ihrer Vorfahrin, bildet aber eine gute Rahmenhandlung.
Mir hat unglaublich gut gefallen, wie die Atmosphäre des Gesundheitsinstituts mit seinen modernen Ansätzen eingefangen und wie eine mystische Stimmung verbreitet wurde. Das Hin-und-Herspringen zwischen den Zeiten fiel mir nicht schwer, vielmehr hatten sie jeweils ihre eigene spezifische Erzählweise. Zwar hatte ich nach dem Anfang einen krasseren Verlauf erwartet, doch habe ich hier einen faszinierenden Ausflug an einen besonderen Ort erhalten, der im Kopf bleibt.

Veröffentlicht am 25.09.2024

Von Texten und Füßen

Die vorletzte Frau
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Eine Beziehung mit einem 19 Jahre älteren Mann, sie sorgt für ihr Kind, sie sorgt für ihn, als er krank wird, er liest ihre Texte gegen und bleibt trotz intensiver Momente immer fern.
“Er nächtigte in ...

Eine Beziehung mit einem 19 Jahre älteren Mann, sie sorgt für ihr Kind, sie sorgt für ihn, als er krank wird, er liest ihre Texte gegen und bleibt trotz intensiver Momente immer fern.
“Er nächtigte in einem Doppelbett, aber dort, wo bei anderen Leuten die Frau lag, häuften sich bei Tosch die Bücher.” Sind Worte, die sie beide schreiben, noch ihre größte Gemeinsamkeit, fallen beim Lesen eher die vielen Unterschiede auf: sie in der DDR geboren, er in der Schweiz, sie ein Niemand, er bekannt, sie baut ein Nest, er sucht seine Unabhängigkeit.
Die Autorin zeichnet ihre Figuren mit spitzer Feder und Humor. Ich habe die pointierte Darstellung des Alltäglichen als besonders empfunden. Auch wenn es im Prinzip hauptsächlich um das Hin und Her in einer Beziehung geht, macht die Lektüre Spaß und Lust auf mehr. Wir erleben hier, wie die Protagonistin einen Wandel durchmacht und zur Fußpflegerin umschult, worüber wir in „Marzahn, mon amour“ direkt weiterlesen können.

Veröffentlicht am 25.08.2024

Grüne Rebellion

Selbstversorgung im Winter
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Til Genrich denkt in seinem Buch das Konzept der Selbstversorgung weiter als die Ernte im Herbst. Das geht mit verschiedenen Methoden des Haltbarmachens, dem Anbau im Wohnraum oder dem Erkunden dessen, ...

Til Genrich denkt in seinem Buch das Konzept der Selbstversorgung weiter als die Ernte im Herbst. Das geht mit verschiedenen Methoden des Haltbarmachens, dem Anbau im Wohnraum oder dem Erkunden dessen, was die Natur in der kalten Jahreszeit noch zu bieten hat.
Die Entdeckungsreise beginnt im Freien mit essbaren Kräutern, Knospen und Kulturen, die teilweise selbst Frost überstehen. Dann geht es ans Eingemachte, also die zahlreichen Varianten, Essbares zu konservieren, von der Lagerung übers Fermentieren bis zum Trocknen. Auch die abschließenden Kapitel über die Veredelung von Lebensmitteln und den Anbau im Haus bieten originelle Ideen, wie die Herstellung von Apfelessig oder die Zucht von Pilzen.
„Selbstversorgung ist ein politischer Akt, eine kleine Rebellion gegen das bestehende System, gegen Monokulturen, lange Transportwege, saisonunabhängige Verfügbarkeiten von Lebensmitteln, eine Lebensmittelindustrie, die Mensch und Natur ausbeutet.“
Ich habe „Selbstversorgung im Winter“ als sehr inspirierend empfunden, zeigt es doch vielfältige Optionen auf, aus denen wir schöpfen können. Diese werden gut verständlich erklärt und um nützliche Pflanzenporträts und Rezepte angereichert. Damit richtet sich das Buch nicht nur an jene, die über einen eigenen Garten verfügen, sondern grundsätzlich an alle, die sich selbst etwas Gutes tun oder einfach nur Rebellen sein wollen.