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Veröffentlicht am 09.11.2024

Eine traurige Geschichte

Der Erinnerungshändler
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Das moderne Märchenbuch "Der Erinnerungshändler" von Orit Gidali und Tami Bezaleli besticht zuerst durch das edle Erscheinungsbild. Der feste Einband zeigt eine glänzende Erdkugel auf der ein Händler mit ...

Das moderne Märchenbuch "Der Erinnerungshändler" von Orit Gidali und Tami Bezaleli besticht zuerst durch das edle Erscheinungsbild. Der feste Einband zeigt eine glänzende Erdkugel auf der ein Händler mit seinem vollgepackten Auto fährt. Die Bleistiftzeichnung ist eine von vielen, die den künstlerischen Aspekt des Buches darstellen. Die Geschichte handelt von einem Händler und dessen Sohn, die ständig auf der Suche nach Erinnerungen sind. Diese versuchen sie den Menschen abzukaufen und dann wieder teurer zu verkaufen. Erinnerungen werden somit im Buch als eine wertvolle Sache dargestellt, die nur von jenen verkauft werden, die diese nicht mehr wertschätzen. Auch ein alter Mann meint, die alte Erinnerung an seine verstorbene Frau nicht mehr zu benötigen, und dafür eher etwas gegen seine Armut zu erhalten. Doch ziemlich schnell bereut er seine Entscheidung. Das Buch hat mich sehr traurig gemacht und ich würde es persönlich keinem Kind vorlesen. Es ist meiner Meinung eher für Erwachsene geeignet - aber auf jeden Fall nicht für Menschen, die zu Depression neigen. Aufgrund der künstlerischen Darstellung vergebe ich 4 Sterne.

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Veröffentlicht am 05.09.2024

Selbstfindung durch Grenzerfahrung

9 Grad
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Elli Kolbs Roman "9 Grad" ist eine tiefgehende Erzählung über Freundschaft, Krankheit und den Umgang mit persönlichen Krisen. Im Mittelpunkt stehen die drei Freunde Josie, Rena und Anton, die seit Kindertagen ...

Elli Kolbs Roman "9 Grad" ist eine tiefgehende Erzählung über Freundschaft, Krankheit und den Umgang mit persönlichen Krisen. Im Mittelpunkt stehen die drei Freunde Josie, Rena und Anton, die seit Kindertagen durch dick und dünn gehen. Ihr Leben nimmt eine dramatische Wendung, als Rena ihnen während eines gemeinsamen Saunabesuchs mit anschließendem Eisbaden von ihrer schweren Krankheit erzählt. Diese Offenbarung wirft nicht nur bei Rena, sondern auch bei ihren beiden Freunden Fragen über das Leben, den Tod und die eigene Verwundbarkeit auf.

Josies Weg steht dabei besonders im Fokus. Nach dem schockierenden Geständnis ihrer Freundin taucht sie tiefer in ihre eigenen emotionalen und physischen Herausforderungen ein. Ihre zufällige Begegnung mit Lee, einem Mann, der an Depressionen leidet, bringt eine neue Dimension in ihr Leben.

Eine der eindrücklichsten Metaphern des Buches ist das Eisbaden. Diese Aktivität, die für Josie zunächst eine neue Erfahrung ist, entwickelt sich zu einem zentralen Element ihrer persönlichen Heilung. Das Eisbaden symbolisiert sowohl die Suche nach Kontrolle und Selbstfindung als auch den Mut, sich den eigenen Ängsten und Grenzen zu stellen. Josie entdeckt dadurch nicht nur ihren Körper neu, sondern lernt auch, sich selbst zu akzeptieren – eine beeindruckende Reise, die vielen Leserinnen und Lesern unter die Haut gehen wird. Gleichzeitig spiegelt das kalte Wasser die emotionale Kälte wider, die in den Leben der Charaktere präsent ist, und verstärkt das Gefühl der Einsamkeit und des Schmerzes, das sie durchzieht.

Elli Kolb spricht in dem Roman ernste Themen wie Depression, Essstörungen und den gesellschaftlichen Druck, einem bestimmten Körperbild zu entsprechen, feinfühlig an.
Persönlich fand ich die Geschichte mitunter zu überfrachtet mit unterschiedlichen Themen, ohne jenen den nötigen Rahmen zu schenken, damit man sich als Leser darauf einlassen kann. Hier wurde von der Autorin so viel gleichzeitig behandelt, so dass mir stellenweise die Tiefe gefehlt hat. Obwohl das Buch einen faszinierenden Schreibstil und viel Potenzial aufweist, hätten einige Themen ausführlicher behandelt werden können.

Insgesamt ist "9 Grad" jedoch ein beeindruckender Roman, der seine Leser auf eine emotionale Reise mitnimmt.

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Veröffentlicht am 01.09.2024

Irgendwie gehört doch jeder in Behandlung...

Aus dem Haus
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Miriam Böttgers Roman "Aus dem Haus" ist eine Mischung aus alltäglichem Chaos und tiefgründiger Familienpsychologie. Im Zentrum steht das HAUS in Kassel, das nicht nur der Wohnort der Familie, sondern ...

Miriam Böttgers Roman "Aus dem Haus" ist eine Mischung aus alltäglichem Chaos und tiefgründiger Familienpsychologie. Im Zentrum steht das HAUS in Kassel, das nicht nur der Wohnort der Familie, sondern fast schon eine eigene Figur im Roman ist. Es ist ein Ort, der den Mitgliedern jegliche Lebensfreude raubt, sie aber gleichzeitig in einer beklemmenden Art und Weise zusammenhält.

Die Erzählung, die aus der Sicht einer namenlosen Ich-Erzählerin geschildert wird, verläuft scheinbar ereignislos und doch voller emotionaler Geladenheit. In kurzen, prägnanten Kapiteln wird der Umzug der Eltern aus dem ungeliebten Haus beschrieben, wobei die Rückblicke auf die Vergangenheit allmählich offenbaren, dass das Haus zwar Auslöser für die familiären Spannungen sein könnte, jedoch nicht deren Ursache. Im Gegenteil, der Umzug in eine neue Umgebung zeigt, dass die Probleme der Familie tiefer liegen und sich nicht durch einen Ortswechsel beheben lassen.

Besonders eindrucksvoll ist die Figur der Mutter, die unter Migräne und einer lähmenden „Zeitpanik“ leidet – eine ständige Angst vor dem unaufhaltsamen Verstreichen der Lebenszeit. Ihre pessimistische Grundhaltung beeinflusst das gesamte Familiengefüge, wobei alle anderen Familienmitglieder in den Hintergrund treten. In dieser Dynamik offenbart sich die zentrale These des Romans: „Eigentlich ist jede Familie eine Sekte für sich.“ Diese Erkenntnis zieht sich durch die gesamte Handlung und zeigt, wie jede Familie ihre eigene kleine Welt mit eigenen Regeln und Strukturen bildet – oft auf Kosten der individuellen Bedürfnisse.

Böttger gelingt es, die Absurdität und zugleich die Realität familiärer Beziehungen mit einer herrlich ironischen Erzählweise darzustellen. Die Ich-Erzählerin beschreibt die Ereignisse mit einem sarkastischen Unterton, der dem Leser oft ein Schmunzeln entlockt, während man gleichzeitig die Tragik der Situationen körperlich spüren kann.

Persönliches Fazit: Ich könnte mir die Geschichte als fortlaufende Kolumne besser vorstellen. Das Buch ermüdet irgendwann durch den vorherrschenden Ton der Negativität. Von daher - trotz all der genial formulierten Tiefgründigkeit - "nur" vier Sterne.

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Veröffentlicht am 08.07.2024

Eine Hummel mal ganz menschlich

Die Hummel in meinem Garten
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"Die Hummel in meinem Garten" von Tibo Gerriets entführt die Leser in eine phantasievolle Welt, in der ein Arzt und Hobbygärtner auf eine sprechende Hummel trifft. Diese außergewöhnliche Freundschaft führt ...

"Die Hummel in meinem Garten" von Tibo Gerriets entführt die Leser in eine phantasievolle Welt, in der ein Arzt und Hobbygärtner auf eine sprechende Hummel trifft. Diese außergewöhnliche Freundschaft führt die beiden Protagonisten durch das Gartenjahr, wobei sie gemeinsam philosophieren und musizieren. Der Ich-Erzähler, ein Arzt mit einer Vorliebe für seinen Garten, begegnet einer sprechenden und frechen Hummel, die ab diesem Zeitpunkt zu seinem treuen Begleiter wird. Sie sprechen über Gott und die Welt, während sie ihre Tage im Garten verbringen. Dabei zieht die Hummel immer wieder humorvolle Vergleiche zwischen tierischer und menschlicher Intelligenz. Beide Protagonisten genießen das Leben, oft begleitet von einem Glas Alkohol. Aktuelle Bezüge zu politischen und gesellschaftlichen Themen wie Donald Trump oder Corona verleihen dem Buch manch eine befremdliche Note. Insgesamt bietet "Die Hummel in meinem Garten" eine Mischung aus Sarkasmus und Ironie.

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Veröffentlicht am 05.07.2024

Blinder Hass - eine traurige Autobiografie

Sonjas Rapport
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"Sonjas Rapport" von Ruth Werner ist eine Autobiografie, die das bewegte Leben von Ursula Kuczynski, besser bekannt als die Spionin Sonja, erzählt. Geboren 1907, fand Kuczynski bereits 1926 zur Kommunistischen ...

"Sonjas Rapport" von Ruth Werner ist eine Autobiografie, die das bewegte Leben von Ursula Kuczynski, besser bekannt als die Spionin Sonja, erzählt. Geboren 1907, fand Kuczynski bereits 1926 zur Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und begann ihre politische Karriere während ihrer Ausbildung zur Bibliothekarin. Ihre Geschichte nimmt jedoch erst richtig Fahrt auf, als sie 1930 mit ihrem Ehemann nach Shanghai zieht, wo sie den legendären kommunistischen Spion Richard Sorge kennenlernt. Durch ihn wird sie zur Agentin der sowjetischen Militärgeheimdienstes GRU und beginnt eine zwanzigjährige Laufbahn als Spionin, die sie an zahlreiche gefährliche Schauplätze führt.

Die Erzählung beginnt in Shanghai, wo Kuczynski unter Sorges Anleitung Informationen für die Sowjetunion sammelt. Werner beschreibt diese Phase ihres Lebens eindrucksvoll und lässt den Leser das ständige Risiko spüren, dem sie ausgesetzt war. Ihre Tätigkeit als Spionin führte sie durch viele Länder und machte aus ihr eine Marionette des kommunistischen Dogmas. 1949 kehrte sie schließlich nach Ostdeutschland zurück, um einer möglichen Enttarnung in London zu entgehen.

Unter dem Pseudonym Ruth Werner veröffentlichte sie Ende der 1960er Jahre ihre Memoiren, die 1977 erstmals erschienen. Die aktuelle Auflage aus dem Jahr 2006 wurde um ein wichtiges Kapitel ergänzt, das in den 1990er Jahren von Werner selbst bearbeitet wurde. Es enthält ein Gespräch des Journalisten Rudolf Hempel mit Werners drei Kindern, das Einblicke in die Auswirkungen von Werners Leben als Spionin auf ihre Familie gibt.

Ein besonders eindrucksvoller Aspekt des Buches ist der Einblick, wie verblendet ein Mensch werden kann, dass dieser bereit ist, unschuldige Menschen ohne jegliche Gewissensbisse in Gefahr zu bringen oder gar zu töten. Ihr Leben war geprägt von Lügen und einem ständigen Versteckspiel, was nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Familie stark belastete. Die Kinder wurden von Land zu Land geschleppt, immer wieder in Internate gesteckt und ständig belogen.

Insgesamt ist "Sonjas Rapport" ein interessantes historisches Dokument, das zeigt, wie grausam und unmenschlich man sich entwickeln kann, wenn man naiv und blind einem Dogma - sei es politischer oder religiöser Natur - folgt.

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