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Veröffentlicht am 11.11.2017

Dieser Roman ist sehr speziell, er fesselt, erschüttert und berührt gleichermaßen mit seiner ernsten Thematik.

Heute leben wir
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"Dieses Kind flösste ihm eine Kraft ein, eine Lebensenergie, eine neue Lust aufs Dasein, die ihn mitrissen und stärker beherrschten als alles, was er bis dahin für die Antriebskräfte seiner Existenz gehalten ...

"Dieses Kind flösste ihm eine Kraft ein, eine Lebensenergie, eine neue Lust aufs Dasein, die ihn mitrissen und stärker beherrschten als alles, was er bis dahin für die Antriebskräfte seiner Existenz gehalten hat..." Zitat Seite 225



Dieser Roman hat mich sehr gefordert, es ist die ernste Kriegsthematik, die Judenverfolgung und all das Leid der Kriegszeit, die hier das dramatische Hintergrundszenario ausmacht. Kein einfaches Thema und so musste ich mich regelrecht überwinden, den Roman zu lesen.



Es geht um den SS-Offizier Matthias und seine Begleitung Reneé, die ein elternloses jüdisches Kind von circa 6-7 Jahren ist. Beide sind im Grunde auf der Flucht und eine innere Verbundenheit schweißt sie zusammen. Es ist ein starkes Band zwischen den Beiden, das man sich kaum erklären kann. Vielleicht fühlt sich Matthias durch das Kind gebraucht und emotional angerührt, sie sucht wahrscheinlich einen Vaterersatz, eine Bezugsperson und einen Menschen, der ihr nahe steht.

Man erfährt, dass Matthias die Judenvernichtung und den Rassenidealismus ablehnt, aber als Soldat ohne Skrupel töten kann. Wie weit er dem Nazi-Regime anhängt, bleibt irgendwie ungewiss. Er scheint sich irgendwie vom Nationalsozialismus zu distanzieren, aber als Soldat handelt er im Sinne seiner Auftraggeber, ohne sich Gedanken über die Folgen zu machen. Das finde ich sehr widersprüchlich.

Als er Reneé trifft, rührt sie sein Herz. Matthias ist kein Sympathieträger und dadurch eine interessante Figur und Reneé hat etwas an sich, was man sich nicht erklären kann. Eine unschuldige Seele, die lebensklug ist und sich Matthias ohne Abscheu anschliesst.


Die Autorin zeigt die Grausamkeit des Krieges und gleichzeitig die anrührende Kraft, die von einem Kind ausgeht. Das macht dieses Buch zu etwas Besonderem, es entsteht eine fesselnde Odyssee, die Gefühle offenlegt, berührt und mich tief bewegt. Dennoch fehlt mir etwas mehr Klarheit in den Charakteren.



Was mir am Roman gut gefällt, ist die Tatsache, das die ernste Thematik von Krieg, Verfolgung und Verbrechen ohne wertende Kritik geschildert wird. Alle Gräueltaten werden fast nüchtern betrachtet gezeigt, auch wenn sie mich erschüttern.

Deutlich wird aber auch, wie hier manche Menschen den Mut aufbringen, anderen in Not zu helfen und sie den Verfolgern zu entziehen. Dieser Aspekt ist für mich die wichtigste Aussage des Romans und die Hoffnung auf das Gute im Menschen bleibt dadurch bestehen.



Dieser Roman ist sehr speziell, er fesselt, erschüttert und berührt gleichermaßen mit seiner ernsten Thematik.

Veröffentlicht am 09.11.2017

Ein sehr bewegender, atmospärisch dichter Roman

Das Licht der Insel
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Jean E. Pendziwol führt uns das Leben der Zwillinge Elizabeth und Emily vor Augen. Erst die Rückblicke durch die alten Logbucheinträge erhellen die wahren Vorgänge auf der abgeschiedenen Insel.

Wir erleben ...

Jean E. Pendziwol führt uns das Leben der Zwillinge Elizabeth und Emily vor Augen. Erst die Rückblicke durch die alten Logbucheinträge erhellen die wahren Vorgänge auf der abgeschiedenen Insel.

Wir erleben die schwierigen Lebensbedingungen dieser Familie auf der von der Aussenwelt abgeschnittenen Insel mit, sehen das alltägliche Leben und die enge Verbundenheit der Schwestern und erkennen, dass Emily in ihrer eigenen Welt lebt, nicht redet, aber ein unglaubliches Talent zum Zeichnen hat. Ihre Schwester Elizabeth ist diejenige, die für beide spricht. Aber trotz aller Erklärungen zeichnet sich ab, dass hier Geheimnisse verborgen liegen, die Elizabeth auch im hohen Lebensalter noch nicht gelöst hat. Die Logbücher sind der Schlüssel zur Wahrheit.


Dieser Roman spielt am Lake Superior in Kanada und die Autorin zeigt den Leuchtturm von Porphyry und die einzigartige Landschaft der Insel in all seiner Vielfalt und Schönheit. Sie beschreibt die schwierigen, eisigen Winter und den herrlichen Blick auf den riesigen See. Dabei setzt sie viel Atmosphäre frei, die sie durch ihren malerischen Schreibstil noch wunderschön in Szene setzt.


Man kann sich die Einsamkeit gut vorstellen, die dunklen, eisigen Winter, die von Stürmen aufgepeitschte Gischt des Sees und die Nebelbänke, die der Gegend einen mystischen Touch verleihen. Selbstversorger sind die Bewohner und Betreiber des Leuchtfeuers. Auf sich allein gestellt und mit einfachen Lebensbedingungen ausgestattet. Und dennoch sind die Kinder glücklich, sie geniessen die Gemeinsamkeit, die gerade Zwillinge ausmacht.


Die Geschichte enthüllt Teile der Vergangenheit, die sehr zu Herzen gehen. Dabei sind mir die Charaktere ans Herz gewachsen, ich habe mit ihnen die Insel durchstreift und ihre Erlebnisse mit erlitten. Dieses Buch zieht den Leser unweigerlich in seinen Bann, es ist dramatisch und von unglaublicher Atmosphäre, fesselnd und wunderschön, fast poetisch erzählt.



Trotz aller Begeisterung muss ich jedoch anmerken, hier gibt es Zufälle, die ich in solchen Geschichten eigentlich nicht leiden kann. Auch habe ich nicht verstanden, weshalb es Jahrzehnte keinen Kontakt mit Charles gab.


Dieser Roman übt eine ganz besondere Faszination auf den Leser aus. Man muss sich einfach davon begeistern lassen, die unglaubliche Schreibkraft der Autorin sorgt für ein wunderbares Leseerlebnis.

Veröffentlicht am 08.11.2017

Wie schön und erfüllend eine späte Liebe sein kann, erfährt man in diesem Roman!

Unsere Seelen bei Nacht
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"Ich fürchte, wir werden die ganze Nacht so getrennt liegen. Dann schicke ich dir ein paar warme Gedanken. Aber keine zu anzüglichen. Sie könnten meinen Schlaf stören. Das weiß man nie." Zitat S. 87

Dieses ...

"Ich fürchte, wir werden die ganze Nacht so getrennt liegen. Dann schicke ich dir ein paar warme Gedanken. Aber keine zu anzüglichen. Sie könnten meinen Schlaf stören. Das weiß man nie." Zitat S. 87

Dieses Buch erzählt die späte Liebesgeschichte des verwitweten Louis und seiner verwitweten Nachbarin Addie. Beide sind verwitwet, leben seit Jahren Haus an Haus in Holt und kennen sich dennoch sehr wenig. Solange bis Addie Moore bei Louis Waters klingelte, um ihm ein Angebot zu machen.
Sie fühlt sich in der Nacht häufig allein und möchte das ändern. Dabei geht es ihr nicht um Sex, sondern nur um Gesellschaft und den Wunsch, ihrer Einsamkeit zu entrinnen.
Louis mag Addie und so verbringen sie die Nächte nebeneinander in Addies Bett, während sie sich unterhalten und über ihr Leben, ihre Fehler und Schicksalsschläge berichten. Aber auch tagsüber unternehmen sie gemeinsam etwas, immer missgünstig beäugt von anderen Menschen, die ihre Beziehung intolerant kritisch sehen.

Die Protagonisten wirken sehr authentisch, dabei sehr ruhig und harmonisch und absolut lebenserfahren. Man merkt, wie die gemeinsame Nähe ihnen wieder mehr Lebensfreude und Energie in ihren Alltag bringt. Dabei scheren sie sich nicht um die Gedanken anderer, sie trotzen den üblichen Konventionen. Es ist ihnen egal, was andere von ihnen denken.
in diese Situation hinein bekommt Addie Besuch von ihrem Enkel Jamie. Dieser bereichert das Leben der alten Leute und auch sie können ihm viel von sich geben. Sie werden fast wie eine kleine Familie. Es entwickelt sich ein Glücksgefühl, das auf den Leser übergeht.

Man muss das Glück ins Leben lassen, sich auf Abenteuer einlassen, um selbst glücklich werden zu können.

Der Schreibstil von Kent Haruf ist sehr einfach und schlicht, er beschreibt lediglich die wesentlichen Dinge. Alles wird in direkter Rede erzählt, es kommen jedoch keine Emotionen oder Gefühle zum tragen. Dennoch bringt das Buch seine Aussage ganz klar zum Ausdruck.
Ich hätte mir mehr Selbstreflexion von Addie und Louis gewünscht. Da dieses Buch verfilmt wird, liegt es an den Schauspielern, ob oder wie sie Emotionen sichtbar machen.

Dieses Buch liest sich gut, es polarisiert, indem es das Zusammensein älterer Menschen zeigt. Aber Einsamkeit macht krank, deswegen berührt mich dieses Buch in besonderer Weise.

Veröffentlicht am 08.11.2017

Ein zauberhafter Sommerroman mit französischem Flair verbindet Generationenkonflikte und Familiengeheimnis miteinander.

Mein Sommer mit Mémé
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"Vielleicht besteht eines ihrer größten Geheimnisse darin, die Niederlagen genauso anzunehmen wie die Triumphe und sich wie ein Kind zu freuen, wenn es anders kommt als geplant." Zitat Seite 302

Liebe ...

"Vielleicht besteht eines ihrer größten Geheimnisse darin, die Niederlagen genauso anzunehmen wie die Triumphe und sich wie ein Kind zu freuen, wenn es anders kommt als geplant." Zitat Seite 302

Liebe ist oder sie ist nicht! Dazwischen gibt es nichts! Zitat Seite 237

Man kann diesen Roman nicht mit einem Schlagwort beschreiben, zu viele verschiedene Schwerpunkte sind darin enthalten. Hier gibt es alles von Liebesroman und Familienzwist bis hin zu alten verborgenen Geheimnissen und Erziehungsproblemen.

Die resolute alte Dame des Schlösschens, Mémé, lädt ihre Familie anlässlich ihrer Geburtstagsfeier zu einem dreiwöchigen Sommerurlaub ins Burgund ein. Die Familie soll wie früher dort den Sommer verbringen, aber auch gleichzeitig das Haus renovieren, in dem über 20 Jahre lang der nun verstorbene Cousin Valentin wohnte...
Einige Verwandte machen sich nun Hoffnung auf ein Erbe und reisen an, im Gepäck kleine und große Probleme, die schnell zum Thema für Familienstreit werden.

Mémé ist noch recht mobil, ein echter Genußmensch mit französischer Lebensart und ziemlich bestimmend. Vor vielen Jahren heiratete sie einen Deutschen, was der französischen Familie nicht recht war.
Zur Ich-Erzählerin Paula treffen auch Claire, ihre Mutter, Marcel, ihr Bruder mit Frau Helen und Tochter Meike ein. Die Familie muss sich erst einmal zusammenraufen und der Aufenthalt hat für jeden von ihnen verändernde Folgen.
Es gibt einen strikten Kochplan, den Mémé festlegt und zum Essen wird die Anwesenheit aller erwartet. Aber auch das Vorhaben der Renovierung wird nach einem festen Plan abgearbeitet. Dabei hatte Paula eigentlich einen Liebesurlaub mit Jakob vor. Doch die enge Verbundenheit zu ihrer Großmutter kann sie sich nicht erwehren. Aber auch die anderen Familienmitglieder tragen so ihre Nöte und Sorgen mit sich, die nach und nach zum Vorschein kommen.
Als dann ein vermeintlicher Nachfahre Valentins auftaucht, fangen zudem die erbschaftlichen Probleme an.

Bei diesem Roman hat mich neben dem zwar einfachen, aber ganz zauberhaften Schreibstil der Autorin die Beschreibung der Landschaft des Burgund mit seinen Weingütern gefangen genommen. Man erlebt in diesem Buch die französische Koch- und Esskultur nebst Weinkunde und Digestifs und man erliegt dem Zauber des Savoir-vivre. Urlaub wie Gott in Frankreich.
Aber auch die Entwicklung der Charaktere ist der Autorin richtig gut gelungen.
Jeder Charakter bekommt fühlbar lebensecht einen eigenen Ausdruck mit Persönlichkeit und man hat dadurch jede Figur deutlich vor Augen.
Es gibt viele emotionale Szenen, dann welche mit Witz und andere, die einfach nur authentisch eine Familie aufzeigen. Ein Roman, der wie aus dem Leben gegriffen scheint und über dem die Sonne Burgunds scheint.

Am Ende finden alle als Familie zusammen und lösen gemeinsam die verschiedenen Widrigkeiten des Lebens.

Dieser Roman bringt sommerliche Stimmung auf, unterhält mit Familienproblemen und macht einfach glücklich.

Veröffentlicht am 08.11.2017

Spannender Auftakt einer Italien-Krimireihe mit einem interessanten Ermittlerduo

Lichtertod
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Der bizarre Mord an einem Unbekannten bringt das sympathische Kommissarinnenduo Patrizia Vespa/ Cristina D'Avossa in eine schwierige Ermittlung. Wer ist so krank und hängt den Kopf eines Toten in eine ...

Der bizarre Mord an einem Unbekannten bringt das sympathische Kommissarinnenduo Patrizia Vespa/ Cristina D'Avossa in eine schwierige Ermittlung. Wer ist so krank und hängt den Kopf eines Toten in eine Weihnachtsbeleuchtung?

Die Ermittlerinnen sind grundverschieden, sie haben so ihre kleinen Macken und Besonderheiten und ergänzen sich als Team perfekt.
Als die nächste Leiche gefunden wird, sind sie zunächst ratlos. Sie brauchen einige Zeit, um sich dem Serienmörder und seiner Gedankenwelt annähern zu können. Auch als Leser wird man bis zum Schluss um Unklaren gehalten, wer hinter dieser Sache steckt und welche Prinzipien und Motive ihn antreiben. Es gibt einige überraschende Wendungen, die nicht nur den Leser hinters Licht führen. Im Endeffekt gibt es eine schlüssige Erklärung, die man sich so nicht vorstellen konnte. Der Täter hat nach einem speziellen Raster nicht nur persönlich Rache üben wollen, sondern sich auch durch sein psychologisch krankes Inneres treiben lassen und einen perfiden Mordplan entwickelt.

Die Charakterdarstellung zeigt bei den Polizisten typische Süditaliener, die mit Temperament, aber auch mal mit lässiger Nachlässigkeit ermitteln. Kleine Fehler passieren, es geht aber dennoch alles seinen geregelten Gang. Man merkt, wie sich die Kommissarinnen als Frauen ganz anders behaupten müssen, als ihre männlichen Kollegen. Noch scheinen sich weibliche Führungspositionen in Italien nicht überall etabliert zu haben.

Die weihnachtliche Festbeleuchtung in Salerno strahlt festliche Vorfreude aus und lockt damit viele Menschen wie ein Magnet an.
Man bekommt dank einiger Gerichte, die die Kommissarinnen zu sich nehmen, ein Gefühl von italienischer Küche und auch die typischen italienischen Namen verleihen Atmosphäre.

Die Autorin versteht es gekonnt, nebenbei auch die Geschichte Salernos und seine mittelalterliche medizinische Schule und die dazugehörige Temperamentenlehre in den Krimi einzubinden. Diese Themen sind für die Mordserie ziemlich entscheidend, man erkennt diese Verbindung aber auf Anhieb und ohne Erklärung nicht so einfach.

Auch wenn ich der Handlung gut folgen konnte, machten sich zwischendurch immer mal wieder einige Längen breit, die mich nicht total gefesselt haben.

Aber der psychologische Aspekt, das Profiling des Täters und die vielen möglichen Tatverdächtigen liessen mich doch gespannt am Krimi festhalten.

Ein neues sympathisches Ermittlerduo legt den Verbrechern in Süditalien ihr Handwerk. Sie sorgen dafür, dass die Lichterinstallation wieder ohne Makel vorweihnachtliche Freude verbreiten darf.