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Veröffentlicht am 08.10.2024

Ein so wichtiges Plädoyer für eine geschlechtsspezifische Medizin

Herzenssache
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Prof. Michael Becker widmet sich in „Herzenssache“ einem lebenswichtigen, längst überfälligen Thema: Der Herzgesundheit von Patientinnen unter geschlechtsspezifischen Gesichtspunkten. Er zeigt anhand der ...

Prof. Michael Becker widmet sich in „Herzenssache“ einem lebenswichtigen, längst überfälligen Thema: Der Herzgesundheit von Patientinnen unter geschlechtsspezifischen Gesichtspunkten. Er zeigt anhand der Kardiologie auf, dass bis heute Medizin im Regelfall eine an den männlichen Patienten ausgerichtete Medizin ist, ein Fakt, der dazu führt, dass Genderaspekte bei Anamnese, Diagnostik, Behandlung und Medikation vielfach nicht angemessen berücksichtigt werden. Der Gründer des Zentrums für Frauenherzen in Würselen zeigt anhand von Fallbeispielen auf, dass dies häufig zu hohem Leidensdruck und jahrelangen Ärzteodysseen führt. Nicht selten werden die Beschwerden als Hysterie oder psychisch bedingt abgetan. Dies kann im schlimmsten Fall tödlich enden.

In elf Kapiteln erläutert Prof. Michael Becker ausführlich und für medizinische Laien verständlich die Unterschiede zwischen Männerherzen und Frauenherzen und die Konsequenzen, die sich hieraus in der Behandlung ergeben müssen. Dabei geht er auch auf geschlechterspezifische Medikation und Beurteilung von Laborparametern ein.

Prof. Michael Becker gibt sich sehr viel Mühe, allgemeinverständlich zu schreiben und anschauliche Beispiele und Vergleiche anzuführen. Auch wenn ich selbst keine medizinischen Hintergrund habe, vereinfacht er mir hier manchmal fast etwas zu stark, doch ich verstehe seine Intention, wirklich jede Patientin unabhängig vom Bildungsniveau abholen zu wollen.

Sehr eindrücklich beschreibt der Autor, gegen welche Widerstände er und seine Kollegen auch unter Medizinern hierbei ankämpfen müssen, da geschlechtssensible Medizin leider noch immer von vielen abgelehnt wird. Seinem Einsatz gebührt daher großer Dank.

Ich habe in diesem Buch sehr viel Interessantes erfahren, und mir ist die Bedeutung gendersensibler medizinischer Forschung und Behandlung noch klarer geworden. Zudem fühle ich mich besser vorbereitet, sollten bei mir eines Tages Herzbeschwerden auftreten, und ich würde mit größerem Selbstbewusstsein auf eine entsprechende Diagnostik drängen.

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Veröffentlicht am 08.10.2024

lebendig erzählt, voller Hoffnung und Traurigkeit zugleich

Zwei Leben
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1971, in einem Dorf in Süddeutschland. Roberta ist froh, nach ihrer Schneiderlehre wieder auf den heimischen Hof zurückzukehren. Sie hat die körperliche Arbeit an der frischen Luft vermisst. Und doch ist ...

1971, in einem Dorf in Süddeutschland. Roberta ist froh, nach ihrer Schneiderlehre wieder auf den heimischen Hof zurückzukehren. Sie hat die körperliche Arbeit an der frischen Luft vermisst. Und doch ist da eine Sehnsucht nach etwas Neuem in ihr, nach fremden Ländern und dem was möglich wäre, gäbe es die Verpflichtungen auf dem Hof nicht. Ihre Leidenschaft sind Stoffe, sie entwirft eigene Schnitte und träumt sich in die weite Welt. Und dann verliebt sie sich in den Pfarrerssohn Wilhelm, den alten Freund aus Kindertagen. Doch welche Zukunft ist für sie beide möglich? Robertas Arbeitskraft ist auf dem Hof ganz selbstverständlich einkalkuliert, Wilhelm wird in wenigen Monaten das Dorf verlassen und studieren. Auch Wilhelms Mutter Gertrud, die Pfarrersfrau, ist an einem Wendepunkt angelangt. Aus Hamburg stammend, ist sie in dem kleinen Dorf eine Außenseiterin geblieben und in dem rückständigen, alten Pfarrhof nie heimisch geworden. Sie möchte nun endlich ihre Träume umsetzen und dem Dorf den Rücken kehren - wenn da Wilhelm nicht wäre…

So, wie Roberta beim Schneidern scheinbar unvereinbare Materialien miteinander kombiniert, feine Seide und grobes Leinen, spüren die Figuren die Gegensätze des Lebens in sich. Hier die Wurzeln und das Vertraute, das man um sich haben möchte, und dort die Sehnsucht nach dem anderen Leben, das möglich wäre. Jede Entscheidung für einen Weg ist eine Entscheidung gegen alle anderen Optionen. Und sind die Einschränkungen, die wir wahrnehmen, echte Hindernisse, oder müssten wir nur beherzter nach Wegen suchen, sie zu umgehen? Geschickt verwebt Ewald Arenz die Lebenswege von Wilhelm, Roberta und Gertrud miteinander, und nachdem die erste Hälfte der Geschichte noch etwas beschaulich wirkt, hat sie mich in der zweiten Hälfte richtig gefesselt. Ich habe mitgehofft und mitgelitten und wollte das Buch gar nicht mehr weglegen. Ich hätte am liebsten die Figuren noch über weitere 100 Seiten begleitet. Mein heimlicher Lieblingscharakter, der mit seiner leisen, aber lebensklugen Art die Dinge durchschaut, ist Robertas Opa.

Wenn man sehr genau liest, fallen einem leider ein paar zeitliche Ungereimtheiten insbesondere bezüglich der Geschichte des Großvaters auf, wo die Angaben nicht immer genau passen und sich immer mal um 1-2 Jahre verändern. Zudem wird mehrfach erwähnt, dass die Gefangenschaft aus dem Zweiten Weltkrieg bereits 40 Jahre zurückliegt, was mit 1971 nicht vereinbar ist. Auch die Aussage von Wilhelms Kumpel Wolfgang, dass der Zivildienst dreimal so lang dauere, wie der Wehrdienst, ist merkwürdig. 1971 dauerten beide Dienste genau 18 Monate. An einer weiteren Stelle passt eine Aussage Robertas nicht zu einem einige Kapitel davor geschilderten Geschehen. Das sind allerdings Kleinigkeiten.

„Zwei Leben“ ist ein sehr bewegendes, teils trauriges, aber gleichzeitig Hoffnung schenkendes Buch, lebendig und klug erzählt. Es erinnert daran, was wirklich zählt, auch wenn es oft so schwer umzusetzen ist: „…Dass nichts wichtiger ist, als richtig zu leben. Nicht halb oder versteckt oder einfach falsch.“

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Veröffentlicht am 29.09.2024

spannendes Abenteuer mit tollem Setting

Birds of Paris – Das magische Pendel
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Léa ist zwölf Jahre alt und neu in Paris. Da ihre Mutter für internationale Museen arbeitet und der Vater als Fotograf viel unterwegs ist, ist sie bereits fünfmal umgezogen und oft auf sich allein gestellt. ...

Léa ist zwölf Jahre alt und neu in Paris. Da ihre Mutter für internationale Museen arbeitet und der Vater als Fotograf viel unterwegs ist, ist sie bereits fünfmal umgezogen und oft auf sich allein gestellt. Entsprechend schwer ist es für sie, irgendwo anzukommen und Freundschaften zu schließen. Bei einer Erkundungstour durch Paris fällt Léa im Garten von Notre-Dame ein Mädchen auf, das sich mit einer Taube zu unterhalten scheint. Neugierig geht Léa dem Mädchen nach, und wird kurz darauf Zeugin einer merkwürdigen Begebenheit, die Léa zeigt, dass Paris voller geheimer Magie steckt…

„Birds of Paris“ ist eine spannende, sehr lebendig erzählte Abenteuergeschichte mit einem eher ungewöhnlichen Schauplatz. Gerade letzteres hat mich besonders gereizt, das Buch mit meinem Sohn zu lesen: Die meisten Kinderbücher spielen entweder in einer kompletten Fantasiewelt oder an britischen oder amerikanischen Orten. Paris ist eine erfrischende Abwechslung, und der Roman lädt ein, sich ein bisschen genauer mit der Stadt zu beschäftigen. Ein Teil der Handlung spielt in den Katakomben von Paris, und mein Sohn und ich haben uns daraufhin dieses Stollensystem und seine Geschichte näher angesehen.

Die Hauptfiguren im Buch sind Léa und die Straßenkinder Roux, Ari, Alex und Coralie, Erwachsene kommen lediglich am Rande vor. Der Großteil der Geschichte wird aus Léas Sicht erzählt, in einigen Kapiteln wechselt die Perspektive zu Roux. Die Charaktere, ihre Gefühle und Gedanken sind sehr schön ausgearbeitet, man kann sich sofort in sie hineinversetzen. Besonders gut gelungen ist dies bei Léa. Sie ist zunächst befangen und unsicher, als sie auf die Kinder trifft, da ihr durch die häufigen Umzüge die Übung fehlt, sich mit Gleichaltrigen anzufreunden. Man spürt richtig, wie sehr sie sich wünscht, Freunde und Freundinnen zu haben und zu einer Gruppe dazuzugehören. Gerade introvertierte junge Leser/innen werden sich in Léa sehr gut hineinversetzen können, und das Buch macht Mut, auf andere zuzugehen. Auch die Gefühle, die die Kinder bei ihrem Abenteuer durchleben - Angst, Entschlossenheit, Mut und Zuversicht durch Zusammenhalt - sind sehr einfühlsam und authentisch beschrieben. Die Straßenkinder sind wie eine Familie füreinander, sie halten fest zusammen und nehmen Léa bereitwillig in ihre Gruppe auf.

Der Kern der Handlung findet im Buch ein abgeschlossenes Ende, dennoch bleiben einige Fragen offen, und es wird klar, dass die Vergangenheit der Straßenkinder, allen voran Roux‘, noch viele Geheimnisse birgt. Das letzte Kapitel endet mit einem Cliffhanger, der uns schon neugierig und gespannt auf den nächsten Band warten lässt.

Unser einziger Kritikpunkt: Warum bekommt ein Buch einer deutschsprachigen Autorin, das in Frankreich spielt, einen englischen Titel? „Oiseaux de Paris“ wäre natürlich weniger griffig, aber warum nicht „Schimmervögel“ oder „Die Vögel von Paris“?


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Veröffentlicht am 21.09.2024

spannendes Abenteuer mit Tiefgang

Die außergewöhnlichen Abenteuer der Alice Tonks
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Alice Tonks ist 11 Jahre alt und wächst bei Ihrer Großmutter auf. Einer Familientradition folgend, kommt sie zum neuen Schuljahr auf die Pebblewood School, ein Internat an der britischen Küste. Am Willkommenstag ...

Alice Tonks ist 11 Jahre alt und wächst bei Ihrer Großmutter auf. Einer Familientradition folgend, kommt sie zum neuen Schuljahr auf die Pebblewood School, ein Internat an der britischen Küste. Am Willkommenstag findet ein Picknick am Strand statt und Alice ist genervt. Sie hasst Strand, und sie hasst die neue Schule. Als sie sich etwas abseits von den anderen niederlässt, passiert etwas Merkwürdiges: Sie wird von einer Möwe angesprochen, die ankündigt, einen wichtigen Auftrag für sie zu haben. Alice ist durcheinander – eine sprechende Möwe? Oder kann sie die Sprache der Tiere verstehen? Bald erfährt Alice von der Möwe, die sich Agent T nennt, dass immer mehr Tiere auf mysteriöse Weise verschwinden. Agent T bittet Alice um Hilfe und schärft ihr ein, niemandem zu vertrauen…

Hiermit beginnt ein spannendes Abenteuer für Alice. Neu an der Schule, beginnt sie, Freundschaften zu schließen mit ihren Mitschülern Tim und Ottie, doch kann sie den beiden vertrauen? Und was ist mit den Lehrern und dem Personal des Internats? Wer meint es ehrlich, und wer treibt ein falsches Spiel?

Alice ist Autistin, genau wie auch die Autorin Emily Kenny, die somit aus der Innensicht einer neurodiversen Person schreiben kann. Diesen Aspekt finde ich bemerkenswert, da Alice hierdurch besonders authentisch wirkt. Dennoch rückt Alice‘ Autismus nie in den Vordergrund, sondern wird eher beiläufig und unterschwellig miterzählt. Das gefällt mir ausgesprochen gut. Alice ist ein sehr sympathisches, loyales und intelligentes Mädchen, das man gerne zur Freundin hätte. Mein Sohn und ich konnten uns schnell in sie einfühlen, und ich könnte mir vorstellen, dass gerade introvertierte Kinder, die in der Klasse eher Außenseiter sind, sich in diesem Buch wiederfinden können. Auch schwierige Themen wie Mobbing und psychische Erkrankungen werden im Buch einfühlsam thematisiert, und man spürt, dass der Autorin diese am Herzen liegen.

Die Geschichte ist spannend geschrieben, mit überraschenden Wendungen, und lädt ein mitzuraten, was denn hinter dem Verschwinden der Tiere und Alice Fähigkeit, die Sprache der Tiere zu verstehen, steckt. An der einen oder anderen Stelle war für mich als Erwachsene die Logik nicht immer ganz rund, aber meinen Sohn hat es nicht gestört.
Wir würden gerne noch weitere Abenteuer mit Alice und ihren Freunden erleben und hoffen auf eine Fortsetzung!

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Veröffentlicht am 20.09.2024

eine starke Frau sucht ihren Weg

Sing, wilder Vogel, sing
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Honora ist schon früh auf sich allein gestellt. Ihre Mutter ist bei der Geburt gestorben, ihr Vater hat sie bereits als Kind verstoßen, da er überzeugt ist, dass auf ihr ein Fluch liegt. So fühlt sich ...

Honora ist schon früh auf sich allein gestellt. Ihre Mutter ist bei der Geburt gestorben, ihr Vater hat sie bereits als Kind verstoßen, da er überzeugt ist, dass auf ihr ein Fluch liegt. So fühlt sich Honora in der Natur am wohlsten, kann den Wind und die Landschaft lesen, doch die Menschen bleiben ihr fremd. Als sie den Sohn eines angesehenen Mannes heiratet, scheint sich ihr Blatt zu wenden, aber die große Hungersnot in Irland nach 1845 bringt neues Leid. Als 1849 der Hunger ihr gesamtes Dorf auslöscht und sie alles verliert, bricht sie nach Amerika auf in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Doch auch in Amerika bleibt sie fremdbestimmt und unterdrückt. Trotz aller Widrigkeiten bewahrt sich Honora ihren Freiheitsdrang und ihr „Inneres Selbst“ und gibt nicht auf…

Jacqueline O’Mahony schreibt kraftvoll und eindringlich. Ich konnte mich gut in Honora hineinversetzen und habe mit ihr mitgefühlt und mitgelitten. Sie ist eine starke, pragmatische Frau, die sich selbst treu bleibt und sich ihren starken Willen und den Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben bewahrt. Der Schluss war für mich ein kleiner Schwachpunkt, da die Handlung hier etwas vorhersehbar und zu glatt wirkt.

Besonders bewegend fand ich die Schilderung der Hungersnot in Irland, die an die Tragödie von Doolough (1847) angelehnt ist, auf welche noch heute der Doolough Valley Famine Walk zurückgeht. Sehr interessant waren in diesem Zusammenhang auch das Nachwort der Autorin und ein Interview mit ihr im Anhang.

Ein bewegendes, ermutigendes und sehr empfehlenswertes Buch!

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