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Veröffentlicht am 16.04.2025

Erzählungen

Sommerhaus, später
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Neun Erzählungen enthält dieser Band. Alle so unterschiedlich und doch ist da dieser besondere Ton, der sich durch alle Texte zieht.

Mit einem Sprung steht man mitten im Leben der Protagonist*innen und ...

Neun Erzählungen enthält dieser Band. Alle so unterschiedlich und doch ist da dieser besondere Ton, der sich durch alle Texte zieht.

Mit einem Sprung steht man mitten im Leben der Protagonist*innen und begleitet sie für eine kurze Zeit, für eine Episode. Und doch wird so viel darin erzählt, dass man sich ein Bild machen kann z.B. vom Leben des alten Mr. Tompson, der im Washington-Jefferson-Hotel sein trauriges Dasein fristet. Da ist der Taxifahrer Stein, der lange ohne festen Wohnsitz ein verfallenes altes Landhaus kauft und dessen Traum sich doch nicht erfüllt. Oder der sich im Sommer aufs Land zurückziehende Koberling, dem er selbst und seine kleine Familie genug sind und der sich von plötzlich einnistenden Bekannten belästigt fühlt - oder doch nicht?

Immer gibt es eine kleine Störung, etwas, das die Personen aus ihrem Rhythmus bringt, sei es ein Ereignis oder das Zusammentreffen mit einer anderen Person.

Ich habe die Erzählungen sehr gerne gelesen, weil sie so abwechslungsreich und so - wie soll ich sagen - fein abgestimmt sind. Zarte, oft unterdrückte Stimmungen werden eingefangen und immer bleibt Platz, um sich eigene Gedanken zu den Figuren und ihren Geschichten zu machen.

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Veröffentlicht am 17.01.2025

Geschichte im Mikrokosmos

Dunkelblum
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Dunkelblum ist eine österreichische Kleinstadt an der Grenze zu Ungarn. Idyllisch gelegen, mit einem Schlossturm und einer entzückenden, verwinkelten Altstadt. Aber dieses kleine Städtchen hat eine Vergangenheit, ...

Dunkelblum ist eine österreichische Kleinstadt an der Grenze zu Ungarn. Idyllisch gelegen, mit einem Schlossturm und einer entzückenden, verwinkelten Altstadt. Aber dieses kleine Städtchen hat eine Vergangenheit, die kollektiv unter den Teppich gekehrt wurde und dort seit Jahrzehnten plattgetreten wird. Das Jahr 1989 allerdings beginnt an diesem Teppich zu ziehen. Es wird unruhig im beschaulichen Dunkelblum, als ein Fremder kommt und Fragen stellt, die keiner hören und schon gar nicht beantworten will.

Dieser Mikrokosmos in Dunkelblum hat mich total für sich eingenommen und ich habe die Geschichte wahnsinnig gern gelesen bzw. gehört. Die Autorin entwirft eine interessante und kurzweilige Handlung, die von den Verstrickungen in der NS-Zeit bis in das Wendejahr 1989 reicht. Die zahlreichen, unglaublich lebendigen Charaktere zeigen eine Gemeinschaft, deren Mitglieder leiden, profitieren, terrorisieren, Schuld auf sich laden und vergessen. Freundschaften, Abhängigkeiten und Gewalt setzen Dynamiken in Gang, die einen ganzen Ort erfassen.

Eva Menasse hat hat einen Roman gegen das Vergessen und für das Erinnern geschrieben; Dunkelblum dient dabei als Stellvertreter. Ich finde dies ist großartig gelungen. Der Schrecken und das Grauen, die in den Zeilen stecken, werden durch den Dialekt einerseits entschärft, andererseits erscheinen sie dadurch noch ungeheuerlicher. Ich habe einen sehr großen Teil als Hörbuch gehört, von der Autorin selbst gelesen. Dies tut sie auf eine sehr ruhige, extrem angenehme Weise und vermittelt durch den Dialekt eine starke Atmosphäre.

Ich kann den Roman sehr empfehlen. Ein Ortsplan, ein umfangreiches Glossar mit Austriazismen und ein Figurenverzeichnis bereichern das Buch sehr.

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Veröffentlicht am 27.11.2024

Mein treuer alter Gefährte

Adressat unbekannt
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Zwei Männer betreiben in San Francisco eine erfolgreiche Galerie. Der Jude Max Eisenstein ist alleinstehend, geht aber in der Familie von Martin Schulse ein und aus wie ein enger Verwandter und ist jeden ...

Zwei Männer betreiben in San Francisco eine erfolgreiche Galerie. Der Jude Max Eisenstein ist alleinstehend, geht aber in der Familie von Martin Schulse ein und aus wie ein enger Verwandter und ist jeden Sonntag zum Essen eingeladen. 1932 zieht die Familie Schluse zurück nach Deutschland, die Kinder sollen dort zur Schule gehen. Wir lernen die beiden Männer ab diesem Zeitpunkt kennen, durch Briefe, die sie sich über den Atlantik schicken. Innerhalb kürzester Zeit verändert sich der Ton zwischen den einst so engen Freunden drastisch.

Auf nur 63 Seiten mit 17 Briefen und einem Telegramm über einen Zeitraum von Mitte November 1932 bis Anfang März 1934 wird eine Geschichte erzählt, die zeigt, wie die um sich greifende NS-Gesinnung wirkte. "Du findest ein demokratisches Deutschland vor, ein Land mit einer tief verwurzelten Kultur, in dem der Geist einer wunderbaren politischen Freiheit aufzublühen beginnt." (S. 8) Diese Annahme findet Max bereits nach wenigen Briefen widerlegt. Wie sich die Geschichte bis zu ihrem überraschenden Schluss entwickelt, ist spannend und erschütternd zugleich zu lesen. Ein unglaublich treffender Titel, der noch besser zeigt, um was es hier geht, als der Originaltitel (Address unknown), den hier geht es um die Menschen hinter der Adresse.

Ein beeindruckendes Zeitdokument, denn die Erstveröffentlichung erschien 1938. Ein schmales Büchlein, das man sich als Schullektüre wünscht. Unbedingte Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 29.10.2024

Farbenprächtige Einblicke

Das Leben ist ein Fest
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Dieser Roman über Frida Kahlo hat mir sehr gut gefallen. Er konzentriert sich auf die Jahre mit Diego Rivera, die geprägt sind von extremer Anziehung, körperlichen Schmerzen und seelischen Verletzungen, ...

Dieser Roman über Frida Kahlo hat mir sehr gut gefallen. Er konzentriert sich auf die Jahre mit Diego Rivera, die geprägt sind von extremer Anziehung, körperlichen Schmerzen und seelischen Verletzungen, Affären, Schaffenskraft und Lebensfreude. Mit 18 Jahren wird Frida das Opfer eines schrecklichen Busunglücks und leidet von nun an unter schrecklichen Schmerzen. Aber das Gefesseltsein ans Bett läßt sie zum Pinsel greifen und begründet ihre Karriere als Künstlerin. Wenige Jahre später trifft sie auf den bereits weltbekannten Künstler Rivera, die beiden heiraten. Frida ist 22, ihr Mann über 20 Jahre älter. Ihre turbulente Beziehung ist ein Auf und Ab der Gefühle.


Jedes Kapitel ist mit einer Farbe betitelt, die entweder als solche im Text auftaucht oder eine Stimmung aufgreift. Es geht von blau über rot zu gelb und endet in wenigen Nuancen von schwarz. Ist wirklich schön gemacht. Immer wieder werden auch Bilder von Frida beschrieben, die sie in bestimmten Situationen gemalt hat. Ich habe diese dann auch gleich gegoogelt, das war sehr interessant und aufschlussreich.


Insgesamt erfährt man viel über die zahlreichen Bekanntschaften und Beziehungen der beiden, über die Verstrickung mit Politik und Gesellschaft und die Familie Fridas. Die farbigen Kapitel sind recht kurz, so dass man das Buch sehr rasch gelesen hat. Das Titelbild passt wunderbar zu diesem farbenprächtigen Roman über diese ganz besondere mexikanische Künstlerin. Ich kann es nur empfehlen.

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Veröffentlicht am 28.09.2024

Zerreißprobe

Herz auf Eis
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Was für ein Ritt, das Buch hat mich noch lange beschäftigt.

Bereits auf Seite 19 tritt ein, womit der Klappentext neugierig macht: Ein junges Paar auf Weltumsegelung strandet auf einer unbewohnten Insel. ...

Was für ein Ritt, das Buch hat mich noch lange beschäftigt.

Bereits auf Seite 19 tritt ein, womit der Klappentext neugierig macht: Ein junges Paar auf Weltumsegelung strandet auf einer unbewohnten Insel. Was sich auf den ersten Blick wie eine moderne Robinsonade anhört, vielleicht noch mit romantischen Elementen, ist von Anfang an das genaue Gegenteil. Den beiden steht ein existenzieller Kampf ums nackte Überleben bevor.

Die Autorin Isabelle Autissier weiß genau, wovon sie schreibt. 1991umsegelte sie allein als erste Frau die Welt.

Obwohl die Handlung nur in kleinen Teilen auf dem Boot spielt, ist das Meer natürlich immer präsent und fungiert gemeinsam mit dem Wetter und der Insel als Gegenspieler. Im Zentrum stehen die beiden Protagonisten und ihre Entwicklung unter diesen extremen Bedingungen. Besonders Louise, die zu dieser Reise erst von ihrem Mann überredet werden musste, gewährt uns intensive Einblicke in ihr Innenleben. Die Charaktere werden nach und nach entblättert.

Ich habe das Buch nahezu atemlos an einem Tag gelesen. Die ersten 150 Seiten habe ich als unglaublich spannend empfunden, dann kam ein Bruch, der die Geschichte auf eine andere Art weiterführt und ich wollte dennoch wissen, wie sie sich auflöst. Der Schreibstil ist eher nüchtern, brutal ehrlich und zieht die Leser:innen doch tief in die Geschichte und die Gefühlswelt des Paares hinein.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Ich weiß aber nicht, wie es mir im nächsten Jahr damit gehen wird, wenn die Segelsaison wieder beginnt.

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