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Veröffentlicht am 14.10.2024

Subtile Machtspiele

Das Institut
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Thyl Osterholz hat sein Biologiestudium hinter sich und ist unschlüssig, was er als nächstes machen soll. Er bewirbt sich für einen Aushilfsjob am Institut für Soziales. Der Institutsleiter Lavetz sieht ...

Thyl Osterholz hat sein Biologiestudium hinter sich und ist unschlüssig, was er als nächstes machen soll. Er bewirbt sich für einen Aushilfsjob am Institut für Soziales. Der Institutsleiter Lavetz sieht vor, dass Thyl eine kleine Aufgabe in Seymours Abteilung übernimmt. Thyl wird markierte Zeitungsartikel in fünf Stichworten in vorgedruckten Formularen zusammenfassen. Ein Computer ermittelt dann, welche gesellschaftspolitischen Diskussionen wichtig werden.

Schon nach kurzer Zeit soll Thyl die Tagung zum Thema Fettsucht organisieren und gezielt Fachleute zu bestimmten Fragestellungen hinzuziehen. Inwiefern beeinflusst die Convenience Food Industrie Übergewicht und inwieweit profitieren Pharmaindustrien von den Adipositas begleitenden Krankheiten wie Herz-Kreislauf und Diabetes?

Seine Lebensgefährtin Isabelle versteht Thyl nicht, warum er sich keine richtige Arbeit wie eine Dozententätigkeit sucht. Wie so oft fühlt Thyl sich bevormundet. Sie treffen sich regelmäßig zum Abendessen bei seinem besten Freund Serge und dessen Frau Fania. Serges Vater hatte damals Thyls Vater, der Direktor der örtlichen Keramik Manufaktur gewesen war, vom Thron gestoßen. Sie mussten aus der Villa ausziehen und das Feld den Martons überlassen. Sie hatten sich aus den Augen verloren und waren später doch wieder aufeinandergetroffen, um die alte Freundschaft erneut zu besiegeln.

Dem Institut war klar, dass der Ölschock von 1973 allen hochrangigen Geschäftsmännern noch in den Knochen saß. Die ölproduzierenden Länder drosselten die Gewinnung, das Wachstum sank um 6,9 % und es folgten Depression, Deflation, Krise und Zerfall.

Fazit: Christian Haller hat eine klug durchdachte Geschichte geschaffen. Sein Protagonist rutscht immer tiefer in die Machenschaften des Instituts hinein. Zuerst fühlt er sich hofiert, weil ihm Verantwortung übertragen wird, doch dann merkt er, dass er benutzt wird. Es geht um den Austausch von Mitwissenden, um die Manipulation der Gesellschaft und den Erwerb von Spendengeldern durch hochrangige Industrielobbyisten. Die Geschichte liest sich spannend wie ein Krimi. Ich habe mich gut unterhalten gefühlt.

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Veröffentlicht am 14.10.2024

Feminismus in Prosa lesenwert

Verdammt wütend
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Britt ist dreiundvierzig, Mutter der achtjährigen Elise und Ehefrau. Ihre eigene Mutter ging, als sie zwölf war, verschwand einfach während sie in der Schule saß und hinterließ in Britt eine große Menge ...

Britt ist dreiundvierzig, Mutter der achtjährigen Elise und Ehefrau. Ihre eigene Mutter ging, als sie zwölf war, verschwand einfach während sie in der Schule saß und hinterließ in Britt eine große Menge Wut. Die Mutter war oft traurig, rauchte dann Kette und sah aus dem Fenster. In den Anfangsjahren ihrer Eltern hörte Britt die beiden noch oft miteinander lachen, doch dann schlich sich Resignation ins Haus.

Britt hielt sich an alle Regeln. Sie war nett, machte ihre Hausaufgaben, fehlte nie in der Schule. Sie orientierte sich an Mitschülern, versuchte sie nachzuahmen. Als Daniel, den ihre Mitschüler cool fanden mit Emilie schlief, nannten alle Emelie Hure, Daniel blieb der coole und Britt war wütend. Die Aussagen „Stell dich nicht so an, reiß dich zusammen“ machten sie wütend, aber dann riss sie sich zusammen und stellte sich nicht so an. Ihr Vater dagegen

Er war nicht besonders wütend. Nachdem Mama weg war, hatte er eigentlich aufgehört irgendetwas zu sein, er war einfach nur da. S. 25

Ihr Mann Espen war humorvoll. Unbeschwert, wenn sie schwer war, sorglos und frei. Sie war mal in ihn verliebt, weiß aber nicht mehr, wie es sich angefühlt hat. Jetzt daddelt er die meiste Zeit auf seinem Handy oder er verbringt Abende mit seinen Freunden und kommt spät nach Hause, schleicht sich ins Bett und riecht nach Alkohol, während Britt vorgibt zu schlafen.

Einer von Espens Freunden ist die selbstbewusste Niko. Wenn sie ihren Bedürfnissen Ausdruck verleiht, bittet sie einfach. Britt hasst sie dafür, gleichzeitig bewundert sie sie still.

Fazit: Linn Strømsborg hat eine Protagonistin geschaffen, die stereotyp als Mädchen erzogen wurde und sich typisch weibliche Eigenschaften angeeignet hat mit dem Ziel, allen zu gefallen und jedem gerecht zu werden. Statt ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, hat sie die anderer befriedigt. Sie lebt in einer Beziehung, in der nichts schön oder leicht ist, weicht Konflikten aus und funktioniert. Wenn sie etwas für sich einfordert, wird sie nicht ernst genommen und übergangen. Sie hat ein großes Kontrollbedürfnis und malt sich schlimmste Szenarien aus, die ihr zusätzlich schlechte Laune bereiten. Wer wäre da nicht stinkwütend? Die Autorin bringt eine Kontrahentin ins Spiel, eine Frau, wie Britt sie zuvor nicht erlebt hat. Mit ihr kommt sie in den Genuss von Integrität und Veränderung. Ich fand die Erzählart einer Icherzählerin, die wie ein allwissender Erzähler in die Köpfe der anderen Darsteller schaut ungewöhnlich und auch ein bisschen verwirrend. Grundsäzlich aber mochte ich die Stimmfarbe der Autorin und mir gefällt das Thema Feminismus in Prosa zu verpacken. Eine gelungene Geschichte, die ich gerne gelesen habe.

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Veröffentlicht am 07.10.2024

Berührende Geschichte

Und morgen wieder schön
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Nachdem Amandas Vater ihre Mutter verlassen hat, versucht die zu überleben. Sie führt ihren kleinen Friseursalon in der deutschen Provinz mit fester Hand. Ihre beiden Töchter sollen sie dabei unterstützen, ...

Nachdem Amandas Vater ihre Mutter verlassen hat, versucht die zu überleben. Sie führt ihren kleinen Friseursalon in der deutschen Provinz mit fester Hand. Ihre beiden Töchter sollen sie dabei unterstützen, doch für Amandas Ambitionen sind die Wasserstoffperoxidblondierungen und Dauerwellen der älteren Kundinnen nicht genug. Sie stielt ihrer Mutter etwas Geld und macht sich auf den Weg in die Stadt der Liebe, der Mode und des Stardesigners Karl Lagerfeld.

Amanda hat seit jeher fleißig Skizzen ihrer Frisuren angefertigt und in einem Buch gesammelt, damit will sie den Modezar überzeugen. Sie besucht die Museen mit den schönsten Barockmalereien und träumt von ihrem Leben als gefragte Hairstylistin. In einer Pension hat sie von dem Geld ihrer Mutter ein kleines Zimmer gemietet. Doch als die Concierge herausfindet, dass Amanda minderjährig ist, fliegt sie raus.

Niedergeschlagen lungert Amanda am Seineufer herum und beobachtet die Frauen, die sich Geld zustecken lassen und mit fremden Männern Tango tanzen. Sie alle träumen von einer Tanzkarriere im Moulin-Rouge erfährt sie von Cathérine, die aus Köln stammt und ihre beste Freundin wird.

Vor dem Lagerfeldatelier Cloé wartet Amanda auf eine günstige Gelegenheit zum Vorsprechen, doch als sie es endlich schafft, ist Lagerfeld wenig begeistert von der Idee, sie auszubilden und schickt sie zu dem Pariser Star des Frisurenhimmels.

Fazit: Ich muss gestehen, dass ich der Autorin gegenüber voreingenommen war, aber Marie Sand hat mich mit ihrer soliden Geschichte über Amanda von ihrer Schreibkunst überzeugt. Sie schreibt unter anderem über Paris von 1968-1972. Ihre Protagonistin beißt sich mit ihrem feinen und bodenständigen Charakter durch. Ihre Feinde sind die Arroganz der Unerreichbaren und die Alkoholabhängigkeit ihres Vorgesetzten. Nach hartem Kampf in der Unsichtbarkeit ergreift sie günstige Fügungen. Ihr Umfeld lehrt sie nicht nur fügsam zu sein, sondern auch, dass ein Wunsch sich bei genauer Betrachtung nicht mehr so erstrebenswert darstellt. Die Geschichte frei von Phrasen, ist sehr berührend, Amandas Weg bewundernswert. Das habe ich sehr gerne gelesen.

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Veröffentlicht am 04.10.2024

Erfrischend anders

Munk
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Es war noch kein Jahr her, seit Nadja die Beziehung zu Peter Munk beendet hatte, nicht nur weil sie ihn mit einem Percussionisten betrug. Da glaubt er sie in einem Kaufhaus in Zürich zu sehen. Munk kann ...

Es war noch kein Jahr her, seit Nadja die Beziehung zu Peter Munk beendet hatte, nicht nur weil sie ihn mit einem Percussionisten betrug. Da glaubt er sie in einem Kaufhaus in Zürich zu sehen. Munk kann sich nicht entschließen, ob er ihr hinterherspionieren und sie anglotzen, ansprechen oder das Weite suchen soll. Sein Körper übernimmt und entscheidet sich für einen Zusammenbruch auf der Rolltreppe, die ihn in die dritte Etage fahren sollte. Herzinfarkt.

Im Krankenhaus legt man Munk einen Bypass. Die Mediziner können sich die Verengung seiner Herzkranzgefäße nicht erklären. Zwar ist er mit einundfünfzig im besten Alter, doch Munk hat kaum schlechte Angewohnheiten, sogar Zucker und Transfette meidet er. Er entwickelt eine ihm unbekannte Sensibilität für die vom Personal erbrachten Dienstleistungen, wie das Aufschütteln der Kissen. Seine fragile Lebendigkeit rührt ihn zu Tränen. Er weiß nicht, wen er anrufen kann, um von dem ihn ereilten Schicksalsschlag zu erzählen, denn Munk ist mutterseelenallein.

Die anschließende Reha in einem Fünf-Sterne-Resort mit Spa, Pool und angrenzender medizinischer Einrichtung will er nutzen, um bei langen Spaziergängen im Schwarzwald in sich hinein zu horchen. Sein Therapeut, vor dem er Angst hat, sich zu entblößen, rät ihm, sein bisheriges Leben zu analysieren, herauszufinden, welche Menschen ihn am meisten geprägt haben. Und so erstellt Munk eine Liste mit den dreizehn ihm am wichtigsten erscheinenden Frauennamen.

Fazit: Jan Weiler hat einen weißen, binären, privilegierten Protagonisten Anfang fünfzig erschaffen. Das kurze Innehalten seiner Lebenszeit bringt ihn ins Grübeln. Er erinnert die zumeist kurzen erfreulichen Momente seiner Beziehungen und seziert die Gründe für deren Scheitern. Gerne hat er sich ohne nachzudenken in die Liebelei gestürzt, sich von der Energie und Leichtigkeit der Frauen anstecken lassen. Um dann daran zu scheitern, dass er sich nicht wirklich auf den anderen Menschen einließ. Die Beziehung zu seinem Vater, den er wegen seiner Bigotterie leidenschaftlich hasst, ist schwierig und doch erkennt er sich in dem Verhalten des Patriarchs wieder. Zuerst mochte ich die Geschichte sehr, die bissige Ironie und die Kunst der Situationskomik hat Jan Weiler einfach drauf und erinnert an andere männliche Autoren der Gegenwartsliteratur. Als ich über die Hälfte des Buches gelesen hatte, bekam ich folgenden Ohrwurm:

Ich liebte ein Mädchen in Lichtenfelde. Die lebte zu lange von meinem Gelde. Ich liebte ein Mädchen in Tempelhof. Die war sehr lieb, doch bisschen doof. Von Ingo Insterburg

Obwohl ich die Beziehungen und sein Scheitern daran interessant fand, endete die Vielzahl für mich in einer Litanei. Die weiblichen Charaktere sind mir etwas blass geblieben, was sicher an der Vielzahl der Darstellerinnen lag. Selbst der Charakter des Munk blieb spärlich, weil ihm die Frauen irgendwie zustießen und er eher teilnahmslos in die Beziehungen hineinschlitterte.

Wenn ich jedoch meine Einwände außer Acht lasse, hat mich dieses Buch besser unterhalten als viele andere. Also lesenswert und erfrischend anders.

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Veröffentlicht am 01.10.2024

Eine lesenswerte Geschichte über Jugendliche

Pink Elephant
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Vincent lebt mit seinen Eltern in dem Einfamilienhaus in der Neubausiedlung. Sein Vater ist Gastroenterologe, seine Mutter unterstützt einen Kommunalpolitiker, der Vincent nicht abgeht. Sein Leben wäre ...

Vincent lebt mit seinen Eltern in dem Einfamilienhaus in der Neubausiedlung. Sein Vater ist Gastroenterologe, seine Mutter unterstützt einen Kommunalpolitiker, der Vincent nicht abgeht. Sein Leben wäre durchschnittlich weitergelaufen, wenn nicht der Tag gewesen wäre, als Ali und Tarek ihn anrempelten, ihn Bleichgesicht und Mayonnaise nannten. Am Ende findet Vince sich mit blutender Nase auf der Polizeiwache wieder, wo er eine Aussage macht, die in einer Strafanzeige mündet, die er gar nicht stellen wollte. Seine Eltern holen ihn ab, Ali und Tarek müssen etwas länger bleiben.

Zuhause angekommen, klingelt das Telefon, Vince nimmt ab und hört die Stimme eines Mannes, die ihm sagt, er sei Tareks Vater und dass sein Sohn Vince nicht mehr schlagen werde und wenn doch, solle er ihn anrufen. Er diktiert Vince seine Nummer. Vince richtet, wie verlangt die Grüße an seine Eltern aus. Sein Vater schnaubt:

So einfach kommen mir die kleinen Paschas nicht davon. S. 39

Alis Vater ist in Holland, was egal ist, denn der ist abgehauen, als Ali drei war. Seiner Mutter kann er nicht beichten, was ihm jeden Tag passiert, weil sie daran zerbrechen würde, also macht Ali, der eigentlich Alexander heißt, weil er nur ein halber Araber ist, das mit sich aus.

Tarek ist ein hundert Prozent Araber und kommt aus Syrien. Sein Vater fährt nachts Taxi, die Mutter putzt und unterrichtet Arabisch in der VHS. Seine Schwester Tahira streitet jeden Morgen mit ihm um den Badezimmerspiegel.

Vince wäre auch lieber Araber statt Deutscher, deshalb schmiert er sich Bräunungscreme ins Gesicht, die seine Haut orange färbt. Deswegen lachen Ali und Tarek sich beim Opfer-Täter-Ausgleich auch halb tot, als sie die orange Kartoffel sehen. Die drei kommen sich näher und freunden sich zunehmend an. Vinces Leben gewinnt an Tempo und er hat nicht vor zu bremsen, bis Ali nach einer langen Nacht ins Koma fällt.

Fazit: Luca Kieser hat eine gut durchdachte Geschichte geschaffen. Sein Protagonist Vince ist ein privilegierter Weißer aus gutem Hause. Statt auf dem Gymnasium landet er auf der Gesamtschule mit hohem Anteil junger Menschen, deren Eltern trotz vieler Arbeit ein geringes Einkommen haben, teils mit Migrationshintergrund und entsprechenden Traumen. Die Jugendlichen wollen dennoch dazugehören und überbieten sich mit Diebstählen und Gruppenbildung. Während Vince sich anfreundet, erlebt er seine Eltern, Lehrer und die Behörden als fremdenfeindlich. Er lernt die Eltern von Ali und Tarek kennen und bekommt einen Blick auf die Schwierigkeiten. Ich mag die Idee sehr, wie der Autor den Alltagsrassismus und die Vorbehalte der Erwachsenen aus Sicht Vincents beleuchtet. Nicht ganz einfach fand ich, dass die Geschichte nicht chronologisch erzählt wird. Der Autor lässt seinen Protagonisten vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen. Die Geschichte ist aber so spannend und unterhaltsam erzählt, dass ich am Ball geblieben bin und am Ende miterleben durfte, wie sich der Kreis schließt. Tatsächlich geht es um Freundschaft, Zugehörigkeit und auch um sexuelle Identität. Eine durch und durch jugendliche Geschichte, die ernste Themen transportiert. Lesenswert!

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