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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 13.03.2025

Berlin intensiv!

Achtzehnter Stock
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Wanda lebt mit ihrer Tochter Karlie in der Berliner Platte. Sie will da raus, will ein besseres Leben für sie beide, doch immer wenn es irgendwo bergauf zu gehen scheint, will die Platte sie ...

Wanda lebt mit ihrer Tochter Karlie in der Berliner Platte. Sie will da raus, will ein besseres Leben für sie beide, doch immer wenn es irgendwo bergauf zu gehen scheint, will die Platte sie wieder zurück ...

Sara Gmuers "Achtzehnter Stock" ist ein Großstadtroman, ein Berlin-Roman, denn die Stadt selbst, das Milieu und die Menschen, die hier leben, bilden die Essenz des gesamten Buches, nicht bloß ein schmückendes Detail im Setting. Gmuers kraftvoller Stil ist beeindruckend modern, schonungslos nüchtern und zwischenzeitlich von atemloser Dynamik. Authentisch fängt sie die Gerüche und Geräusche des Berliner Unterbauchs ein und verpackt sie in eine Geschichte, in der sich Hoffnung und Verzweiflung immer wieder die Waage halten. Hier ist nichts garantiert, auch nicht zwangsläufig ein Happy End.

Hier ist auch die Planlosigkeit Plan. Wanda stolpert durchs Leben, immer mit den Gedanken beim nächsten Einkauf oder der monatlichen Miete, und wird ständig mit der Frage konfrontiert, ob sie ihre Träume aufgeben soll oder ihnen unter Gefahr möglicher Verluste nachjagt. Dabei trifft sie auch opportunistische Entscheidungen, die dem einen oder anderen Leser nicht gefallen werden, aber genau deswegen ist "Achtzehnter Stock" eben auch keine plakative Rags-to-Riches-Story, in der am Ende jeder und jede alles bekommt. Klischees werden hier dennoch bedient, vor allem wenn es um die Unbarmherzigkeit der Filmbranche geht, in der Wanda Fuß fassen will, aber die Entscheidungen liegen immer bei ihr selbst, denn selbstbewusst genug und "anders als die anderen" ist sie durchaus. Ihr fehlt ein wenig der Radar, um mit ihren Mitmenschen immer genauso auszukommen, wie von ihr erwartet wird, aber letztendlich findet jeder Topf seinen Deckel, ob privat oder beruflich. Und so zahlt sich auch Konsequenz irgendwann aus - wenn auch nicht immer wie geplant.

Ein großartiges Stück Gegenwartsliteratur mit lebendigen Figuren, unverhofft kantiger Schnauze und beeindruckender Stilsicherheit. Ein Gewinner, ganz sicher.

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Veröffentlicht am 14.12.2024

Nicht nur für Fans

Low
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Ausgebrannt, erschöpft, gefressen vom eigenen Erfolg und dem seiner Kunstfigur Ziggy Stardust: Mitte der 70er Jahre braucht David Bowie dringend eine Auszeit, muss sich selbst neu erfinden und ...

Ausgebrannt, erschöpft, gefressen vom eigenen Erfolg und dem seiner Kunstfigur Ziggy Stardust: Mitte der 70er Jahre braucht David Bowie dringend eine Auszeit, muss sich selbst neu erfinden und die selbstzerstörerische Aura des glamourösen L.A. hinter sich lassen. Und wo könnte ihm das besser gelingen als in der grauen, eingezäunten und vom Kalten Krieg bedrohten Exklave West-Berlin, deren lebensfrohe Seite (denn auch die gibt es) hungrig zwischen Punk und Avantgarde, Elektro und Fashion, Irrsinn und Methode vibriert? Mit einem Umweg über Frankreich (wo er das Album vorbereitet) kommt Bowie zusammen mit Iggy Pop in die Stadt hinter der Mauer und findet dort die Kreativität, die er verloren glaubte, und den Zusammenhalt, den er brauchte. Und damit entsteht sein Jahrhundertwerk "Low", das auch heute noch zum Besten zählt, was der Thin White Duke je produziert hat ...

Musikgeschichte als Comic (oder Graphic Novel, um im Neudeutschen zu bleiben) - wahrscheinlich kann das keiner besser als der Biographiekünstler Reinhard Kleist, dessen Werk im wesentlichen Verneigungen vor all den Größen des Musikgeschäfts umfasst. Seine Johnny-Cash-Bio "I See a Darkness" wurde mit Preisen überschüttet, sein Elvis-Porträt ist ebenso gelungen wie die zwei Bände zu Underground-Genie Nick Cave. Da ist es wenig überraschend, dass auch "Low" überraschende und vielschichtige Einblicke in die Seele eines Superstars zu bieten hat - zumal Kleists Zusammenfassung von Bowies Berlin-Jahren schon der zweite Band seiner illustrierten Lebensgeschichte des Musikers ist: Vor drei Jahren erschien bereits "Starman", der Auftakt zu diesem Projekt, in dem es um die Zeit vor Berlin geht, den Wahnsinn des kometenhaften Aufstiegs von Bowie, die Ziggy-Stardust-Phase, den Exzess des Erfolgs, der letztlich zwingend Bowies Flucht nach Europa einleiten muss. Man muss den ersten Band nicht gelesen haben, aber es hilft, falls man ansonsten noch gar nichts über Bowie weiß. Darüber hinaus ist "Low" aber sehr gut alleinstehend genießbar.

Reinhard Kleists Zeichnungen bleiben sachlich, seine Panels sind übersichtlich und bedienen keine Kunst nur um der Kunst willen, aber vielleicht macht genau das auch die Faszination seiner Arbeit aus. In "Low" steht Berlin im Mittelpunkt, jenes rotzige, gleichzeitig politische und apolitische Anarcho-Ungetüm, dessen isolierte Lage Fluch und Segen zugleich war und gerade in der Hochphase dieser Isolation ein Auffangbecken für all diejenigen, die vor der Langeweile flüchteten, vor dem Überfluss, vor Kreativengpässen und Mutlosigkeit und sich dann dort trafen, in den Straßen, die irgendwann in Mauern endeten und in denen doch alles möglich war. Kleist fängt diese faszinierende Subkultur der Mauerstadt in vielen kleinen Details ein, verbindet sie mit Bowie, der Schritt für Schritt seine neue Welt entdeckt, und vergisst auch Freunde und Weggefährten wie natürlich seinen WG-Genossen Iggy Pop oder die schillernde Romy Haag dabei nicht und dokumentiert so ganz nebenbei auch den Entstehungsprozess des Albums in den legendenumrankten Räumen der Hansa-Studios.

"Low" ist Künstlerbiographie, spannende Lebensgeschichte und nostalgische Rückschau auf eine Zeit, als Musik noch Bedeutung hatte und die Welt eine andere war. Faszinierend realistisch und halluzinatorisch fantastisch zugleich, ein Stilmix, eine Hommage und ein Abgesang auf eine Epoche, in seiner dunklen Lebensfreude von sogartiger Wirkung: Reinhard Kleist macht - wieder mal - süchtig nach mehr ...

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Veröffentlicht am 11.10.2024

Große historische Fantasy

Verborgene Fabelwesen der Meere
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Eines vorweg: Die Aufmachung von "Verborgene Fabelwesen der Meere" ist schlichtweg atemberaubend (und dabei wenig überraschend, wenn man bedenkt, dass dies natürlich ein wichtiger Teil der Verlagsphilosophie ...

Eines vorweg: Die Aufmachung von "Verborgene Fabelwesen der Meere" ist schlichtweg atemberaubend (und dabei wenig überraschend, wenn man bedenkt, dass dies natürlich ein wichtiger Teil der Verlagsphilosophie von arsEdition ist). Ein wunderschönes zweifarbiges Hardcover, mit geprägtem Silberaufdruck auf edlem Blau, dazu ein Sonderformat, dass man sonst nur von hochwertigen Kunstbildbänden kennt, machen das Buch schon von außen zum idealen Coffee-Table-Dekostück.

Die Gestaltung setzt sich innen qualitativ nahtlos fort - Florian Schäfers fantasievolle Fortsetzung von "Fast verschwundene Fabelwesen" begleitet erneut den Mythozoologen Konstantin O. Boldt im 19. Jahrhundert auf einer unglaublichen Reise in eine Welt voller legendenhafter Kreaturen, diesmal unter der Meeresoberfläche. Seine Abenteuer werden in Schrift und Bild festgehalten, in Tagebucheinträgen formuliert, aber auch mittels alter Karten, detaillierter Zeichnungen und authentisch zurechtgemachter Berichte dokumentiert, die in ihrer Gesamtheit eine fantastische Alternativwelt-Geschichte in einer Vergangenheit erzählen, die unserer zwar historisch weitgehend ähnlich ist, aber durchsetzt ist von den Wesen und Kreaturen aus Mythen und Legenden, mit denen die Menschheit inzwischen gelernt hat, zu koexistieren. Ein Fake-Geschichtsatlas, wenn man so will, aber was für einer: Irgendwo zwischen Jules Verne und modernem Steampunk fabuliert Schäfer, immer in enger Kooperation mit seiner Ausnahmegrafikerin Elif Siebenpfeiffer, von aufregenden Abenteuern auf einer Reise in die letzten unerforschten Winkel der Erde.

Das wirkt aufgrund der gesamten Gestaltung der Erzählung so unfassbar lebendig und bis ins kleinste Detail authentisch, dass man sich als Leser immer wieder dabei erwischt, einfach nur im Buch zu blättern und fasziniert alte Zeitungsausschnitte oder Briefe zu studieren, um immer tiefer in die Geschichte abzutauchen. Eine ganzheitliche Erfahrung, die aus einer schon brillanten Grundidee einen immersiven Trip macht, den man sich wieder und wieder wünscht - bitte mehr davon!

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Veröffentlicht am 23.09.2024

Entschleunigung für alle

Spellshop
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Eins vorweg: Cozy Fantasy, momentan (und sowieso spätestens seit Travis Baldrees "Legends & Lattes") einer der heißesten Trends auf dem Buchmarkt, ist Eskapismus pur, ein Subgenre innerhalb einer literarischen ...

Eins vorweg: Cozy Fantasy, momentan (und sowieso spätestens seit Travis Baldrees "Legends & Lattes") einer der heißesten Trends auf dem Buchmarkt, ist Eskapismus pur, ein Subgenre innerhalb einer literarischen Gattung, die ohnehin schon ihre Leser in fremde und wundervolle Welten entführt. Natürlich ist dieser Trend kein völlig neuer, da auch in der Vergangenheit viele Fantasy-Autoren schon auf Elemente idyllischer Verklärung und Found-Family-Tropes gesetzt haben (etwa Terry Brooks' völlig unterschätzte Landover-Saga) und selbst ein bissiger Humorist wie Pratchett mit seinen Scheibenwelt-Romanen eine ähnliche Herangehensweise nutzte, auch wenn er sie nahezu durchgehend ins Absurde übersteigerte.

Den letzten Anstoß für die aktuelle Beliebtheit des Genres lieferten dann tatsächlich andere Medien, die schon länger mit der Sehnsucht nach Entschleunigung experimentieren und damit bereits wichtige Impulse für das medienübergreifende Phänomen Cottagecore lieferten: Vorreiter waren Videospiele wie das knuffige "Stardew Valley" oder das aus Deutschland stammende "Dorf-Romantik" sowie eine Vielzahl an Mangas und Animes, die mit Serien wie "Spice & Wolf" oder "Laid Back Camp" das sogenannte Slice-of-Life-Genre erst so richtig etablierten. Und natürlich war da auch der literarische Vorreiter Cozy Crime/Cozy Mystery, der nie wirklich aus der Mode kam und vieles von dem vorgemacht hat, was seinen kleinen Fantasy-Bruder auszeichnet: die Idylle einer dörflichen Gemeinschaft, ein vertrauter Alltag, der durch Ereignisse in der Regel nur leicht aus dem Tritt gebracht wird, und ein generell niedriger Konfliktlevel, der schwerwiegende Probleme und existentielle Dramatik weitgehend ausspart.

Mit anderen Worten: Nein, Cozy Fantasy ist nicht zwangsläufig "langweilig".
Cozy Fantasy ist Zen.
Cozy Fantasy ist ein bisschen Meditation.
Cozy Fantasy ist Entschleunigung.
Also keine Angst, das muss so!

Und hier kommt Sarah Beth Durst ins Spiel: "Spellshop" ist die Quintessenz gemütlicher Cozy Fantasy. Kiela ist eine grundsympathische Protagonistin, die nur für ihre Bücher lebt, den Unruhen eines Aufstandes in der Hauptstadt entflieht und zurück auf der heimatlichen kleinen Insel landet, der sie einst entfliehen wollte. Caz ist ihr Sidekick - eine wandelnde Topfpflanze (okay, eigentlich ein Spinnenkraut) mit einigen Neurosen und sehr unterhaltsamen Sprüchen. Und dann ist da noch Larran, der Seepferdzüchter von nebenan. Damit beginnt ein wunderbar entspanntes Abenteuer für Kiela, die erst einmal das alte Haus und den Garten auf Vordermann bringen muss, bevor sie sich ans Marmelade-Kochen und ähnlich beruhigende Tätigkeiten machen kann.

Klingt nicht sehr spannend? Ist es aber. "Spellshop" ist Comfort Food, das Leibgericht in der rustikalen Landküche, die heiße Tasse Kakao vorm gemütlichen Kamin, der laue Sommerabend auf der Terrasse. Zwar kommen später durchaus einige Probleme auf Liera und Caz zu, aber nichts davon ist so bedrohlich, dass es den Leser aus der vertrauten Kuschligkeit herausreißen könnte. Ein gewollter Effekt in diesem Genre, und selbst für Skeptiker eine Erfahrung, die man durchaus mal machen sollte, bevor man sich wieder dem nächsten Thriller zuwendet.

Neben Travis Baldree, T.J. Klune, Sangu Mandanna, Lydia Kang und Rebecca Thorne behauptet sich auch Sarah Beth Durst locker im Spitzenfeld der Cozy-Fantasy-Autoren - mit locker-leichter Schreibe, sympathischen Charakteren und einer großen Portion an idyllischer Wohlfühlatmosphäre ist "Spellshop" die ideale Einstiegsdroge ins Genre: für jung und alt, für gestresste Großstädter und ruhesuchende Urlauber, für Gelegenheitsliteraten und Fantasy-verrückte Vielleser. Entschleunigung für alle. Unbedingt ausprobieren!

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Veröffentlicht am 08.09.2024

Der absolute Goldstandard!

Ich fürchte, Ihr habt Drachen
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Peter S. Beagle ist der Letzte einer aussterbenden Art von Fantasyautoren - ein Sprachkünstler, der eben keine drei bis acht Bände einer Fantasyreihe braucht, um seinen Protagonisten Gewicht zu verleihen. ...

Peter S. Beagle ist der Letzte einer aussterbenden Art von Fantasyautoren - ein Sprachkünstler, der eben keine drei bis acht Bände einer Fantasyreihe braucht, um seinen Protagonisten Gewicht zu verleihen. Im Gegenteil: Auf gerade mal 300 Seiten erschafft er eine Welt, die noch lange im Gedächtnis bleibt, ein sprachlich makelloses Epos, dessen Figuren so prägnant und ausgeformt sind, dass der Leser innerhalb weniger Seiten in ein Universum eingesogen wird, das seinesgleichen sucht. Das war natürlich schon im "Letzten Einhorn" der Fall, jenem Werk , das ihm Weltruhm eingebracht hat, nicht zuletzt aufgrund seiner kongenialen Zeichentrickverfilmung.

Aber selbst 50 Jahre später bleibt Beagle der Goldstandard unter den aktuellen Fantasy-Schreibern - er ist letztendlich der klassisch gebildete Schriftsteller, für den Fantasy nur ein weiterer Tummelort ist, um seine Fantasien in sprachliche Bilder umzusetzen. Er ist einer der wenigen, die bereits kurz nach Tolkien das Genre für sich entdeckt haben, und ähnlich wie seine zeitgenössischen Kollegen (Michael Ende, Ursula K. LeGuin, Michael Moorcock) ist das Genre an sich fast bedeutungslos und nur eine Ablassader für überbordende Schreiblust und großartiges Talent. Auch "Ich fürchte, Ihr habt Drachen" ist, auf sich selbst reduziert, nur eine kleine Geschichte in einer märchenhaften Welt, aber Beagle macht aus seiner recht knuffigen Prämisse keine moderne Meta-Fabel, sondern bleibt dem klassischen Erzählschema so treu, dass man sich wünscht, die Geschichte möge niemals enden. Eine wunderbar altmodische Rückkehr zu den Wurzeln der Fantasy, geschrieben von einem, der es wissen muss wie kein zweiter. Ein absoluter Home Run für den Klett-Cotta-Verlag!

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