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Veröffentlicht am 04.11.2024

Miss Marple von Obersitelbrunn

Gärten, Gift und tote Männer
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Pauline, pensionierte Lehrerin und passionierte Kräuterkundlerin, ist jedes Mal dabei, wenn im ansonsten idyllischen Dörfchen Oberdistelbrunn nun innerhalb weniger Tage Menschen plötzlich und unter mysteriösen ...

Pauline, pensionierte Lehrerin und passionierte Kräuterkundlerin, ist jedes Mal dabei, wenn im ansonsten idyllischen Dörfchen Oberdistelbrunn nun innerhalb weniger Tage Menschen plötzlich und unter mysteriösen Umständen sterben. Während die Polizei im Dunklen tappt, geht Pauline mit ihrer Freundin Berta verschiedensten Indizien nach.

Einem Angriff auf die Lachmuskeln gleicht diese humorvolle Mördersuche, der skurrile Szenen vorangehen. Ein Dorf, in dem jeder jeden kennt, in dem Tratsch und „Stille Post“ zum Alltag gehören, bildet den passenden Rahmen. Normalerweise gibt es aber nichts Aufregenderes zu bereden als die Titel, welche im örtlichen Lesezirkel zur Diskussion stehen – bis ein augenscheinlich alkoholisierter Nachbar des Pfarrers Hilfe sucht – es geht um den Tod vom Franzl und das Sterben von der Christl, die sich alsbald als zwei wertvollen Hendln entpuppen. Wunderbarer Wortwitz und scharfzüngige Dialoge beherrschen die gesamte Handlung, welche durch breitgefächertes Pflanzenwissen und bissige Gesellschaftskritik punktet. Die Charaktere sind mit spitzer Feder gezeichnet und bildlich vorstellbar, die mannigfachen Todesursachen bereiten dem Kommissar Kopfzerbrechen, führen aber rasch zu einem Verdächtigen. Im Mittelpunkt stehen neben toten Männern Gärten und Gift, wie es der Titel und die Zeichnungen am Buchumschlag schon erahnen lassen. Was hat die Kräuterhexe Pauline mit all dem zu tun?

Weniger Ermittlungstätigkeit als angriffslustige Wortspielerei, aber 100% Garantie für dunklen Humor und tosendes Gelächter. Ein Kriminalroman, der auch das langweiligste Dorf zum Wallen bringt. Leseempfehlung für alle, die auch einmal den Ernst beiseiteschieben können.

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Veröffentlicht am 04.11.2024

Unvergesslich

Im Takt der Freiheit
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Unvergesslich soll der Sommerball in Berlin werden, den der Eisenbahn-Magnat Egidius Louisburg im Dreikaiserjahr 1888 ausrichtet, um die Verlobung seiner älteren Tochter Felicitas bekanntzugeben. Die Verbindung ...

Unvergesslich soll der Sommerball in Berlin werden, den der Eisenbahn-Magnat Egidius Louisburg im Dreikaiserjahr 1888 ausrichtet, um die Verlobung seiner älteren Tochter Felicitas bekanntzugeben. Die Verbindung zum Grafen Brück-Bürgen soll ihn endlich in die vornehmsten Kreise aufsteigen lassen und ihm einen gigantischen Auftrag sichern. Felicitas, ganz ohne Mutter aufgewachsen, ist mehr als verärgert, als sie diesen Kuhhandel aufdeckt, zudem sie erst vor wenigen Wochen den sympathischen Studenten Lorenz Schwerdtfeger mit seinem Sicherheits-Niederfahrrad kennengelernt hat.

Eine großartige Atmosphäre umgibt dieses Buch und nimmt sich mit leichter Feder so vieler verschiedener Themen an: das Kaiserreich, der wirtschaftliche Aufschwung, soziale Gerechtigkeit, persönliche Freiheit – die Tochter des Reichen hat alles Materielle, darf aber keinen Schritt allein unternehmen, schon gar nicht, eine eigene Entscheidung treffen, höchstens, welche Marmelade auf ihr Frühstücksbrötchen kommt –, Kolonialismus, die Weiterentwicklung des Fahrrades und noch vieles mehr. Unvergleichlich daran ist, dass all das sich wie von selbst in die Handlung einfügt und niemals den Eindruck des Aufdringlichen oder Mahnenden erweckt. So kann man gar nicht anders, als stracks eine Szene nach der anderen in sich aufzusaugen und die sympathische, aber dennoch energische Felicitas auf ihrem Weg - in die Freiheit? – zu begleiten. Großartige Figuren und eine lebendig gezeichnete Kulisse aus Kaiserreich und Wandel der Zeit tun ein Übriges, um den Leser zu begeistern, auch Gefühle und Humor kommen nicht zu kurz.

Mittels detaillierter Recherche und einem Finger am Puls der Zeit kann Hanna Caspian ebenso punkten wie mit einem Schreibstil, der berührt und den Leser in seinen Bann zieht. Ich jedenfalls bin begeistert und freue mich, diesen schönen historischen Roman weiterempfehlen zu dürfen.

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Veröffentlicht am 01.11.2024

Auf Svartlöga

Still ist die Nacht (Ein Fall für Maya Topelius 2)
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Die letzten Wochen waren anstrengend für Kriminalinspektorin Maya Topelius, und so beschließt sie, eine Auszeit zu nehmen bei einer Yoga-Woche, welche ihre Freundin Emely auf der Schäreninsel Svartlöga ...

Die letzten Wochen waren anstrengend für Kriminalinspektorin Maya Topelius, und so beschließt sie, eine Auszeit zu nehmen bei einer Yoga-Woche, welche ihre Freundin Emely auf der Schäreninsel Svartlöga anbietet. Doch so weit kommt es nicht: nach einem ausgiebig gefeierten Mittsommerfest liegt ein Toter im Schilf. Obwohl Maya – zumindest theoretisch – zum Kreis der Verdächtigen gehört, kann sie ihren Kollegen Pär davon überzeugen, verdeckte Ermittlungen anzustellen.

Ein aufgrund der Namen etwas befremdlicher Prolog leitet diesen wunderbaren zweiten Teil der Maya Topelius – Trilogie ein und kurz darauf nimmt Sandra Åslund uns mit auf eine Reise in die faszinierende Schärenwelt Schwedens. Mit der Waxholmfähre geht es von Stockholm aus Richtung Svartlöga, einer Insel, wo man noch ohne Elektrizität auskommt und Wasser vom Brunnen holt, ein idealer Platz für Meditation, Yoga und „Digital Detox“. Lebendige Beschreibung von Landschaft und Personen lassen den Leser rasch eintauchen in eine stimmige Handlung, die das traditionelle Mittsommerfest ebenso thematisiert wie tiefe Freundschaften, unterschiedlichste Lebensentwürfe und – natürlich Mord und Totschlag. Die Kriminalhandlung sticht nicht ununterbrochen hervor, ist vielmehr eingebettet in einen spannenden Roman rund um Maya und fügt sich gelungen in die Geschehnisse auf der abgelegenen Insel ein.

Da mir Åslunds Schreibstil und ihre bildreichen Beschreibungen schon im Vorgängerband (und bei ihren Provence-Krimis) sehr gut gefallen haben, war ich natürlich schon gespannt auf „Still ist die Nacht“. Und auch dieses Buch überzeugt in vielerlei Hinsicht: die beeindruckenden Inseln vor Stockholm, interessante Themen und überraschende Hintergründe, welche erst im Verborgenen schlummern. Im Epilog schließt sich der Kreis zur ersten Szene und wirft schon seine Schatten voraus auf den nächsten Band. Mit einer weiteren Leseempfehlung warte ich gebannt darauf, wie es weitergeht.

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Veröffentlicht am 29.10.2024

Die Lembergs II

Böhmische Schicksalstage
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Mit dem Jahre 1938 nehmen politische Umwälzungen in Böhmen ihren Lauf, Tschechen und Sudentendeutsche geraten immer öfter aneinander, die gegenseitigen Anfeindungen werden aggressiver. Mittendrinnen befindet ...

Mit dem Jahre 1938 nehmen politische Umwälzungen in Böhmen ihren Lauf, Tschechen und Sudentendeutsche geraten immer öfter aneinander, die gegenseitigen Anfeindungen werden aggressiver. Mittendrinnen befindet sich die angesehene Familie Lemberg mit ihrer Weberei, die mittlerweile wieder besser läuft. Nun sind es jedoch die Arbeiter unterschiedlicher Herkunft, welche dem Unternehmer und Besitzer des Werkes mit ihren politisch motivierten Streitereien Probleme bereiten. Während Carl nicht nur in diesem Zusammenhang Lösungen sucht und etwas verbirgt, hüten auch seine Frau Emilie und seine vier Kinder mehr oder weniger aufregende Geheimnisse.

Die Lemberg-Saga nimmt mit diesem zweiten Teil ihren Lauf. Auch wenn einige frühere Ereignisse ins Geschehen einfließen, so empfiehlt es sich doch, mit Band 1, Böhmische Hoffnung, zu beginnen, um alle Figuren noch besser kennen zu lernen und deren Entwicklung optimal mitverfolgen zu können. Höchst lebendig, teils gar turbulent, geht es diesmal zu. Die Szenen wechseln einander flott ab, sodass verschiedenste Familienmitglieder begleitet werden und gleichzeitig der Spannungsbogen auf hohem Niveau gehalten wird, wenn Kapitel mit offenen Fragen enden. Unterschwellig fügt Karin Lindberg so manches Detail in die Handlung ein, sodass zuweilen der Leser mehr Informationen hat oder sich diese eher zusammenreimen kann, als es den Personen im Buch möglich ist. Das zaubert einem so manches Schmunzeln ins Gesicht, wenn man dann die Aktionen und Reaktionen der einzelnen Charaktere betrachtet. Neben der exzellent entworfenen Familie Lemberg überzeugen auch deren Wegbegleiter durch ihre realistische Darstellung, das Leben zur damaligen Zeit wird mit gesellschaftlichen und politischen Themen anschaulich wiedergegeben. So ist es kaum verwunderlich, dass man sich schnell in Lindbergs Zeilen verliert und mit dem Ehepaar Lemberg und den vier Kindern, Ferdinand, Alba, Charlotte und Kilian mitfiebert. Sie alle stehen vor großen Herausforderungen und müssen sich den Gegebenheiten stellen, welche Standesunterschiede und Zeitgeist vorgeben. Allen voran aber begleiten wir die willensstarke Alba, welche keinesfalls nur eine Rolle als Ehefrau und Mutter anstrebt, sondern vielmehr eine berufliche Tätigkeit im väterlichen Webereiunternehmen vor Augen hat, was sich wiederum für eine Unternehmertochter nicht geziemt. Man sieht, Reibereien sind vorprogrammiert.

Auch dieser Teil der Lemberg-Saga hat mich ausgezeichnet unterhalten, Schatten und Ungewissheiten schweben über der Familie, manche Fragen werden beantwortet, andere warten auf den nächsten Band. Ich habe so meine Hoffnungen, wie sich die eine oder andere Angelegenheit weiterentwickelt, ob diese erfüllt werden, wird sich weisen. Ich bin jedenfalls sehr gespannt und empfehle in der Zwischenzeit die bisher erschienenen Bücher im bewährt bildhaften Schreibstil Karin Lindbergs sehr gerne weiter.

Veröffentlicht am 26.10.2024

Beste Oblaten

Flucht nach Karlsbad
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1894, Bunzelwitz, Böhmen: Die Leitner Burgl (Walburga) hat sich immer gut mit ihrem Bruder Franz verstanden, bis die Eltern gestorben sind und Franz die Schustertochter Josefa heiratet. Einerseits soll ...

1894, Bunzelwitz, Böhmen: Die Leitner Burgl (Walburga) hat sich immer gut mit ihrem Bruder Franz verstanden, bis die Eltern gestorben sind und Franz die Schustertochter Josefa heiratet. Einerseits soll sie nun rasch den Krämerladen und das Haus verlassen, andererseits spekulieren Franz und Josefa auf ein Sparbuch, das Burgl von einer Verwandten geerbt hat. Von verschiedensten Seiten bedrängt, flieht das junge Madl zu ihrer Tante Zöpfel, welche in Karlsbad Hausdame des renommierten Hotels Adonis ist.

Die erste Häfte des Buches handelt von Burgls Leben in Bunzelwitz und geht detailliert auf die Schwierigkeiten der Waise ein, danach führt uns der weitere Verlauf in die weithin bekannte Kurstadt Karlsbad mit ihren geräumigen Trinkhallen und imposanten Häusern an der Tepl. Während anfangs nicht nur Franz über das Leben seiner Schwester bestimmen möchte, zeigt Tante Zöpfel später dem fleißigen Mädchen, wie es auch allein einen vernünftigen und zukunftsweisenden Weg finden kann. Immerhin kann sie hervorragend kochen und backen und Zöpfel kennt die Herstellerin der besten Oblaten in Karlsbad. Die Atmosphäre in beiden Teilen ist großartig eingefangen, sehr gut kann man sich die Gegebenheiten und die handelnden Personen vorstellen. Dies insbesondere dann, wenn man bereits Ada Caines Karlsbad-Trilogie gelesen hat und so manche Figur in der Kurstadt schon kennt.

Flott fließen die Zeilen dahin, bildhafte Beschreibungen und bestens gezeichnete Charaktere sorgen für Spannung und Lebendigkeit. Der Charme der Zeit wird rasch offenbar, unterschiedlichste allgegenwärtige Themen wie Erbschaftsstreit, Neid oder die Schwierigkeiten alleinstehender Frauen werden wie nebenbei angesprochen und verleihen dem Geschehen Authentizität.

So fällt es leicht, das Buch in wenigen Tagen durchzulesen und sich in eine vergangene Zeit zurückversetzen zu lassen. Burgl und Tante Zöpfel sorgen für gelungene Unterhaltung, nun heißt es warten, ob es dem Mädl in Karlsbad gelingt, erfolgreich ins Oblatengeschäft einzusteigen.