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Veröffentlicht am 04.12.2024

Alles wird gut

Das Tagebuch im Waschsalon der lächelnden Träume
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„Jeder braucht seinen eigenen Ozean, in dem er sich ausweinen kann. In Yeonnam-dong gibt es ein kleines Meer, in dem weiße, schäumende Wellen Tränen und Kummer fortspülen.“ (S. 295)

Buchhandlung, Restaurant, ...

„Jeder braucht seinen eigenen Ozean, in dem er sich ausweinen kann. In Yeonnam-dong gibt es ein kleines Meer, in dem weiße, schäumende Wellen Tränen und Kummer fortspülen.“ (S. 295)

Buchhandlung, Restaurant, Lädchen, Café, Keramikwerkstatt...und nun also ein Waschsalon. Kim Jiyuns Debüt „Das Tagebuch im Waschsalon der lächelnden Träume“ reiht sich nahtlos in die Reihe der Romane aus dem asiatischen Raum ein, in denen Menschen in ihrem Alltag nicht nur unverhoffte Hilfe an unspektakulären Orten bekommen, sondern durch kleine, unverhoffte Wunder auch zu persönlichem Wachstum angeregt werden.

Jiyun nimmt uns mit nach Seoul in den Stadtteil Yeonnam-dong. Dort befindet sich der Binggul-Binggul-Waschsalon, ein unspektakulärer Ort mit einem heimeligen Duft von Baumwolle und Bernstein, der seine Magie aus dem hellgrünen Tagebuch bezieht, das dort auf dem Tisch liegt. Woher kommt es, wer hat es dort deponiert oder wurde es einfach nur vergessen? Niemand weiß es.

Die unterschiedlichsten Menschen des Viertels nehmen es in die Hand, blättern durch und lesen die Einträge. Und manch eine/r nutzt es auch, um sich Kummer von der Seele zu schreiben. Banale Zeilen wechseln sich mit Einträgen von Menschen ab, die existenzielle Probleme haben, mit ihrem Leben hadern und sich in persönlichen Krisensituationen befinden. Einsamkeit, Geldprobleme, beruflicher Stillstand, familiäre Krisen, all das treibt die Kunden des Waschsalons um, bringt sie an den Rand der Verzweiflung, lässt sie nicht nur auf tröstende Worte von Unbekannten hoffen, die ihre Zeilen kommentieren, sondern dann und wann durch ihr Eingreifen auch kleine Alltagswunder und somit positive Veränderungen bewirken können.

Eine Familie, die sich ihre Wohnung nicht mehr leisten kann. Ein Straßenmusiker, der von einer Musikerkarriere träumt. Eine Drehbuchschreiberin, die endlich den großen Wurf landen möchte. All diese Einzelschicksale verbinden sich im Lauf des Romans zu einer runden Geschichte, zusammengehalten von dem älteren Herrn Jang, einem Apotheker im Ruhestand, der durch seine hilfsbereite Art zum Dreh- und Angelpunkt dieser Gemeinschaft wird, obwohl er eigene Probleme mit seinen geldgierigen Sohn hat.

Wer einen schönen, leichten Feel good-Roman sucht, der das Gefühl von Gemeinschaft, Zusammenhalt und Mitmenschlichkeit in diesen rauen Zeiten stimmig transportiert (inklusive der gemeinsamen Verfolgung eines Betrügers), ist mit „Das Tagebuch im Waschsalon der lächelnden Träume“ bestens bedient und sollte hier zugreifen.

Veröffentlicht am 25.11.2024

Sympathische Protagonisten und spannende Handlung

Hildur – Der Schatten des Nordlichts
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Seit einiger Zeit halte ich wieder Ausschau nach Kriminalromanen aus Europas Norden, die möglichst Teil einer Reihe sind. Warum Reihen? Natürlich sollte der Kriminalfall im Zentrum stehen, aber ich erfahre ...

Seit einiger Zeit halte ich wieder Ausschau nach Kriminalromanen aus Europas Norden, die möglichst Teil einer Reihe sind. Warum Reihen? Natürlich sollte der Kriminalfall im Zentrum stehen, aber ich erfahre gerne mehr über die Protagonisten, warum sie wie handeln, Details zu ihrer Biografie, aber auch zu den kulturellen Eigenheiten der Gesellschaft, in der sie ihren Beruf ausüben.

All das bietet die mittlerweile dreibändige Hildur-Reihe der gebürtigen Finnin Satu Rämö, die mit ihrer Familie in Ísafjörður, einer Kleinstadt im Nordwesten Islands lebt, also genau in der Gegend, für die die Polizistin Hildur Rúnarsdóttir mit ihrem finnischen Praktikanten Jakob verantwortlich ist. Die beiden sind keine unbeschriebenen Blätter, ihre Biografie nimmt deshalb auch fast genau so viel Raum ein wie die Krimihandlung. Deutlich wird das vor allem an den Originaltiteln: Hildur (Bd. 1), Rósa & Björk (Bd. 2) und Jakob (Bd. 3), was zeigt, dass in jedem der Bände eine Person ganz besonders ausgeleuchtet wird. Aber diese personalisierten Titel sind auch ein Hinweis auf die Übermittlung zusätzlicher Informationen, die zum einen Verbindungen zwischen den Einzelbänden schaffen, zum anderen uns die Protagonisten näher bringen. Für mich funktioniert dieses Konzept gut, auch wenn ab und zu die eigentliche Krimihandlung dadurch in den Hintergrund gedrängt wird.

Noch kurz zum Inhalt: Der Tote im Netz der Lachszucht ist erst der Anfang. Immer wieder tauchen Opfer auf, bei denen deren Zurschaustellung und/oder die Mordmethode Verbindungen zu der isländischen Sage von den 13 Weihnachtsgesellen aufweist. Gleichzeitig verschwinden auf den Pferdehöfen der Umgebung temporär immer wieder trächtige Stuten.

Es gibt also für Hildur einiges zu tun, zumal sie aktuell auf Jakob verzichten muss. Er ist zu einem Gerichtstermin nach Finnland gereist, damit die Torpedierungen des Sorgerechts durch seine geschiedene Frau endlich ein Ende haben. Aber es kommt ganz anders, denn es dauert nicht lange, bis er des Mordes verdächtigt wird. Hildur lässt alles stehen und liegen und macht sich auf den Weg, um Jakobs Unschuld zu beweisen.

Ein spannender, vielschichtiger Kriminalroman mit sympathischen Protagonisten und wunderschönen Landschaftsbeschreibungen, hervorragend von Gabriele Schrey-Vasara übersetzt, den ich ohne Einschränkung all denjenigen empfehlen kann, die auch an dem Privatleben der Ermittler Interesse haben.

Nachbemerkung: Ursprünglich war die Hildur-Reihe als Trilogie geplant, aber nach deren Erfolg wird sie glücklicherweise fortgesetzt. Band 4, Originaltitel „Rakel“ wird bei Heyne im August 2025 unter dem Titel „Hildur – Die Toten am Meer“ erscheinen.

Veröffentlicht am 29.10.2024

Nicht nur eine amerikanische Katastrophe

Armut
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Es war einmal…Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wo man angeblich vom Tellerwäscher zum Millionär aufsteigen kann. Diese Zeiten sind längst vorbei. Mittlerweile ist die Zahl derjenigen, ...

Es war einmal…Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wo man angeblich vom Tellerwäscher zum Millionär aufsteigen kann. Diese Zeiten sind längst vorbei. Mittlerweile ist die Zahl derjenigen, die von Armut betroffen sind, rasant angestiegen. „Mehr als 38 Millionen Menschen können ihre Grundbedürfnisse nicht befriedigen…mehr als eine Million Kinder im schulpflichtigen Alter sind obdachlos und leben in Motels, Autos etc.“ (Vorwort, S. 14). Ein Grund für Matthew Desmond, sich die Ursachen genauer anzuschauen.

Matthew Desmond, Soziologe an der Princeton University und 2017 Pulitzer-Preisträger für sein Buch „Evicted: Poverty and Profit in the American City“ (dt. „Zwangsgeräumt: Armut und Profit in der Stadt“, 2018 bei Ullstein), ist selbst in prekären Verhältnissen aufgewachsen und beschäftigt sich schon lange mit diesem Thema. Die Ergebnisse seiner Recherche und die Schlussfolgerungen, die er daraus zieht, sind nicht überraschend.

Seine Kritikpunkte bezüglich des Steuersystems kann ich nachvollziehen, treffen diese doch 1:1 auch für Deutschland zu. Hier wie dort werden sowohl Wohlhabenden als auch den großen Unternehmen von den Regierungen eine Unmenge an Vorteilen gewährt, seien das nun Steuererleichterungen, Subventionen oder Rettungsschirme, die unterm Strich von der arbeitenden Bevölkerung finanziert werden müssen. Eine gerechte Besteuerung, die auch die multinationalen Konzerne einschließt, könnte hier problemlos Abhilfe schaffen und Geld in die Kassen spülen.

Natürlich leugnet Desmond nicht, dass Armut systemisch und in den Vereinigten Staaten im Zusammenhang mit Ethnie und Herkunft betrachtet werden muss, aber er macht noch einen weiteren Schuldigen dafür aus, nämlich die Mittelschicht ist, die daraus Profit zieht und deshalb kein Interesse an einer Abschaffung der Armut hat. Es sind die finanziell Abgesicherten, denen er vorwirft, die Vermehrung des eigenen Wohlstands an erste Stelle setzen. Die Arbeitgeber, die deshalb niedrige Löhne zahlen, oder die Vermieter, die den knappen Wohnungsmarkt zum Vorwand nehmen, um hohe Mieten einzufordern. Eine provokante Aussage, die allerdings meiner Meinung nach etwas übers Ziel hinausschießt.

Keine Frage, „Armut. Eine amerikanische Katastrophe“ liefert jede Menge Denkanstöße für Leser und Leserinnen, die sich mit dieser Thematik auseinandersetzen, insbesondere, weil auch hierzulande laut Statistischem Bundesamt ca. 17,7 Millionen Menschen wg. Auswirkungen der Pandemie, Inflation, Verlust der Arbeitsstelle etc. von Armut bedroht sind (Zahlen von 2023). Lesen!

Veröffentlicht am 23.09.2024

Reihenauftakt "Tatort Malmö"

Tode, die wir sterben
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2012 ist der erste Band der Reihe mit den Kommissarinnen Ingrid Nyström und Stina Forss erschienen. Neun weitere folgten, bis 2022 das erfolgreiche deutsch-schwedische Autorenteam Voosen/Danielsson mit ...

2012 ist der erste Band der Reihe mit den Kommissarinnen Ingrid Nyström und Stina Forss erschienen. Neun weitere folgten, bis 2022 das erfolgreiche deutsch-schwedische Autorenteam Voosen/Danielsson mit „Die Spur der Luchse“ diese beendete und mit ihrem neuen Kriminalroman „Tode, die wir sterben“ den Startpunkt für die neue Reihe „Tatort Malmö“ setzen, deren inhaltliche Ausrichtung sich offensichtlich wesentlich stärker als die Vorgänger an den aktuellen gesellschaftlich-relevanten Problemen Schwedens orientiert.

Drogen, Problemviertel, Bandenkriminalität, Migranten, Vorurteile, Rassismus und, nicht zu vergessen, Russland als politisch-aktuelles Thema. Jede Menge Stoff, der hier abgedeckt wird. Dazu das Ermittlerteam aus „Ghettofrau und Superbulle“ (O-Ton Svea): Jon Nordh, Südschwede, alleinerziehender Vater, dessen Frau bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist und die strafversetzte Svea Karhuu, Nordschwedin mit arabischen Wurzeln und lockerer Faust, immer wieder verbalen Anfeindungen ausgesetzt. Zwei, die sich erst noch zusammenraufen und ihre persönlichen Probleme bewältigen müssen. Neu ist diese Konstellation nicht, eher mittlerweile fast schon Standard in skandinavischen Krimis und Voosen/Danielsson verwenden viel Zeit dafür auf, ihre neuen Hauptfiguren vorzustellen und mit einer Hintergrundgeschichte auszustatten. Zwar hat das bei einer neuen Reihe seine Berechtigung, sollte aber nicht auf Kosten der eigentlichen Krimihandlung gehen.

Mein abschließendes Urteil fällt, mit kleinen Abstrichen, positiv aus. Man merkt, dass hier Profis am Werk sind, die in der Lage sind, eine funktionierende Story routiniert zu plotten und auszuführen. Die Protagonisten sind sympathisch und haben Potenzial, die Handlung ist zwar stellenweise leicht überfrachtet, aber dennoch spannend und topaktuell. Und zu guter Letzt fand ich auch die Einblicke in die kulturellen Eigenheiten, meint die Unterschiede zwischen den Nord- und den Südschweden, sehr interessant.

Band 2 der Reihe wird im August 2025 unter dem Titel „Schwüre, die wir brechen“ erscheinen, und ich freue mich darauf, Svea und Jon auch bei ihrem nächsten Fall über die Schulter zu schauen.

Veröffentlicht am 17.09.2024

Der Verlust der Unschuld

Aufs Land
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„Die ganze Welt war düster und beängstigend“. Was liegt da näher, als sich nach einem Idyll zu sehnen? Aber ob diese idealisierte Vorstellung vom Landleben die Härten und Hürden des Alltags übersteht? ...

„Die ganze Welt war düster und beängstigend“. Was liegt da näher, als sich nach einem Idyll zu sehnen? Aber ob diese idealisierte Vorstellung vom Landleben die Härten und Hürden des Alltags übersteht? Bleibt abzuwarten.

Der Roman setzt im Jahr 2005 ein und endet 2010. Er nimmt uns mit nach Herefordshire in den englischen West Midlands. In dieser ländlichen Gegend haben drei Familien einen heruntergekommenen Bauernhof gekauft, um ihren Traum vom Leben auf dem Land in die Tat umzusetzen.

In Sadie Jones‘ „Aufs Land“ begleiten wir die beiden siebenjährigen Kinder Amy und Lan über diesen fünfjährigen Zeitraum, beobachten das Leben auf dem Hof, stromern mit ihnen durch die Natur, feiern mit ihnen Feste und belauschen die Gespräche, die sie führen. Die alternierenden Kapitel, in denen sie zu Wort kommen, schaffen Nähe.

Ich bin immer skeptisch, wenn Erwachsene aus Kindersicht schreiben, und auch hier stolpert man zu Beginn über einige Bemerkungen, die Kinder dieses Alters wohl so nicht machen würden. Aber das schleift sich glücklicherweise im Verlauf der Geschichte zunehmend ab und weicht in den Gesprächen, in denen die Kinder das Verhalten der Erwachsenen beobachten und kommentieren, einer sehr klaren, ja fast schon entlarvenden Beobachtungsgabe.

Auch wenn wir nicht erleben, wie die beiden Kinder zu Teenagern werden, nehmen wir doch Anteil an ihren ersten Schritten dahin. Je älter sie werden, desto feiner werden ihre Antennen und sie entwickeln ein untrügliches Gefühl für die Spannungen, die in der Luft liegen und das fragile Landidyll zum Einsturz bringen könnten. Natürlich geht es um Geld, dem die Träume geopfert werden sollen, aber auch um Beziehungen, die sich verändern, plötzlich auf dem Prüfstand stehen. Und nicht zuletzt gilt es, Verluste hinzunehmen. Auch Amy und Lans großes Abenteuer, ihre unbeschwerte Kindheit, wird von einer Realität, der sie nicht entkommen können, eingeholt.