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Veröffentlicht am 27.11.2024

Love-Scammer, Tattoos und Mythologie

Hey guten Morgen, wie geht es dir?
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Drei Personen:

Juno, Performancekünstlerin und Tänzerin, "eine Weltraumsonde, die man zu Jupiter hinaufgeschossen hatte, damit sie alles von ihm aufzeichne." (S. 197)

Jupiter, kranker Schriftsteller ...

Drei Personen:

Juno, Performancekünstlerin und Tänzerin, "eine Weltraumsonde, die man zu Jupiter hinaufgeschossen hatte, damit sie alles von ihm aufzeichne." (S. 197)

Jupiter, kranker Schriftsteller und Junos Ehemann, der "mit seiner Gravitationskraft die Erde von Asteroideneinschlägen schützt". (S. 145)

Benu, ein Love-Scammer aus Nigeria. "Ein Satellit, der verloren gegangen war." (S. 103)


Während sich Junos Alltag um den kranken Ehemann, Proben, Geldsorgen und Tanzen dreht, flüchtet sie sich nachts in die Chats mit Betrügern, sogenannten Love-Scammern, die nach einiger Zeit des verliebten Chattens Geld fordern und häufig genug auch erhalten. Juno spielt ihre ganz eigenen Spielchen mit diesen Internet-Lovern; sie erfindet sich in diesen Gesprächen neu und fällt doch jeden Morgen wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Mit Benu jedoch, tauscht sie sich über einen langen Zeitraum aus.


Martina Hefter hat diese Geschichte in einer leicht zu lesenden Sprache verfasst, die aber durch eine Vielzahl von mythologischen und astronomischen Anspielungen Tiefe erhält. Neben den für fast allen Haupt- und Nebenfiguren verwendeten Namen aus verschiedenen Mythologien steht der profane Alltag. Die Angst vor dem Älterwerden und dem Sterben wird thematisiert und immer wieder durch die Erwähnung des Filmes "Melancholia" (2011) von Lars von Trier im Roman eingebaut. In diesem Film wird die Erde durch die Kollision mit einem anderen Planeten vernichtet.


Hier nur ein paar Beispiele für die sprechenden Namen: Juno ist u.a. die römische Göttin der Fürsorge. Jupiter ist der größte Planet unseres Sonnensystems und gleichzeitig der oberste Gott der römischen Mythologie. Als Benu wurde ein altägyptischer Totengott bezeichnet. Plutos, den Juno als gut verdienenden Mann erkennt und kennenlernt, ist in der griechischen Mythologie die Personifikation des Reichtums.


Die Geschichte war einerseits ganz interessant, andererseits müsste ich mich noch viel intensiver mit den Anspielungen befassen. Dafür fehlt mir gerade etwas die Lust. Man kann den Roman sicherlich auch so lesen, aber ich denke, dass einiges verloren geht. Die Autorin fasst an einer Stelle selbst zusammen, um was es in diesem Text geht, der sicherlich auch viel von ihr persönlich enthält: "Es ist dieser Text hier. [...] manchmal schreibt sie auch abends oder nachts. Einen Text über Tattoos, den Planeten Melancholie, über ältere Frauen, Love-Scammer, Nigeria." (S. 129)

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Veröffentlicht am 27.11.2024

Der letzte Sommer

Kostbare Tage
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Mein erster Besuch in der Kleinstadt Holt, Colorado. Leider verlief er nicht so angenehm, wie in Crosby, Main. Auch Haruf hat - wie Elizabeth Strout - eine fiktive Kleinstadt zum Handlungsort seiner Romane ...

Mein erster Besuch in der Kleinstadt Holt, Colorado. Leider verlief er nicht so angenehm, wie in Crosby, Main. Auch Haruf hat - wie Elizabeth Strout - eine fiktive Kleinstadt zum Handlungsort seiner Romane gemacht. Hier kreuzen sich die Lebenswege und Schicksale der unterschiedlichsten Menschen. Im Zentrum dieses Romans steht Dad Lewis, der es in Holt mit seiner Eisenwarenhandlung zu einigem Wohlstand gebracht hat. Seine kostbaren Tage sind jedoch gezählt, denn eine Krebserkrankung zerrt ihn langsam aus. Seine Tochter reist zur Unterstützung an, sein Sohn, mit dem er sich vor Jahrzehnten wegen dessen Homosexualität zerstritten hatte, bleibt unauffindbar. Eine weitere wichtige Rolle spielt Reverend Rob Lyle, der mit seinen Ansichten in Holt aneckt und dessen Sohn ebenfalls darunter leidet. Viele weitere vom Leben gebeutelte Figuren treten auf und wieder ab. Einige jedoch verfolgen Dad Lewis bis in seine letzten Träume.

Haruf ist ein genauer Beobachter und viele Szenen wirken authentisch und sind berührend, überzeugen beim Lesen, aber keine Figur war mir sympathisch. Auch hatte dieses Buch eine deprimierende Grundstimmung, das mag ich derzeit gar nicht. Vielleicht hätte es zu einem anderen Zeitpunkt anders gewirkt. Allerdings gibt es für mich auch keinen wirklichen Spannungsbogen in der Handlung. Man fühlt sich als stille Beobachterin bei diesen krisenhaften Zusammenkünften und Gesprächen und bleibt auf Abstand.

Die wörtliche Rede bleibt ohne Anführungszeichen, daran muss man sich gewöhnen. Wenn man sich aber erst eingelesen hat, übersieht man es praktisch. Den Lesefluss hat es nach einigen Seiten nicht mehr behindert und Dank der flüssigen Sprache liest sich das Buch recht schnell.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich nochmal auf den Weg nach Holt machen werde.

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Veröffentlicht am 29.10.2024

Ich möchte eine guter Mutter sein

Der Verdacht
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Aber Blythe kann keine gute Mutter sein. Als ihre Tochter Violet geboren wird, ist von Beginn an eine Distanz zwischen Mutter und Kind da, die sich auch im Laufe der Zeit nicht verringert. Ganz im Gegenteil, ...

Aber Blythe kann keine gute Mutter sein. Als ihre Tochter Violet geboren wird, ist von Beginn an eine Distanz zwischen Mutter und Kind da, die sich auch im Laufe der Zeit nicht verringert. Ganz im Gegenteil, aus der Kluft wird eine offene Abneigung. Wie kann das sein? Durch Rückblenden erfahren wir mehr über die Familiengeschichte von Blythe. Wir lernen ihre Großmutter Etta und ihre Mutter Cecilia kennen und erkennen bald einen roten Faden, der sich durch alle Mutter-Tochter-Beziehungen zieht. Dann wird Blythe erneut schwanger.

Dieser Roman baut ganz langsam Spannung auf. Durch die ersten Abschnitte muss man sich schon ein bisschen durchkämpfen. Wie sich das Verhältnis zwischen Violet und Blythe langsam verschärft, ist ein schleichender Prozess, der immer mehr Spannung aufbaut und Fragen aufwirft. Das liegt zunächst natürlich daran, dass Blythe als Ich-Erzählerin fungiert und wir nur ihre Sicht der Dinge zu lesen bekommen. Immer wieder fragt man sich, wer hier eigentlich der "Störfaktor" ist, zumal Blythes Umwelt nicht so reagiert, wie sie es sich wünscht. Das ist ganz geschickt aufgebaut, weil der Prolog damit beginnt, dass die Familie nicht mehr zusammen ist und Blythe durch ein Fenster das fröhliche Treiben der neuen Familie ihres Mannes betrachtet und dabei von Violet erwischt wird. Aber mit dieser Szene ist das Buch nach über 300 Seiten noch nicht am Ende der Geschichte angelangt.

Ein schwieriges Thema, das hier verarbeitet wird und das weit über die mehr oder weniger bekannte pränatale Depression hinausgeht. Das mag nicht für jede Leserin geeignet sein. Mich hat das Buch nicht derart aus der Bahn geworfen, weil ich alle Figuren unsympathisch fand - bis auf eine mütterliche Nebenfigur. Das hat mir den Roman insgesamt nicht so nahe gebracht. Dennoch spannende Unterhaltung für diejenigen, die das Thema aushalten können. Gut geschrieben und in kurzen Kapiteln, so dass man das Buch auch schnell ausgelesen hat.

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Veröffentlicht am 16.10.2024

Der Greifer

Finster
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Den Anfang fand ich richtig gut: Eine Kirmes in einem kleinen Dorf, das einzige Highlight des Jahres 1986 und aller anderen Jahre zuvor. (Das hat mich irgendwie an meine Kindheit auf dem Dorf erinnert.) ...

Den Anfang fand ich richtig gut: Eine Kirmes in einem kleinen Dorf, das einzige Highlight des Jahres 1986 und aller anderen Jahre zuvor. (Das hat mich irgendwie an meine Kindheit auf dem Dorf erinnert.) Das Grauen hält jedoch mit der Kirmes Einzug in Katzenbrunn, als ein Junge spurlos verschwindet. Seit 1969 bereits das fünfte Kind. Den früheren Kommissar Hans Stahl läßt sein eigener Fall von 1976 nicht mehr los. Er hatte damals der Mutter des dreizehnjährigen Stefan versprochen, ihr den Sohn wieder nach Hause zu bringen. Bis jetzt hat er dieses Versprechen nicht halten können. Nun setzt er alles daran, den Greifer endlich zu fassen.

Vielleicht habe ich einfach schon zu viele Thriller gelesen, jedenfalls konnte mich dieser nicht überraschen. Man kann das Buch sehr schnell lesen, da der Sprachstil nicht besonders anspruchsvoll ist. Natürlich ist ein Thriller in erster Linie kein literarisches Werk mit künstlerischem Anspruch, aber mir war die Sprache fast schon ein wenig zu "seicht". Die Kapitel sind durchweg sehr kurz und die Handlung springt zwischen den verschiedenen Personen, die sich in Katzenbrunn tummeln, hin und her. Dabei bleiben die Charaktere recht oberflächlich. Den Charme der 1980er Jahre durch die Erwähnung zahlreicher zeitgenössischer Details zu verbreiten, ist eine clevere Idee, mag aber bei den Generationen nach den Babyboomern seine Wirkung verfehlen.

Wer nach einem Thriller sucht, den man in kürzester Zeit durchlesen kann und wer noch nicht (fast) jeden Kniff kennt, für den ist "Finster" sicher spannende Unterhaltung.

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Veröffentlicht am 17.09.2024

Ausverkauf eines Volkes

Spuren
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Nanapush, der letzte seines Stammes, erzählt die Geschichte seines Volkes der kleinen Lulu, die er immer wieder direkt anspricht. Er macht ihr deutlich, wie viel verloren ist: Tiere, Flüsse, Bäume, Land, ...

Nanapush, der letzte seines Stammes, erzählt die Geschichte seines Volkes der kleinen Lulu, die er immer wieder direkt anspricht. Er macht ihr deutlich, wie viel verloren ist: Tiere, Flüsse, Bäume, Land, Traditionen, Familie. Die Zeit von 1912 bis 1924 wird in mehrere Kapiteln eingeteilt, die alle den indigenen Namen einer Jahreszeit tragen, der verdeutlicht, wie stark das Leben der Menschen mit ihrer Umwelt verknüpft war. In der geschilderten Zeitspanne geht es um das nackte Überleben, um das Sichern des Landes und um die schicksalhafte Verflechtung von wenigen Familien. Kleine Parzellen sind ihnen von ihrem Land geblieben und selbst diese will die Regierung ihnen wegnehmen und gewinnbringend weiterverkaufen. Im Zentrum steht Fleur Pillager, Lulus Mutter, die als einzige die Schwindsucht und den kalten Winter ihrer sechsköpfigen Familie überlebt hat. Zur Perspektive von Nanapush gesellt sich abwechselnd die des Mädchens Pauline Puyat hinzu, die im Reservat eine Aussenseiterin ist. Sie fungiert als eine Art Gegenspielerin zu Fleur.

Der Einstieg in die Geschichte ist mir nicht so leicht gefallen. Ich habe schon andere Romane der Autorin gelesen, die mich sofort in die Handlung gezogen hatten (z. B. Das Haus des Windes), das war hier nicht der Fall. Bis zum Ende bin ich nicht ganz warm geworden mit dieser Geschichte, die für mich eher kantig zu lesen war, ganz wie der Charakter von Fleur beschrieben werden kann. Es ist viel Mystisches im Text, Dinge, die ich gar nicht richtig verstanden habe, die mir fremd sind. Diese Dinge bleiben bei den Chippewa. Sie werden aber durch Nanapush eindringlich an die nächste Generation weitergegeben. Und auch die Fakten werden von dem alten Mann in seinen ganz eigenen Worten anschaulich beschrieben. Da blutet einem das Herz, wenn die Indigenen, die fast nichts mehr besitzen, im Winter fast erfrieren und verhungern, ihr Land für etwas Mehl hergeben; räudige Felle verkaufen, jede Geldnote sammeln, um die Grundsteuern bezahlen zu können.

Ein stellenweise wirklich erschütterndes Buch, das mir durch die Erzählweise aber nicht ganz so nahe gekommen ist, wie andere Bücher der Autorin, die selbst eine indigene Mutter hat. "Spuren" ist eines ihrer frühen Werke, das bereits 1988 erschienen ist.

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