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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 28.11.2024

Ivan und Peter

Intermezzo
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In ihrem neuen Roman „Intermezzo“ widmet sich Sally Rooney der komplexen Beziehung zwischen zwei Brüdern, deren Lebenswege kaum unterschiedlicher sein könnten. Ivan, der Jüngere der beiden, ist ein introvertierter, ...

In ihrem neuen Roman „Intermezzo“ widmet sich Sally Rooney der komplexen Beziehung zwischen zwei Brüdern, deren Lebenswege kaum unterschiedlicher sein könnten. Ivan, der Jüngere der beiden, ist ein introvertierter, sozial unbeholfener Schachspieler. Trotz seines Talents fehlt ihm das Selbstbewusstsein, sein Können anzuerkennen oder sich in sozialen Situationen wohlzufühlen. Peter hingegen verkörpert den selbstbewussten Erfolgsmenschen: charismatisch, aber auch überheblich und egozentrisch. Die beiden Männer, die nach dem Krebstod ihres Vaters auf verschiedene Weise mit ihrer Trauer umgehen, stehen im Mittelpunkt dieses Romans – sowohl in ihrer Gegensätzlichkeit als auch in ihrer Brüchigkeit als Geschwister.
Rooney setzt einen klaren Schwerpunkt auf die Beziehungen der Brüder zu Frauen. Ivan verliebt sich in die zehn Jahre ältere Margaret, eine Beziehung, die vor allem für sie von Unsicherheit und gesellschaftlicher Skepsis geprägt ist. Peters Umgang mit Frauen ist ebenfalls unkonventionell: Er fühlt sich gleichermaßen zu zwei Frauen, Sylvia und Naomi, hingezogen, ohne sich festlegen zu wollen. Dieser Kontrast in den Liebesbeziehungen der Brüder dient als Spiegel für ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten und Lebensansätze. Während Ivan sich seiner Gefühle rückhaltlos öffnet, bleibt Peter verschlossen und versucht, seine Zweifel allein zu bewältigen.
Der Roman ist gleichermaßen eine Analyse von modernen Beziehungen wie auch eine Studie einer unharmonischen Bruderbeziehung. Ivan und Peter kämpfen jeweils auf ihre Weise mit den Erwartungen der Gesellschaft, wobei sie sich mal anpassen, mal dagegen auflehnen. Ivan, der sich von Normen eingeschüchtert fühlt, sucht Halt in Margaret, während Peter sich in seiner Überheblichkeit unbeeindruckt von äußeren Meinungen gibt – und doch innerlich zerrissen ist.
Rooney zeigt dabei ein beeindruckendes Gespür für die Psychologie ihrer Charaktere. Ihre Beschreibungen dringen tief in die Innenwelten der Brüder ein und enthüllen, wie stark sie von ihrer Vergangenheit und ihrem Umfeld geprägt sind. Der Roman zeichnet nach, wie die Schatten der gemeinsamen Kindheit ihre Gegenwart belasten und ihre Beziehung in eine tiefe Krise stürzen. Mit präzisen Dialogen und einer facettenreichen Erzählweise gelingt es der Autorin, diese Spannungen greifbar zu machen. Besonders hervorzuheben ist die emotionale Tiefe, die Ivan in seiner Beziehung zu Margaret offenbart – ein starker Kontrast zu Peters egozentrischer Art, mit seinen Gefühlen umzugehen.
Stilistisch ist „Intermezzo“ ein zweischneidiges Schwert. Rooney setzt auf einen fragmentarischen Schreibstil, der zwar modern und populär ist, jedoch den Lesefluss gerade zu Beginn erschwert. Die zahlreichen unvollständigen Sätze mögen als literarisches Mittel gedacht sein, wirken aber mitunter wie ein Ausdruck erzählerischer Unsicherheit. Dieses Stilmittel dürfte Geschmacksache sein, doch es könnte bei manchen Lesern den Eindruck erwecken, die Autorin vermeide bewusst eine elegantere Ausdrucksweise.
Inhaltlich bleibt die Darstellung unkonventioneller heterosexueller Beziehungen nicht ganz überzeugend. Die Problematik einer Altersdifferenz von zehn Jahren oder die komplexen Gefühle in Dreiecksbeziehungen wirken im Vergleich zu realen gesellschaftlichen Herausforderungen fast trivial. Dennoch beweist Rooney ihre Stärke darin, die Ambivalenz menschlicher Beziehungen glaubhaft zu inszenieren.
Trotz kleinerer Schwächen in der erzählerischen Methodik zählt „Intermezzo“ zu Rooneys stärksten Werken. Im Gegensatz zu ihren früheren, teils mittelmäßig bewerteten Büchern wie „Gespräche mit Freunden“ gelingt es ihr hier, die Gegensätzlichkeit zweier Persönlichkeiten und ihre Beziehung zueinander auf ansprechende Weise darzustellen. Die Idee, zwei unterschiedliche Brüder ins Zentrum des Geschehens zu rücken, gibt dem Roman eine solide Grundlage, die durch die präzise Figurenzeichnung gestützt wird.

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Veröffentlicht am 26.11.2024

Magisches Chaos

Kleine Hexe Nebel 1: Das Erwachen des Drachen
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Mit dem ersten Band „Das Erwachen des Drachen“ gelingt Jérôme Pélissier und Carine Hinder ein farbenprächtiger Auftakt zu ihrer dreibändigen Comicreihe „Kleine Hexe Nebel“, die im Carlsen Verlag erscheint. ...

Mit dem ersten Band „Das Erwachen des Drachen“ gelingt Jérôme Pélissier und Carine Hinder ein farbenprächtiger Auftakt zu ihrer dreibändigen Comicreihe „Kleine Hexe Nebel“, die im Carlsen Verlag erscheint. Besonders Kinder ab 8 Jahren dürften von der kleinen Hexe und ihrer charmanten Welt begeistert sein.
Die Hauptfigur, Nebel, ist ein absoluter Hingucker: Mit ihrem runden Kopf, dem frechen Blick und dem spitzen Hexenhut strahlt sie jugendliche Unangepasstheit aus. Dank der wirkungsmächtigen Illustrationen von Carine Hinder wird Nebels Charakter perfekt eingefangen – ohne viele Worte. Sie ist eine Möchtegern-Hexe, wie sie im Buche steht: entschlossen, mutig und ein wenig tollpatschig. Ihr größter Traum ist es, eine echte Hexe zu sein. Doch leider fehlt ihr jegliches Talent, denn sie besitzt keinerlei magische Kräfte. Erst als ihr Vater ihr ein mysteriöses Zauberbuch schenkt, das er bei ihr als Baby gefunden hat, findet Nebel Zutritt zur Welt der Magie.
Gemeinsam mit ihrem treuen Freund Hugo und dem niedlichen Hausschwein Hubert eröffnet sie einen Zauberladen, um den Dorfbewohnern zu helfen. Doch schon der erste Auftrag endet im Chaos, und Nebel muss sich in ein aufregendes Abenteuer stürzen, um ihren Fehler wieder gutzumachen.
Das absolute Highlight dieses Comics ist zweifelsohne die Farbgestaltung, für die Jérôme Pélissier verantwortlich ist. Die Panels scheinen regelrecht zu glühen, und die geschickte Licht- und Farbwahl verleiht der Geschichte eine magische und heitere Atmosphäre. Die detailreichen Hintergründe, insbesondere Nebels Heimatdorf, wirken lebendig und fantasievoll – ein Hexendorf wie aus dem Märchenbuch, das Kinder und Erwachsene gleichermaßen in seinen Bann ziehen dürfte.
Auch die Figuren sind liebevoll gestaltet. Sie sprechen die junge Zielgruppe perfekt an, indem sie mit wenigen, klaren Details ihre Persönlichkeit ausdrücken: Nebel als freche Heldin, ihr Vater als kräftiger, gutherziger Beschützer, Hugo als treuer, etwas schusseliger Freund und Hubert als witziger Sidekick.
Während Zeichnungen und Farbgebung nahezu perfekt harmonieren, gibt es inhaltlich einige Schwächen. Die Story ist für Kinder ab 8 Jahren gut nachvollziehbar, hätte jedoch in ihren zentralen Momenten mehr Raffinesse vertragen können. Einige Dialoge wirken zu konstruiert, und häufig sind Kommentare des Schweins Hubert nötig, um das Geschehen zu erklären. Zudem fühlt sich das Abenteuer recht kurz an: Kaum wurde die Spannung aufgebaut, ist die Geschichte auch schon zu Ende.
Es scheint, als hätte Jérôme Pélissier, der sowohl für den Text als auch die Farben verantwortlich ist, den Fokus stärker auf die visuelle Gestaltung gelegt. Während diese fantastisch gelungen ist, hätte der Text von einem zusätzlichen kreativen Input profitieren können.
Im Allgemeinen ist „Das Erwachen des Drachen“ ein gelungener Auftakt für die Reihe „Kleine Hexe Nebel“, der vor allem durch seine farbenfrohe und fantasievolle Gestaltung besticht. Kinder werden die charmanten Figuren und die magische Erzählwelt lieben, auch wenn die Handlung stellenweise etwas stärker ausgearbeitet sein könnte. Magie, Drachen und ein wenig Chaos – dieser Comic hat das Zeug, junge Leser in seinen Bann zu ziehen.

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Veröffentlicht am 11.11.2024

Eine Krone kann man nicht teilen

Der König
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Zwei Brüder, die wie Könige über eine kleine norwegische Gemeinde herrschen, das lässt schon im Vorhinein ein interessantes und außergewöhnliches Thema für einen Kriminalroman erahnen. Tatsächlich geht ...

Zwei Brüder, die wie Könige über eine kleine norwegische Gemeinde herrschen, das lässt schon im Vorhinein ein interessantes und außergewöhnliches Thema für einen Kriminalroman erahnen. Tatsächlich geht Jo Nesbøs neuer Bestseller „Der König“ weit über die Grenzen des herkömmliches Kriminalromans hinaus. Im Vordergrund der Geschichte stehen die beiden Brüder Roy und Carl, die alles andere als typische rechtschaffene Protagonisten sind, denn ihr Verhalten und ihre Handlungen sind moralisch fragwürdig und in vielerlei Hinsicht skrupellos. Um ihre Ziele zu erreichen, scheuen sie weder vor Manipulation noch vor Mord zurück. Was ihre Taten besonders faszinierend macht, ist die allmähliche Enthüllung ihrer düsteren Vergangenheit. Nach und nach erfahren die Leser von Roys Verbrechen, die der Autor gekonnt in die Haupthandlung einflicht, wodurch ein Spannungsbogen entsteht, der weniger auf actiongeladene Szenen als auf psychologische Tiefe und die schrittweise Enthüllung familiärer Abgründe setzt.
Als Schauplatz dient die Kleinstadt Os im Norden Norwegens, dem eine bedeutende Rolle in der Geschichte zukommt. Die Gemeinde ist nicht einfach nur Kulisse, sondern ein komplexes Gebilde, dessen Bewohner eigene, tragische Geschichten und Geheimnisse verbergen. Neben Roy und Carl werden auch die Nebenfiguren detailliert und authentisch geschildert, was dem Roman eine zusätzliche Ebene der Tiefe verleiht. Die Stadtbewohner sind keine Statisten; sie haben ihre eigenen Lebensträume, Geheimnisse und Abgründe, die Jo Nesbø in zahlreichen kleinen Anekdoten und Rückblenden kunstvoll erzählt. Themen wie Korruption, Missbrauch, Familie, Sport, Achterbahnen, Wirtschaftspolitik und Liebe verweben sich dabei zu einem vielschichtigen Bild, das weniger durch klassische Spannung als durch die Stärke seiner Charakterzeichnungen und Themen überzeugt.
Interessant ist auch die dynamische Entwicklung der Brüder Roy und Carl im Laufe der Handlung. Anfangs wirken sie wie unzertrennliche Verbündete, die gemeinsam für ihre Ziele kämpfen. Doch im Verlauf der Geschichte beginnt diese Verbundenheit zu bröckeln. Die beiden Brüder entwickeln sich in unterschiedliche Richtungen, ihre Ziele und Wertvorstellungen driften auseinander, und schon bald stehen sie sich als Gegner gegenüber. Die Beziehung der Brüder ist dabei alles andere als das Klischee einer typischen Bruderbeziehung. Auf den ersten Blick scheint vor allem Carl der wahre „König“ von Os zu sein, der charismatisch und ideenreich das Leben in der Kleinstadt dominiert. Doch hinter dieser Fassade ist es vor allem Roy, der die Fäden in der Hand hält. Der stille und loyal wirkende Bruder entwickelt sich zu einem eiskalten Vollstrecker, der keine Grenzen kennt, wenn es darum geht, seine Familie und deren Geheimnisse zu schützen. Dabei wird er jedoch nicht als gefühllose Killermaschine dargestellt. Jo Nesbø gelingt es, die Leser seine Beweggründe und inneren Konflikte verstehen zu lassen, sodass Roys Handlungen im Kontext der Geschichte beinahe nachvollziehbar erscheinen. Trotz seiner Skrupellosigkeit ist er eine komplexe Figur mit einem moralischen Kompass, der zwar verbogen, aber nicht vollständig zerstört ist. Seine Loyalität gegenüber seinem Bruder und seine tiefe Verbundenheit zur Familie machen ihn zu einem faszinierenden und zugleich verstörenden Charakter, der uns als Leser zwischen Mitleid und Abscheu schwanken lässt.
Jo Nesbø inszeniert in „Der König“ ein intensives Drama um Macht und Einfluss, das sich nicht wie so oft in Großstädten oder Metropolen abspielt, sondern in einer kleinen, überschaubaren Gemeinde unter einfachen Menschen. Gerade diese bodenständige Darstellung des Kampfes um Geld und Macht verleiht der Geschichte Glaubwürdigkeit und macht sie so eindringlich. Durch das Setting im ländlichen Norwegen gelingt es Nesbø, ein authentisches und realitätsnahes Bild der Gesellschaft zu zeichnen, das dem Leser eine ungewöhnliche Perspektive auf die Mechanismen von Macht und Korruption bietet.
Allerdings sind die Intrigen, die die beiden Brüder in dieser Geschichte spinnen, zwar plausibel aufgebaut, wirken jedoch häufig vorhersehbar und teilweise klischeehaft. Obwohl die politischen Machenschaften nachvollziehbar sind, bleibt die Darstellung der Machtmechanismen an der Oberfläche. Ein wenig mehr Komplexität hätte die Handlung spannender und tiefgründiger gemacht, selbst wenn das zu einer höheren Stufe der Komplexität geführt hätte.
Ein weiterer Kritikpunkt ist das Fehlen einer Figur, mit der sich der Leser positiv identifizieren könnte. Die Bewohner der Stadt Os werden fast durchgehend als egoistische und unzugängliche Charaktere gezeichnet, was es schwer macht, Sympathie zu entwickeln oder wirklich mitzufiebern. Gerade in einer unterhaltsamen Lektüre wünscht man sich jedoch eine Figur, die Hoffnung und Menschlichkeit verkörpert.
Insgesamt entwirft der Autor ein finsteres Gesellschaftsbild, das zwar erschreckend ist, jedoch durch seine trostlose Darstellung eine gewisse Authentizität gewinnt und die Konsequenzen einer empathielosen Welt eindringlich darstellt.
„Der König“ weist dabei auch deutliche Züge eines Gesellschaftsromans auf, in dem Nesbø tief in die Strukturen und Geheimnisse der Kleinstadt eintaucht. Trotz dieser Schwere und Tiefe kommt jedoch auch die Spannung nicht zu kurz: Liebhaber von Kriminalromanen werden trotz der unkonventionellen Erzählweise am Ende des Tages voll auf ihre Kosten kommen. Jo Nesbø zeigt mit „Der König“ erneut, warum er zu den besten und gefragtesten Kriminalautoren der Welt gehört. Sein neuer Roman balanciert gekonnt zwischen Krimi, Psychodrama und Gesellschaftsroman und bietet eine Geschichte, die zwar nicht mit einem literarisch ambitionierten Werk mithalten kann, aber trotzdem länger im Gedächtnis bleibt, als ein Thriller des üblichen Formats.

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Veröffentlicht am 13.10.2024

Rückzugsort vom Alltagsstress

Die Abende in der Buchhandlung Morisaki
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Immer wieder gerät man an japanische Übersetzungen, die sich vor allem durch ihre schnörkellose Schreibweise auszeichnen, und in leisen Tönen das Leben einfacher Bürger einzufangen versuchen. Ähnlich wie ...

Immer wieder gerät man an japanische Übersetzungen, die sich vor allem durch ihre schnörkellose Schreibweise auszeichnen, und in leisen Tönen das Leben einfacher Bürger einzufangen versuchen. Ähnlich wie in den Romanen von beispielsweise Yoko Ogawa oder Hiromi Kawakami erzählt auch Satoshi Yagisawa in „Die Abende in der Buchhandlung Morisaki“ nicht etwa von Drama oder weltbewegenden Ereignissen, sondern lässt den Leser am Alltag seiner Protagonistin Takako teilhaben, dessen Lebensmittelpunkt die antiquarische Buchhandlung ihres Onkels bildet. Die Handlung knüpft unmittelbar an die Ereignisse des Vorgängers „Die Tage in der Buchhandlung Morisaki“ an, den man als Leser jedoch nicht zwingend gelesen haben muss, denn auch ohne Vorkenntnisse ist der Einstieg in die Geschichte problemlos möglich.
Auf eine Story im üblichen Sinne wird weitestgehend verzichtet, im Grunde bildet der Roman einen Abriss von Takakos Leben, der den Lesern in Form von mehreren aufeinanderfolgenden Impressionen präsentiert wird. Man erfährt einiges über ihr Liebesleben, ihrer Beziehung zu ihrem Onkel, und der magischen Anziehungskraft, welche die Buchhandlung stets auf sie ausübt. Der Laden ist ein wichtiger Rückzugsort, um sich von den Strapazen des Alltags zu erholen. Zufällige Bekanntschaften mit den Kunden ihres Onkels und Momente der Stille gehören gleichermaßen zu den Erfahrungen, die Takako dort sammelt. Somit ist die Buchhandlung ein echter Rückzugs- und Wohlfühlort in einer schnelllebigen Welt, in der Augenblicke der Einkehr immer seltener werden.
Yagisawa gelingt es im allgemeinen recht gut, literarisch die Besinnlichkeit zu transportieren, welche das Antiquariat verströmt. Zweifelsohne liegt der Sinn und Zweck des Romans darin, den Leser einzuladen, sich zurückzulehnen und die Seele baumeln zu lassen. Jedoch gibt es japanische Autoren, die diesen leichten, schnörkellosen und zuweilen melancholischen Schreibstil weitaus besser beherrschen. Auch die Dialoge wirken hin und wieder etwas gestelzt. Atmosphäre und Stimmung sind vorhanden, reichen jedoch nicht vollends an die Qualität der Umschlagillustration von Elisa Menini heran, was ich mir insgesamt erhofft hatte. Im Allgemeinen kommt es ziemlich selten vor, dass ein japanischer Roman nicht von Ursula Gräfe übersetzt wird, dabei ist dieses Buch nahezu prädestiniert dafür. Ob es nun an der Übersetzung oder dem Autor liegt, dass der Roman in Sachen Flair und Charme einige Chancen ungenutzt lässt, ist jedoch schwer zu beurteilen.
Dennoch: Mit „Die Abende in der Buchhandlung Morisaki“ ist dem Autor eine freundliche und herzliche Geschichte gelungen, die sich hervorragend als eine seichte Lektüre für Zwischendurch eignet.

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Veröffentlicht am 18.09.2024

Eine kleine Insel im Pazifik

Das große Spiel
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In seinem neuen Roman „Das große Spiel“ widmet sich Richard Powers wieder einmal zentralen Themen des Planeten Erde. Anstelle von Bäumen wie in „Die Wurzeln des Lebens“ steht diesmal der Ozean im Mittelpunkt, ...

In seinem neuen Roman „Das große Spiel“ widmet sich Richard Powers wieder einmal zentralen Themen des Planeten Erde. Anstelle von Bäumen wie in „Die Wurzeln des Lebens“ steht diesmal der Ozean im Mittelpunkt, aber auch die Geschichte der Informatik, von den frühesten Anfängen bis hin zu aktuellen Trends wie Social Media und Künstlicher Intelligenz. Ein ambitioniertes Projekt, das Powers mit gleich vier wesentlichen Protagonisten zu bewältigen versucht. Diese sind in unterschiedlichen Bereichen beheimatet, zum einen gibt es da eine Künstlerin, die auf der Pazifikinsel Makatea an ihren Skulpturen arbeitet, einen vielversprechenden Informatiker, eine berühmte Taucherin, sowie ein Büchernarr. Zudem springt der Roman zwischen den Zeitlinien, denn bei der Nacherzählung des Werdegangs der Hauptfiguren wird mitunter auch die Kindheit und Jugend nicht ausgespart. Im Falle der Taucherin und Meeresforscherin Evie Beaulieu versetzt Powers den Leser sogar bis in die Fünfzigerjahre des vorangegangenen Jahrhunderts zurück, als ihr Vater den Keim für ihre außergewöhnliche Karriere säte. Im Anbetracht der Vielzahl an Figuren und Handlungssträngen ist es kaum verwunderlich, dass der Roman Schwierigkeiten hat, in die Gänge zu kommen. Die ersten knapp Siebzig Seiten lesen sich recht holprig, was auch an den kurzen Szenen liegen mag. Anfangs widmet Powers seinem Personal jeweils nur einige Seiten, es folgt Sequenz auf Sequenz; vermutlich wird damit der Zweck verfolgt, möglichst viele Figuren in kurzer Zeit einzuführen. Nachdem diese holprige Art des Einstiegs überwunden ist, und Powers den Charakteren längere Erzählstränge zubilligt, nimmt der Roman an Fahrt auf. Genaugenommen konnte mich der Autor mit der Kindheitsbeschreibung von Rafi Young zum ersten Mal tief in die Geschichte hineinsaugen. Ungefähr Zweihundert Seiten lang darf der Leser sich daraufhin auf vielschichtige Figuren freuen, die mehr und mehr ihren Platz in der Welt entdecken, und bei aller Eigensinnigkeit gewillt sind, dem Planeten ihren Stempel aufzurücken. Gerne hätte Powers es bei dieser Art der Erzählung belassen können, solange seine Charaktere den Mittelpunkt der Geschichte bilden, kann „Das große Spiel“ in vielerlei Hinsicht überzeugen. Leider jedoch genügt es dem Pulitzerpreisträger nicht, auf einer Mikroebene zu verbleiben. Vor allem im letzten Drittel übernimmt der Autor sich bei dem Versuch, aktuelle Trends und Entwicklungen der Gegenwart zu thematisieren. Zu den Themen Maschinelles Lernen, Social Media, Klimakrise und Meeresökologie kann er jedoch keinen neuen Gedanken beisteuern. Längst braucht es keinen Richard Powers mehr, um die Gefahren unkontrolliert agierender Computersysteme zu erkennen. Dennoch ist ihm ein durchaus lesenswerter Roman gelungen, der zwar kein Meisterstück in seinem Genre ist, aber solide erzählt wird.

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