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Veröffentlicht am 12.04.2026

Tolle Fortsetzung

Kein Kuchen für Vampire
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Schon Drei Magier und eine Margarita hatte mich vom Annette Maries Schreibstil und der Welt von Guild Codex überzeugt. Auch Ein Cookie für den Dämon gefiel mir richtig gut – vielleicht sogar noch besser. ...

Schon Drei Magier und eine Margarita hatte mich vom Annette Maries Schreibstil und der Welt von Guild Codex überzeugt. Auch Ein Cookie für den Dämon gefiel mir richtig gut – vielleicht sogar noch besser. Da war es gar keine Frage, OB ich die Fortsetzung Kein Kuchen für Vampire lesen würde, sondern wie schnell ich dieses Buch in die Finger bekommen würde! Als dann eine Mail vom Verlag kam und mir ein Rezensionsexemplar anbot, habe ich nicht Nein gesagt …

Weil Kein Kuchen für Vampire der zweite Band der Reihe Guild Codex: Demonized ist, kann diese Rezension, ebenso wie der Klappentext, kleine Spoiler für den ersten Band Ein Cookie für den Dämon enthalten. Meine Rezension zum ersten Band findest du hier.

Es war toll, mit Kein Kuchen für Vampire wieder in der Welt der Crow & Hammer Gilde unterwegs zu sein! Robin und Zylas sind auch in diesem zweiten Band des Guild Codex: Demonized Spin Offs unterhaltsame Partner, zwischen denen die Funken nur so fliegen (ich glaube aber, dass sie das noch nicht wissen).

Robin gewöhnt sich langsam an ihr neues Dasein als sogenannte Kontraktorin – eine Person, die einen Vertrag mit einem Dämon hat und diesen – so jedenfalls die Theorie – quasi steuern kann. In der Praxis hilft ihr Zylas, „ihr“ absolut unkontrollierter Dämon, wenn er Lust darauf hat und nervt sie, wenn ihm langweilig ist. Zu Robins Nachteil (und unserer Unterhaltung) ist ihm ständig langweilig … Immerhin ist er vertraglich daran gebunden, auf sie aufzupassen, sodass die in Dämonenmagie unterfahrene Robin ohne jegliches Kampftraining tollpatschig, manchmal etwas zu naiv und voller Tatendrang von einem Abenteuer ins nächste stolpern kann, ohne sich wirklich Sorgen um ihre Sicherheit machen zu müssen. Naja. Meistens jedenfalls, wie sie in Kein Kuchen für Vampire am eigenen Leib erfahren darf.

An einigen Stellen der Handlung habe ich echt gebangt, ob die beiden heil wieder aus der Sache herauskommen. Ich habe richtig verkrampft dagesessen und auf der Suche nach dem Happy End einer Szene sogar ein paar Zeilen übersprungen, bevor ich den Abschnitt noch einmal normal lesen konnte – es war einfach so spannend und beunruhigend! Ich hatte richtig Angst um die Beziehung zwischen Robin und Zylas, obwohl ich doch weiß, dass es weitere Bände gibt und die Geschichte um dieses Paar eindeutig weiter geht …

Leider lagen die Probleme und Stressfaktoren oft nicht an der Situation selbst, sondern an der Tatsache, dass Robin klare Anweisungen ihres weitaus erfahreneren Partners ignoriert oder einfach blind in etwas hineinrennt, was vermeidbar gewesen wäre. Ab und zu fand ich das frustrierend, aber diese Eigenheit passt auch sehr gut zu Robin, die ihre Nase bisher eher in Zauberbücher und nicht in Handbücher für den Kampfeinsatz gesteckt hatte.

Der Titel hat mich durchweg etwas irritiert: Kein Kuchen für Vampire. Aus den anderen Büchern der Reihe, die ich bisher gelesen habe, wusste ich, dass Vampire in dieser Welt weder glitzern noch irgendwie zu den Guten gehören. Klar, dass die keinen Kuchen bekommen! Ich wartete dennoch lange Zeit vergeblich, dass ein Vampir sich als Verbündeter entpuppen würde, um die Nennung im Titel zu begründen und die Gruppe unserer „Held*innen“ wachsen zu lassen.

Trotzdem haben Robin, Zylas und Amalia tatsächlich Unterstützung bekommen: in Zora, einem Mitglied der Crow & Hammer Gilde. Die taffe Kriegerin mit dem gigantischen Breitschwert ist eine der ersten, die Robin in der Gilde wirklich willkommen heißt und sie etwas unter ihre Fittiche nimmt. Auch Tori, die man in der Reihe Guild Codex: Spellbound näher kennenlernt, scheint aufzutauen.

Mir gefällt sehr, wie Annette Marie so völlig unterschiedliche Frauen als Hauptperson schreiben kann und bei beiden ihren super lesbaren Schreibstil und diesen ganz besonderen unterschwelligen Humor beibehält, der mich von Anfang an in seinen Bann gezogen hat. Ein großes Lob ist dabei wahrscheinlich auch der Übersetzerin Jeannette Bauroth zu widmen. Irgendwann werde ich die Bücher mal auf Englisch lesen, um einen direkten Vergleich der Stile anzustellen. Bis dahin genieße ich einfach die Geschichte, die ich geradewegs inhaliere – ein ganzes Buch an einem halben Tag ist nicht ohne. 🙂

Sie gesellt sich damit zu meinen Lieblingsautorinnen, und das nach nur 4 Büchern, die ich von ihr gelesen habe. Patricia Briggs (Mercy Thompson), Jennifer Estep (Elemental Assassin, Mythos Academy) und zum Teil auch Bianca Iosivoni (Firsts-Reihe) stehen in diesem Kontext ganz weit oben auf meiner Liste, aber Annette Marie schließt mit großen Schritten auf!

Ich bin extrem neugierig, wie es mit Robin und Zylas weitergeht und wer hinter all dem Chaos steckt, in das die beiden verstrickt sind. Glücklicherweise muss ich beim Warten auf die Fortsetzung von Guild Codex: Demonized die Welt von Guild Codex nicht komplett verlassen, denn es gibt noch ein paar Bände von Guild Codex: Spellbound um Tori und ihre drei Magier, die gelesen werden wollen!

Es hat mir richtig Spaß gemacht, mich in Kein Kuchen für Vampire zu stürzen! Immer wieder lese ich einen neuen Band, der in dieser Urban Fantasy Welt spielt, und löse mich damit aus einer Leseflaute. Hier war es nicht anders: Jetzt habe ich gerade wieder Lust aufs Lesen. (Hoffentlich hält es diesmal etwas länger an!)

Schon allein dafür liebe ich diese Reihe sehr.

Veröffentlicht am 12.04.2026

Hörbuch-Rezension

Dunkle Künste und ein Daiquiri
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Der erste Band Drei Magier und eine Margarita war eines meiner Highlights im letzten Jahr. Auch der erste Band der Ableger-Reihe Guild Codex: Demonized hat mir extrem gut gefallen. Daher war es gar keine ...

Der erste Band Drei Magier und eine Margarita war eines meiner Highlights im letzten Jahr. Auch der erste Band der Ableger-Reihe Guild Codex: Demonized hat mir extrem gut gefallen. Daher war es gar keine Frage, ob ich diese Reihe fortsetzen würde! Band 2 habe ich nun als Hörbuch gehört.

Weil Dunkle Künste und ein Daiquiri der zweite Band der Reihe Guild Codex: Spellbound ist, kann diese Rezension, ebenso wie der Klappentext, kleine Spoiler für den ersten Band Drei Magier und eine Margarita enthalten. Meine Rezension zum ersten Band findest du hier.

Eines vorweg: Die Hörbuchsprecherin Yeşim Meisheit macht in Dunkle Künste und ein Daiquiri einen extrem guten Job! Einen so guten, dass ich direkt nach weiteren von ihr gelesenen Hörbüchern gesucht und mit Bite the Bride eines gefunden habe, das ich jetzt gerade höre. Sie bringt Tori fast genau so rüber, wie ich es erwartet habe. Klar, am Anfang muss man sich immer erst einmal kurz an eine neue Sprecherin gewöhnen, aber das hat für mich bei Dunkle Künste und ein Daiquiri nur etwa ein Kapitel gedauert.

Inhaltlich holt mich Dunkle Künste und ein Daiquiri fast genauso ab wie der erste Band Drei Magier und eine Margarita. Ich mag, dass die Handlung quasi direkt an den Vorgänger anschließt und vieles für unsere Hauptfigur Tori weiterhin neu und mysteriös ist. Diesmal ist sie für einen Gildenauftrag undercover, wodurch ihr die Rückendeckung durch „ihre“ drei Magier Aaron, Kai und Ezra fehlt. Sie muss sich auf ihre eigenen Fähigkeiten verlassen und auf das, was sie bisher bei der Gilde über die Mystiker-Welt gelernt hat. Es gefällt mir gut, dass sie dadurch zeigen kann, wie sehr sie wirklich eine „starke weibliche Protagonistin“ ist.

Mit Dunkle Künste und ein Daiquiri wird die Welt der Guild Codex: Spellbound-Reihe um einiges größer. Während sich Band 1 um die Mitglieder der Gilde drehte und Konflikte zwischen verschiedenen Gilden in den Fokus stellte, wimmelt es in dieser Fortsetzung von Feen, Abtrünnigen, Gilden aus Übersee, einem Druiden, der mit Drachen redet, entführten Jugendlichen und übernatürlichen Hausbesetzern. Dieses Gewusel erinnerte mich stark an die komplexe Welt von Mercy Thompson oder die Elemental Assassin Reihe, die ich beide so liebe, nur vielleicht für etwas jüngere Leser*innen.

Obwohl so viele neue Lebewesen und Charaktere entsprechend viele Einleitungen und Erklärungen benötigen, hat die Story nur ein, zwei Momente, in denen es mir nicht schnell genug voran ging. Über diese kleinen Durchhänger kann man daher problemlos hinwegsehen.

Weil fast ein Jahr vergangen ist, seit ich Band 1 gelesen habe, hatte ich vergessen, wie alt die einzelnen Charaktere waren. Dass Tori erst 21 ist hat mich deshalb etwas überrascht – ich hatte sie aufgrund ihres abgebrühten Auftretens auf Ende 20, vielleicht sogar Anfang 30 geschätzt. Die Männer, die sie umgeben, scheinen allesamt wesentlich älter zu sein – Anfang bis Mitte dreißig, würde ich behaupten. Dieser große Altersunterschied in Kombination mit dem Machtgefälle (erfahren vs. unerfahren im Umgang mit Magie) lässt mich deshalb leider nicht recht los, so gut mir der Rest von Dunkle Künste und ein Daiquiri auch gefällt.

Das bringt mich zum Thema Romance: In meiner Rezension zum Vorgänger Drei Magier und eine Margarita hatte ich vom „second lead syndrome“ gesprochen (den Begriff kenne ich aus der K-Drama-Community und finde ihn sehr passend), also von meinem Gefühl, dass sich Tori eigentlich für einen anderen der drei Magier hätte entscheiden sollen. Dieses Gefühl setzt sich in Dunkle Künste und ein Daiquiri fort: Während Tori mit Aaron flirtet, halte ich Ausschau nach Ezras Reaktion.

Die Autorin Annette Marie spielt aber auch so gekonnt mit diesen Szenen, dass ich weiterhin glaube, dass Tori sich am Ende nicht für Aaron entscheiden wird. Es ist genug Subtext da, um eigentlich alle Optionen offen zu halten: Aaron, Ezra, Kai und mit Zack sogar eine vierte Person, die in diesem Band neu auftaucht. Das kann man schon mit dem trope „reverse harem“ benennen, oder? Ich bin sehr gespannt, wie sich die Liebesgeschichte im Lauf der Reihe weiterentwickeln wird!

Ich mag also die Romance, mit kleinen Kritikpunkten, und auch die Handlung sagt mir zu. Was mich aber wieder einmal am meisten fesselt und mich Großes von dieser Reihe und dieser Autorin erwarten lässt, ist der Schreibstil. Extrem humorvoll und sarkastisch, mit klarem Blick auf eine komplexe Urban Fantasy Welt erzählt sie die Geschichte einer jungen Frau, die von allerlei schrulligen Charakteren und magischen Abenteuern umgeben ist und dabei nur immer mehr zu sich selbst findet anstatt sich selbst zu verlieren. Genau das holt mich ab!

Vielleicht sollte ich mal recherchieren, welche Bücher neben diesem von Jeannette Bauroth (der Inhaberin des Second Chances Verlags, der diese Bücher auf Deutsch veröffentlicht) übersetzt wurden. Möglicherweise ist es wie bei der Übersetzerin Vanessa Lamatsch, die viele von mir geliebte Bücher ins Deutsche übertragen hat (allen voran Patricia Briggs, Jennifer Estep, J. Lynn). Wie auch immer: Band 3 liegt schon bereit …

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Veröffentlicht am 19.09.2025

Endlich einmal gute Aufklärung für Jungs - aber sprachlich anspruchsvoll für das empfohlene Alter

Junge sein …
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Es gibt so viele Bücher, die jungen Frauen und Mädchen erklären, wie sie sich an das Patriarchat anpassen können, und gleichzeitig verdeutlichen, dass sie das eigentlich nicht müssten - aber Bücher, die ...

Es gibt so viele Bücher, die jungen Frauen und Mädchen erklären, wie sie sich an das Patriarchat anpassen können, und gleichzeitig verdeutlichen, dass sie das eigentlich nicht müssten - aber Bücher, die jungen Männern und Jungs erklären, wie sie verhindern können, selbst zur Gefahr für Mädchen und Frauen zu werden, sehe ich viel zu selten. Besonders solche, die die Welt nicht einfach schwarz-weiß malen. Deshalb war es gar keine Frage, OB ich "Junge sein ..." lesen würde, sondern WANN. Ich habe einen zwölfjährigen Neffen, dem ich gern dabei helfen möchte, ein respektvoller und toleranter junger Mann zu werden, und hatte vor dem Lesen die Hoffnung, mit diesem Buch einen neuen Anknüpfungspunkt für Gespräche zu schaffen.

Comics

Kurz gesagt wurden meine Erwartungen allesamt getroffen. Vom Zeichenstil bin ich persönlich kein großer Fan, aber das ist für mich kein Hindernis, um das Buch als solches gut zu finden. Die Grundidee, komplexe Themen wie Trauer, toxische Männlichkeit, Feminismus, Patriarchat, Privilegien, Sexualität, Gewalt, Sucht nach Pornografie und noch viel mehr in kurzen Comics darzustellen, die den Alltag der jungen Lesenden abbilden und diese Geschichten dann mit Sachkapiteln zu vervollständigen - das gefällt mir richtig gut. Positiv aufgefallen ist mir auch, dass diese Geschichten von denselben Charakteren handeln: Zwar ändern sich die Hauptfiguren und damit die jeweilige Erzählperspektive, aber die Gruppe, die Schulklasse bleibt gleich. Neben all den individuellen Problemen und Gedanken wird damit auch in den Fokus gerückt, dass man eben nicht weiß, was beim Gegenüber gerade so los ist und man entsprechend respektvoll miteinander umgehen sollte - und dass eine Person tausend Dinge auf einmal beschäftigen können.

Sachkapitel

Während viel Gewalt thematisiert wird - körperliche, aber vor allem auch Mobbing - war mir das Sachkapitel, das auf den Comic mit einem trans Jungen als Hauptperson folgte, etwas zu kurz bzw. oberflächlich in Bezug auf dieses Thema. Darin geht es um Feminismus, Frauenbewegungen, positive Männlichkeit und geschlechtsspezifische Gewalt, aber "trans sein" kam nur als Randnotiz vor. Das finde ich sehr schade, weil gerade trans Personen aktuell eine so vulnerable Gruppe darstellen und hier eine Chance verpasst wurde, die jüngeren Generationen darüber aufzuklären, was der Begriff "trans" eigentlich bedeutet und warum trans+ Personen solcher Hetze ausgesetzt werden. Der Comic selbst zeigt das Mobbing, mit dem die Hauptfigur täglich konfrontiert wird.

Die Sachkapitel finde ich davon abgesehen inhaltlich überwiegend großartig - genau wie die Tatsache, dass die Zahlen, die darin genannt werden, am Ende des Buches mit Quellenangaben verknüpft werden. Es wird auf sexuellen Konsens eingegangen und auf Vergewaltigung ("Nein heißt Nein, und kein Ja heißt auch Nein."), auf die Verharmlosung (männlicher) Gewalt (wobei konkrete Adressen für Hilfesuchende genannt werden), darauf, dass Pornos unrealistische Erwartungen erzeugen und darauf, dass natürlich auch Männer weinen dürfen, es sogar sollten, und dass Gefühle nicht durch Gewalt ausgedrückt werden dürfen. Die Illustrationen lockern diese Kapitel gut auf, sodass sie trotz der großen Informationsflut nicht überwältigend sind. Auch die farbige Codierung der Kapitel, passend zum jeweils zugehörigen Comic, gefällt mir gut. Es wird sehr viel sehr wichtiges Wissen vermittelt und dabei überwiegend großes Fingerspitzengefühl bewiesen.

Sprache und Zielgruppe

Worüber ich beim Lesen aber konstant gegrübelt habe, ist die Zielgruppe von "Jungs sein ...". Laut VLB-Tix und den gängigen Onlineshops richtet sich das Buch an Dreizehnjährige. Auf der Verlagsseite finde ich keine Information darüber - vielleicht hat man sich bewusst dagegen entschieden. Ich selbst stehe dieser Einordnung nämlich etwas zwiegespalten gegenüber, denn: Einerseits finde ich 13 Jahre ziemlich spät, um Jungs zu erklären, dass sie andere nicht mobben oder schlagen sollen, dass sie weinen dürfen und das sie ein Nein unbedingt zu akzeptieren haben. Gleichzeitig verwendet "Junge sein ..." so viele Fachbegriffe oder "erwachsene" Formulierungen, dass wahrscheinlich selbst Sechzehnjährige an einigen Stellen erst einmal recherchieren müssen. Es wird zwar viel erklärt, aber trotzdem ist das Level der Sprache ziemlich hoch.

Ein Beispiel aus dem Kapitel zum sexuellen Konsens (S. 130): "Bedränge die andere Person niemals! Wenn die Person gerade viel zu tun hat, mit Freund*innen oder mit ihrer Arbeit beschäftigt ist, ist es womöglich nicht der beste Zeitpunkt, ihr deine Gefühle zu gestehen. Du musst ihre Privatsphäre respektieren. Wenn die Person dir zugehört hat, aber kein Interesse an dir hat, ist das zwar enttäuschend, aber ihre Entscheidung. Es ist sehr wichtig, das zu akzeptieren und sie nicht weiter zu bedrängen. In diesem Zusammenhang müssen wir unbedingt über Konsens (auch: Einvernehmen) sprechen."

Was ist "Privatsphäre"? Was ist "Konsens" oder "Einvernehmen"? Und, vielleicht am wichtigsten an dieser Stelle: Wie wird "bedrängen" definiert? Mir ist das klar. Ich bin alt genug, um die Zusammenhänge zu verstehen. Wenn ich mir aber vorstelle, dass eine Person, die wahrscheinlich in die siebte oder achte Klasse geht, mit diesem Buch gerade erst richtig lernt, ein Nein als solches zu akzeptieren (was ich, wie gesagt, sehr spät finde), dann fehlt es hier an weiteren Erklärungen. Zum Beispiel, dass ein Nein zu akzeptieren bedeutet, bei einer Ablehnung nicht beleidigend zu werden und vielleicht auch heißt, dass man von der anderen Person weggehen sollte. Oder was genau in die Privatsphäre fällt. Was genau Einvernehmlichkeit heißt und wie sie ausgedrückt werden kann - nicht nur, was NICHT Konsens ist. Ich sehe so oft Männer, die nicht merken, dass sie gerade jemanden belästigen, weil sie ein vollkommen anderes Verständnis von "bedrängen" haben als ihr Gegenüber. Wie sollen Jungs denn lernen, wo die Grenzen verlaufen, wenn selbst aufklärende Bücher wie dieses, die so vieles richtig machen, diese nicht erklären und benennen?

Erst vor wenigen Tagen habe ich ein Video gesehen, in dem eine Mutter mit ihrem weiblichen Kleinkind spielerisch den Unterschied zwischen "good touch" und "bad touch" übt, damit dieses im Fall der Fälle ein Problem erkennt, sich wehren und es vor allem als solches benennen kann. Eine extrem frühe Form von Unterricht in body autonomy und Selbstverteidigung. Wenn Mädchen in einem Alter, in dem sie kaum ganz Sätze formulieren können, verstehen können, was eine freundliche Berührung ist und was "bedrängen" (auch, wenn sie den Kontext noch nicht kennen), dann darf man Jungs mit 13 Jahren auch zutrauen, diese Unterschiede zu lernen, ohne verwaschene allgemeine Formulierungen zu verwenden oder sich komplett auf anschließende Gespräche mit Erwachsenen zu verlassen. So werden Vergewaltigungen zwar in mehreren Sachkapiteln erwähnt, aber ausgerechnet auf der Seite über sexuellen Konsens nicht explizit als zu vermeidende Grenzüberschreitung benannt. Stattdessen ist dort von "überreden" und "beharren" die Rede.

Möglicherweise schaue ich bei Formulierungen und Wortwahl etwas präziser hin als andere, weil ich eine Sprachwissenschaft studiert habe und weiß, welche Möglichkeiten es gibt. Meiner Meinung nach hätte man manches schlicht etwas ausführlicher erklären können, um Missverständnisse zu vermeiden oder etwas besser zur Zielgruppe passend formulieren können. Es ist für mich nicht möglich zu beurteilen, ob diese Schwierigkeit durch die Übersetzung aus dem Französischen entstanden ist oder ob es im Original genauso ist. Ein paar Seiten mehr Platz für vollständigere Erklärungen hätten "Junge sein ..." vielleicht gut getan, und ob das Buch nun 178 Seiten oder 199 Seiten hat, das macht kaum einen Unterschied.

Anschlusskommunikation

Aus diesen Gründen kommt "Junge sein ..." wie alle anderen Aufklärungsbücher, die ich bisher kennengelernt habe, nicht ohne Anschlusskommunikation aus. Das bedeutet, dass die Jugendlichen nach dem Lesen des Buches neue Fragen haben werden, die beantwortet werden sollten - und das im Idealfall nicht von Männern im Internet, sondern von Personen aus ihrem persönlichen Umfeld. Viele der hier angesprochenen Themen sind gewaltvoll und auch, wenn das Buch Selbstzweifel und Sorgen mindern möchte, so bietet "Junge sein ..." einfach nicht genug Raum, um das wirklich umfassend zu tun. Es wird vieles angestoßen und die Gedanken werden in Richtung eines gesunden Selbstbildes gelenkt. Ohne weiterführende Gespräche wird der gewünschte Lerneffekt aber meiner Meinung nach kaum im vollen Umfang zu erreichen sein.

Fazit

"Junge sein ..." ist extrem aktuell, beinhaltet viel Fingerspitzengefühl bei Themen wie Emotionalität und Selbstbewusstsein und spricht viele weitere wichtige Dinge an. Meiner Meinung nach hätte man noch sorgfältiger erklären und stellenweise weniger komplizierte Vokabeln verwenden können (oder die Fachbegriffe etwas besser erklären). Die Comics als Einleitung in ein neues Sachkapitel haben super funktioniert, auch wenn mir persönlich der Zeichenstil nicht so gut gefällt. Da "Junge sein ..." Teil einer Reihe von Büchern ist, die sich mit verschiedenen Problemen von Kindern beschäftigt (zum Beispiel Fluchterfahrungen oder Körperlichkeit von Mädchen), werde ich mir diesen Verlag bzw. diese Reihe mal genauer anschauen.

Ich hatte ja eingangs meinen Neffen erwähnt und dass ich gehofft hatte, mit "Junge sein ..." ein Buch gefunden zu haben, das ihm die richtige Richtung weisen kann, wenn er mit mir oder anderen Erwachsenen nach dem Lesen darüber spricht und seine Fragen stellen kann. Ich glaube, das ist tatsächlich der Fall, und freue mich auf den Erscheinungstermin.

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Veröffentlicht am 13.11.2024

Endlich mal Partner auf Augenhöhe!

Book Lovers - Die Liebe steckt zwischen den Zeilen
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Ich gebe zu: Book Lovers habe ich mit einer gehörigen Portion Skepsis begonnen. Bisher waren alle Liebesromane, die inhaltlich irgendwie mit der Buchbranche verwoben waren, ein Reinfall für mich. Der Blick ...

Ich gebe zu: Book Lovers habe ich mit einer gehörigen Portion Skepsis begonnen. Bisher waren alle Liebesromane, die inhaltlich irgendwie mit der Buchbranche verwoben waren, ein Reinfall für mich. Der Blick durch die romantisierende rosarote Brille im einen Extrem (Typ „schrulliger Buchladen im kleinen Dorf, in dem jede*r Angestellte ein Klischee für sich ist“) oder am anderen Ende der Skala die eiskalten Geschäftsfrauen ohne Skrupel, die von einem herrischen Männchen erst mal an die Leine genommen werden mussten, und eben die herrischen sogenannten Alpha Männchen, die den Ton angeben, weil sie ja ach so clever und dadurch den nach Liebe lechzenden Frauen heillos überlegen sind.

Als es dann auch hier in Book Lovers mit der Geschäftsfrau losging, erwartete ich das Schlimmste – und wurde positiv überrascht.

Nora ist zwar sehr karriereorientiert, aber das ist eben nicht alles, was ihre Figur ausmacht. Sie ist fantasievoll, fürsorglich, hat Ziele und Träume – und setzt sich selbst ganz unten auf ihre Prioritätenliste, was ihr oft genug um die Ohren fliegt. Sie ist feministisch durch und durch – und damit meine ich intersektionalen Feminismus und Respekt vor den Entscheidungen anderer Frauen, selbst wenn diese das exakte Gegenteil dessen sind, was sie sich selbst ausgesucht hätte.

Gleich am Anfang wird Nora mit dem Bild konfrontiert, das andere Menschen von ihr haben, und ist erschüttert. Sie sagt über eine Szene und eine Romanfigur in einem Buch, das von ihr inspiriert wurde:

Und wieso sollte ich, nur weil ich selbst keine Kinder will, eine schwangere Frau dafür bestrafen, dass sie eine andere Entscheidung als ich getroffen hat? Mein Lieblingsmensch ist eine schwangere Frau! Und ich bin praktisch von meinen Nichten besessen. Nicht jede Entscheidung, die eine andere Frau trifft, ist irgendein großer Vorwurf an andere Frauen mit anderem Leben. (Position 1420, Kindle App)

Dieses Zitat finde ich bezeichnend für ihren Charakter: Nora geht selbstbestimmt durch die Welt und lässt gleichzeitig andere Menschen ihre eigenen Leben leben. Das macht sie erfolgreich, aber auch sehr einsam.

Charlie tritt zuerst als verschrobenes (natürlich heißes) Feindbild auf (enemys to lovers, hello!), entwickelt sich aber schnell zu einem ebenbürtigen Gleichgesinnten, während die gegenseitige Abneigung aber noch eine ganze Weile unterschwellig weiterbrodelt. Die Spannung zwischen ihm und Nora war durchweg spürbar. Was mir in Book Lovers aber sehr gefallen hat, ist, dass diese Spannung nicht durch extrem erotische innere Monologe oder endlose detaillierte Beschreibungen körperlicher Reaktionen ausgedrückt wurde, sondern vielmehr durch den Austausch von Ideen, die Überraschung beim Aufdecken von Gemeinsamkeiten – eine intellektuelle Verbindung, wenn man so will. Die körperliche Ebene kommt später, obwohl von Anfang an deutlich gemacht wird, dass eine gewisse Anziehung besteht.

Ich hatte beim Lesen von Book Lovers zum ersten Mal seit einiger Zeit das Gefühl, dass beide Partner wirklich auf Augenhöhe zueinander stehen und dass ihre Lebensvorstellungen zusammen passen. Das war eine sehr willkommene Abwechslung!

Das Kleinstadtsetting hat mich wieder einmal an Gilmore Girls denken lassen, was zwar stellenweise etwas dick aufgetragen war, aber insgesamt sehr stimmig wirkte und einen netten Kontrast zu Noras Großstadtleben bot.

Veröffentlicht am 13.11.2024

Zur Abwechslung mal eine "gemütliche" Beziehung ohne aufgebauschtes Drama

Der letzte erste Song
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Ich hatte großen Spaß daran, Mason und die Band besser kennenzulernen und zu begleiten; die alten Bekannten wieder zu treffen und der Reihe einen runden Abschluss zu geben. Grace und Mason sind ein unaufgeregtes ...

Ich hatte großen Spaß daran, Mason und die Band besser kennenzulernen und zu begleiten; die alten Bekannten wieder zu treffen und der Reihe einen runden Abschluss zu geben. Grace und Mason sind ein unaufgeregtes Paar, dessen Geschichte mich gut unterhalten hat. Mir gefallen die Bände 1 (Der letzte erste Blick) und 3 (Die letzte erste Nacht) immer noch am besten, aber ich finde es toll, dass auch mal ein Buch über eine Beziehung geschrieben wurde, die ich als fast schon gemütlich bezeichnen würde: Natürlich gibt es hier und da ein bisschen Drama, aber es ist sehr viel entspannter als in den übrigen Bänden der Reihe.