Hörbuch-Rezension
Der Zauber der Tinte – Totales KlassenchaosDer Zauber der Tinte – allein dieser Titel machte mich neugierig auf die Geschichte, die in diesem Buch steckt. Ich erwartete eigentlich mit der Zaubertinte geschriebene Worte, doch der Klappentext belehrte ...
Der Zauber der Tinte – allein dieser Titel machte mich neugierig auf die Geschichte, die in diesem Buch steckt. Ich erwartete eigentlich mit der Zaubertinte geschriebene Worte, doch der Klappentext belehrte mich eines Besseren: gezeichnete Tintenwesen! Was mich schließlich überzeugte, das Hörbuch auszuprobieren, war der Name des Kunstlehrers: Herr Machnacher! Das versprach Wortwitz, und dafür bin ich immer zu haben! Diesen habe ich leider nicht so bekommen wie erhofft, aber Der Zauber der Tinte hat mich trotzdem von sich überzeugen können.
Die Sprecherin Janina Sachau fing mich sofort ein. Sie verleiht jeder Figur in Der Zauber der Tinte sehr liebevoll eine eigene Stimme und schafft es, auch die verschiedenen Tintenmonsterchen eindeutig identifizierbar zu machen. Die Tonqualität ist gut, das Tempo ist sehr angenehm und passend für das Alter der Zielgruppe (ich habe die Geschwindigkeit für mich wieder auf etwa 1,25-1,5 eingestellt), die Stimmen passen zu den Charakteren.
Richtig gut gefielen mir die Handlung und die vielen Details, die ganz selbstverständlich eingewoben wurden. Sehr altersgemäß geht es um einen Schulalltag mit Smartboard und Mobbing, um alleinerziehende Eltern und solche, die nur Bestnoten von ihren Kindern akzeptieren, um den Verlust von Freundschaften und geliebten Haustieren, um den Kontakt zwischen Alt und Jung, um Neuanfänge und die Akzeptanz, dass manches nicht zu reparieren ist.
Ab und zu werden schwierige Wörter verwendet, die sich jedoch immer aus dem Zusammenhang erklären. Dadurch ist die Sprache nicht zu kompliziert, aber auch nicht langweilig und unterfordernd für das Alter der Zielgruppe – 8 Jahre. Die Kinder gehen ganz selbstverständlich mit Smartphones um und reagieren überrascht, wenn sie mit „Steinzeit“-Dingen wie Tastenhandys oder grünen Schultafeln konfrontiert werden. Sie gruseln sich vor dem alten Schulgebäude, in das die Klasse nach einem Wasserschaden kurzfristig umziehen muss – kein einzigartiges Szenario, obwohl es bei uns damals Container waren. Die beschriebenen Szenarios sind insgesamt sehr alltagsnah, trotz des klitzekleinen Details, dass Wanda plötzlich magische Tintenwesen zeichnen uns zum Leben erwecken kann.
Ein paar Beispiele für solche alltäglichen Situationen, die nicht zu sehr spoilern: Ein Kind hat eine Sondererlaubnis, im Unterricht Kaugummi zu kauen, weil es sich dadurch besser konzentrieren kann. Das wird von niemandem kritisiert, außer dem einen Kind, das andere mobbt. Ein Kind will plötzlich nichts mehr mit der bisherigen besten Freundin zu tun haben und kommt nach den Sommerferien mit einer neuen BFF zur Schule. Das führt zu großer Verunsicherung und Trauer bei der ehemaligen Freundin. Ein Kind leidet unsichtbar unter extremem Leistungsdruck durch die hohen Erwartungen der Eltern und kompensiert das durch auffälliges Verhalten im negativen Sinn.
Eine Lehrerin ist extrem motiviert, was die Kinder eher abschreckt, und der Hausmeister darf einfach Mensch sein, was die Kinder viel cooler finden. Die Kinder reagieren positiv überrascht, als sie im gruseligen Keller des neuen Gebäudes feststellen, dass alle Schüler*innen, schon immer, auf den Tischen herumgekritzelt haben, nur damals in Sütterlin. Es gibt Rivalität zwischen den verschiedenen Klassen.
Auch außerhalb der Schule, bei Wanda zuhause, gibt es ganz alltägliche Momente. Das unaufgeräumte Kinderzimmer als Dauerstreitpunkt, der überarbeitete Vater, der seine Tochter mit zur Arbeit im Seniorenheim nimmt, die Freundschaft des Kindes zu schrulligen alten Menschen oder der Nervenkitzel, auf ein Flachdach zu klettern und mit einem Freund die Welt aus einer neuen Perspektive zu betrachten.
Diese Elemente werden es den jungen Lesenden – oder im Fall des Hörbuchs: den Hörenden – leicht machen, sich mit den Charakteren von Der Zauber der Tinte zu identifizieren. Selbst mir mit meinen fast 30 Jahren gelang das problemlos. Daher: Hut ab für die Autorin!
Neben all diesen normalen, aber nicht unwichtigen Alltagsdingen nehmen Wandas magische Tintenfreunde einen scheinbar kleinen Teil der Geschichte ein, dabei bestimmen und verändern sie so viel. Die besonderen Werkzeuge und die durch Wandas Kreativität geschaffenen Wesen finden sie genau im richtigen Moment, um das einsame Mädchen einzufangen und ihr zu zeigen, dass sie genauso toll und besonders ist wie alle anderen auch.
Sie öffnen die Tür für neue Freundschaften, bieten ungeahnte Möglichkeiten für kontrolliertes Chaos (eines der Wesen hat Wanda so geschaffen, dass es alles tip-top sauber hält, ohne das Wanda bestimmen könnte, wann Schluss ist: vom Kinderzimmer über die geputzte Schultafel bis hin zum gemähten Rasen über Nacht) und regen vor allem dazu an, die eigene Kreativität und den eigenen Kopf zu benutzen – in der aktuellen Zeit voller KI eine angenehme Überraschung.
Letzteres wird auch durch den Kunstlehrer Her Machnacher deutlich. Wanda fällt zuerst auf, dass seine Kleidung und sein Bart sie an zwei bekannte Künstler erinnern. Später in der Geschichte gesteht der Lehrer dann selbst, dass er schon länger keine eigenen Ideen mehr hatte und Wandas Zauberfüller benutzen wollte, um auch solche besonderen Bilder zu zeichnen, wie Wanda es geschafft hatte. Obwohl er dasselbe Werkzeug benutzt hatte, wollte es ihm aber nicht gelingen. Die Kinder vollbrachten dann zusammen das Kunststück, den verbitterten und antriebslosen Mann bis zum Überlaufen mit neuer Inspiration zu versorgen, und plötzlich konnte er wieder malen.
Für mich ist daher die wichtigste Botschaft von Der Zauber der Tinte, dass selbst gestaltete Kunst eine wichtige Rolle spielt, nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene. Sie bietet ein Ventil zum Stressabbau, zeigt ungeahnte Möglichkeiten auf, wenn man nicht mehr weiter weiß, oder kann einfach ein stiller Freund sein, der einen beständig begleitet. Daher ist es wichtig, die eigene Kreativität am Leben zu erhalten und nicht zu einem Herrn Machnacher zu werden, der einfach Dinge nachmacht, wie sein Name schon sagt. Und man kann auch nach längeren Pausen jederzeit wieder damit anfangen, selbst kreativ zu sein. Alles, was man dafür braucht, ist ein bisschen Inspiration.
Fazit
Ich habe das Hörbuch Der Zauber der Tinte an einem Nachmittag komplett durchgehört. Die Geschichte hat mir nach einem etwas schleppenden Anfang sehr gut gefallen und die Botschaften, die hier vermittelt werden, hallen sehr positiv nach. Besonders hervorheben möchte ich noch einmal die Selbstverständlichkeit und Subtilität, mit der verschiedene Umstände von Schulkindern in die Geschichte verwoben wurden, ohne auch nur im Geringsten zu stören oder aufgetragen zu wirken, und den Anstoß, sich beim Denken und Kreativ sein auf das eigene Gehirn zu verlassen – nicht auf andere, nicht auf Maschinen, nicht auf Magie. Nur auf sich selbst.