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Veröffentlicht am 05.04.2026

Die Rede

Nein sagen
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Der Schauspieler Matthias Brandt hielt zum Gedanken an den 20. Juli 1944 im Jahr 2025 eine Rede. Er war zunächst nicht so sicher, ob er die Einladung annehmen sollte. Er ist Schauspieler und nicht unbedingt ...

Der Schauspieler Matthias Brandt hielt zum Gedanken an den 20. Juli 1944 im Jahr 2025 eine Rede. Er war zunächst nicht so sicher, ob er die Einladung annehmen sollte. Er ist Schauspieler und nicht unbedingt ein politischer Mensch und schon gar kein Politiker. Der Politiker war sein Vater, der ehemalige Bundeskanzler Willy Brandt. Und doch, je mehr sich Matthias Brandt mit dem Thema beschäftigte, desto wichtiger wurde es ihm, seine Gedanken zu formulieren. Seine Eltern Willy und Rut waren in ihrer Jugend welche, die aufstanden, die keine Mitläufer waren, für die es ein Anliegen war, Widerstand zu leisten. Willy musste ging bereits kurz nach der Machtübernahme ins Exil. Dort führte er seine Arbeit des Widerstands weiter. Und er behielt den Glauben an ein besseres demokratisches Deutschland. Sein Sohn kommt zu der Erkenntnis, dass die Demokratie nicht so gefestigt ist wie gehofft, nicht so sicher wie geglaubt. Doch sie ist es wert verteidigt zu werden. Deshalb sollte man sich nach Möglichkeit engagieren und die Demokratie verteidigen.

Man wäre gerne dabei gewesen als Matthias Brandt seine Rede gehalten hat. Doch auch von der etwas ausführlicheren Niederschrift ist man berührt und man wird nachdenklich. Was kann man selbst tun? Wählen gehen ist die einfachste Sache. Darüberhinaus ist es wahrscheinlich an der Zeit, sich zu informieren, welche Möglichkeiten es vor Ort gibt. Jeder kleine Anfang ist ein Anfang. Wie schnell sich die Verhältnisse ändern können sieht man allenthalben. Vielleicht kann man beitragen, das Gute zu erhalten. Vielleicht gibt es eine Änderung zum Besseren. Jedenfalls darf die Vergangenheit nicht vergessen werden. Matthias Brandt findet genau die richtigen Worte, man möchte sie sich merken.

Veröffentlicht am 16.02.2026

Nicht schweigen

Geheimname Eisvogel
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Ihre Eltern sehen keinen Ausweg mehr. Im Jahr 1942 schicken sie ihre Töchter Hannie und Mila nach Amsterdam. Dort ist eine Familie bereit, sie beiden aufzunehmen. Sie müssen ihr vorheriges Leben vergessen. ...

Ihre Eltern sehen keinen Ausweg mehr. Im Jahr 1942 schicken sie ihre Töchter Hannie und Mila nach Amsterdam. Dort ist eine Familie bereit, sie beiden aufzunehmen. Sie müssen ihr vorheriges Leben vergessen. Vor allem dürfen sie niemandem sagen, dass sie Jüdinnen sind. Das würde sie in größte Gefahr bringen. Zunächst wagen beide es kaum, selbstbewusst aufzutreten. Bei jeder Begegnung fürchtet besonders Mila, sie könnten aufgeflogen sein. Hannie, die ein paar Jahre älter ist als die zwölfjährige Mila, will nicht alles einfach so hinnehmen. Sie schafft es, sich dem niederländischen Widerstand anzuschließen. Sie überzeugt mit ihrer Jugend und der daraus resultierenden Unauffälligkeit.

Zwischen der Gegenwart, in der Liv für eine Aufgabe in der Schule nach der Geschichte ihrer Vorfahren suchen muss, und der Vergangenheit, in der die Juden und Jüdinnen jeden einzelnen Tag um ihr Überleben kämpfen müssen, wechselt die Handlung. Zwar hat auch Liv Probleme durchzustehen, die sie sehr belasten. Auch weil sie mit ihrem Schulprojekt nicht so richtig vorankommt. Doch dann findet sie im Haus ihrer Großmutter einen Zettel, der sie auf eine Spur bringt. Hannie und Mila müssen immer unter der Bedrohung leben, dass sie entdeckt werden könnten. Die Besetzung Hollands durch die Nazis prägt den Alltag.

Dieses Hörbuch wird für Kinder ab elf Jahren empfohlen, aber auch für Erwachsene ist es ausgesprochen spannend. Wie Mila und Hannie versuchen unauffällig zu bleiben, um zu überleben, ist packend zu hören. Man spürt die Dramatik und man wünscht den Mädchen, dass sich für sie alles zum Guten wendet, wenn man auch aus der Geschichte weiß, dass leider viele der Nazi-Schergen und ihren Helfern zum Opfer gefallen sind. Man kann ihre Furcht spüren und gleichzeitig den Willen zu überleben. Ebenso fesselnd sind die Erfahrungen, die Liv in der Gegenwart macht. Sie beginnt, ihre älter werdende Großmutter zu begleiten, ihr näher zu kommen. Und die wie sie die Probleme in der Schule bewältigt, das erfordert Mut. Mut wünscht man allen jungen Menschen, die für etwas Positives einstehen. Für die einzelnen Personen wurden sehr gut passende Sprecher ausgesucht, die ihren Protagonisten Leben einhauchen. Es sind: Inka Löwendorf, Natalia Belitzki, Simona Pahl und Benito Bause.

Ein berührendes und mitreißendes Hörbuch für junge Menschen, für das sich auch Erwachsene begeistern können. Klasse.

Veröffentlicht am 09.11.2025

Überlebenswillen

Ist das ein Mensch?
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Der Chemiker Primo Levi wird im Februar 1944 nach Auschwitz deportiert und bis zum Januar 1945 als das Lager.aufgegeben wurde überlebt. Er schildert das Überleben von Tag zu Tag. Wie er als neuer Lagerinsasse ...

Der Chemiker Primo Levi wird im Februar 1944 nach Auschwitz deportiert und bis zum Januar 1945 als das Lager.aufgegeben wurde überlebt. Er schildert das Überleben von Tag zu Tag. Wie er als neuer Lagerinsasse eine Art von Glück hat, dass er den arbeitsfähigen zugeteilt wird und nicht gleich in die Selektion muss. Selektion bedeutet nichts anderes als Tod in der Gaskammer. Levi, der Neuling, muss sich erstmal zurechtfinden und lernen, welche Fehler sich fatal auswirken können. Hinzu kommt die schwere, aber sinnlose Arbeit, die den Lagerinsassen in der Buna abverlangt wird. Jeden Tag schwebt er in Gefahr, sein Leben zu verlieren.

Mit der Arbeit an diesem autobiografischen Bericht begann Primo Levi beinahe sofort als er endlich befreit war. Die zeitliche Nähe zu den schlimmen Ereignissen macht die Worte sehr eindringlich. Der Autor, von Hause aus Wissenschaftler, schreibt mit kühler Distanz. Dadurch bekommt die Beschreibung des Lagerlebens eine unheimliche Banalität und Normalität. Da werden Strategien fürs Hungern gesucht, Strategien nicht unter der Last der Arbeit zusammenzubrechen, Strategien irgendwie menschlich zu bleiben und zu überleben. Es gab nur wenig Menschlichkeit. Jeder Tag konnte der letzte sein und die Hoffnung auf ein Überleben schwand. Bis sich die Deutschen feige aus dem Staub machten und die kranken Lagerinsassen schutzlos zurückließen.

Das Hörbuch wird mit klarer Stimme vorgetragen von Alexander Fehling, der die kühlen Worte des Autors gekonnt umsetzt. Man blickt von außen auf das Geschehen und fragt sich, wie konnte es soweit kommen. Menschen, die vergessen, dass sie menschlich handeln sollten, die es sich zum Ziel machen, andere zu vernichten. Arbeit, um zu vernichten; Todesstrafe für kleinste Vergehen und doch diese Normalität, mit der es jeden Tag hell wird, mit der das karge Essen verteilt wird. Es ist schwer zu ertragen, sich den Alltag im Lager vorzustellen, dass es überhaupt einen Alltag gab. Dieser Bericht festigt den Gedanken, das so etwas nie wieder geschehen darf. Möge die Wirkung der Worte des Autors nie verhallen.

Veröffentlicht am 16.03.2025

Der Preis

Die Tasche
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Die Schule hat einen Preis für Integration bekommen und an diesem Nachmittag soll er bei einer feierlichen Veranstaltung in der Schulaula verliehen werden. Mohammed als Vorzeigeschüler soll den Preis entgegennehmen. ...

Die Schule hat einen Preis für Integration bekommen und an diesem Nachmittag soll er bei einer feierlichen Veranstaltung in der Schulaula verliehen werden. Mohammed als Vorzeigeschüler soll den Preis entgegennehmen. Davon ist der Oberstufenschüler allerdings nicht begeistert, weil er auch nicht findet, dass die Integration an der Schule besonders gelungen ist. Deshalb will er den Nachmittag schwänzen, was garnicht seine Art ist. Dummerweise hat er seine Sporttasche in der Schule liegen lassen. Und eine weitere Tasche ganz ähnlicher Art geistert durch die Schule. Gespannt sind eher die Lehrer auf die Verleihung des Preises, dar eine große Ehre für die Schule darstellen soll.

Was geht ab an der Schule? Vor allem, welche Strömungen gibt es, von denen die Lehrer nichts wissen. Da war die Sache mit den Schuhen, bei denen Mohammed und seine Freunde bezichtigt wurden, sie geklaut zu haben. Keiner hat ihnen geglaubt, dass sie nichts getan haben. Nichtmal die Vertrauenslehrerin Frau Schäfer hat sie richtig verteidigt. Die mit ihrer Fernbeziehung. Kein Wunder, dass Mohammed nicht mit ihr auf die Bühne will, oder? Und wieso hat Emilia die gleiche Tasche wie Mohammed. Emilia kann ganz schön im Verborgenen wirken, ihre Mutter merkt wirklich überhaupt nichts.

Nominiert für den Deutschen Hörbuchpreis 2025 ist diese szenische Lesung des gleichnamigen Jugendromans, der ab zwölf Jahren empfohlen wird. Berichtet wird von einem Standpunkt aus nach den Ereignissen. Aufzeichnungen von Mohammed, Instagramfeeds, Gespräche, Interviews und so weiter. Das macht die Geschichte sehr spannend. Schnell spürt man, dass sich da etwas zusammenbraut. Man fühlt die sich aufbauende Beklemmung. Manchmal wundert man sich, dass die Lehrer nichts merken. Wenn sie nichts merken wollen, wundert man sich eher nicht. Mit Vorverurteilungen sind sie schnell bei der Hand an der Schule. Warum bekommen sie also einen Preis? Und wieso bemerkt keiner die ungute Einstellung von Emilia und ihren Kumpanen. Irgendwann beginnt man sich auf die Lippen zu beißen, weil man es vor Spannung, aber auch vor Sorge kaum noch aushält. Die wachsende Anspannung wird sehr eindrucksvoll dargestellt von Mo Issa, Max Hegewald, Via Ikeli und Luise von Finckh.

Eine echte Lese- beziehungsweise Hörempfehlung, die sehr zum Nachdenken anregt. Jeder sollte nachdenken. Ein tolles Buch/Hörbuch für Diskussionsrunden und Schulklassen.

Veröffentlicht am 17.11.2024

Unter Verdacht

Rath
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Aus Amerika ist Gereon Rath zurückgekehrt, weil sein Vater einen Schlaganfall hatte und sich nicht erholt. Allerdings hält dieser Zustand schon seit einem Jahr an. Rath lebt unter falschem Namen in Köln. ...

Aus Amerika ist Gereon Rath zurückgekehrt, weil sein Vater einen Schlaganfall hatte und sich nicht erholt. Allerdings hält dieser Zustand schon seit einem Jahr an. Rath lebt unter falschem Namen in Köln. Sein Bruder Severin ist mit seiner Freundin Marion in Berlin. Dort arbeitet er als Auslandskorrespondent. Mit Charly trifft sich Rath heimlich in Hannover. Als Charly nicht zu einem der vereinbarten Treffen kommt, reist Gereon Rath nach Berlin. Charly hat dort versucht, ihrem ehemaligen Pflegesohn Fritz zu helfen. Der steht unter Mordverdacht, weil er angeblich zwei seiner Kameraden in der Hitlerjugend umgebracht haben soll.

Im zehnten und angekündigt letzten Band der Reihe um Kommissar Gereon Rath wird die Lage für die Menschen in Deutschland immer schwieriger. Zumindest für die, die ihren Verstand noch nicht völlig abgeschaltet haben. Die anderen hauen munter und ohne Gewissen drauf los. Charly hat ein Angebot, wieder in den Polizeidienst einzutreten. Das will sie eigentlich nicht. Sie ist noch unschlüssig, ob sie mit Gereon zurück nach Amerika gehen soll. Doch zunächst will sie herausfinden, wer die beiden HJler wirklich umgebracht hat. Dass Fritz es gewesen sein könnte, kann sie einfach nicht glauben, auch wenn die Beweislast erdrückend ist. Erstmal ist ihr das auch wichtiger als eine Emigration.

Ende 1938 werden die Zeichen immer deutlicher, dass das Regime nicht befriedet werden kann. Die Zeiten sind düster. Besonders die Juden müssen mit immer mehr Repressionen rechnen. Doch jeder, der nicht gänzlich mit dem Strom schwimmt, muss mit Schwierigkeiten rechnen. Das bekommt auch Charly zu spüren. Was soll einem in einem solchen Land noch halten. Wieder sehr akribisch recherchiert hat Volker Kutscher für seinen Roman. Man spürt förmlich wie sich die Schlinge um die Hälse der normal denkenden, der überhaupt denkenden Menschen immer mehr zuzieht. Es werden Unschuldige zum Opfer und Täter kommen davon. Nun, zum Glück nicht alle, aber doch viele. Ein packender, aber auch beklemmender Abschluss einer Reihe, die man unbedingt vom ersten Band an gelesen haben sollte. Bei weitem eindringlicher als die TV-Serie heben sich die Gereon Rath Romane von der üblichen Kost historischer Krimis ab.