Charles Lewinsky ist bekannt dafür, sich in seinen Büchern auf humorvolle, spritzige Art und Weise mit ganz unterschiedlichen Themen auseinanderzusetzen. In ...
Führt uns die KI in die absolute Banalität?
Charles Lewinsky ist bekannt dafür, sich in seinen Büchern auf humorvolle, spritzige Art und Weise mit ganz unterschiedlichen Themen auseinanderzusetzen. In seinem neuesten Buch "Täuschend echt" geht es um das aktuelle Thema der künstlichen Intelligenz und die Frage, was passiert, wenn wir diese bei unserer Arbeit und für unsere Entscheidungen einsetzen, z.B. um einen Roman zu schreiben.
Der Ich-Erzähler ist ein im Leben gescheiterter und sich selbst ständig bemitleidender, zynisch gewordener Mensch, der von seiner Ex-Freundin Sonja belogen, ausgenutzt und bestohlen wurde - sie hat nach ihrem Auszug auch seine Kreditkarte mitgenommen, um damit auf Bali zu feiern - sich nun widerwillig um die von derselben zurückgelassene Schlange kümmert und daneben als mäßig erfolgreicher Werbetexter arbeitet, bis er auch diesen Job verliert, weil er von seinem Chef bei Privataktivitäten in der Arbeitszeit ertappt wird. Dieser namenlose Ich-Erzähler, sein Scheitern und insbesondere seine Rachefantasien gegenüber Sonja bilden den ersten Themenstrang dieses Romans.
Der zweite Themenstrang besteht aus der fiktiven Geschichte in der Geschichte, aus dem Roman, den der Ich-Erzähler mit Hilfe der KI schreibt. In diesem geht es extrem klischeehaft um die junge Schabnam aus Afghanistan, die unter einem Vorwand dorthin zurückgelockt wird und extremes Leid erdulden muss, bis hin zur Entstellung durch ein Säureattentat. Von einem reichen Menschen, der sich mit seiner Wohltätigkeit profilieren möchte, dazu beauftragt, einen rein auf Tatsachen beruhenden Roman über benachteiligte Menschen und deren Schicksale zu verfassen, erfindet der Ich-Erzähler mit Hilfe der KI die klischeehafte Schabnam-Geschichte. Nur blöd, dass diese ein Bestseller wird und der Druck, die echte Schabnam präsentieren zu können, immer größer wird.
Das Buch ist über viele Strecken eine leichte, humorvolle Unterhaltung für Zeiten, in denen man nicht den Kopf und die Nerven für anspruchsvollere Lektüre hat. Immer wieder scheint der Witz durch, den Lewinsky durchaus hat. Anfangs war es für mich auch spannend, mitzuverfolgen, was für eine Art von Roman mit Hilfe der künstlichen Intelligenz entsteht. Die Schabnam-Geschichte beruht nämlich auf echten Vorschlägen dieser. Leider erfahren wir aber nicht, welche Prompts Lewinsky bzw. der Ich-Erzähler dafür eingegeben hat.
Mit zunehmendem Fortschreiten der sehr klischeehaften Schabnam-Geschichte wurde es für mich beim Lesen aber immer langweiliger. Ich hatte das Gefühl, das Erkenntnispotential über KI, das ich aus diesem Roman gewinnen konnte, schon ausgeschöpft zu haben, und spätestens in der Hälfte des Buches ein Gefühl für deren Vorteile und Grenzen gewonnen zu haben.
Auch der Erzählstrang des namenlosen, sich vom Leben benachteiligt fühlenden Mannes entwickelt sich zunehmend klischeehaft und vorhersehbar, wie ein billiger Krimi, und endet schließlich auch als solcher. Das mag eventuell vom Autor so gewollt und ein spezieller Kniff sein und es bleibt zu rätseln, ob nicht auch bei diesem Themenstrang ungenannt die KI mit am Werk war?
Jedenfalls gleichen sich beide Themenstränge in ihrer Klischeehaftigkeit und Banalität immer mehr an. Zum Lesen macht es das nicht unbedingt spannend, gibt aber Stoff zum Nachdenken darüber, in welcher Welt wir leben wollen und was für Bücher entstehen könnten, wenn die KI, so wie sie momentan funktioniert, bei deren Erstellung eine immer größere Rolle spielen würde, und wie dadurch Durchschnittlichkeit, Banalität und Klischees immer wieder reproduziert werden.
So gesehen ist es ein gutes Buch, das zum Nachdenken anregt, sich aber nicht sonderlich interessant liest und auch nach meiner Beurteilung sein mögliches Potential nicht voll ausschöpft. Gerne hätte ich z.B. zur Vervollständigung auch die Prompts gelesen und noch mehr darüber erfahren, ob und wie es auch möglich wäre, mit der KI jenseits dieser Banalität zusammenzuarbeiten - so habe ich nur die eine Seite kennen gelernt: das, was die KI ausgibt, aber kann nicht klar darauf schließen, inwiefern das damit zusammenhängt, womit sie gefüttert wurde.
Vorab: ich würde diesem Buch am liebsten gar keine Sternewertung geben, denn es ist für mich jenseits einer solchen logisch-linearen Bewertung. Die vier Sterne, für die ich mich letztendlich ...
Gesamteindruck:
Vorab: ich würde diesem Buch am liebsten gar keine Sternewertung geben, denn es ist für mich jenseits einer solchen logisch-linearen Bewertung. Die vier Sterne, für die ich mich letztendlich entschieden habe, kommen aus meinem Gefühl: ich habe sehr davon profitiert, dieses Buch gelesen zu haben und werde weiterhin davon profitieren. Jedoch ist es ein sperriges, an vielen Stellen unzugängliches und schwierig zu lesendes Buch. Es ist völlig anders als alles, was ich bisher gelesen habe, und ich, die ich im Durchschnitt drei Bücher pro Woche lese, habe mich an diesem Buch drei Wochen lang abgearbeitet und für die rund 700 Seiten so lang gebraucht, als wären es 2000 gewesen. Es war auch nicht unbedingt durchgängig ein Lesevergnügen, sondern eine große Herausforderung, dranzubleiben.
Warum habe ich das Buch also überhaupt gelesen und warum habe ich es zu Ende gelesen?
Weil eines meiner wichtigsten Ziele im Leben die persönliche Entwicklung und Erweiterung meines Horizonts ist. Und was diese Kriterien angeht, ist dieses Buch absolut großartig! Es hat mich herausgefordert und aus meiner Lesekomfortzone geschleudert wie schon lange keines mehr. Und ich habe beim Lesen immer wieder gespürt - ja, es ist ein gutes Buch, ein sehr gutes sogar - ein Buch, in das unglaublich viel Wissen, Verständnis und Komplexität geflossen ist, ein Buch mit treffenden und ungewöhnlichen Metaphern, die ich so noch nie gelesen habe, aber zum Nachdenken anregen, und ein Buch jenseits bekannter literarischer Konventionen, das sich völlig dem entzieht, was wir uns als Lesende anspruchsvoller Literatur normalerweise von einem Buch erwarten.
Gerade weil dieses Buch so anders ist, hat es mir wieder ins Bewusstsein gerufen, wofür ich sonst eine lange, teure Reise ins außereuropäisch geprägte Ausland bräuchte: unsere Werte und unsere Art, zu denken, zu planen, zu strukturieren und die Dinge zu betrachten, sind nicht absolut zu sehen, sondern sehr stark kulturell geprägt. Die westlich geprägte Literatur wurzelt in den Säulen, die die westliche Kultur in den letzten Jahrtausenden geprägt haben: auf den Werten der christlich-jüdischen Religionen, auf den philosophischen Vorstellungen der Antike, auf dem rational-wissenschaftlichen Denken der Aufklärung usw. Das ist aber nicht das einzige, was es gibt - so sind andere Kulturräume durch völlig andere Faktoren geprägt worden, das ist mir auch schon bei näherer Auseinandersetzung etwa mit asiatischen Kulturen bewusst geworden.
Vor diesem Hintergrund ist zu sagen: wer sich ein logisch-aufgebautes, stringentes Buch mit bekannten, verständlichen Metaphern und einer Beziehungsgestaltung und einem Glaubenssystem, wie wir sie aus unserem westlichen Alltag kennen, erwartet, der wird mit "Ours" nicht glücklich werden. Das Buch ist völlig, völlig anders.
Worum geht es (Achtung, hier handelt es sich um meine höchstpersönliche Interpretation... das Buch ist dermaßen vielschichtig und symbolisch, dass vieles unklar bleibt und jede/r was anderes hineininterpretiert):
Um eine mystische Geschichte befreiter ehemals versklavter Menschen mit afrikanischen Wurzeln, die in den USA des 19. Jahrhunderts spielt. Diese Geschichte wird aber nicht so erzählt, wie wir westlich sozialisierten Menschen sie vielleicht erzählen oder uns vorstellen würden.
Der Autor ist selbst Teil der afroamerikanischen Community und hat sich für die Arbeit an diesem Buch tief in die afrikanische Mythologie eingearbeitet. Kern dieser Mythologie - so wie sie uns im Buch begegnet - ist der Glaube an Energien und Zauberei (ein bisschen ähnlich manchem, was sich in der im Westen verbreiteten Esoterik so findet, aber wesentlich ausgeprägter und ohne den geringsten Zweifel daran). Man kann mit Zauberei etwas oder sich selbst unsichtbar machen, andere heilen oder krank machen, etwas schützen, eine Handlung in ihrer Wirkung umkehren, andere verfluchen und vieles mehr.
Ich verstehe es so: dieser Glaube ist etwas, was die versklavten Menschen selbst oder vermittelt durch Verwandte und Bekannte als Erbe aus ihrer afrikanischen Heimat mitgebracht und über die Versklavung hinweg bewahrt haben. Es ist etwas Ursprüngliches, das ihnen geblieben ist, aber das gleichzeitig ebenso wie die Menschen selbst durch die grausame Unterdrückung beschädigt wurde und nur in dieser beschädigten Form und zutiefst traumatisiert weiter praktiziert werden kann, selbst, als die Freiheit wieder erlangt wurde.
Die alterslose Saint wandert also durch die USA des 19. Jahrhunderts und befreit auf magischem Wege und dabei meist auch durch Ermordung der sogenannten Herren und Herrinnen einige afroamerikanische Menschen aus der Versklavung. Sie nimmt sie mit nach "Ours", eine neu gegründete Stadt und ein Schutzraum für die Menschen. Ours wird durch Saints Zauber von mehreren magischen Schutzsteinen geschützt und dadurch für Eindringlinge unsichtbar. Auf ihrer Mission ist Saint nicht zimperlich, es kommen dabei immer wieder Menschen, geplant wie ungeplant, ums Leben, sowohl Weiße als auch Afroamerikaner.
Wir erleben die Gründung von Ours durch Saint mit und die Jahre und Jahrzehnte danach. Dabei gibt es immer wieder Zeitsprünge in alle Richtungen. Der komplexeste Charakter im Buch, über den wir auch am meisten erfahren, ist definitiv Saint selbst. Sie ist trotz ihrer grundsätzlich guten Absichten bei der Gründen der Stadt bei weitem keine Heilige, sondern trägt ihre eigenen charakterlichen Herausforderungen wie Eifersucht und Rachsucht sowie ein hohes Ausmaß an Traumatisierung mit sich. Auch wird deutlich, dass sie zwar ein magisches Naturtalent zu sein scheint, aber von niemandem wirklich gut und ethisch fundiert in die Möglichkeiten und Grenzen der Magie eingewiesen wurde - niemand hat diese Eltern- oder Mentorenfunktion für sie längerfristig erfüllt - was diverse unangenehme Nebenwirkungen mit sich bringt, wenn ein Schutz nicht wie gewünscht wirkt oder ein aus Zorn gewirkter Rachezauber noch deutlich ärger ausfällt als von ihr geplant.
Neben Saint lernen wir noch diverse weitere afroamerikanische Bewohner und Bewohnerinnen der Stadt kennen, die verschiedensten Alters sind. Manche sind nach ihrer Befreiung mit Saint dort hingezogen, manche wurden schon dort geboren und wuchsen dort auf. Allen gemeinsam ist das Erbe der eigenen und/oder transgenerationalen Traumatisierung, das überall spürbar ist und sich durch alle menschlichen Beziehungen gibt. Es ist ein düsteres Buch, in dem es sehr wenig echte Liebe und menschliche Verbundenheit gibt, dafür viel Wut, Eifersucht, Trauer, Rache und gegenseitige Missverständnisse. Gerade das macht es aber durchaus authentisch, denn schließlich handelt es sich um lauter Überlebende schwerster Traumatisierung, die zudem von ihrer ursprünglichen Heimat und Kultur entwurzelt wurden.
Das Buch ist ein wahres Epos, es nimmt sich ausführlich Zeit, diverse Nebenhandlungen und Nebenfiguren zu schildern, in Form eines Mosaiks einzelner Szenen, die nicht unbedingt auf den ersten Blick (und auch nicht zwangsläufig auf den zweiten oder dritten) in sich logisch sind oder zusammenpassen. Es lohnt sich, sich dabei Zeit zu nehmen und Notizen zu machen, da das Buch leider über kein Personen- oder Sachverzeichnis zum Nachschlagen verfügt.
Wie gesagt, wer hier Logik und Linearität sucht, der wird nicht glücklich werden mit dem Buch, es mäandert und umkreist das Thema. Gerade darin liegt für mich aber auch trotz all des Unbequemen ein starker emanzipatorischer Anspruch: denn muss sich ein Buch, geschrieben von jemandem aus der afroamerikanischen Tradition, in dem es um die Befreiung aus der Versklavung geht, denn den literarischen Konventionen anpassen, die die Kultur der Unterdrücker bis heute prägen? Muss es nicht, meiner Meinung nach. Es darf auch etwas ganz anderes sein, und das ist dieses Buch.
Es gibt nicht nur das logisch-lineare Denken, das unsere westliche Kultur so stark prägt. Viele andere Kulturen haben ganz andere Formen von Zeitwahrnehmung, ganz andere Beziehungen, eine ganz andere Struktur, einen ganz anderen Glauben, und diese sind nicht schlechter als unsere, nur uns selbst nicht so bekannt und vertraut, und können dadurch auf westlich sozialisierte Lesende unbequem bis verstörend wirken.
Ja, jetzt spüre ich wieder, warum ich dem Buch 4 Sterne gebe. Es ist wirklich ein gutes Buch. Einen Stern Abzug dennoch dafür, dass das Buch diese so fremdartige Welt auf so fremdartige Art und Weise vorstellt und westlichen Lesenden keinerlei Brücken baut, nicht einmal wirklich in Fußnoten, Querverweisen oder im Anhang. Würde es das tun, könnte es sicher noch wesentlich mehr Menschen für sich begeistern und damit tatsächlich kulturvermittelnd wirken. So bleibt es wohl vermutlich eher am Rande und erschließt sich nur denen, die die Muße, Zeit, Geduld - und/oder das Vorwissen (mit einem solchen über afrikanische Geschichte und Mythologie wäre wohl einiges deutlich verständlicher gewesen) - haben, sich tief darauf einzulassen, ohne alles gleich oder auch nur irgendwann zu verstehen.
Emotional und in meinen Gedanken wird mich das Buch noch länger begleiten. Ich habe davon profitiert, aber das braucht ein tiefes Sich-Einlassen, vor allem mit dem Gefühl, denn der Verstand alleine wird von diesem Buch an vielen Stellen verwirrt oder sogar verärgert werden. Es prüfe jeder Interessierte für sich, ob man sich gerade an einem Punkt im Leben befindet, an dem man sich auf so etwas tief einlassen will und kann.
Mit "Was wir nicht kommen sahen" ist Katharina Seck ein wichtiges Buch zu einem sehr relevanten und aktuellen Thema gelungen: Cybermobbing, das solche Ausmaße annehmen kann, dass es Menschen in den Suizid ...
Mit "Was wir nicht kommen sahen" ist Katharina Seck ein wichtiges Buch zu einem sehr relevanten und aktuellen Thema gelungen: Cybermobbing, das solche Ausmaße annehmen kann, dass es Menschen in den Suizid treiben kann. Das Buch ist von wahren Beispielen dafür inspiriert, wie die Autorin im Nachwort auch selbst anführt.
Das Buch ist aus drei Perspektiven geschrieben:
1) Ada, eine 18-jährige Schülerin, die sich auf Twitch einen Namen im Internet gemacht hat. Anfangs, indem sie während ihrer Videospiele live streamt, später - in Reaktion auf das Mobbing - auch als Aktivistin. Leider wird sie zur Zielscheibe einer Gruppe von Hatern, überwiegend aus der Incel-Community, die sich einen Spaß daraus machen, sie immer mehr zu bedrohen und zu bedrängen, nicht nur im Internet, sondern auch tatsächlich mit anonymen Nachrichten in ihrem Postkasten. So lange bis Ada keinen Ausweg mehr sieht und sich das Leben nimmt. Mit ihrem Suizid beginnt das Buch, die weiteren Ada-Kapitel sind dann aber wieder aus der Zeit vor dem Suizid geschrieben und zeigen, wie es so weit kommen konnte.
2) Jenny und Dominik, die Eltern von Ada, die durch den Suizid ihr einziges Kind verloren haben, gar keine Ahnung von Adas Online-Aktivitäten und dem Mobbing hatten und sich im Nachhinein versuchen, ein Bild davon zu machen und zu verstehen, was hier geschehen ist und wie es dazu kommen konnte. Sehr sympathische, bemühte Eltern, die ihre einzige Tochter über alles geliebt haben.
3) Die Anonymität: hier wird aus wechselnden Perspektiven, manche männlich, manche weiblich, von denen erzählt, die auf die eine oder andere Weise zum Cybermobbing beigetragen haben. Entweder, indem sie dieses direkt ausgeübt, andere angefeuert oder eine Nachricht oder ein Video weitergeleitet haben.
Insgesamt ist es damit ein sehr spannendes und aufrüttelndes Buch zum Thema Cybermobbing. Man spürt in jeder Zeile, wie es der Autorin ein echtes Anliegen ist, zu diesem Thema zu sensibilisieren und zum Kampf gegen Cybermobbing zu mobilisieren und dafür eignet es sich auch hervorragend und kann auch als Schullektüre empfohlen werden.
Warum dann keine fünf Sterne, sondern doch nur vier?
Ich habe mich mit dem Thema Suizid sehr tiefgründig beschäftigt, habe selbst Erfahrung als Hinterbliebene nach Suizid und ich habe schon so einige andere Bücher darüber gelesen, denen es gelingt, die damit verbundenen Dynamiken extrem authentisch einzufangen (z.B. "Wohin das Licht entflieht" von Sara Barnard oder "Von dem, der bleibt" von Matteo B. Bianchi). In Bezug auf dieses Thema kommt dieses Buch hier an die anderen Bücher nicht ran. Ich muss aber zugeben, hier sehr hohe Ansprüche an das Buch zu stellen.
Auch wenn die Autorin immer wieder versucht, mit sprachgewaltigen Metaphern das damit verbundene Leid zu schildern... etwas fehlt in dieser Perspektive und fühlt sich für mich als Betroffene nicht authentisch an, und zwar sowohl in der Zuspitzung der Entwicklung hin zu Adas Suizid, die ich in der Figur der Ada nicht wirklich nachfühlen kann, als auch in der Bewältigung des Suizids durch die Eltern, die dann doch überraschend schnell wieder Hoffnung zu schöpfen scheinen und schon nach sechs Wochen wieder deutlich positiver auf die Welt blicken , was sich in keinster Weise mit meiner Erfahrung in der Arbeit mit Menschen, die ein Kind durch Suizid verloren haben, deckt.
Es ist für mich somit kein authentisches Buch, um etwas über Suizidalität oder die Bewältigung des Suizids eines Hinterbliebenen zu lernen, dafür ist es für mich nicht nah und authentisch genug an diesem Thema dran. Die Dynamiken des Cybermobbings finde ich hingegen sehr authentisch dargestellt und zu diesem Thema sensibilisiert und mobilisiert das Buch ausgezeichnet.
Ein bisschen schade habe ich auch gefunden, dass man im Buch sehr klar merkt, dass die Autorin sich selbst ganz eindeutig dem linken politischen Spektrum zuordnet und die Menschen mit konservativen bzw. Mitte-rechts-Einstellungen stark dämonisiert. Auch wenn es zweifellos solche Gestalten, wie sie im Buch vorkommen, genau so in der Realität und im Internet gibt, hätte dies nicht noch damit verstärkt werden müssen, dass auch die Nachbarn - die mit dem Cybermobbing an sich nichts zu tun haben - als Coronamaßnahmengegner und als solche als dumpf und blöd charakterisiert werden.
Ich unterstelle der Autorin ein ziemlich einseitiges Weltbild und keine tiefgehende Beschäftigung mit Menschen ganz anderer politischer Einstellungen, die aber fernab von Radikalisierung sind. Es wirkt so, als ob sie, wie es derzeit leider in einigen Bereichen der Gesellschaft Mode zu sein scheint, alles rechts der Mitte einfach als radikal und dumm abstempeln würde, und die Weltsicht der eigenen sozialen Blase als einzig legitime und gute ansehen würde. Damit nimmt sich das Buch ein bisschen von dem Potential, breitflächig Menschen abzuholen. Insgesamt bleibt es aber dennoch aus den oben genannten Gründen ein gutes und wichtiges Buch.
Regina, Jahrgang 1948, wird Anfang der 1980er Jahre Mutter zweier Töchter: Wanda und Antonia. Sie arbeitet als psychologische Psychotherapeutin in einer eigenen Praxis, lebt mit Edgar in einer soliden, ...
Regina, Jahrgang 1948, wird Anfang der 1980er Jahre Mutter zweier Töchter: Wanda und Antonia. Sie arbeitet als psychologische Psychotherapeutin in einer eigenen Praxis, lebt mit Edgar in einer soliden, aber eher leidenschaftslosen Ehe und definiert sich über ihre Intelligenz, ihren Erfolg und ihre schlanke Figur. Kritisch und erbarmungslos richtet sie ihren wertenden Blick auf alle Menschen in ihrem Umfeld, besonders auf andere Frauen, und auf ihre Töchter. Von der stillen, einfühlsamen und etwas pummeligen Antonia ist sie maßlos enttäuscht. Wanda hingegen ist mehr eine Tochter nach ihren Erwartungen, sehr dünn und hübsch, hochintelligent und ehrgeizig, ein Ebenbild der Mutter in allen Bereichen. Dass Wanda eine ernsthafte Essstörung entwickelt und ebenfalls an den unerfüllbaren Erwartungen an sie leidet, will die Mutter lange nicht sehen, und ihren eigenen Anteil daran leugnet sie bis zuletzt.
Das knapp 400 Seiten lange Buch ist in drei Teile geteilt. Der erste Teil, knapp 200 Seiten, beschreibt die Familie im Jahr 1998 und im Jahr danach, als erst Wanda und dann Antonia Abitur machen. Der zweite Teil, etwa 100 Seiten, spielt im Jahr 2010: die Töchter sind um die 30, die Eltern sind deutlich älter geworden. Und schließlich begleiten wir die Familie auf den letzten 100 Seiten durch die Jahre 2019 bis 2020, bis zum Beginn der Coronapandemie. Beide Töchter werden auch selbst Mütter und wir erleben auch mit, wie sie nun mit ihren eigenen Kindern umgehen.
Es ist also auch neben einer Mutter-Töchter-Erzählung auch eine weibliche Entwicklungsgeschichte und wir erleben die Hoffnungen, Träume, Ziele, Pläne, aber auch Rückschläge und Enttäuschungen der drei Frauen über mehr als zwei Jahrzehnte mit. Begleiten die beiden Mädchen von der Teenagerzeit bis in ihre 40er-Jahre und erleben mit, wie sie sich schrittweise zu eigenen Persönlichkeiten entwickeln und nach und nach auch die Kraft entwickeln, der dominanten und urteilenden Mutter zumindest ein bisschen die Stirn zu bieten und für ihre eigenen Lebensentwürfe einzustehen.
Insgesamt ist es ein sehr interessantes und psychologisch feinsinniges Buch für alle, die sich für Mütter-Töchter-Beziehungen, für Entwicklungsromane und auch für die Unterschiede zwischen verschiedenen Generationen interessieren. Ich bin etwas jünger als die beiden im Buch vorkommenden Töchter und kenne viele Frauen aus der Generation von Regina - in vielem habe ich die Spannungen vieler Frauen meiner Generation im Verhältnis zu ihren Müttern wiedererkannt.
Da wird im Buch sehr gut aufgezeigt, welche Schattenseiten gerade auch die Anspruchshaltung an Frauen, sie sollten stark sein und alles verwirklichen, sollten gleichzeitig die traditionell männlich wie die traditionell weibliche Rolle erfüllen, beruflich sehr erfolgreich, intelligent, leistungsfähig und stark sein, aber auch die Familie im Griff haben und sich niemals schwach zeigen, mit sich bringt. Wie diese Sozialisierung oft zu Lasten des Zulassens der eigenen Emotionen, aber auch des Mitfühlens mit anderen geht, und damit echte Beziehungen zu anderen, auch zu den eigenen Kindern, unmöglich macht. Solche durch die gesellschaftlichen Umstände narzisstisch geprägten Frauen wie Regina gibt es viele, und auch viele ihrer Töchter, die ähnlich darunter leiden wie Antonia und Wanda. Hier ist das Buch also sehr authentisch und wirklich gelungen.
Insbesondere die zweite Hälfte des Buches hat mich beim Lesen auch sehr gefesselt. Auf den ersten 100 bis 150 Seiten hingegen war mir das Buch etwas zu langatmig, gerade die allererste geschilderte Lebensphase, um die Abiturzeit der beiden Mädchen herum, wird ausführlichst geschildert, ohne dass die Handlung wirklich viel voranschreitet. Anfangs war ich mir deshalb gar nicht sicher, ob ich das Buch wirklich zu Ende lesen will, rückblickend bin ich aber nun froh darüber und es ist in den späteren Abschnitten deutlich spannender geworden.
Ein Detail finde ich auch eher unrealistisch bzw. möglicherweise nicht so genau recherchiert: Reginas psychotherapeutische Privatpraxis wird als der leichtere Karriereweg im Vergleich zu einer wissenschaftlichen Karriere dargestellt, als etwas, das Regina halt neben den Kindern noch schnell erreichen konnte, während ein Doktoratsstudium zu dieser Zeit nicht mehr möglich gewesen wäre. Es wird beschrieben, dass Regina als junge Frau erst jahrelang ziellos Lehramt studiert hätte, dann Jahre in Südamerika verbracht hätte und danach dann noch schnell Psychologie studiert und Psychotherapeutin geworden wäre, während sie schon Anfang 30 ihre zwei Kinder bekommen habe.
Wer sich mit dem Psychologiestudium und der darauf folgenden anspruchsvollen postgraduellen Ausbildung auch nur ein bisschen auskennt, weiß, das ist zeitlich sehr unrealistisch, auch wenn man intelligent und ehrgeizig ist wie Regina. Und selbst wenn, dann bedeutet ein Psychologiestudium samt mehrjähriger psychotherapeutischer Weiterbildung einen Aufwand, der in Summe sicher nicht geringer ist als ein Psychologiestudium plus Doktorat. Wer das gemacht hat, so wie Regina in dem Buch, der würde das wissen, insofern wirkt das etwas unrealistisch. Zur narzisstischen Persönlichkeit Reginas passt es natürlich, dass sie sich unzulänglich fühlt und das Gefühl hat, ihr überragendes Talent beruflich nicht genug verwirklicht zu haben, doch hätte sich hier vielleicht ein passenderes Beispiel finden können.
Abgesehen von diesem Detail und dem, wie gesagt, etwas langatmigen ersten Teil, ist es aber ein durchaus sehr gelungenes und psychologisch tiefgründiges, authentisches Buch, das zum Nachdenken anregt. Wohlfühlbuch ist es aber eher keines, dafür sind die vorkommenden Konflikte zu heftig und insbesondere Regina in ihrer Unbarmherzigkeit deutlich zu unsympathisch.
Es ist ein gutes Buch, aber kein sonderlich schönes. Dazu passt dann wiederum auch wieder der etwas sperrige Titel, auf den im Buch nur kurz Bezug genommen wird und der sich erst bei genauerem Darüber-Nachdenken als Metapher erschließt.
"Neurographik - die Anleitung aus der Praxis" von Ingrid Werner ist ein sehr hochwertig und wunderschön gestaltetes Buch: das zeigt sich schon am festen Einband mit dem wunderschönen Neurographik-Bild ...
"Neurographik - die Anleitung aus der Praxis" von Ingrid Werner ist ein sehr hochwertig und wunderschön gestaltetes Buch: das zeigt sich schon am festen Einband mit dem wunderschönen Neurographik-Bild gleich als Titelbild, und zieht sich auch sonst durch das Buch, das mit vielen Farbbildern sehr anschaulich und ansprechend gestaltet ist.
Das Buch beginnt, nach einer kurzen Vorstellung der Autorin, in der wir erfahren, wie sie zu Neurographik gekommen ist, mit einer Einführung in die Methode. Offen und nahbar ermutigt die Autorin dabei dazu, die Methode einfach mal auszuprobieren und stellt gleich klar, dass dafür keinerlei Zeichenkenntnisse erforderlich sind. Es wird beschrieben, wie das neurographische Zeichnen dabei unterstützen kann, das eigene Leben zu transformieren und wie es auf das Unterbewusstsein wirkt. Auch Themen wie der innere Widerstand und der mögliche Umgang damit bekommen ihren Raum.
Und dann werden die Lesenden auch schon eingeladen, direkt in die erste Selbsterfahrung mit dieser Methode einzuzeigen und eine erste neurographische Zeichnung anzufertigen. Also dazu erst einmal ein Thema zu aktivieren, Glücksbubbles zu zeichnen, diese mit neurographischen Linien, Feldlinien und Farbe zu ergänzen, alle Ecken abzurunden und am Ende einen Bereich bewusst auszuwählen und zu fixieren. Ich habe diese Zeichnung anhand der Anleitung und ohne vorige Neuroraphik-Erfahrung angefertigt und es war leicht zu schaffen, weil die Anleitung wirklich sehr gut und detailliert ist und mich Schritt für Schritt durch den Prozess geführt hat.
Nach dieser ersten eigenen Zeichenerfahrung wird im nächsten Kapitel detailliert auf praktische Tipps und Tricks für das neurographische Zeichnen eingegangen, so gibt es z.B. Tipps für die Wahl des passenden Materials, für die Themenwahl und Aktivierung des Themas, für Feldlinien, Fixierung und WOW-Effekt. Mit diesen Tipps kann man schon sehr schöne und wohltuende erste neurographische Zeichnungen erstellen.
Schließlich beinhaltet das Buch noch zwei weitere konkrete Zeichenanleitung, eines zur Aktivierung der eigenen Ressourcen und eines zum Thema "Heilung über deine Hand".
Wer also vorab wissen möchte, wie viele konkrete Zeichenanleitungen sich in diesem Buch befinden: es sind drei.
Damit komme ich auch schon zu dem Punkt, warum ich diesem Buch, das mir grundsätzlich in vielen Bereichen sehr gut gefällt und mich inspiriert hat, vier Sterne gebe statt fünf, und das ist das letzte Kapitel "Anwendungsbereiche der Neurographik". Ich verstehe die gute Absicht der Autorin, hier die Vielfalt der unterschiedlichsten Anwendungsmöglichkeiten der Neurographik anhand von Beispielen aufzuzeigen. Wir lesen über Klientinnen und Klienten, die z.B. abnehmen oder mit dem Rauchen aufhören wollen, oder Probleme in ihrer Familie harmonisieren, ein berufliches Projekt retten, sich selbst mehr annehmen oder die eigenen Rollen im Leben besser verstehen.
Diese Beispiele sind auch an sich sehr interessant und zu vielen gibt es schöne neurographische Zeichnungen, allerdings werden jeweils viele neurographische Modelle genannt, die neugierig machen, aber nicht näher erklärt werden. Das kann speziell am Anfang des Kapitels beim Lesen auch verwirrend sein, weil zumindest mir nicht gleich klar war, dass sich auf Modelle bezogen wird, die eben im Buch nicht vorkommen und auch nicht näher erklärt werden. Um diese konkret kennen zu lernen, braucht es dann wohl den Besuch der Kurse in dieser Methode. Es ist kein Buch für das komplette Selbststudium der Neurographik oder ein umfangreiches Nachschlagewerk sämtlicher Zeichenmethoden, das war aber wohl auch nicht die Intention der Autorin.
Wem kann ich somit das Buch empfehlen? Allen, die gerne einen ersten Einblick in die Methode der Neurographik gewinnen wollen, um ein erstes Gefühl zu entwickeln, ob das für sie etwas sein könnte und ob sie gerne weitere Schritte gehen und einen Basiskurs oder eine längere weiterführende Ausbildung in diesem Bereich beginnen möchten.