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Veröffentlicht am 03.12.2024

Eindrucksvolle Erzählung über die Folgen der Machtergreifung des Islamischen Staat im Irak anhand mehrerer fiktiver Schicksale.

Das Vogel-Tattoo
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2003: Helen ist eine junge Jesidin, die mit ihrer Familie in einem abgelegenen Bergdorf im Nordirak lebt. Als sie einen Vogel aus Gefangenschaft befreit, lernt sie den Fallensteller Elias kennen. Er verspricht ...

2003: Helen ist eine junge Jesidin, die mit ihrer Familie in einem abgelegenen Bergdorf im Nordirak lebt. Als sie einen Vogel aus Gefangenschaft befreit, lernt sie den Fallensteller Elias kennen. Er verspricht von den Vögel abzulassen und besucht Helen mehrfach in dem Dorf, wo er von ihrer Familie herzlich aufgenommen wird. Die beiden verlieben sich ineinander und auch wenn Helen bereits einem reichen Händler versprochen ist, entscheidet sie sich für eine Ehe mit Elias, der verwitwet ist und bereits einen Sohn hat.
Elias findet eine Anstellung als Journalist, doch als die Daesh 2014 die Macht über das Land ergreifen, wird er gefangen genommen und die schwangere Helen muss sich von ihren beiden Söhnen trennen. Helen selbst wird entführt und verkauft. Nach zahlreichen brutalen Übergriffen gelingt ihr die Flucht und die Rückkehr zu ihrer Familie. Doch Elias ist weiter vermisst und ihre beiden Söhne werden zu Mudschaheddin ausgebildet.

Der Roman ist zeitlich nicht chronologisch aufgebaut und beginnt mit der Gefangenschaft von Helen, die wie Vieh auf einem Markt verkauft wird und als Sexsklavin den Männern des Daesh (besser bekannt als Islamischer Staat - IS) dienen muss.
Als Kontrast erfolgt ein Rückblick auf das Kennenlernen von Elias und die junge Liebe, die in arabischer Manier poetisch geschildert ist und bildhaft das friedfertige Leben in dem Bergdorf beschreiben, in dem man sich ein Jahrhundert zurückversetzt fühlt, in dem man sich mit Pfiffen unter den Nachbarn verständigt und wo ein Radio als "Zauberkästen" gilt.

Jäh wird das Glück nach mehreren Jahren durch den Terror des IS unterbrochen, der die Kontrolle über Mossul übernimmt und den Völkermord an den Jesiden beginnt. Besessen von der Vorstellung der Errichtung eines Kalifats geht der IS unter Vorschiebung religiöser Gründe brutal gegen die Bevölkerung vor. Männer und Frauen und sogar Kinder werden von ihren Familien getrennt, junge Männer zwangsrekrutiert, Frauen entführt und Männer verschleppt. Wer Fragen stellt oder sich widersetzt, wird hingerichtet.

Der Roman wird aus verschiedenen Perspektiven geschildert und stellt dadurch verschiedene Schicksale heraus. Anknüpfungspunkt bleibt dabei stets Helen und ihre Familie, auch wenn die Zahl der handelnden Personen und familiären Zusammenhänge fordernd ist und man als europäische(r) LeserIn die Örtlichkeiten und Dimensionen im Nordirak und Syrien nicht so klar vor Augen hat.

Anschaulich wird der Kontrast des friedlichen Lebens und der Machtübernahme des IS, die Grausamkeiten, der Terror und die menschlichen Tragödien mit samt der Gehirnwäsche an den Rekruten beschrieben, ohne bei der Verletzung der Menschenrechte zu sehr ins Detail zu gehen.

Trotz der Grausamkeiten und der Kenntnis über die nach wie vor angespannte politisch-religiöse Situation im (Nord-)irak, bleibt ein Gefühl von Hoffnung. Die Charaktere sind mutig und geben nicht auf. Sie glauben daran, mit ihren Familien vereint zu werden und sind ausdauernd, kreativ, bilden Netzwerke und halten solidarisch zusammen.

Das Buch zeigt ungeschönt Leid, wie es vergleichbar mit der Judenverfolgung im Dritten Reich war. Es gibt damit ein anschauliches und berührendes Bild über die Situation in einem Land, das von anhaltenden Konflikten geprägt ist, das weit entfernt ist und das wir sonst nur aus den Nachrichten kennen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.12.2024

Melancholische und dennoch hoffnungsvolle Geschichte über generationenübergreifende Traumata, Trauer und Verluste, Schwesternschaft und Freundschaft

Gute Gründe
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Yael erleidet mit Anfang 30 einen mentalen Zusammenbruch und versucht sich zu umzubringen. Sie wollte die Traurigkeit ein für allemal beenden und niemandem mehr zur Last fallen. Nun wird sie weiterhin ...

Yael erleidet mit Anfang 30 einen mentalen Zusammenbruch und versucht sich zu umzubringen. Sie wollte die Traurigkeit ein für allemal beenden und niemandem mehr zur Last fallen. Nun wird sie weiterhin ambulant von ihrer Therapeutin betreut und erhält zudem Unterstützung von ihrer älteren Schwester Liora, die ihr seit dem Tod der Eltern sehr nahesteht.
Der Roman erzählt in der Gegenwart das Jahr nach Yaels Zusammenbruch und wie sie sich zurück ins Leben kämpft. Daneben gibt es zahlreiche Rückblenden in die Vergangenheit, die mehr Aufschluss darüber geben, was die Gründe für ihre Depression und ihren fatalen Schritt mit Tabletten ihr Leben zu beenden, sein können. Die Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit erfolgen willkürlich, die Abschnitte sind kurz, oftmals nur wenige Sätze lang.
Yael hat mehrere Verluste in ihrem jungen Leben erlitten, eine toxische Beziehung hinter sich und ist als Jüdin von dem Holocausttrauma ihrer Großeltern-Generation belastet. Neben den äußeren Faktoren kommt eine erbliche Vorbelastung für psychische Erkrankungen hinzu.

Die Geschichte ist lebendig geschrieben und auch wenn Yaels Depression zentral und ihr Weg zu einer Heilung (sofern es die überhaupt gibt) noch lange ist, ist der Roman nicht betrüblich. Trotz Yaels Traurigkeit und ihren Schuldgefühlen blitzt vor allem in den Dialogen immer wieder ihr Humor und ihre Selbstironie auf.
Die Darstellung von Yaels Erkrankung ist authentisch, ihre Gefühle und Gedanken können eindrücklich nachempfunden werden. Es ist spürbar, dass die Autorin eigene Erfahrungen einbringt und sehr genau weiß, wovon sie schreibt.
Die Einblicke in das jüdische Leben der Familie machen die Figuren dabei noch lebensechter.

Ein Lichtblick sind die Kontakte, die Yael zu anderen Menschen pflegt, in erster Linie die Beziehung zu ihrer Schwester und deren Kinder, aber auch die Entwicklung der Freundschaft zu der lebensälteren Shirley, die sie im Frauenschwimmbad kennenlernt. Überhaupt sind alle Charaktere liebenswert und sympathisch.

"Gute Gründe" handelt von generationenübergreifenden Traumata, von Trauer, Verlusten und psychischen Erkrankungen, aber auch von Schwesternschaft, Familie und Freundschaft und zeigt damit, wofür es sich zu leben lohnt. Die Balance aus Melancholie und Humor ist stimmig und stimmt insgesamt hoffnungsvoll.

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Thema
Veröffentlicht am 26.11.2024

Familiendrama, das sich aufgrund der drohenden Gefahr zu einem Psychothriller mit klaustrophobischer Atmosphäre entwickelt.

Nachtwald
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Nach einem Aufenthalt in einer Entzugsklinik trifft Lizzie nach langer Zeit wieder auf ihre Mutter und ihren Bruder. Ihre Mutter ist frisch verheiratet und möchte ihren Kindern an diesem Wochenende ihren ...

Nach einem Aufenthalt in einer Entzugsklinik trifft Lizzie nach langer Zeit wieder auf ihre Mutter und ihren Bruder. Ihre Mutter ist frisch verheiratet und möchte ihren Kindern an diesem Wochenende ihren neuen Mann George vorstellen. Sie verbringen die Zeit auf Butler Hall, einem altehrwürdigen Anwesen, das abgelegen in einem Wald liegt und schon lange im Familienbesitz der Butlers ist.
Am ersten Abend stößt ein ungebetener Gast zu ihnen, der das so harmonisch geplante Familienwochenende stört. Als am nächsten Morgen eine Leiche gefunden wird und irritierende Entscheidungen getroffen werden, wird Lizzie allmählich klar, dass etwas nicht stimmt und von den Anwesenden jeder etwas zu verbergen hat.

"Nachtwald" hat die klassischen Zutaten eines Locked-Room-Szenarios: ein altes Haus, ein dunkler Wald, eine übersichtliche Anzahl an Personen, ein Toter, kein Handyempfang und damit keine Möglichkeit, Hilfe zu holen. Trotz eines altbekannten Settings ist der Roman keines falls langweilig, sondern weiß schon aufgrund des Prologs mit zwei Frauen auf der Flucht zu fesseln.

Die Stimmung, als die Familie zusammenkommt, ist angespannt. Lizzie hat durch ihr Alkohol- und Drogenproblem ihre Mutter und ihren Bruder enttäuscht und Vertrauen verspielt, die überstürzte Hochzeit ihrer Mutter nach nur sechs Monaten des Kennenlernens von George macht argwöhnisch und Liam verhält sich reichlich seltsam. George wirkt aufgesetzt euphorisch und seine Tochter und ihr ebenfalls frisch gebackener Ehemann Hudson auffällig entspannt. Jeder macht sich im Verlauf des ersten Abends verdächtig und könnte am nächsten Morgen ein Motiv für einen Mord haben.

Die Geschichte ist raffiniert, die Wendungen sind überraschend und nicht plump. Es ist schwierig zu durchdringen, was in den handelnden Personen vor sich geht, selbst als allmählich Geheimnisse gelüftet und Lügen offenbart werden.

Die Ausgangslage ist ein Familiendrama, das sich aufgrund der drohenden Gefahr zu einem Psychothriller entwickelt. Geschickt werden falsche Fährten gelegt und die klaustrophobische Atmosphäre unterstreicht die Hilflosigkeit der Figuren, die sich gegenseitig nicht trauen können und dem abgelegenen Ort nicht so einfach entkommen können.
Die Motive der Täter werden am Ende schlüssig erklärt, die Gewalteskalation gleicht jedoch einem etwas überzogenem Showdown, auch wenn bei einem Thriller nicht verwunderlich ist, dass aus Geltungssucht und Gier über Leichen gegangen wird.

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  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.11.2024

Typischer Whodunit-Locked-Room-Thriller in verschneiter Umgebung - trotz klassischen Aufbaus durchaus spannend und perfekt für die kalte Jahreszeit

Das Chalet
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Zehn Mitarbeiter eines App-Startups haben für eine Woche ein Chalet in den Alpen gebucht. Statt ausgelassener Urlaubsstimmung in einem Luxus-Resort ist die Atmosphäre in den verschneiten Bergen angespannt, ...

Zehn Mitarbeiter eines App-Startups haben für eine Woche ein Chalet in den Alpen gebucht. Statt ausgelassener Urlaubsstimmung in einem Luxus-Resort ist die Atmosphäre in den verschneiten Bergen angespannt, denn es gibt Pläne, das Unternehmen zu verkaufen und nicht alle Gesellschafter sind damit einverstanden.
Schon beim ersten Skiausflug verschwindet eines der Gründungsmitglieder, weitere folgen oder werden offensichtlich getötet. Da das Chalet nach einer Lawine von der Außenwelt abgeschnitten ist, muss der Täter unter den wenigen Gästen und den zwei Mitarbeitern des Chalets ein. Niemandem ist mehr zu trauen, was zu Angst und unüberlegten Entscheidungen führt.

"Das Chalet" ist ein typischer Whodunit-Locked-Room-Thriller in verschneiter Umgebung.
Der Roman wird in kurzen Kapiteln aus der Sicht einer unscheinbaren Teilhaberin des Startups und einer der Angestellten des Chalets geschildert.

Die Mitarbeiter des Social Media-Unternehmens werden als arrogant und unsympathisch dargestellt. Unter ihnen könnte jeder ein Mörder sein. Nachdem sich die Zahl der Überlebenden reduziert hat, ist bald zu ahnen, wer ein falsches Spiel treibt, was 100 Seiten vor Schluss mit der Enttarnung bestätigt wird. Sodann beginnt ein Kampf ums Überleben, so dass die Spannung nicht abflacht. Das Setting in der Kälte, ohne Strom und ohne Möglichkeit, Hilfe zu kontaktieren, trägt zu einer ungemütlichen, klaustrophobischen Atmosphäre bei.

"Das Chalet" ist ein solider und durchaus spannender Thriller für die kalte Jahreszeit, jedoch sind die Charaktere arg flach und austauschbar. Hat man während der Handlung Zweifel, dass das Motiv des Täters oder der Täterin weit hergeholt ist, wird man am Ende doch noch überrascht und eines besseren belehrt.

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Veröffentlicht am 17.11.2024

Ein erneut spannender und wendungsreicher Thriller aus der Kate-Linville-Reihe, wenn auch weniger undurchsichtig als die Bände zuvor.

Einsame Nacht
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Eine junge Frau wird ein paar Tage vor Weihnachten erstochen in ihrem Auto aufgefunden. Wenige Stunden zuvor war von einer Zeugin beobachtet worden, wie ein unbekannter Mann das Auto angehalten und zu ...

Eine junge Frau wird ein paar Tage vor Weihnachten erstochen in ihrem Auto aufgefunden. Wenige Stunden zuvor war von einer Zeugin beobachtet worden, wie ein unbekannter Mann das Auto angehalten und zu der Frau eingestiegen war. Sie gibt ihre Beobachtung aber auch nicht nach Zeitungsberichten über den Mord an die Polizei weiter.
Detective Sergeant Kate Linville, die gerade den Tod einer älteren Frau untersucht, die von ihrer Pflegekraft alleingelassen wurde, übernimmt die Ermittlungen unter einer ihrer neuen Vorgesetzten Detective Inspector Pamela Graybourne der North Yorkshire Police. Dabei wird sie nach der Auswertung von Fingerabdrücken auf Parallelen zu einem Verbrechen aufmerksam, das sich neun Jahre zuvor ereignet hatte und nicht aufgeklärt werden konnte.

"Einsame Nacht" ist der vierte Band der Reihe um Detective Sergeant Kate Linville. Der Fall ist in sich abgeschlossen, jedoch ist es aufgrund des Bezugs zu Band 3 "Ohne Schuld", durch den der Mord aus dem Sommer endgültig durch den Fund der Leiche aufgeklärt wird und aufgrund des persönlichen Werdegangs der Protagonisten sinnvoll, die Vorgängerromane zu kennen.

Wie alle Bände zuvor ist auch "Einsame Nacht" aus mehreren Handlungssträngen mit unterschiedlichen Figuren aufgebaut, bei denen zunächst nicht ganz klar ist, wie diese zusammenhängen könnten. Neben dem Blick auf mögliche Täter und die Ermittlungen gibt es einige wenige Kapitel aus der Sicht des Täters, die Aufschluss über sein Motiv ergeben, jedoch nicht die Identität enthüllen, so dass insbesondere aufgrund des brutalen Prologs, der ein Jahre zurückliegendes Martyrium schildert, weiterhin spekuliert werden kann.

Auffallend und irritierend ist, dass sich die Frauen - mutmaßliche Täterinnen oder Opfer - allesamt eigenartig verhalten, einsam und beziehungsunfähig sind. Auch hier kann gemutmaßt werden, ob es sich um Auswirkungen von Schuld oder Trauma handelt.
Parallelen gibt es dabei zu den beiden Ermittlerinnen, die keine Ausnahme machen und ebenfalls mit ihren inneren Dämonen, ihrer Einsamkeit und gestörten (Paar-)beziehungen zu kämpfen haben. Von Kate Linville ist das Duckmäusertum als "graue Maus" bereits bekannt, Pamela Grayhound tritt zwar selbstbewusst auf, fühlt sich in ihrem Privatleben jedoch auch unzulänglich.
Private Ausflüchte werden jedoch nur am Rande erwähnt, weshalb der Fokus auf den Morden liegt, die sich nach und nach ereignen und den Ermittlungen, die durch die Sabotage von Tätern und Zeugen erschwert werden.

Durch die vielen Komponenten des Romans wird es trotz knapp 600 Seiten auf keiner Seite langweilig. Zudem zeichnen sich beide Ermittlerinnen nicht nur durch einen klugen Instinkt, sondern auch durch eigenmächtiges Verhalten aus, dass sie in Gefahr bringt und die Spannung noch einmal erhöht.
Die Stimmung ist durchweg winterlich, düster und melancholisch. Das wird auch durch Einblick in Caleb Hales Leben unterstrichen, der seinen Dienst quittiert hat und dem Alkohol nach wie vor nicht entsagen kann.

Band 4 ist spannend aufgebaut und wendungsreich, jedoch nicht so undurchsichtig, dass die Hintergründe der Verbrechen nicht zu erahnen sind. Der eigentliche Zusammenhang aus Mobbing, Kränkung, Rache und Gewalt wird jedoch erst am Schluss ersichtlich.
Der Roman ist vielschichtig, das Motiv des Täters - trotz des verheerenden Gewaltexzesses - nachvollziehbar, aber die zum Teil arg dummen Aktionen so manches Verdächtigen wirken doch etwas weit hergeholt.

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