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Veröffentlicht am 26.02.2025

Ein Ermittler, der aus dem Rahmen fällt

Der Kriminalist - Die Sprache der Beweise
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Wenn ich mir als jahrzehntelange Leserin die Themenauswahl und deren Verarbeitung im Bereich der unterhaltenden Spannungsliteratur anschaue, gibt es hinsichtlich der Motive und Protagonisten kaum ein Feld, ...

Wenn ich mir als jahrzehntelange Leserin die Themenauswahl und deren Verarbeitung im Bereich der unterhaltenden Spannungsliteratur anschaue, gibt es hinsichtlich der Motive und Protagonisten kaum ein Feld, das noch nicht beackert wurde. Zur Folge hat das, dass mich nicht nur die durchschaubaren Plots ohne Raffinesse sondern auch die stromlinienförmig angelegten und austauschbaren Protagonisten zunehmend langweilen.

Deshalb freue ich mich, wenn ich im Wust der Neuerscheinungen Kriminalromane mit einem Ermittler entdecke, in der sich dieser mit seinen Eigenheiten von der Gleichförmigkeit der Masse abhebt. Und wenn dann noch eine interessante Story dazu kommt, die weder unnötige Grausamkeiten noch Schockeffekte zelebriert, umso besser. All das bieten die Kriminalromane des englischen Autors Tim Sullivan.

Kürzlich ist „Der Kriminalist. Die Sprache der Beweise“ erschienen, der dritte Band der Reihe mit DS George Cross, dem Ermittler mit der höchsten Aufklärungsrate der Major Crime Unit Bristol. Er ist penibel und beharrlich, im Umgang mit seinen Mitmenschen allerdings schwierig. Grundehrlich und unbeholfen, was vor allem seinem Autismus geschuldet ist. Ihm zur Seite steht DS Josie Ottey, seine Partnerin in Crime, die sich immer wieder bemüht, ihn für seine Unhöflichkeiten im Umgang mit den Mitmenschen zu sensibilisieren. Kein Wunder, dass er auch immer wieder Probleme mit seinen Vorgesetzten hat.

Im vorliegenden Fall sucht eine Mutter Hilfe bei ihm, die davon überzeugt ist, dass ihre Tochter, eine ehemalige Drogenabhängige, ermordet wurde. Cross‘ Kollegen und auch der Forensiker können dem nicht zustimmen, sind davon überzeugt, dass Selbstmord infolge einer Überdosis die Todesursache war. Allerdings handelt es sich um eine Droge, die üblicherweise nicht im Straßenverkauf erhältlich ist, was Cross hellhörig werden lässt. Natürlich verbeißt er sich in den Fall, will der Mutter Gewissheit verschaffen. Sehr zum Missfallen seines Vorgesetzten, der sogar so weit geht, eine Beschwerde gegen Cross einzureichen. Aber natürlich wird er auch diesen Fall trotz aller Widrigkeiten lösen.

Trotz leichter Längen im Mittelteil ist „Die Sprache der Beweise“ meiner Meinung nach der beste Band der Reihe, kann aber problemlos ohne Kenntnis der beiden Vorgänger gelesen werden. Eine Empfehlung für alle, die ein Faible für Ermittler haben, die aus dem Rahmen fallen.

Veröffentlicht am 26.01.2025

Ida im Alleingang

Alter Zorn
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Am Elbstrand von Övelgönne wird ein totes Kind angeschwemmt, abgemagert bis auf die Knochen, der Körper von unzähligen Verletzungen übersät. Ida Rabe hört die Meldung zufällig mit, schwingt sich auf ihr ...

Am Elbstrand von Övelgönne wird ein totes Kind angeschwemmt, abgemagert bis auf die Knochen, der Körper von unzähligen Verletzungen übersät. Ida Rabe hört die Meldung zufällig mit, schwingt sich auf ihr Fahrrad und radelt zum Fundort. Der Anblick trifft sie bis ins Mark, denn der Junge ähnelt dem Buben, den sie und ihre Kollegin Heide vor einiger Zeit halb verhungert in einem Hauseingang gefunden und im Winterhuder Waisenhaus abgeliefert haben. Ist er’s? Sie sucht nach Antworten, beißt aber innerhalb der David-Wache auf Granit, soll sich fernhalten von den Ermittlungen. Wen kümmert schon ein totes Kind? Offenbar nur Ida Rabe.

Doch seit dem Weggang von Miss Watson, ihrer britischen Vorgesetzten auf Zeit, wird sie an der kurzen Leine gehalten. Trotz erfolgreicher Fortbildung zur Oberbeamtin hockt sie die meiste Zeit im Kellerbüro und muss den Papierkram der Wache erledigen. Keine Beförderung in Sicht. Im Gegenteil, die männlichen Kollegen machen sich über sie lustig, nehmen sie nicht ernst, trauen ihr nichts zu. Pfaffenkamp, neuerdings ihr Vorgesetzter, schikaniert sie, wird verbal ausfällig und wartet nur auf den richtigen Anlass, um ihr Disziplinarmaßnahmen aufs Auge zu drücken. Aber Ida lässt sich nicht daran hindern, auf eigene Faust im Fall des toten Kindes zu ermitteln, was dazu führt, dass sie vom Dienst suspendiert und ihr mit Entlassung gedroht wird. Aber auch davon lässt sie sich nicht aufhalten.

Eine erste Spur führt sie auf die Elbinsel Waltershof, wo ein Wunderheiler mit zahlreichen Frauen in sektenähnlicher Gemeinschaft lebt und tagtäglich die Hilfesuchenden empfängt. Es gelingt Ida, sich unter falschem Namen in seine Gefolgschaft einzuschleichen und das dortige Treiben zu beobachten, nicht ahnend, dass sie sich damit in Lebensgefahr bringt…

Einmal mehr nimmt uns die Autorin mit nach ins Hamburg der Nachkriegszeit. Wir schreiben 1949, das Jahr, in dem mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland eine neue Zeit nach den Jahren der NS-Diktatur anbrechen sollte. Doch soweit ist es noch lange nicht. Die Seilschaften, die während der zurückliegenden Jahre entstanden, funktionieren noch immer, auch wenn deren Aktivitäten nicht auf den ersten Blick sichtbar sind. Und auch an den Arbeitsbedingungen für die Frauen, die ihr Können in den Berufsfeldern beweisen, die ausschließlich Männern vorbehalten waren, hat sich, wie fast schon erwartet, wenig geändert.

Insofern also alles beim Alten, auch wenn das zugrunde liegende Thema in seiner Brisanz erst durch die Anmerkungen der Autorin im Anhang richtig deutlich wurde. Was den Spannungsfaktor angeht, dieser war im ersten Drittel relativ hoch, in der Mitte flaute er durch die ausführlichen und redundanten Beschreibungen der Lebensumstände (äußerliches Erscheinungsbild, Schweigegebot etc.) innerhalb der Wunderheiler-Sekte deutlich ab und nahm erst im Schlussteil wieder an Fahrt auf. Fast hätte ich es vergessen, am Ende gibt es überraschende Neuigkeiten, die auf eine interessante Fortführung der Reihe hoffen lassen.

Veröffentlicht am 04.12.2024

Alles wird gut

Das Tagebuch im Waschsalon der lächelnden Träume
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„Jeder braucht seinen eigenen Ozean, in dem er sich ausweinen kann. In Yeonnam-dong gibt es ein kleines Meer, in dem weiße, schäumende Wellen Tränen und Kummer fortspülen.“ (S. 295)

Buchhandlung, Restaurant, ...

„Jeder braucht seinen eigenen Ozean, in dem er sich ausweinen kann. In Yeonnam-dong gibt es ein kleines Meer, in dem weiße, schäumende Wellen Tränen und Kummer fortspülen.“ (S. 295)

Buchhandlung, Restaurant, Lädchen, Café, Keramikwerkstatt...und nun also ein Waschsalon. Kim Jiyuns Debüt „Das Tagebuch im Waschsalon der lächelnden Träume“ reiht sich nahtlos in die Reihe der Romane aus dem asiatischen Raum ein, in denen Menschen in ihrem Alltag nicht nur unverhoffte Hilfe an unspektakulären Orten bekommen, sondern durch kleine, unverhoffte Wunder auch zu persönlichem Wachstum angeregt werden.

Jiyun nimmt uns mit nach Seoul in den Stadtteil Yeonnam-dong. Dort befindet sich der Binggul-Binggul-Waschsalon, ein unspektakulärer Ort mit einem heimeligen Duft von Baumwolle und Bernstein, der seine Magie aus dem hellgrünen Tagebuch bezieht, das dort auf dem Tisch liegt. Woher kommt es, wer hat es dort deponiert oder wurde es einfach nur vergessen? Niemand weiß es.

Die unterschiedlichsten Menschen des Viertels nehmen es in die Hand, blättern durch und lesen die Einträge. Und manch eine/r nutzt es auch, um sich Kummer von der Seele zu schreiben. Banale Zeilen wechseln sich mit Einträgen von Menschen ab, die existenzielle Probleme haben, mit ihrem Leben hadern und sich in persönlichen Krisensituationen befinden. Einsamkeit, Geldprobleme, beruflicher Stillstand, familiäre Krisen, all das treibt die Kunden des Waschsalons um, bringt sie an den Rand der Verzweiflung, lässt sie nicht nur auf tröstende Worte von Unbekannten hoffen, die ihre Zeilen kommentieren, sondern dann und wann durch ihr Eingreifen auch kleine Alltagswunder und somit positive Veränderungen bewirken können.

Eine Familie, die sich ihre Wohnung nicht mehr leisten kann. Ein Straßenmusiker, der von einer Musikerkarriere träumt. Eine Drehbuchschreiberin, die endlich den großen Wurf landen möchte. All diese Einzelschicksale verbinden sich im Lauf des Romans zu einer runden Geschichte, zusammengehalten von dem älteren Herrn Jang, einem Apotheker im Ruhestand, der durch seine hilfsbereite Art zum Dreh- und Angelpunkt dieser Gemeinschaft wird, obwohl er eigene Probleme mit seinen geldgierigen Sohn hat.

Wer einen schönen, leichten Feel good-Roman sucht, der das Gefühl von Gemeinschaft, Zusammenhalt und Mitmenschlichkeit in diesen rauen Zeiten stimmig transportiert (inklusive der gemeinsamen Verfolgung eines Betrügers), ist mit „Das Tagebuch im Waschsalon der lächelnden Träume“ bestens bedient und sollte hier zugreifen.

Veröffentlicht am 25.11.2024

Sympathische Protagonisten und spannende Handlung

Hildur – Der Schatten des Nordlichts
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Seit einiger Zeit halte ich wieder Ausschau nach Kriminalromanen aus Europas Norden, die möglichst Teil einer Reihe sind. Warum Reihen? Natürlich sollte der Kriminalfall im Zentrum stehen, aber ich erfahre ...

Seit einiger Zeit halte ich wieder Ausschau nach Kriminalromanen aus Europas Norden, die möglichst Teil einer Reihe sind. Warum Reihen? Natürlich sollte der Kriminalfall im Zentrum stehen, aber ich erfahre gerne mehr über die Protagonisten, warum sie wie handeln, Details zu ihrer Biografie, aber auch zu den kulturellen Eigenheiten der Gesellschaft, in der sie ihren Beruf ausüben.

All das bietet die mittlerweile dreibändige Hildur-Reihe der gebürtigen Finnin Satu Rämö, die mit ihrer Familie in Ísafjörður, einer Kleinstadt im Nordwesten Islands lebt, also genau in der Gegend, für die die Polizistin Hildur Rúnarsdóttir mit ihrem finnischen Praktikanten Jakob verantwortlich ist. Die beiden sind keine unbeschriebenen Blätter, ihre Biografie nimmt deshalb auch fast genau so viel Raum ein wie die Krimihandlung. Deutlich wird das vor allem an den Originaltiteln: Hildur (Bd. 1), Rósa & Björk (Bd. 2) und Jakob (Bd. 3), was zeigt, dass in jedem der Bände eine Person ganz besonders ausgeleuchtet wird. Aber diese personalisierten Titel sind auch ein Hinweis auf die Übermittlung zusätzlicher Informationen, die zum einen Verbindungen zwischen den Einzelbänden schaffen, zum anderen uns die Protagonisten näher bringen. Für mich funktioniert dieses Konzept gut, auch wenn ab und zu die eigentliche Krimihandlung dadurch in den Hintergrund gedrängt wird.

Noch kurz zum Inhalt: Der Tote im Netz der Lachszucht ist erst der Anfang. Immer wieder tauchen Opfer auf, bei denen deren Zurschaustellung und/oder die Mordmethode Verbindungen zu der isländischen Sage von den 13 Weihnachtsgesellen aufweist. Gleichzeitig verschwinden auf den Pferdehöfen der Umgebung temporär immer wieder trächtige Stuten.

Es gibt also für Hildur einiges zu tun, zumal sie aktuell auf Jakob verzichten muss. Er ist zu einem Gerichtstermin nach Finnland gereist, damit die Torpedierungen des Sorgerechts durch seine geschiedene Frau endlich ein Ende haben. Aber es kommt ganz anders, denn es dauert nicht lange, bis er des Mordes verdächtigt wird. Hildur lässt alles stehen und liegen und macht sich auf den Weg, um Jakobs Unschuld zu beweisen.

Ein spannender, vielschichtiger Kriminalroman mit sympathischen Protagonisten und wunderschönen Landschaftsbeschreibungen, hervorragend von Gabriele Schrey-Vasara übersetzt, den ich ohne Einschränkung all denjenigen empfehlen kann, die auch an dem Privatleben der Ermittler Interesse haben.

Nachbemerkung: Ursprünglich war die Hildur-Reihe als Trilogie geplant, aber nach deren Erfolg wird sie glücklicherweise fortgesetzt. Band 4, Originaltitel „Rakel“ wird bei Heyne im August 2025 unter dem Titel „Hildur – Die Toten am Meer“ erscheinen.

Veröffentlicht am 29.10.2024

Nicht nur eine amerikanische Katastrophe

Armut
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Es war einmal…Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wo man angeblich vom Tellerwäscher zum Millionär aufsteigen kann. Diese Zeiten sind längst vorbei. Mittlerweile ist die Zahl derjenigen, ...

Es war einmal…Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wo man angeblich vom Tellerwäscher zum Millionär aufsteigen kann. Diese Zeiten sind längst vorbei. Mittlerweile ist die Zahl derjenigen, die von Armut betroffen sind, rasant angestiegen. „Mehr als 38 Millionen Menschen können ihre Grundbedürfnisse nicht befriedigen…mehr als eine Million Kinder im schulpflichtigen Alter sind obdachlos und leben in Motels, Autos etc.“ (Vorwort, S. 14). Ein Grund für Matthew Desmond, sich die Ursachen genauer anzuschauen.

Matthew Desmond, Soziologe an der Princeton University und 2017 Pulitzer-Preisträger für sein Buch „Evicted: Poverty and Profit in the American City“ (dt. „Zwangsgeräumt: Armut und Profit in der Stadt“, 2018 bei Ullstein), ist selbst in prekären Verhältnissen aufgewachsen und beschäftigt sich schon lange mit diesem Thema. Die Ergebnisse seiner Recherche und die Schlussfolgerungen, die er daraus zieht, sind nicht überraschend.

Seine Kritikpunkte bezüglich des Steuersystems kann ich nachvollziehen, treffen diese doch 1:1 auch für Deutschland zu. Hier wie dort werden sowohl Wohlhabenden als auch den großen Unternehmen von den Regierungen eine Unmenge an Vorteilen gewährt, seien das nun Steuererleichterungen, Subventionen oder Rettungsschirme, die unterm Strich von der arbeitenden Bevölkerung finanziert werden müssen. Eine gerechte Besteuerung, die auch die multinationalen Konzerne einschließt, könnte hier problemlos Abhilfe schaffen und Geld in die Kassen spülen.

Natürlich leugnet Desmond nicht, dass Armut systemisch und in den Vereinigten Staaten im Zusammenhang mit Ethnie und Herkunft betrachtet werden muss, aber er macht noch einen weiteren Schuldigen dafür aus, nämlich die Mittelschicht ist, die daraus Profit zieht und deshalb kein Interesse an einer Abschaffung der Armut hat. Es sind die finanziell Abgesicherten, denen er vorwirft, die Vermehrung des eigenen Wohlstands an erste Stelle setzen. Die Arbeitgeber, die deshalb niedrige Löhne zahlen, oder die Vermieter, die den knappen Wohnungsmarkt zum Vorwand nehmen, um hohe Mieten einzufordern. Eine provokante Aussage, die allerdings meiner Meinung nach etwas übers Ziel hinausschießt.

Keine Frage, „Armut. Eine amerikanische Katastrophe“ liefert jede Menge Denkanstöße für Leser und Leserinnen, die sich mit dieser Thematik auseinandersetzen, insbesondere, weil auch hierzulande laut Statistischem Bundesamt ca. 17,7 Millionen Menschen wg. Auswirkungen der Pandemie, Inflation, Verlust der Arbeitsstelle etc. von Armut bedroht sind (Zahlen von 2023). Lesen!