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Veröffentlicht am 11.05.2025

Unterhaltsamer Schmöker für zwischendurch

Elbnächte. Schatten über St. Pauli
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Wie bereits in der vierbändigen Reihe um „Die Hafenärztin“ nimmt uns Henrike Engel auch in „Elbnächte. Die Lichter über St. Pauli“ - der Untertitel lässt es erahnen - mit in die historische Hansestadt ...

Wie bereits in der vierbändigen Reihe um „Die Hafenärztin“ nimmt uns Henrike Engel auch in „Elbnächte. Die Lichter über St. Pauli“ - der Untertitel lässt es erahnen - mit in die historische Hansestadt an der Elbe. Wir schreiben das Jahr 1913, und abseits der noblen Villenviertel kreuzen sich in der Hamburger Unterwelt die Lebenswege dreier Menschen, die verschiedener nicht sein könnten. Luise, Ella und Paul, drei Menschen, deren Lebensumstände sich anders als erwartet entwickelt haben und die sich deshalb Herausforderungen stellen müssen, an denen sie wachsen werden.

Luise, die Tochter aus gutem Haus, steht vor den Trümmern ihres Lebens, als sie die Nachricht erhält, dass ihr Ehemann bei einem Duell ums Leben gekommen ist. Die Umstände erscheinen ihr zwar fragwürdig, aber alles Jammern hilft nichts. Sie, die noch nie selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen musste, steht plötzlich vor einer Situation, in der sie ihre anfängliche Verzweiflung beiseiteschieben und zupacken muss, wenn sich eine Chance bietet. Umso mehr, da sie weder Ausbildung noch besonderen Qualifikationen hat, dafür aber den Schuldenberg, den ihr der Tote hinterlassen hat. Aber da ist auch der Schuldschein eines Barbesitzers auf St. Pauli der ihr beim Sichten der Unterlagen in die Hände fällt.

Durch einen glücklichen Zufall lernt sie Ella kennen, eine gutherzige, junge Prostituierte, die vor ihren Peinigern geflohen ist und in Hamburg ein neues Leben beginnen will. Sie kennt sich im Milieu aus und unterstützt mit ihrer praktischen Intelligenz und Tatkraft Luises Plan, auf St. Pauli eine Bar zu eröffnen.

Und dann ist da noch Paul, der nach einem Anschlag einarmige Ex-Polizist, der des Lebens zwar überdrüssig ist, aber vor seinem Abgang unbedingt denjenigen zur Verantwortung ziehen will, der für sein erbärmliches Leben verantwortlich ist. Hinter all dem steckt seiner Meinung nach der Anführer einer Bande von Straßenkindern, die in dessen Auftrag Raubzüge durchführen, die nicht immer glimpflich ablaufen.

Als einer dieser Jugendlichen die beiden Frauen um Hilfe bittet, weil er des Mordes beschuldigt wird, gewähren sie ihm Unterschlupf, weil er beteuert unschuldig zu sein. Aber schnell müssen Luise und Ella feststellen, dass es höchst gefährlich ist, wenn man die Bahnen der Unterweltgrößen kreuzt. Glücklicherweise eilt ihnen Paul zur Hilfe und gemeinsam machen sich auf die Suche nach dem skrupellosen Mörder.

„Elbnächte“ ist einmal mehr ein historischer Frauenroman, in dem die Protagonistinnen ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Der Autorin scheint aber gleichzeitig auch daran gelegen zu sein, den Leserinnen einen Eindruck vom täglichen Leben und dem Tanz auf dem Vulkan ein knappes Jahr vor Beginn des Ersten Weltkriegs zu vermitteln, aber das ist ihr leider nur in Ansätzen gelungen. Zum einen mag das daran liegen, dass sie sich auf den Mikrokosmos Kiez konzentriert, zum anderen scheint es ihr in erster Linie darum zu gehen, das Wachsen und die Veränderungen der drei Hauptfiguren zu zeigen. Ob das in der Realität zu der damaligen Zeit so funktioniert hat, sei dahingestellt. Natürlich wird mit den üblichen Zutaten und den glücklichen Zufällen gearbeitet, aber das ist in diesem Genre üblich und habe ich auch nicht anders erwartet. Es gibt Rückschläge, gefährliche und unangenehme Situationen, aber dennoch werden die beiden Frauen ihre Ziele gegen alle Widerstände erreichen. So kennt man das. Der besondere Dreh war hier das Einbetten eines Spannungsfaktors durch die Krimihandlung, was durch unerwartete Wendungen für Abwechslung gesorgt hat und durchaus gelungen ist.

Alles in allem ein netter Schmöker für zwischendurch, der unterhält, auch wenn er das Rad nicht neu erfindet.

Veröffentlicht am 09.04.2025

Kein Heimatroman

Wild wuchern
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Eine einfache Hütte in den Tiroler Bergen. Mitten im Nirgendwo. Natur pur, soweit man schauen kann. Unglaublich schön, aber auch unberechenbar. Stille, ein Refugium, fernab vom hektischen Leben im Tal. ...

Eine einfache Hütte in den Tiroler Bergen. Mitten im Nirgendwo. Natur pur, soweit man schauen kann. Unglaublich schön, aber auch unberechenbar. Stille, ein Refugium, fernab vom hektischen Leben im Tal. Heimat für Johanna, die sich in diese selbstgewählte Einsiedelei vor Jahren zurückgezogen hat. In und mit den Jahreszeiten, mit der Natur. Es ist beschwerlich, karg, aber es ist das Leben, für das sich Johanna entschieden hat. Und sie ist damit zufrieden, vermisst nichts, ruht in sich.

Das ändert sich, als unerwartet Marie auftaucht, ihre Cousine, die in Wien lebt. Sie muss verzweifelt sein, hat sie doch die Strapazen auf sich genommen und den Berg heraufgequält. Aber Johanna interessiert das Warum nicht, in erster Linie ist sie wütend über den Eindringling, der ihre Ruhe stört, ungewollte Veränderungen mit sich bringt, weshalb sie Marie nicht in ihrem Leben haben will.

Die beiden Frauen könnten nicht unterschiedlicher sein. Johanna, die Einsiedlerin, wortkarg, zupackend und mit dem wenigen zufrieden, das sie hat. Im Gegensatz dazu Marie, die Städterin aus gesicherten Verhältnissen, deren Eheleben anders als geplant verlaufen ist, weshalb sie Schutz bei Johanna sucht. Beide auf der Flucht vor einer Vergangenheit, die beiden tiefsitzende Wunden zugefügt hat. Beide von dem Verlangen getrieben, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Es ist nicht das typische Alpenidyll mit Blumenwiesen und glücklichen Kühen, das den Hintergrund für „Wild wuchern“ bildet. Es ist die Beschreibung eines Lebens voll endloser Plackerei, täglichen Routinen, die Sicherheit und Schutz vor der Außenwelt gewähren. Ein Schutz, der allmählich bröckelt, wenn die anfängliche Schroffheit einem Verstehen, einem Miteinander weicht und Rettung für beide bereithält.

Veröffentlicht am 26.02.2025

Ein Ermittler, der aus dem Rahmen fällt

Der Kriminalist - Die Sprache der Beweise
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Wenn ich mir als jahrzehntelange Leserin die Themenauswahl und deren Verarbeitung im Bereich der unterhaltenden Spannungsliteratur anschaue, gibt es hinsichtlich der Motive und Protagonisten kaum ein Feld, ...

Wenn ich mir als jahrzehntelange Leserin die Themenauswahl und deren Verarbeitung im Bereich der unterhaltenden Spannungsliteratur anschaue, gibt es hinsichtlich der Motive und Protagonisten kaum ein Feld, das noch nicht beackert wurde. Zur Folge hat das, dass mich nicht nur die durchschaubaren Plots ohne Raffinesse sondern auch die stromlinienförmig angelegten und austauschbaren Protagonisten zunehmend langweilen.

Deshalb freue ich mich, wenn ich im Wust der Neuerscheinungen Kriminalromane mit einem Ermittler entdecke, in der sich dieser mit seinen Eigenheiten von der Gleichförmigkeit der Masse abhebt. Und wenn dann noch eine interessante Story dazu kommt, die weder unnötige Grausamkeiten noch Schockeffekte zelebriert, umso besser. All das bieten die Kriminalromane des englischen Autors Tim Sullivan.

Kürzlich ist „Der Kriminalist. Die Sprache der Beweise“ erschienen, der dritte Band der Reihe mit DS George Cross, dem Ermittler mit der höchsten Aufklärungsrate der Major Crime Unit Bristol. Er ist penibel und beharrlich, im Umgang mit seinen Mitmenschen allerdings schwierig. Grundehrlich und unbeholfen, was vor allem seinem Autismus geschuldet ist. Ihm zur Seite steht DS Josie Ottey, seine Partnerin in Crime, die sich immer wieder bemüht, ihn für seine Unhöflichkeiten im Umgang mit den Mitmenschen zu sensibilisieren. Kein Wunder, dass er auch immer wieder Probleme mit seinen Vorgesetzten hat.

Im vorliegenden Fall sucht eine Mutter Hilfe bei ihm, die davon überzeugt ist, dass ihre Tochter, eine ehemalige Drogenabhängige, ermordet wurde. Cross‘ Kollegen und auch der Forensiker können dem nicht zustimmen, sind davon überzeugt, dass Selbstmord infolge einer Überdosis die Todesursache war. Allerdings handelt es sich um eine Droge, die üblicherweise nicht im Straßenverkauf erhältlich ist, was Cross hellhörig werden lässt. Natürlich verbeißt er sich in den Fall, will der Mutter Gewissheit verschaffen. Sehr zum Missfallen seines Vorgesetzten, der sogar so weit geht, eine Beschwerde gegen Cross einzureichen. Aber natürlich wird er auch diesen Fall trotz aller Widrigkeiten lösen.

Trotz leichter Längen im Mittelteil ist „Die Sprache der Beweise“ meiner Meinung nach der beste Band der Reihe, kann aber problemlos ohne Kenntnis der beiden Vorgänger gelesen werden. Eine Empfehlung für alle, die ein Faible für Ermittler haben, die aus dem Rahmen fallen.

Veröffentlicht am 26.01.2025

Ida im Alleingang

Alter Zorn
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Am Elbstrand von Övelgönne wird ein totes Kind angeschwemmt, abgemagert bis auf die Knochen, der Körper von unzähligen Verletzungen übersät. Ida Rabe hört die Meldung zufällig mit, schwingt sich auf ihr ...

Am Elbstrand von Övelgönne wird ein totes Kind angeschwemmt, abgemagert bis auf die Knochen, der Körper von unzähligen Verletzungen übersät. Ida Rabe hört die Meldung zufällig mit, schwingt sich auf ihr Fahrrad und radelt zum Fundort. Der Anblick trifft sie bis ins Mark, denn der Junge ähnelt dem Buben, den sie und ihre Kollegin Heide vor einiger Zeit halb verhungert in einem Hauseingang gefunden und im Winterhuder Waisenhaus abgeliefert haben. Ist er’s? Sie sucht nach Antworten, beißt aber innerhalb der David-Wache auf Granit, soll sich fernhalten von den Ermittlungen. Wen kümmert schon ein totes Kind? Offenbar nur Ida Rabe.

Doch seit dem Weggang von Miss Watson, ihrer britischen Vorgesetzten auf Zeit, wird sie an der kurzen Leine gehalten. Trotz erfolgreicher Fortbildung zur Oberbeamtin hockt sie die meiste Zeit im Kellerbüro und muss den Papierkram der Wache erledigen. Keine Beförderung in Sicht. Im Gegenteil, die männlichen Kollegen machen sich über sie lustig, nehmen sie nicht ernst, trauen ihr nichts zu. Pfaffenkamp, neuerdings ihr Vorgesetzter, schikaniert sie, wird verbal ausfällig und wartet nur auf den richtigen Anlass, um ihr Disziplinarmaßnahmen aufs Auge zu drücken. Aber Ida lässt sich nicht daran hindern, auf eigene Faust im Fall des toten Kindes zu ermitteln, was dazu führt, dass sie vom Dienst suspendiert und ihr mit Entlassung gedroht wird. Aber auch davon lässt sie sich nicht aufhalten.

Eine erste Spur führt sie auf die Elbinsel Waltershof, wo ein Wunderheiler mit zahlreichen Frauen in sektenähnlicher Gemeinschaft lebt und tagtäglich die Hilfesuchenden empfängt. Es gelingt Ida, sich unter falschem Namen in seine Gefolgschaft einzuschleichen und das dortige Treiben zu beobachten, nicht ahnend, dass sie sich damit in Lebensgefahr bringt…

Einmal mehr nimmt uns die Autorin mit nach ins Hamburg der Nachkriegszeit. Wir schreiben 1949, das Jahr, in dem mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland eine neue Zeit nach den Jahren der NS-Diktatur anbrechen sollte. Doch soweit ist es noch lange nicht. Die Seilschaften, die während der zurückliegenden Jahre entstanden, funktionieren noch immer, auch wenn deren Aktivitäten nicht auf den ersten Blick sichtbar sind. Und auch an den Arbeitsbedingungen für die Frauen, die ihr Können in den Berufsfeldern beweisen, die ausschließlich Männern vorbehalten waren, hat sich, wie fast schon erwartet, wenig geändert.

Insofern also alles beim Alten, auch wenn das zugrunde liegende Thema in seiner Brisanz erst durch die Anmerkungen der Autorin im Anhang richtig deutlich wurde. Was den Spannungsfaktor angeht, dieser war im ersten Drittel relativ hoch, in der Mitte flaute er durch die ausführlichen und redundanten Beschreibungen der Lebensumstände (äußerliches Erscheinungsbild, Schweigegebot etc.) innerhalb der Wunderheiler-Sekte deutlich ab und nahm erst im Schlussteil wieder an Fahrt auf. Fast hätte ich es vergessen, am Ende gibt es überraschende Neuigkeiten, die auf eine interessante Fortführung der Reihe hoffen lassen.

Veröffentlicht am 04.12.2024

Alles wird gut

Das Tagebuch im Waschsalon der lächelnden Träume
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„Jeder braucht seinen eigenen Ozean, in dem er sich ausweinen kann. In Yeonnam-dong gibt es ein kleines Meer, in dem weiße, schäumende Wellen Tränen und Kummer fortspülen.“ (S. 295)

Buchhandlung, Restaurant, ...

„Jeder braucht seinen eigenen Ozean, in dem er sich ausweinen kann. In Yeonnam-dong gibt es ein kleines Meer, in dem weiße, schäumende Wellen Tränen und Kummer fortspülen.“ (S. 295)

Buchhandlung, Restaurant, Lädchen, Café, Keramikwerkstatt...und nun also ein Waschsalon. Kim Jiyuns Debüt „Das Tagebuch im Waschsalon der lächelnden Träume“ reiht sich nahtlos in die Reihe der Romane aus dem asiatischen Raum ein, in denen Menschen in ihrem Alltag nicht nur unverhoffte Hilfe an unspektakulären Orten bekommen, sondern durch kleine, unverhoffte Wunder auch zu persönlichem Wachstum angeregt werden.

Jiyun nimmt uns mit nach Seoul in den Stadtteil Yeonnam-dong. Dort befindet sich der Binggul-Binggul-Waschsalon, ein unspektakulärer Ort mit einem heimeligen Duft von Baumwolle und Bernstein, der seine Magie aus dem hellgrünen Tagebuch bezieht, das dort auf dem Tisch liegt. Woher kommt es, wer hat es dort deponiert oder wurde es einfach nur vergessen? Niemand weiß es.

Die unterschiedlichsten Menschen des Viertels nehmen es in die Hand, blättern durch und lesen die Einträge. Und manch eine/r nutzt es auch, um sich Kummer von der Seele zu schreiben. Banale Zeilen wechseln sich mit Einträgen von Menschen ab, die existenzielle Probleme haben, mit ihrem Leben hadern und sich in persönlichen Krisensituationen befinden. Einsamkeit, Geldprobleme, beruflicher Stillstand, familiäre Krisen, all das treibt die Kunden des Waschsalons um, bringt sie an den Rand der Verzweiflung, lässt sie nicht nur auf tröstende Worte von Unbekannten hoffen, die ihre Zeilen kommentieren, sondern dann und wann durch ihr Eingreifen auch kleine Alltagswunder und somit positive Veränderungen bewirken können.

Eine Familie, die sich ihre Wohnung nicht mehr leisten kann. Ein Straßenmusiker, der von einer Musikerkarriere träumt. Eine Drehbuchschreiberin, die endlich den großen Wurf landen möchte. All diese Einzelschicksale verbinden sich im Lauf des Romans zu einer runden Geschichte, zusammengehalten von dem älteren Herrn Jang, einem Apotheker im Ruhestand, der durch seine hilfsbereite Art zum Dreh- und Angelpunkt dieser Gemeinschaft wird, obwohl er eigene Probleme mit seinen geldgierigen Sohn hat.

Wer einen schönen, leichten Feel good-Roman sucht, der das Gefühl von Gemeinschaft, Zusammenhalt und Mitmenschlichkeit in diesen rauen Zeiten stimmig transportiert (inklusive der gemeinsamen Verfolgung eines Betrügers), ist mit „Das Tagebuch im Waschsalon der lächelnden Träume“ bestens bedient und sollte hier zugreifen.