Fiktiv ja, aber ebenso ein realer Rahmen
Kanak KidsDessi lebt in zwei Welten. In Neuperlach ist sie Dessislava, ein bulgarischer Kanak, wie sie sich selbst bezeichnet und gerne ist. Am St.-Anna-Gymnasium in der Münchner Innenstadt ist sie Daisy, ein angepasster, ...
Dessi lebt in zwei Welten. In Neuperlach ist sie Dessislava, ein bulgarischer Kanak, wie sie sich selbst bezeichnet und gerne ist. Am St.-Anna-Gymnasium in der Münchner Innenstadt ist sie Daisy, ein angepasster, Hochdeutsch sprechender Teenager.
Was Clark Kent seine Telefonzellen zur Verwandlung in Superman sind, ist Dessi ein alter Fotoautomat in der U-Bahn-Haltestelle Neuperlach Zentrum. Dort wechselt sie ihre Kleidung, setzt sich blaue Kontaktlinsen ein und eine blonde Perücke auf.
Eines Morgens wird sie bei ihrer Verwandlung unangenehm überrascht - ausgerechnet von dem serbischen Idioten, der nicht nur in ihrem Neuperlacher Freundeskreis andockt, sondern auch neuer Mitschüler in ihrer Klasse wird.
Nun, da Dessis beider Welten vermischt sind, schließt sie mit Bo einen Pakt, denn wie Dessi hat auch Bo Probleme in seinen beiden Welten, und die beiden helfen einander aus, werden dabei aber auch ziemlich gute Freunde.
Kanak Kids erzählt die Geschichte, wie sie wahrscheinlich Millionen Migrationskinder- und Jugendliche erlebt haben und immernoch tun. Eine Geschichte von Anpassung, Angleichung bis fast zur Selbstaufgabe, ein Drahtseilakt zwischen seinen kulturellen Wurzeln und der Erwartungshaltung einer überwiegend deutschen Umgebung. Offen gesagt, ich kann mir nur im Ansatz vorstellen, wie es ist sich derart zu verbiegen, wie es Dessi in dieser Story getan hat. Und gerade deshalb ist es so wichtig, diese Perspektiven wahrzunehmen, denn das ist ein Teil der Realität unserer Mitmenschen, mit dem wir privilegierten Wurzeldeutschen gar nicht in Kontakt kommen. Kanak Kids ist ein bereicherndes Jugendbuch, das ich auch als ältere Leserin super lesen konnte.