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Veröffentlicht am 20.02.2025

Ein Leben in der Platte

Achtzehnter Stock
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Wandas Leben hat sich ganz anders entwickelt, als sie es sich vorgestellt hatte. Anstatt ihrem Traum von der Schauspielerei zu folgen, lebt sie mit ihrer kleinen Tochter Karlie im achtzehnten Stock eines ...

Wandas Leben hat sich ganz anders entwickelt, als sie es sich vorgestellt hatte. Anstatt ihrem Traum von der Schauspielerei zu folgen, lebt sie mit ihrer kleinen Tochter Karlie im achtzehnten Stock eines Berliner Plattenbaus. Doch dann die einmalige Chance: Wanda soll in einer spannenden neuen Serie mitspielen, doch wie soll sie ihre Rolle als Mutter mit der Traumrolle ihres Lebens vereinbaren? Es beginnt ein schwieriger Spagat zwischen Kind und Karriere, den Wanda eigentlich nur verlieren kann – und dann ist da noch ihr äußerst sympathischer Co-Star.

„Achtzehnter Stock“ ist bereits der zweite Roman der Schweizer Autorin Sara Gmuer, die neben dem Schreiben bereits Karrieren als Model und Rapperin vorzuweisen hat. Erzählt wird die Handlung aus Wandas Sicht in der ersten Person und dem Präsens, was uns als Leser*innen unmittelbar als ihrem Leben teilnehmen lässt. Wir erleben ihre Frustration, ihre Angst, aber auch ihre Träume und Hoffnungen. Gmuers Stil ist dabei von ungeheurer Präzision, jedes Wort passt, keines ist zu viel und darüber hinaus sind ihre Worte voller Poesie.

Im Mittelpunkt des Romans steht Wandas innere Zerrissenheit zwischen ihren Pflichten als Mutter und dem Wunsch, als Schauspielerin erfolgreich zu sein. Ihr Leben findet fast vollständig in der Platte statt, wo sie mit Hilfe ihrer Nachbarinnen, allen voran „Aylins Mama“ ihren Alltag stemmt. Als sie Adam Ezra kennenlernt, einen bekannten Schauspieler, und mit ihm gemeinsam in der Serie „Psalm“ besetzt wird, bietet sich Wanda ein realer Ausweg aus ihrem alten Leben. Doch dann wird Karlie krank und ihre Träume drohen, wie Seifenblasen zu zerplatzen.

Es ist eine eindringliche, echte Geschichte, die Sara Gmuer in „Achtzehnter Stock“ erzählt. Die Platte ist für Wanda wie ein tonnenschweres Gewicht, das sie am Boden hält und am Fliegen hindert. Im Verlauf der Handlung muss sie jedoch feststellen, dass dieses Gewicht auch ein Anker sein kann und ihre Nachbarinnen ihr Leben stärker bereichern, als sie es für möglich gehalten hätte. Ein toller Roman von einer ungemein sympathischen Autorin.

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Veröffentlicht am 11.02.2025

Spannendes, aber auch ernstes Sachbuch

Fatale Flora. Von giftigen Pflanzen und gemeinen Menschen
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Der Garten von Alnwick Castle in Northumberland im Norden Englands ist ein ganz besonderer Ort. Dort existiert seit 2005 der „Poison Garden“, der über 100 Gift- und narkotische Pflanzen beherbergt und ...

Der Garten von Alnwick Castle in Northumberland im Norden Englands ist ein ganz besonderer Ort. Dort existiert seit 2005 der „Poison Garden“, der über 100 Gift- und narkotische Pflanzen beherbergt und nur im Rahmen einer Führung besucht werden darf. Das tat auch die Journalistin Noemi Harnickell und verfasste daraufhin ihr zweites Sachbuch „Fatale Flora“. In diesem widmet sie sich 12 verschiedenen Giftpflanzen, beschreibt sie und ihre Wirkung, berichtet aus der Forschung und erzählt von historischen Fällen. Darüber hinaus webt sie auch immer wieder Szenen aus der Führung durch Alnwick Garden ein.

Der Schweizer Arzt und Philosoph Paracelsus prägte im 16. Jahrhundert die Feststellung, dass es die Dosis sei, die ein Gift ausmache. Pflanzen ernähren uns, liefern uns Kleidung und heilen uns, sie können uns aber auch schaden. So wird beispielsweise der giftige Fingerhut zur Herstellung von Digitalis, einem Herzmedikament verwendet. Auch die Droge Heroin aus der Gruppe der Opiate diente zunächst als Schmerz- und Hustenmittel. Diese Zusammenhänge stellt die Autorin sehr übersichtlich und gut verständlich dar.

Obwohl „Fatale Flora“ eine kurzweilige und unterhaltsame Lektüre ist, spricht das Buch auch sehr ernste Themen an, worauf die Autorin auch in ihrem Vorwort hinweist. Gifte dienten historisch immer wieder als furchtbare Waffen, sei es Zyanid in den Händen der Nationalsozialisten oder des Sektenführers Jim Jones, Nowitschok, das in den Anschlägen auf Alexei Nawalny sowie Sergei und Yulia Skripal verwendet wurde oder Rizin, das in der Spitze eines Regenschirms Georgi Markow das Leben kostete. Auch bekannte Serienmörder, wie der Lambeth Poisoner Thomas Neill Cream oder der berüchtigte Dr. Crippen werden erwähnt. In einem separaten Kapitel widmet sich die Autorin auch der Frage, warum weibliche Serienmörderinnen, wie bspw. Mary Ann Cotton (tötete mehr Menschen als Jack the Ripper), lieber übersehen werden.

Die meisten Gifte in Noemi Harnickells Buch sind solche, die man erwarten würde: Tollkirsche, Stechapfel, Brechnuss, Engelstrompete – eines überrascht jedoch und eigentlich auch wieder nicht, der Tabak. Allein in Deutschland sterben jährlich 143.000 Menschen an den Folgen des Konsums. Alkohol, wie die Autorin im Nachwort erwähnt, ist ein noch stärker akzeptiertes Gift. Ein spannendes, unterhaltsames Sachbuch, das auch zum Nachdenken anregt.

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Veröffentlicht am 05.02.2025

Interessante Sozialstudie mit hart arbeitender Heldin

Frau Hempels Tochter. Roman
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Laura lebt mit ihren Eltern in einem Berliner Mietshaus. Ihr Vater ist Schuster, die Mutter Portiersfrau (= Hausmeisterin) des Gebäudes. Beide arbeiten hart, damit ihre Tochter aufsteigen und ein besseres ...

Laura lebt mit ihren Eltern in einem Berliner Mietshaus. Ihr Vater ist Schuster, die Mutter Portiersfrau (= Hausmeisterin) des Gebäudes. Beide arbeiten hart, damit ihre Tochter aufsteigen und ein besseres Leben führen kann. Vor allem Frau Hempel nimmt stets zusätzliche Aufgaben an und knüpft wichtige Kontakte, um Laura zu unterstützen. Als diese als Kindermädchen in den Haushalt eines Bankdirektors eintritt, beginnt sie von einem Leben in Wohlstand zu träumen. Doch dann fällt ihr im Fenster gegenüber ein junger Mann auf.

„Frau Hempels Tochter“ von Alice Berend erschien erstmals im Jahr 1913. Als jüdische Schriftstellerin geriet sie ab 1933 in den Fokus der Nationalsozialisten, ihre Werke wurden verboten und sie musste in die Schweiz und später nach Italien auswandern. Die Handlung wird von einem auktorialen Erzähler vermittelt, der uns einen Blick in die Köpfe der Figuren, aber auch auf das große Ganze werfen lässt. Im Mittelpunkt stehen Mutter und Tochter Hempel, was der Titel bereits ausdrückt. Laura ist zwar die Protagonistin, wird hier aber nur in ihrer Beziehung zu ihrer Mutter benannt.

Frau Hempel ist das, was wir heute eine „Macherin“ nennen würden. Sie arbeitet viel und spart eisern – die Zukunft ihrer Tochter hat für sie höchste Priorität. Als sie das verlockende Angebot erhält, eine Badeanstalt zu kaufen, greift sie zu und spannt Mann und Tochter mit in das neue Familienunternehmen ein. Laura hingegen gibt sich hauptsächlich ihren Träumen hin und folgt den Vorschlägen ihrer Mutter, ohne selbst nachzudenken. Als sie sich in einen verarmten Grafen verliebt, scheint die Beziehung keine Zukunft zu haben, denn beide Parteien wünschen sich gesellschaftlichen Aufstieg und benötigen somit eigentlich eine „gute Partie“.

Frau Hempel ist für mich die heimliche(?) Protagonistin und eine bemerkenswerte Frau, die genau versteht, wie Klasse funktioniert und wie man sich von ihren Fesseln befreit. Interessant ist hierbei, dass auch sie sich gelegentlich den Dünkel erlaubt, den sie an Höhergestellten unerträglich findet – eine spannende Sozialstudie mit einer hart arbeitenden Heldin.

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Veröffentlicht am 27.01.2025

Ein wichtiges, aber schwer zu ertragendes Buch

Und ich werde dich nie wieder Papa nennen
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Es ist der 1.11.2020 und, ohne dass sie es weiß, der letzte Tag in Caroline Darians altem Leben. Sie ist 42 Jahre alt, glücklich in ihrem Beruf und mit Ehemann Pierre und Sohn Tom – doch am nächsten Tag, ...

Es ist der 1.11.2020 und, ohne dass sie es weiß, der letzte Tag in Caroline Darians altem Leben. Sie ist 42 Jahre alt, glücklich in ihrem Beruf und mit Ehemann Pierre und Sohn Tom – doch am nächsten Tag, genau um 20.25 Uhr, erhält sie einen Anruf ihrer Mutter, Gisèle Pelicot. Ihr Vater Dominique wurde verhaftet, weil er ihre Mutter über etwa 10 Jahre hinweg betäubt, anderen Männern zum Missbrauch angeboten und die Taten ins Internet gestellt hat. Im Laufe der Ermittlungen soll sich herausstellen, dass auch sie auf Fotos ihres Vater zu sehen ist, ebenso wie ihre beiden Schwägerinnen.

„Und ich werde dich nie wieder Papa nennen“ wurde von Michaela Meßner und Grit Weirauch ins Deutsche übersetzt und enthält Caroline Darians tagebuchartige Aufzeichnungen vom 1.11.2020 bis zum 28.11.2021. Der Prozess gegen ihren Vater ist also nicht Bestandteil des Buches, wird aber im Vorwort kurz angesprochen. In der Ich-Form versucht die Autorin, das Geschehene zu verarbeiten; vor allem der Gedanke, Tochter des Opfers und des Täters gleichzeitig zu sein, beschäftigt sie. Immer wieder lässt sie in kursiver Schrift Erinnerungen an den Vater einfließen, gute und schlechte, und spricht ihn direkt an.

„Warum habe ich nichts von all dem geahnt?“, das fragen sich Caroline und ihre Familie, dabei gab es durchaus Anzeichen. Gisèle Pelicot hatte häufig Erinnerungslücken und gynäkologische Probleme. Der Vater geriet ständig in finanzielle Schwierigkeiten und das Ehepaar war bereits einmal geschieden, heiratete dann aber wieder. Gefasst wurde Dominique Pelicot nur, weil er drei Frauen unter den Rock fotografiert hatte und diese ihn anzeigten – eine mutige Tat, die seiner Ehefrau vermutlich das Leben rettete. Mutter und Tochter reagieren sehr unterschiedlich auf die Geschehnisse: Gisèle versucht, einzelne Dinge zu leugnen und bringt ihrem Peiniger sogar warme Kleidung ins Gefängnis; Caroline wütet und rechnet mit dem Verbrecher ab, der nicht länger ihr Vater ist. Dieser schreibt währenddessen Bittbriefe aus dem Gefängnis, inszeniert sich als Opfer und spricht von seiner Frau ironischerweise als der „Liebe meines Lebens“.

Dieses Buch ist nicht einfach zu lesen, aber es ist ein enorm wichtiges. „Die Schuld muss die Seite wechseln“, das sagt die Autorin in ihrem Text und aus diesem Grund wollte ihre Mutter auch, dass der Prozess in der Öffentlichkeit stattfindet. Caroline hat inzwischen einen Verein gegründet, um sich für die Opfer der so genannten „chemischen Unterwerfung“ einzusetzen – die in Deutschland übrigens keinen eigenen Straftatbestand darstellt!

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Veröffentlicht am 05.12.2024

Rasanter Krimi mit Tiefgang

Wir finden Mörder (Wir finden Mörder-Serie 1)
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Amy Wheeler arbeitet als Personenschützerin. Ihre aktuelle Kundin ist die berühmte Schriftstellerin Rosie D’Antonio, die es sich mit einer Darstellung in einem Roman mit einem russischen Oligarchen verscherzt ...

Amy Wheeler arbeitet als Personenschützerin. Ihre aktuelle Kundin ist die berühmte Schriftstellerin Rosie D’Antonio, die es sich mit einer Darstellung in einem Roman mit einem russischen Oligarchen verscherzt hat. Doch dann geschieht eine Reihe von Morden und Amy sollen diese Taten offensichtlich angehängt werden. Gemeinsam mit Rosie flieht sie von deren Privatinsel und macht sich auf die Suche nach dem wahren Schuldigen. Um Hilfe bittet sie schließlich Steve, ihren Schwiegervater. Der ist pensionierter Ermittler und betreibt eine kleine Detektei im Dörfchen Axley im New Forest. Um Amy zu helfen, müsste er seine Komfortzone verlassen – etwas, das er seit dem Tod seiner Frau nicht mehr getan hat.

Ich liebe Richard Osmans Reihe um den „Donnerstagmordclub“, also durfte auch „Wir finden Mörder“ nicht ungelesen bleiben; die deutsche Übersetzung stammt erneut von Sabine Roth. Die Handlung wird personal erzählt und wechselt zwischen den verschiedensten Charakteren hin und her. Hauptsächlich folgen wir dabei Amy oder Steve, aber auch die jeweiligen Mordopfer oder der anonyme Gegenspieler kommen zu Wort. So erleben wir die Geschichte von allen Seiten und sind immer mitten im Geschehen.

Wie auch schon in seiner ersten Reihe liegt Osmans Stärke vor allem in seinem Charakteren. Im Zentrum steht sicherlich Steve, der sich – aus Liebe für seine Schwiegertochter Amy – endlich wieder hinaus ins Leben wagt und die Ermittlungen mit seinem Charme und seinen unkonventionellen Methoden voranbringt. Seine Frau vermisst er noch immer schmerzlich, kann aber nach und nach wieder etwas Freude zulassen. Amy hingegen ist knallhart und auf ihre Arbeit fokussiert, ihren Mann Adam sieht sie nur selten. Mit ihrem Arbeitgeber Maximum Impact Solutions ist sie eigentlich zufrieden, aber will ihr vielleicht dort jemand etwas anhängen? Oder wer ist für die Jagd auf Amy verantwortlich?

„Wir finden Mörder“ ist ein rasanter, actionreicher Krimi, der jedoch auch tiefgründige Szenen aufweist. Die Figuren wachsen einem sofort ans Herz – zum Glück lässt der Schluss des Romans auf weitere Bände der Reihe hoffen.

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