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Veröffentlicht am 23.01.2025

"und sehn betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen"

Ginsterburg
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Ginsterburg ist eine kleine Stadt mit historischem Kern (n)irgendwo in Deutschland. Mosaikartig entfalten sich vor des Lesers Augen Lebensausschnitte unterschiedlicher Bewohner: des jungen Lollo mit seiner ...

Ginsterburg ist eine kleine Stadt mit historischem Kern (n)irgendwo in Deutschland. Mosaikartig entfalten sich vor des Lesers Augen Lebensausschnitte unterschiedlicher Bewohner: des jungen Lollo mit seiner Passion fürs Fliegen und seiner Mutter, sozialistisch ausgerichteter Buchhändlerin, des Journalisten und späteren Schritleiters Eugen nebst erkalteter Gattin und entflammter Tochter, den zarte Bande mit Merle verbinden. Und kameradschaftliche mit dem Blumengroßhändler und frisch ernanntem Keisleiter Otto Gürckel mit den Zwillingen Knut und Bruno, strammen Hitlerjungen, und ohne Ehefrau, die ihn wegen eines „Goldfasans“ in Berlin hat sitzen lassen. Sowie mit Clemens Jungheinrich, Papierfabrikant, zuerst für Bücher, dann für Granatenanzünder. Alle drei alte Frankreich-Überlebende aus dem ersten große Krieg. Und dann gibt es noch den Militärarzt Gustav Hansemann, dessen Einsatzgebiet sich aber zunehmen nach Osten verlagert. Daneben noch eine Figuren Nebenpersonal, Nachbarn, Freunde usw. Anhand von drei Stichproben aus der Zeit des 1000jährigen Reiches: Aufstieg 1935, Höhpunkt 1940 und Fall 1945 zeigt Arno Frank, wie es den Bewohnern ergeht: aus den Kindern werden Kriegshelden oder -opfer, aus den Politikern und Industriellen werden Profiteure und Kriegsgewinnler, denen aber private Tragödien nicht erspart bleiben, manch einer macht Karriere im Reich, andere verlieren ihre Existenz oder auch ihr Leben. Schon in der scheinbaren Idylle im Jahre 1935, als alles noch ganz harmlos schien und es so langsam wieder aufwärts ging mit dem von Ersten Weltkrieg gebeugten Deutschen Reiches, tauchen Vorahnung auf das bevorstehenden Grauen in einzelnen lakonischen Sätzen auf. Auch 1940 ist der Krieg wenig präsent in Ginsterburg. Er dringt eher in Form von Meldungen über Heldentaten an die Bewohner. Auch wenn der Held dann auch den Heldentod gestorben ist. Die Verbrechen, die den Aufstieg des Deutschen Reiches begleiten, werden mehr angedeutet als ausgeführt. Da verschwinden schon mal Familien oder eine mit einem Juden verheiratete Schwester muss aufgenommen werden. Hansemann, der Arzt, der so gerne Experimente durchführt, hat viel zu tun im Osten, was genau, bleibt ausgespart, aber denkbar. Ab und an schleicht sich ein leiser Zweifel ein bei dem ein oder anderen, wird aber nicht lauter. Und 1945 geht dann alles ganz schnell. Die einen feiern noch die letzten Orgien vor dem Fall und dann schreitet Gott mit lautem „Bumbumbum“ durch das Paradies Ginsterburg auf der Suche nach den sündigen Menschen, die sich versteckt haben, weil sie etwas Verbotenes getan haben. Auch Ginsterburg geht unter wie der Rest des Reiches. Und wie im Rest des Reiches sterben auch die Unschuldigen und die Opfer und überleben die Schuldigen und tauchen ab im allgemeinen Untergang, tauchen später in der Geschichte vielleicht wieder auf als ehrenwerte Namensgeber von Schulen oder bleiben spurlos verschwunden. Und deshalb ist der Krieg schlimmer als die Hölle, denn er trifft Sünder und Unschuldige gleichermaßen und ohne erkennbares Muster.
Arno Frank erzählt in gewohnt begeistertem Stil, der den Leser leicht durch Schweres und Tiefgehendes führt. Franks Figuren sind menschlich, keiner ist gut, schillernder Held, oder widerwärtig und böse, der reine Antagonist. Jeder hat eine eigenen Geschichte, macht Fehler, tut Gutes, erfährt Gutes und erleidet Schlimmes. Menschlich, allzu menschlich sind die Figuren. Und die Menschen sind eben gut und böse, die einen mehr, die anderen weniger. Gerade hinter dem Menschlichen verbirgt sich auf die Unmenschlichkeit, der Abgrund, der sich in Franks Erzählung zwischen den Zeilen manchmal auftut und in einzelnen Sätzen. Sein leises, feines Erzählen kommt ohne gewaltige Bilder, übermächtiges Grauen und große Gebärde aus. Dafür bleibt es lange im Kopf, lässt lange die Gedanken über das Gelesene nachdenken. Und doch nicht so ganz begreifen. In dem Figurenmosaik fällt es bisweilen schwer, den Faden der einzelnen Figuren zu verfolgen. Es ist dem Leser nicht vergönnt, bei einer zu verweilen, sich einzudenken und -zufühlen. Viele Fragen bleiben am Ende offen: Was wird aus Lollo und seiner Jugendliebe, Eugens Tochter? Was wird aus Kreisleiter Gürckel, was aus seiner mit der Haushälterin türmenden Frau? Was aus dem Arzt Hansemann, der kurz vor dem Untergang wieder in Ginsterburg auftacht? Welche Ginsterburger findet Gott mit seinem „Bumbumbum“ im Padadies? Wer kommt davon? Wofür steht der blaue Fuchs, der Uta Mohelsky am Ende den Weg „nach Hause“ zeigt? Welche Funktion hat der Wanderzirkus mit der Weissagerin Zola Vovoni, die in Anbetracht, was sie in der Zukunft der Ginsterburger sieht, verrückt wird? Sind diese Fragen überhaupt wichtig?
Vielleicht nicht, aber offene Fragen am Ende sind oft schwer auszuhalten.
Am Modell, quasi en miniature, zeigt Frank ein beeindruckendes Bild des Gesamtdeutschen Reichs in seinen drei Etappen, des 1000jährigen Reichs, das innerhalb von 12 Jahren Aufstieg, Höhepunkt und Untergang hingelegt hat und dabei ganz unterschiedliche Gesichter seiner Bewohner zum Vorschein gebracht hat. Es geht mehr um das Schildern und das Beobachten von Entwicklungen, von Schicksal, Fügung, Glück und Unglück, von Plänen und Zufällen, weniger um das Bewerten und Urteilen von Gut und Böse. Am Ende nach gefallenem Vorhang sieht sich der Leser mit vielen offenen Fragen, ohne tragischen Helden und ohne Moral von der Geschicht.

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Veröffentlicht am 04.01.2025

Düster und wenig fortschrittlich

Triebwasser
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„Triebwasser“ – so der Name des Romans von Sandra Altmann – ist das Wasser, das in einem Elektrizitätswerk das Wasser zur Stromgewinnung antreibt, vereinfacht erklärt. Um den Bau eines solchen geht es ...

„Triebwasser“ – so der Name des Romans von Sandra Altmann – ist das Wasser, das in einem Elektrizitätswerk das Wasser zur Stromgewinnung antreibt, vereinfacht erklärt. Um den Bau eines solchen geht es in dem Roman. Dieser sorgt unter den Einwohnern des kleinen Dörfchens am Wallersee für Konflikte. Da sind die, die am Fortschritt teil- und Nutzen von ihm haben wollen. Und da sind die anderen, die darin eine Gefährdung ihres Bestandes sehen. Allerdings geht es beiden Seiten weniger um den Nutzen, den der Fortschritt im Allgemeinen für die Gemeinschaft haben könnte, oder dessen Schaden. In der Regel geht es um persönliche Belange, um Gewinnsucht, Existenzangst, durchmischt von Aberglauben, der auch zur Erhaltung des Status quo und zur Erziehung eingesetzt wird. Schon die Kinder lassen sich in ihren Handlungen vom Aberglauben leiten, beschwören Naturgötter zur Heilung der kranken Mutter, sehen in Naturgewalten das Wirken von Naturgeistern. In der Regel zur Strafe für vermeintliche Sünden. Schon dadurch entsteht ein lastender Druck auf der Gemeinschaft. Liebe und Eifersucht, Neid und Missgunst, Trunksucht und Grobheit tun ihr übriges die Dynamiken im Dorf aufs äußerte zu spannen, bis sich in einem unerwarteten Ende die Spannung auf tragisch-komische Weise entläd. Jeweils abwechselnd wird die Handlung in einem Kapitel pro Monat entfaltet und dann in Anlehnung daraus eine der Figuren aus dem Dorf: sieben Männer, drei Frauen und sechs Kinder aus drei Familien vorgestellt, indem die Autorin sie aus ihrer eigenen Perspektive heraus erzählen lässt. So ergibt sich ein interessanter multiperspektivischer Blick auf die Geschehnisse. Dabei verleiht sie jeder Figur eine authentische Sprache, mit Hilfe der diese ungeschönt ihre Gedanken verrät. Dabei geht es häufig derb und lieblos zu, was schon eine gewisse abschreckende Wirkung auf den Leser hat. Die Kinder wirken häufig dumm, zänkisch oder auch vom Aberglauben hysterisch. Die Frauen sind verhärmt vom Schicksal, häufig gefühlskalt oder gar bösartig. Die Männer, die gerne über den Durst trinken, sind grob, lieblos, triebgesteuert oder auch von hinterlistiger Schläue. Es gibt kaum eine Figur, die den Leser zur Identifikation einläd. Man kann sich schon vorstellen, dass ein hartes, der Natur abgerungenes Lebens als Fischer oder Holzbauer Menschen so werden lässt, aber eigentlich möchte man sich das so gar nicht so gerne vorstellen. Dass es der Fortschritt schwer hat bei solchen Menschen, ist offensichtlich. Auch der Lehrer, der sich immer mehr der Dorfgemeinschaft assimiliert, vermag kaum, einen rationaleren oder humaneren Standpunkt zu vermitteln. Die Geschichte verliert sich immer mehr in der Atmosphäre eines düsteren Heimatromans à la Andrea Maria Schenkel oder Franz Xaver Krötz und verliert den Anbruch einer neuen Zeit zunehmend aus den Augen.
Eine nicht unspannende, düstere, allerdings wenig erbauliche Lektüre!

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Veröffentlicht am 10.12.2024

Für Geschichtsliebhaber

Die Lungenschwimmprobe
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Tore Renberg hat jahrelang akribisch den wahren Fall der Anna Voigt, die des Kindsmordes beschuldigt wurde, recherchiert und zu rekonstruieren versucht. Diese intensive Auseinandersetzung hat Eingang gefunden ...

Tore Renberg hat jahrelang akribisch den wahren Fall der Anna Voigt, die des Kindsmordes beschuldigt wurde, recherchiert und zu rekonstruieren versucht. Diese intensive Auseinandersetzung hat Eingang gefunden in seinen Roman „Die Lungenschwimmprobe“, der damit zugleich dem Beginn der Rechtsmedizin ein Denkmal setzt. Die eher unbekannte Methode der „Lungenschwimmprobe“ wird eingesetzt, um ermitteln zu können, ob ein Kind bei der Geburt noch lebte oder bereits tot war.
Dass derartige Beweise Zulassung vor Gericht in der Mitte des 17. Jahrhunderts fanden, ist eine der Neuheit, die der Roman schildert, und in der sich der Zusammenprall vom Glaube und Aufklärung und der Beginn einer neuen Zeit manifestieren. Von daher ist eine Stimme aus dem Chor der damaligen Zeit, die in diesem Roman Gehör finden, die des Arztes Schreyer. Daneben geht es um den Anwalt Thomasius, der sich als Wegbereiter der Aufklärung gegen Hexenprozesse und Folter ins Feld zog und sich hier des Falls der Anna Voigt annahm. Unter anderem auch, weil Annas Vater ein reicher und einflussreicher Mann war, der nicht nur die Ehre seiner Tochter und damit seine verteidigen wollte, sondern auch gegen seinen persönlichen Widersacher ins Feld zieht. Mit den Stimmen der Aufklärung konkurrieren die, die am Althergebrachten, an der Tradition, den unerschütterlichen Grundpfeilern des Glaubens festhalten wollen, wie die Köchin aus dem Haushalt von Voigt, die für das dumm gehaltene, abergläubische Volk steht, sowie der Ankläger, der
Gesetz auch mit zweifelhaften Methoden „zum Recht“ verhelfen will. So entspannt sich ein spannender Konflikt zwischen Alt und Neu, Tradition und Fortschritt, Glaube und Vernunft, Kirche und Aufklärung. Dass es das Neue und Fortschrittliche in einer engen, mit starren Griff der Kirche gehaltenen Zeit, wo Unwissenheit und Aberglaube gern genutzte Mitteln der Manifestation der eigenen Macht darstellten, nicht leicht hatten, machen die Person des Arztes und des Anwalts deutlich, die bereit sind, für ihre Ideale auch die drohenden Konsequenzen in Kauf zu nehmen. Dabei geht es allerdings mehr um die Idee als um den konkreten Fall oder die konkrete Person der Anna Voigt, die bisweilen etwas in Vergessenheit gerät, und nicht nur Opfer von Verleumdung und Doppelmoral ihrer Zeit wird, sondern auch Opfer im Kampf von Überzeugungen. Es geht hier weniger um die Einfühlung in ihre Sicht der Dinge als stimmlose Frau, die den Männern, dem Aberglauben und den Moralvorstellungen der Zeit unterlegen ist.
Dem Autor geht es um die großen Ideen und den Fülle an Informationen, die er über diese Zeit zusammengestellt hat und der er sowohl bis in die äußeren Gestaltung des Covers und den Schreibstil beeindruckend Rechnung trägt. Allerdings muss der Leser der Leidenschaft für das historische Detail bisweilen über die 700 Seiten mit ein wenig Beharrlichkeit und Ausdauer folgen. Die Menschen sind zu sehr Träger von Überzeugungen, als lebendige Figuren, die den Leser packen und das Geschehen lebendiger machen könnten.
Sicherlich eine großartige literarische und historische Leistung für ein versiertes Publikum!

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Veröffentlicht am 27.10.2024

Skandale in einer skandalträchtigen Zeit

Die Könige von Babelsberg
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Kommissar Beneken ermittelt in dem Todesfall Lisa Rosenthal, der Ehefrau des Filmregisseurs Fritz Lang. Selbstmord? Unfall? Oder Mord aus Eifersucht? Immerhin hatte Lang ein offenes Verhältnis mit seiner ...

Kommissar Beneken ermittelt in dem Todesfall Lisa Rosenthal, der Ehefrau des Filmregisseurs Fritz Lang. Selbstmord? Unfall? Oder Mord aus Eifersucht? Immerhin hatte Lang ein offenes Verhältnis mit seiner Regisseurin und Drehbuchautorin Thea von Harbou. In welchem Verhältnis stand sie zu der Ehefrau? Wie kam es zu dem Tod durch einen Pistolenschuss im heimischen Ehebett von Rosenthal und Lang? Weitere Ungereimtheiten am Tatort und im pathologischen Befund setzen Kommissar Beneken auf die Spur eines Verbrechens. Allerdings haben höhere Kreise ein Interesse daran, den Fall unter den Teppich zu kehren.
Der Autor des Romans „Die Könige von Babelsberg“, Ralf Günther, verknüpft darin zwei Erzählstränge. Zum einen geht es um die Beziehungsverhältnisse des skandalträchtigen Filmemachers Fritz Lang in einer Zeit, in der die Gesellschaft nach Verlust der alten politischen Ordnung und des Wertesystems als Konsequenz der Niederlage im 1. Weltkrieg sich neu zu erfinden suchte, sich ausprobierte, dabei durchaus auch ins Taumeln geriet und vor allem eins wollte: die Schrecken des Krieges und die Not seiner Folgen für ein bischen Vergnügen zu vergessen. Auf der anderen Seite geht es um die Entwicklung des Helden, der Langs Gegenspieler sein müsste, es dann aber doch nicht ist. Der Kriminalbeamte Beneken, der der Mutter den gefallenen Mann und älteren Sohn ersetzen muss, der als Beamter den Ruf eines hartnäckigen Ermittlers mit klaren Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit genießt, muss sich zunehmend die Frage stellen, welche Art Mann er ist. Er will der Mutter ein guter Sohn sein und ihre Vorstellungen von Familie erfüllen. Er fühlt sich auch von Frauen angezogen, aber anders als ein Mann. Eher als eine Frau. Am Ende eines jeden Ermittlungstages steigt er – oder sollte man zunehmend eher sagen: sie – hinab in das Babylon Berlin der 20er Jahre. Die Metamorphose vom Mann zur Travestiekünstlerin Marlene vollzieht sich schrittweise. Aber dann doch in großen Schritten oder Sprüngen. Damit muss der nicht allzu umfangreiche Band dem ehrgeizige Unterfangen diesen zwei komplexen Erzählsträngen gerecht zu werden, Rechnung tragen. Zugegebenermaßen passen beide Stränge gut zusammen. Es scheint, dass Benekens persönliche Wandlung ihn in besonderem Maße befähigt, Verständnis für die Konstellation Lang, Rosenthal, von Harbou zu entwickeln, die sich ebenso außerhalb jeglicher gesellschaftlichen Konventionen. Gleichzeitig macht sie ihn in den delikaten Ermittlungen erpressbar, was der Auflösung des Falls dann wiederum hinderlich ist.
Der Roman, der auf den ersten Blick ein Krimi zu sein scheint, entwickelt sich im Verlauf weg von dem Bestreben, einen Fall zu lösen, dem Guten zum Recht und dem Bösen zur Strafe zu verhelfen. Er zeigt die Mehrdimensionalität auf, die nicht nur eine Gesellschaft, sondern auch jeden einzelnen durchzieht. So wird hier nicht über Gut und Schlecht geurteilt, sondern in der Figur des Beneken für Verständnis für die Andersartigkeit geworben, wobei durch die große – am Ende auch schwer erträglichen – Offenheit sich dem Leser der Raum zu vielen Fragen eröffnet, der ihn zugleich in die Verantwortung eines eigenen Urteils nimmt. Ein Roman, der bisweilen (mich) etwas befremdet und über den man noch lange nachdenken kann. Was ja in einer Zeit, in der viel ge- und abgeurteilt und angefeindet und mundtot gemacht wird, nicht das Schlechteste ist.

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Veröffentlicht am 23.10.2024

Der Weg in die Hölle

So gehn wir denn hinab
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Keine leichte Lektüre ist der Roman „So gehn wir denn hinab“ von Jesmin Ward über das in Sklaverei geboren Mädchen Annis. Mit dem Titel zitiert die Autorin Dantes „Inferno“ und beschreibt den Weg der ...

Keine leichte Lektüre ist der Roman „So gehn wir denn hinab“ von Jesmin Ward über das in Sklaverei geboren Mädchen Annis. Mit dem Titel zitiert die Autorin Dantes „Inferno“ und beschreibt den Weg der jungen Annis, die, nachdem schon ihre Mutter verkauft worden war, von Sklavenhändler aus dem Norden nach New Orleans deportiert wird. Und nicht nur der Weg dorthin ist die Hölle. Annis muss sich gegen die Willkür ihrer Herren und der Aufseher verteidigen. Ihre Mutter hat sie für den Kampf dagegen gut gerüstet, stammt sie doch selber von einer Kriegerin ab, die einst als Strafe für ihre Liebe mit dem Schiff nach Amerika verschleppt und in die Sklaverei gezwungen wurde. Eine andere Verbündete in Annis Kampf um Leben und Freiheit ist die beseelte Natur. Schon auf dem Weg nach Süden begleitet sie eine Frauengestalt, die für das Element des Wassers, für das Wetter, den Nebel, den Wind und den Regen steht. Sie scheint sie zu beschützen. Auf ihrem Weg lernt sie dann noch die Elemente der Erde, „Die, die geben und nehmen“, und des Feuers, „Die, die erinnert“ kennen. Doch auch diese alle geben nichts umsonst, sondern fordern Opfergabe und Anbetung. Wie kann es möglich sein, mit ihrer Hilfe einen Weg in die Freiheit und Selbstbestimmung zu finden?
Das Buch zu lesen, ist anstrengend. Das liegt auch an der Schwere der Thematik und der Intensität der Darstellung. Auch wenn es Hoffnungsschimmer gibt und die Stärke der Heldin beeindruckend ist, enthält es so viel Leid und Qual, soviel Grausamkeit und Gewalt, dass man sich nach der Lektüre regelrecht abgekämpft fühlt, obwohl man ja nur der stumme Beobachter in seinem bequemen Lesesessel ist. Was das Lesen auch anstrengend macht, sind die bildlichen Darstellungen. Gleichwohl voller Poesie und Schönheit widersetzen sie sich doch einem westlichen Deutungskonzept. Auch wenn die Autorin mit Dante dem christlichen Weltbild von Himmel und Hölle einen zweiten Deutungsrahmen gibt, ist das Buch doch sehr stark indigener Naturreligion verbunden. Die Natur ist beseelt. Der Mensch kann ihr huldigen, sie anbeten, ihr Opfer bringen, versuchen, sie gnädig zu stimmen und seine Hoffnung auf ihren Schutz zum Ausdruck bringen. Doch bleibt sie ein Stück willkürlich, folgt ihren eigenen Interessen, gibt sich divenhaft, will Verehrung, aber keine Verbindlichkeit. Mit ihrer allzu menschlichen Natur erinnert sie dabei schon wieder eher an die antiken Götter, die streiten, lieben, hassen, helfen und verdammen.
Insgesamt zeichnet der Roman das Buch eines Mädchens, das durch die beeindruckende Liebe ihrer Mutter und Großmutter – die Zärtlichkeit unter Frauen ist ebenso ein großes Thema, während Männer eher als grob fordernd und unterwerfend dargestellt werden, mit Ausnahme der Besitzerin, der Annis zum Schluss gehört – zu einer bewundernswert starken Frau heranwächst. Die Gräuel der menschenverachtenden Sklaverei werden bedrückend nachvollziehbar vor Augen gestellt. Hoffnung gibt, dass es Bereiche gibt, die diese nicht entwerten kann: die Liebe, den familiären Zusammenhalt, die Spiritualität eines freien Geistes und die Sehnsucht nach Selbstbestimmung. Das Ende gleicht eher einer Utopie als einer realen Chance. Ausgestoßen aus der menschlichen Gemeinschaft (der Weißen) qua Geburt ist ein Leben in Koexistenz nicht möglich.
Die Naturvisionen sind schon beeindruckend, bisweilen aber auch sehr ausgedehnt. Der Stil ist für meinen Geschmack stellenweise emotional zu überladen und zu sehr metaphorisch überhöht. Es ist sicherlich eine nachhaltige Leseerfahrung, die aber auch Mühe macht.

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