Am Ende zählt der Mensch
Das Lied der RoseJulia Kröhn entwirft in „Das Lied der Rose“ ein eindringliches Bild des Mittelalters, das nicht nur in seiner historischen Detailfülle überzeugt, sondern auch mit einer Vielzahl an Perspektiven aufwartet. ...
Julia Kröhn entwirft in „Das Lied der Rose“ ein eindringliches Bild des Mittelalters, das nicht nur in seiner historischen Detailfülle überzeugt, sondern auch mit einer Vielzahl an Perspektiven aufwartet. Sie kann beeindruckend authentisch die Schilderungen von Alltagsleben, höfischer Kultur und den Wirren von Kreuzzügen und Machtkämpfen deutlich machen. Die dichte Atmosphäre, die aus sorgfältiger Recherche und empathischer Figurenzeichnung entsteht, macht es leicht, in diese Welt einzutauchen und sich von der Musik, den Gerüchen, dem Elend und der Hoffnung jener Zeit mitreißen zu lassen. Besonders der Fokus auf die Rolle der Musik als verbindende Kraft zwischen den Kulturen innovativ und berührend. Die Hauptfiguren – der junge Novize Marian, die maurische Sängerin Sahar und eine vielschichtige Nebenfigurenpalette – spiegeln individuelle wie gesellschaftliche Konflikte wider und lassen den Roman vielstimmig erklingen.
Gerade diese Vielstimmigkeit ist Bereicherung und Herausforderung zugleich. Die ambitionierte Anlage des Romans will nicht nur eine Liebesgeschichte erzählen, sondern gleichermaßen religiöse, politische und kulturelle Fragen, das Ringen um Toleranz, Identität und Emanzipation im Spiegel der Epoche sichtbar machen. Kröhn gelingt es zwar, große Themen wie Fanatismus, religiöse Intoleranz und Humanismus in packende Einzelhandlungen einzubetten, doch geraten dabei viele Handlungsstränge in Konkurrenz zueinander. So entsteht ein faszinierendes, aber stellenweise zu überbordendes Panorama, in dem einige Themen und Figuren kaum die Tiefe bekommen, die sie verdient hätten. Die Fülle an Schauplätzen, Protagonisten und Konflikten kann den Lesefluss bremsen und droht, den Kern der Geschichte zu verwässern.
Nichtsdestotrotz verbindet der Roman viele wichtige Perspektiven und setzt engagiert ein Plädoyer für Musik, Liebe und Menschlichkeit in dunklen Zeiten. Wer Lust auf einen weit gespannten, atmosphärischen Mittelalterroman mit einer Prise Humanismus hat, wird hier fündig, muss aber eine gewisse Geduld für die Verschachtelung der Erzählstränge mitbringen.