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Veröffentlicht am 25.12.2024

Black Mirror in Buchform

Friday Black
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Ana Kwame Adjei-Brenyah nimmt in seiner Kurzgeschichtensammlung nicht nur das Leben als Schwarze Person sondern auch die Konsumgesellschaft aufs Korn. Wobei das nicht bedeuten soll, dass die Geschichten ...

Ana Kwame Adjei-Brenyah nimmt in seiner Kurzgeschichtensammlung nicht nur das Leben als Schwarze Person sondern auch die Konsumgesellschaft aufs Korn. Wobei das nicht bedeuten soll, dass die Geschichten rein satirisch angelegt sind, sondern eben auch im wörtlichen Sinne, viele Waffen, Gewalt und Brutalität im Spiel ist, sodass tatsächlich hier viel "aufs Korn" genommen wird.

Die inhaltliche Qualität der Geschichten schwankt für mich stark. So finde ich die eher dystopisch angehauchten Erzählungen fast durchgängig großartig, die eher fantastisch angehauchten mitunter ziellos und überflüssig. Zu meinen Favoriten gehört z.B. die Geschichte über eine Art Freizeitpark, in dem Weiße die Möglichkeit haben, das Verteidigen ihrer Familie/ihres Hauses/Nachbarschaft vor einem "auffälligen, schwarzen Jugendlichen" zu simulieren und damit die Macht bekommen, ungestraft dem "Gerechtigkeitswunsch" nachkommen zu können, vorgegriffener Selbstjustiz nachzukommen. Durch eine Änderung in den Regularien des Parks gibt es einen massiven Plottwist. Großartig! In der ersten Geschichte wird man direkt von der Brutalität, die nie ohne Sinn und Verstand in den Geschichten auftaucht, geschockt. Ein Weißer Mann wird unbestraft freigesprochen, obwohl er fünf Schwarze Kinder vor einer Bibliothek mit einer Kettensäge zerstückelte. Alles als reine Selbstverteidigung. Gleichzeitig wird dieser Freispruch lebensverändernd für einen jungen Schwarzen sein. Auch die titelgebende Geschichte, in der zombiehaft Menschenhorden in einem Einkaufszentrum zum Black Friday-Schlussverkauf einfallen wird überspitzt aber hochpointiert dargestellt. Für diese Geschichten hat der Autor höchsten Respekt verdient.

Leider habe ich die deutsche Übersetzung der Geschichten gelesen und schnell wird klar, dass diese nicht nur unter ihren Möglichkeiten bleibt, sondern auch von jemandem verfasst worden scheint, der keine Verbindung zum Vokabular der Generation Adjei-Brenyahs hat. Bei von ihm (Thomas Gunkel) übersetzten Autoren wie Paul Auster ist der 1956 Geborene sicherlich gut aufgehoben. Ein kleines aber bezeichnendes Besipiel, warum der Übersetzer hier jedoch fehl am Platz ist, zeigt dieser eine beispielhafte Satz: "Wir waren das Entladeteam, so was wie die Gerechtigkeitsliga oder die Avengers. Die Spezialisten." Das geht einfach gar nicht. Und so liest sich leider das gesamte Buch. Häufig hat man eine Ahnung, welches originale englische Wort jeweils übersetzt wurde und kann sich dadurch vorstellen, dass die Geschichten des Autors im englischen Original wahrscheinlich viel mehr hergeben, als in dieser deutschen Übersetzung. Wer also die Möglichkeit hat, sollte definitiv auf das Original zurückgreifen!

Insgesamt hat dieser junge Autor ein unglaubliches Potential, welches hier für mich nicht in jeder aber doch in einigen Geschichten durch die mangelhafte Übersetzung durchstrahlt. Ich bin gespannt auf zukünftige Werke des Autors.

Veröffentlicht am 24.12.2024

Auf dem Weg in einen psychotischen Nervenzusammenbruch

Traum von China
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Der chinesische Dissident Ma Jian entwickelt in seinem Roman "Traum von China" eine sich steigernde, fiebertraumartige Erzählung über einen hohen Beamten im aktuellen China, der nach und nach den Verstand ...

Der chinesische Dissident Ma Jian entwickelt in seinem Roman "Traum von China" eine sich steigernde, fiebertraumartige Erzählung über einen hohen Beamten im aktuellen China, der nach und nach den Verstand verliert. Ma Daode ist in der Provinz Leiter des Traum-von-China-Amts. Ein Amt, welches die Vorstellungen des amtierenden Staatoberhaupts Xi Jinping für ein zukünftig gloreiches China umzusetzen versucht. Dabei werden Postings im Internet kontrolliert und zensiert, Dörfer dem Erdboden gleichgemacht, um riesige Industriestädte aufzubauen und am liebsten gleich noch die Erinnerung an frühere Zeiten ausgelöscht. Wir erinnern uns: Das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 wird heutzutage aus den Suchmaschinenergebnissen Chinas entfernt bzw. kommt gar nicht erst zur Erwähnung.

Ma Jian stellt in seiner Parabel den "typischen" (korrupt, rumvögelnd, linientreu) Beamten Chinas dar und treibt dessen Verhalten im Roman auf die Spitze. Entgegen hält er dramatische Erinnerungen des Protagonisten aus der Zeit Maos Kulturrevolution, während derer Ma Daode als Jugendlicher gekämpft und gemordet hat. Durchsetzt ist das Ganze von anzüglichen Massenger-Nachrichten der Geliebten von Ma Daode. Alles läuft auf einen psychotischen Zusammenbruch des Einzelnen in einem schizophrenen System hinaus. Klingt in der Kürze recht interessant. Ist aber über 180 Seiten schon ermüdend. Die Parallelen und Anspielungen sind schon nach der Hälfte klar. Literarisch konnte mich das Buch nicht mitreißen, obwohl die Grundidee dieser Gegenüberstellung von persönlichem Schicksal und dem staatlichen Kurs durchaus sehr kreativ ist. Am besten hat mir jedoch das Vorwort des Autors gefallen. Dieses gibt sehr gute Einblicke in das heutige China und lässt die europäische Leserin den folgenden Plot besser einordnen.

Letztendlich hätte ich aber wohl lieber einen ausführlichen Essay von Ma Jian zum Thema gelesen, als diesen Fiebertraum von einem Roman.

Veröffentlicht am 24.12.2024

Große Variablilität, nicht ganz so große Wirkung.

Grand Union
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In ihrer - erstaunlicherweise - ersten Erzählungssammlung packt Zadie Smith gleich 19 Erzählungen, wie sie unterschiedlicher mitunter kaum sein könnten, auf nur 272 Seiten. Sowohl stilistisch als auch ...

In ihrer - erstaunlicherweise - ersten Erzählungssammlung packt Zadie Smith gleich 19 Erzählungen, wie sie unterschiedlicher mitunter kaum sein könnten, auf nur 272 Seiten. Sowohl stilistisch als auch inhaltlich unkonventionelle, aber eben für mich auch qualitativ sehr variable Geschichten.

Da wird mit knallharten Variationen feministischer Sexualität gespielt, ebenso wie mit der Rache am männlichen Geschlecht durch den Verzehr von Chicken Wings, da lässt sich die britische Pauschalurlauber-Familie im "Fluss der Faulheit" treiben, eine transsexuelle Person benötigt ein neues Kleidungsstück und gerät selbst in die Falle der Vorurteile oder Michael Jackson, Marlon Brando und Elisabeth Taylor werden gerade am 11. September 2001 zusammen auf einen Roadtrip durch New York geschickt. Hier geht es definitiv wild zu. Besonders die erste Hälfte des Buches konnte mich mit den oben angerissenen Geschichten eher überzeugen als die zweite Hälfte. Zu pointenlos sind mir manchmal die dialoglastigen Erzählungen. Mitunter fraglich, was die Autorin damit überhaupt aussagen möchte, oder ob es sich um einen globalen Kommentar zur globalen Situation mit Problemen des Rassismus, Sexismus, der Elternschaft usw. in Zeiten des Brexit und unter Trump handelt. Eindeutig herauszulesen sind immer wieder die beiden Haupthandlungsorte: New York und London. Wichtige Meilensteine in Sadie Smiths eigenem Leben.

Einige Sätze sind gewohnt prägnant, tief- und hintergründig, treffen genau uns Ziel und lassen die Leser*innen ihre eigene Gedanken- und Erlebniswelt hinterfragen. So werden Milieustudien aufgemacht durch Sätze wie: "Ja, meine Schule hat einen englischen Nationalspieler und zweieinhalb Popstars hervorgebracht und Darryls Schule diesen grinsenden Irren, der gerade im Irak jemanden enthauptet hat." Oder eine massive politische wie auch ökologische Schieflage konstatiert durch die Wahrnehmung der britischen Pauschaltouristen in Spanien, die die afrikanischen Flüchtlinge Tomaten aus Plastikgewächshäusern ernten sehen und sich von ihren Frauen die Haare am Strand flechten lassen: "...die Frauen machen sich an die Arbeit. Ihre Männer sind in den Folientunnels. Die Tomaten liegen im Supermarkt. Der Mond hängt am Himmel. Die Briten verlassen Europa. Wir sind kurz mal 'entwischt'." Das letzte Zitat stammt aus der Geschichte "Der Fluss der Faulheit", welchen ich nicht nur literarisch sehr stark sondern sogar in seiner Kürze vergleichbar mit David Foster Wallace' grandiosem "Schrecklich amüsant - Aber in Zukunft ohne mich" finde.

Insgesamt handelt es sich meines Erachtens bei diesem Erzählungsband um eine sehr durchwachsene Mischung, die durchaus gelungen und abwechslungsreich sein kann, mich jedoch nicht restlos überzeugen konnte.

Veröffentlicht am 24.12.2024

Der Blick ins Gehirn - ein Blick in die Seele?

Ein erhabenes Königreich
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Gifty kann Mäusen beim Denken zuschauen und möchte ihr Entscheidungsverhalten und Belohnungsstreben beeinflussen. Sie ist Neurowissenschaftlerin und versucht in Tierexperimenten eine Lösung für das uralte ...

Gifty kann Mäusen beim Denken zuschauen und möchte ihr Entscheidungsverhalten und Belohnungsstreben beeinflussen. Sie ist Neurowissenschaftlerin und versucht in Tierexperimenten eine Lösung für das uralte Menschheitsproblem der Sucht zu finden. Obwohl sie etwas anderes behauptet, ist der Grund für ihr Engagement schnell ausgemacht: Der eigene große Bruder ist erst oxycodon- später heroinabhängig gewesen und daran gestorben. Die eigene Mutter ist über alldem depressiv geworden, wehrt sich gegen eine medizinische Behandlung und hält sich lieber an ihre Religion und Kirche im tiefgläubigen Alabama.

Nach und nach erfahren wir als Leser mehr über Giftys Familie und deren Vergangenheit, die Einreise der Eltern aus Ghana und das Hadern der Protagonistin mit ihrem eigenen Glauben. Dabei formuliert die Autorin immer wieder mitunter großartige Gedankengänge, legt Lebenswege und Entscheidungen offen durch eine psychologische Feinfühligkeit. Leider verharrt die Autorin meines Erachtens häufig nicht lang genug an einer Stelle, hält den Finger nicht ausführlich genug in eine Wunde. Geht es eben noch um die äußerst authentisch geschilderte Abhängigkeitsgeschichte des Bruders, springt sie im nächsten Absatz in eine andere Zeit, zu einem anderen Thema. Zur Ehe der Eltern, zur Depression der Mutter oder zu ihren eigenen Liebesbeziehungen. Natürlich, all diese Themen hängen dicht verwoben miteinander zusammen. Und trotzdem verliert dadurch das eben noch herausragend Sezierte seinen Nachdruck. Letztendlich fragt man sich, was eigentlich der Kern dieser Geschichte sein soll. Was die Message des Romans. Die Hauptperson Gifty bleibt als Charakter häufig zu flach. Wir erfahren so viel über sie und ihr Leben, bleiben ihr aber doch so fern.

Selten habe ich auch bei einem durchaus sehr gut recherchierten, ambitionierten Roman ein so liebloses Ende erlebt. Die Lesenden werden mit ein paar Seiten "Was danach geschah" abgefertigt, die Themen des Romans wie heiße Kartoffeln fallen gelassen. Sehr schade, da sich dieser Roman durchaus noch zu einem sehr guten hätte mausern können.

Letztendlich habe ich hier stark zwischen einem "gut" und "sehr gut" geschwankt, da die Autorin wichtige Themen aufwirft und die Lektüre durchaus lohnenswert ist. Leider aber literarisch nur Mittelmaß. 3,5 Sterne von mir für diesen zweiten Roman der Autorin. Ich werde sie weiter beobachten und bin nicht abgeneigt, weitere Romane von ihr zu lesen. Sie ist sicherlich eine wichtige ghanaisch-us-amerikanische Literaturstimme, die sich hier jedoch zu wenig fokussieren konnte.

Veröffentlicht am 24.12.2024

Durchaus informativ und kurzweilig

Stupid ways to die
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Der Untertitel des Buches „Stupid Ways to Die“ ist irreführend: „Mit drei einfachen Schritten länger leben“, denn es geht gar nicht unbedingt um simple drei Verhaltensänderungen, die ein längeres Leben ...

Der Untertitel des Buches „Stupid Ways to Die“ ist irreführend: „Mit drei einfachen Schritten länger leben“, denn es geht gar nicht unbedingt um simple drei Verhaltensänderungen, die ein längeres Leben versprechen, sondern vielmehr um drei Themenkomplexe, die ebenso komplex die Gesundheit eines Menschen verbessern bzw. verschlechtern können. Bei diesen handelt es sich um den übermäßigen Konsum von Zucker, die Belastung des Körpers durch Aluminium aufgenommen in Nahrung und Kosmetika sowie die wohltuende Wirkung von einfachem (Leitungs-)Wasser.

In allen drei Bereichen bekommen die Leser*innen nicht nur theoretischen Hintergrund sondern auch Tipps zum gesünderen Umgang mit ebendiesen geboten. Inhaltlich liest sich dies informativ und kurzweilig. Tatsächlich gibt es nach der Lektüre die ein oder andere Gewohnheit, die man abändern möchte. Im Themengebiet „Wasser“ tendiert es dann doch gefährlich nah Richtung Esoterik, wenn es um die heilende Wirkung von homöopathischen Globuli geht, welche mit dem „Gedächtnis des Wassers“ arbeiten. Der Autor referiert hier jedoch nicht, sondern beleuchtet das heiß umstrittene Minenfeld von verschiedenen Seiten und regt dazu an, sich selbst eine Meinung zu bilden. Das ist in Ordnung, nur finde ich es schade, dass gerade beim heikelsten Hinweis, nämlich dass das US-amerikanisch National Cancer Institute Forschung zu den „Banerji-Protokollen“ bei der Behandlung von Glioblastomen fördert. Leider wird im Text nicht erklärt, was diese Protokolle ausmacht, wobei an anderer Stelle mitunter banalste Grundlagen und Begriffe erläutert werden.

Stilistisch muss ich sagen, dass mich die gewollt flapsige Art des Formulierens, was einen gewissen Witz in das Buch bringen soll, gleich von Beginn an massiv genervt hat. Nach dem Vorwort, in welchem es der Autor wirklich übertreibt, was die ungelenk sarkastischen bis zynischen Kommentare angeht, und den ersten Abschnitten zum Thema „Zucker“ wollte ich am liebsten das Buch abbrechen. Zum Glück verliert sich dieser Drang des Autors mit der Zeit und taucht gegen Ende fast gar nicht mehr auf. Dann bleibt es ein einfach geschriebener Text, der durchaus kurzweilig ist. Was allerdings auch mit steigender Seitenzahl minimiert wird, ist die Unterstützung des Geschriebenen durch die wunderbaren Comic-Illustration von Ralph Handmann. Diese stellen wirklich ein Highlight dieses Buches dar. Aber wie gesagt, trifft man sie am Anfang des Buches noch aller paar Seiten an, so kommen sie gegen Ende nur noch selten zum Einsatz. Auch das Lektorat lässt vor allem ab dem Mittelteil wirklich nach.

Insgesamt handelt es sich hierbei um ein durchaus informatives, toll illustriertes Büchlein, was sprachlich nicht ganz überzeugen kann. Eigentlich hatte ich mir überlegt, es noch einmal zu verschenken, aufgrund des eher flapsigen statt amüsanten Ausdrucks tendiere ich nun doch dagegen. Schade.