Kampf ums Überleben
One Perfect CoupleAus unserer heutigen Zeit sind skandalträchtige, spektakuläre Reality-Shows nicht mehr wegzudenken. Mehr oder weniger glücklich liierte Paare werden auf eine einsame tropische Insel geschickt, wo sie sich ...
Aus unserer heutigen Zeit sind skandalträchtige, spektakuläre Reality-Shows nicht mehr wegzudenken. Mehr oder weniger glücklich liierte Paare werden auf eine einsame tropische Insel geschickt, wo sie sich selbst - wochenlang abgeschottet von der Außenwelt - in aufreibenden Prüfungen beweisen und die Stabilität ihrer Beziehung unter Beweis stellen sollen. Selten kommt es zu extrem gefährlichen Situationen, wie sie die Bestseller-Autorin Ruth Ware in ihrem aktuellen Psychothriller "One perfect couple" schildert.
Das Cover ist in warmen Farbtönen gehalten und beschwört die Illusion von einem unbeschwerten Aufenthalt auf einer exotischen Trauminsel hinauf. Ein atemberaubender Sonnenuntergang an einem endlosen weißen Sandstrand, vor sich das tiefblaue Meer - wer möchte nicht mit den auserwählten Kandidatinnen tauschen? Der Titel bleibt der englischen Originalausgabe verpflichtet und wirkt wie eine verhaltene Warnung, die kommenden Herausforderungen im Kampf um den weltweiten Ruhm nicht zu unterschätzen. Wer darf sich das einzige perfekte Traumpaar nennen?
Der Plot erinnert an den faszinierenden Psychothriller "Die Insel" von Sarah Godwin, die ein abgründiges Fernseh-Experiment mit für diesen Zweck gecasteten Teilnehmerinnen auf einer abgeschiedenen rauhe schottischen Insel in de Fokus rückte. Nichts ist dem Zufall überlassen. Fast alle Lesenden dürften mit den einschlägigen Reality-Shows vertraut sein; die Auswahl der nach Aufmerksamkeit und Geld gierenden Kandidatinnen erfolgt unter strategischen Gesichtspunkten nach Maßgabe von gängigen Persönlichkeitstypen. Konträre, polarisierende Charaktere sollen für Action und Drama sorgen, um die Zuschauerzahlen in die Höhe schnellen zu lassen. Bei dem ersten Zusammentreffen lassen sich die ausgewählten Kandidatinnen kaum einschätzen, sie haben gleichsam eine Maske aufgesetzt, hinter der sie ihr wahres Ich verbergen. Wie ausgebildete Schauspielerinnen präsentieren sie sich im Licht der Öffentlichkeit von ihrer besten Seite, sie geben sich freundlich und kameradschaftlich, auch wenn es keinen Zweifel daran gibt, dass sie letztendlich Konkurrentinnen sind. Nach dem ersten Beschnuppern positionieren sie sich auf der tropischen Insel, sie stecken ihr Revier ab und suchen nach möglichen Verbündetinnen. Fast alle Protagonistinnen sind ehrgeizige Influencerinnen, mit mehr oder weniger hohen Zahlen an Followerinnen auf Social Media, die durch die Teilnahme an der Reality Show in die Höhe klimmen und sie selbst weltweit bekannt machen sollen. Aus dieser Riege von Selbstdarstellerinnen ragt Leyla hervor, eine streng wissenschaftlich agierende Virologin, die sich in dieser glitzernden Welt fehl am Platze fühlt. Das Setting ist atemberaubend. Bei der Lektüre des Psychothrillers springt das Kopfkino gleich an, man glaubt sich auf die (alp-) traumhafte Insel Ever After im Indischen Ozean versetzt. Dank der atmosphärisch dichten Beschreibungen kann man sich alle Schauplätze der Handlung deutlich vorstellen. Auf den ersten Blick ist man von dem luxuriösen Ambiente beeindruckt, auf den zweiten Blick werden zahlreiche Mängel sichtbar. Die künftige Ferienanlage ist längst noch nicht fertiggestellt; die Gäste müssen sich mit den Gegebenheiten arrangieren.
Der Roman lässt sich in drei Leseabschnitte gliedern. Nach einem Prolog erzählt der erste Teil "Die Stille" von Leyla und Nico, die sich zur Teilnahme an der Reality-Show entschließen. Der zweite Teil "Der Sturm" fokussiert sich auf das Leben auf der Insel, während der dritte Teil "Die Abrechnung" eine knallharte Auseinandersetzung der Überlebenden untereinander darstellt. Das Geschehen wird aus wechselnden Perspektiven vermittelt. Zu Wort kommt Leyla, eine sich von einer befristeten Anstellung zur nächsten durchhangelnde Virologin, die sich ihrem Freund Nico, einem erfolglosen ambitionierten Schauspieler zuliebe auf dieses fragwürdige Experiment eingelassen hat. Durchbrochen werden ihre ungeschminkten Schilderungen von an ein Tagebuch erinnernden Notizen, welche die wachsende Panik und den täglichen Kampf ums Überleben spiegeln.
Ruth Ware ist ein mitreißender Psychothriller gelungen, der alle Leserinnen in Atem hält. Beklommen verfolgt man die Geschehnisse vor, während und nach dem tropischen Sturm. Man ist erfüllt von Angst um die wenigen Überlebenden der Naturkatastrophe. Das tägliche Leben ist vom Kampf um das nackte Überleben geprägt. Hunger, Durst, Krankheiten, psychische und physische Gewalt sowie toxische Beziehungen bringen die Protagonist*innen an ihre persönlichen Grenzen. Wenn alles in Trümmern liegt, gilt das Recht des Stärkeren. Homo hominus lupus est - oder doch nicht? Mehr verraten möchte ich nicht. Für mich ist dieser fesselnde, realistisch anmutende Psychothriller ein absolutes Lese-Highlight.