Wie eine Katastrophe eine Familie zerstört
Der JungeIm Jahr 1980 ist in der kleinen Stadt Ortuella im spanischen Baskenland eine unvorstellbare Katastrophe passiert: in einer Schule ist es zu einer Gasexplosion gekommen, die 50 Kinder und drei Erwachsene ...
Im Jahr 1980 ist in der kleinen Stadt Ortuella im spanischen Baskenland eine unvorstellbare Katastrophe passiert: in einer Schule ist es zu einer Gasexplosion gekommen, die 50 Kinder und drei Erwachsene getötet haben. Dieser reale Vorfall wird im neuen Roman von Fernando Aramburu literarisch aufgearbeitet, dazu hat er eine der Hinterbliebenen befragt. Dieses Vorhaben ist nicht unumstritten, viele andere Hinterbliebene wollten nun nach 45 Jahren nicht, dass ihre Geschichte dermaßen in den Vordergrund rückt, und es gibt auch Protest gegen die geplante Verfilmung des Romans durch eine Netflix-Serie.
Vielleicht auch deshalb konzentriert sich der Roman sehr stark auf eine einzige Familie und lässt fast alles andere außen vor. Von den anderen trauernden Familien erfahren wir nichts, und auch nicht, ob sich diese in irgendeiner Weise miteinander ausgetauscht oder gegenseitig zur Seite gestanden sind.
Gleich am Anfang des Buches wird klar, dass die Katastrophe passiert ist, und schnell zeigt sich auch: der 6-jährige Nuco, Sonnenschein und Zentrum der Familie, hat nicht überlebt. Zuerst gab es noch Hoffnung, weil er nicht gleich zu den Toten gezählt wurde, sondern erst einmal ins Krankenhaus eingeliefert wurde, doch sein Gesicht war völlig zerstört und auch sein Körper hat aufgegeben, er ist im Krankenhaus gestorben.
Eine besonders enge Beziehung hatte der Großvater Nicasio zu Nuco. Oft hat er ihn in die Schule begleitet. Für Nicasio, der auch noch vor wenigen Jahren seine Frau an den Krebs verloren hat, ist der Tod seines Enkels eine unvorstellbare Katastrophe. So unvorstellbar, dass er sie gar nicht wahrhaben will und seine Bewältigung in der Leugnung sucht: er geht auf imaginierte Spaziergänge mit dem toten Enkel, unterhält sich mit ihm, als wenn er am Leben wäre, stellt in seinem eigenen Haus dessen ehemaligen Zimmer (das die Eltern los werden wollten, um nicht ständig an den Schmerz erinnert zu werden) originalgetreu nach, mauert dafür sogar ein Fenster zu und lebt mit dem vorgestellten "Geist" von Nuco an seiner Seite. Das ist berührend zu lesen und gleichzeitig schmerzhaft, man fühlt mit dem Großvater seine tiefe Verzweiflung.
Dann gibt es die Eltern des verstorbenen Jungen: Mariaje und José Miguel. Verliebt war Mariaje nie in José Miguel, sie hält ihn für gutmütig, aber langweilig, und hat sich aus Vernunftgründen und auf Rat ihrer Eltern als sehr junge Frau für die Ehe mit ihm entschieden. Die Ehe blieb einige Jahre kinderlos, erst dann kam Nuco, der ihr einziges Kind bleiben sollte, und den sie nun verloren haben. José Miguel schlägt nun nach dem Tod des Jungen vor, ein weiteres Kind zu zeugen... das wird erfolglos bleiben und es werden sich einige Abgründe auftun, die die Ehe der beiden, die ganze Familie und ganz besonders Mariajes Charakter in einem neuen Licht erscheinen lassen.
Mariaje, die Mutter der verstorbenen Jungen... trauert bestimmt auf ihre Weise und ist auch mit ihrer Perspektive stark ins Buch eingeflossen - für sie gab es wohl ein reales Vorbild, eine Hinterbliebene, die als alte Frau mit dem Autor die Geschichte geteilt hat. Sie ist eine sehr pragmatische Frau, die doch auch ihr eigenes Wohl und Überleben in den Vordergrund stellt... in manchem verständlich, insgesamt aber moralisch zumindest sehr ambivalent bis klar verwerflich (je nach eigenem moralischen Kompass und je nachdem, wie man es letztendlich nach der Lektüre des Buches beurteilt).
"Der Junge" ist kein entspannendes Buch. Es ist in vielen Strecken sehr hart, sich mit diesem harten Schicksalsschlag und all seinen Konsequenzen für die Familie auseinanderzusetzen. Gleichzeitig ist es ein wertvolles Buch und insbesondere die Trauer des Großvaters und das schrittweise Auseinander-Fallen der Familie nach dem Todesfall werden sehr berührend und authentisch gezeigt. Interessant ist auch, dass der Autor immer wieder kleine Abschnitte eingefügt hat, die "aus der Perspektive des Buches" seine Überlegungen während des Schreibprozesses zeigen.
Etwas hat mir aber gefehlt, um das Buch wirklich rund zu machen: vielleicht vielfältige Perspektiven auch anderer Betroffener, und insgesamt lag für mich etwas zu sehr der Fokus auf der moralisch sehr ambivalenten Figur der Mariaje, deshalb 4 Sterne von 5.