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Veröffentlicht am 17.02.2025

Queere Liebesgeschichte unter dem Schatten der Nachkriegszeit

In ihrem Haus
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Hoch waren meine Erwartungen an dieses Buch, immerhin stand es auf der Shortlist des renommierten Booker Prize.


Einmal vorweg: wer sich sympathische, nahbare Charaktere in einem Buch wünscht, ist mit ...

Hoch waren meine Erwartungen an dieses Buch, immerhin stand es auf der Shortlist des renommierten Booker Prize.


Einmal vorweg: wer sich sympathische, nahbare Charaktere in einem Buch wünscht, ist mit diesem Buch nicht gut beraten.


Wir befinden uns in den Niederlanden in den 1960er Jahren. Die Geschehnisse der NS-Zeit werden überwiegend totgeschwiegen, der Zeitgeist ist bieder und konservativ, von Frauen wird erwartet, dass sie heiraten und Kinder bekommen.

Gleich in der Anfangsszene lernen wir drei Geschwister kennen, die mittlerweile elternlos sind, altersmäßig etwa Ende 20 bis Anfang 30: Louis, Isabel und Hendrik.

Die drei treffen sich zu einem Abendessen, bei dem der unstete Frauenschwarm Louis ihnen seine neueste Freundin Eva vorstellt... diese wird insbesondere von Isabel sofort verächtlich angesehen und abgewertet.

Isabel, aus deren Sicht fast das ganze Buch geschrieben ist, ist ein sehr eigenwilliger Charakter. Schon als Kind hatte sie kaum Freundinnen, war eher missmutig, hatte diverse teilweise verstörende Ticks und ist das Gegenteil davon, was man als charmant oder anmutig bezeichnen würde. Irgendwann in der Kriegszeit hat ihr Onkel ihnen ein schönes, großes Haus verschafft, in dem erst die Mutter mit den drei Kindern lebte, später die Mutter mit Isabel und nach deren Tod nur noch Isabel, die ledig und kinderlos ist, keinem Beruf nachgeht, aber offenbar genug Vermögen hat, eine Hausangestellte zu bezahlen, die sie auch nicht sonderlich freundlich behandelt und der sie unterstellt, zu stehlen.

Hier in diesem Haus lebt Isabel also ihr einsames, zurückgezogenes Leben vor sich hin, hat - abgesehen von gelegentlichen Abendessen bei den Nachbarn, ihrem beharrlichen Verehrer Johan und seltenen Besuchen der Brüder - kaum Sozialkontakte und will auch keine haben, sie will ihre Ruhe und ihren Rückzugsort. Ihren Bruder Hendrik verurteilt sie für seine Homosexualität und dafür, dass er mit einem Mann zusammenlebt. Überhaupt urteilt Isabel sehr hart und schnell über andere Menschen, und ist kein sehr reflektierter Charakter. Dabei schwebt über ihr das Damoklesschwert, dass das Haus nicht ihr gehört und der Onkel dieses ihrem Bruder Louis versprochen hat, wenn dieser mal eine Familie gründen würde... aber auch das liegt in einer fernen, ungewissen Zukunft und muss erst einmal passieren.

Bis dahin lebt Isabel also so vor sich hin in ihrem Haus. Bis es mit der Ruhe erst einmal vorbei ist: Louis quartiert unerwartet und gegen Isabels Willen seine Freundin Eva für etwa einen Monat im Haus ein. Isabel kann nichts dagegen tun, denn das Haus ist ja Louis versprochen und nicht ihr. Zuerst ist Isabels Abneigung gegen Eva groß... Eva, die sich so selbstverständlich in dem Haus bewegt und sich dort ihren Raum nimmt, als ob es ihres wäre. Die sogar im Schlafzimmer der Mutter übernachtet, obwohl ihr ein anderes Zimmer zugewiesen wurde. Und die überhaupt zwar manchmal ängstlich und verunsichert, aber insgesamt freier und lebensoffener wirkt als Isabel selbst.

Dann entwickelt sich, sowohl für uns Lesende als auch sicher von Isabel unerwartet, eine sehr stürmische lesbische Liebesbeziehung zwischen Eva und Isabel. Diese wird im Buch ausführlich und mit allen erotischen Details geschildert, woran sich zeigt, dass das Buch zwar in den 1960er Jahren spielt, aber ganz offensichtlich in der heutigen Zeit geschrieben wurde und den heutigen, offeneren und queerfreundlichen Zeitgeist bedienen möchte. In aller Ausführlichkeit erleben wir mit, was Isabel und Eva im Bett so miteinander machen, immer wieder.

Dahinter liegt eine viel ernstere Geschichte: die von Eva, die jüdisch ist, deren Vater von den Nazis ermordet wurde, deren Mutter im Konzentrationslager war und kurz darauf gestorben ist, die also ganz allein im Leben und auf der Welt steht, ihre eigenen Traumata mitträgt, und die ihre ganz besondere eigene Agenda verfolgt in Bezug auf das Haus. Auch in anderen Nebengeschichten zeigt sich, wie sehr auch die niederländische Gesellschaft in dieser Zeit noch am Verleugnen des Unrechts war, das auch dort jüdischen Mitmenschen geschehen war und wie wenig Bewusstsein es für Rückgabe geliehener oder gestohlener Gegenstände und Immobilien oder sonstige Entschädigung gegeben hat. Wie sehr man stattdessen noch einerseits in der Erinnerung an das eigene Leid in den Kriegsjahren und andererseits im Wunsch nach Vergessen verhaftet war.

Es ist also ein Buch über das, was an der Oberfläche sich zeigt und das, was tief darunter liegt. Sowohl an historisch Geschehenem, Verbrechen, Schuld und Ausgleich als auch an Emotionen. Isabel und Eva sind beides auf ihre Art innerlich stark verwundete, traumatisierte Frauen, die ihren eigenen Schmerz mit sich tragen und ganz unterschiedlich miteinander umgehen... auch diese eingeschlossenen Emotionen brechen sich möglicherweise in ihrer stürmischen Liebesbeziehung Bahn.

Auf dieses Buch muss man sich wirklich einlassen können und wollen. Es ist kein bequemes, angenehmes oder leicht zu lesendes Buch, und die überwiegend nicht sehr sympathischen Charaktere, insbesondere Isabel, aus deren Sicht fast das ganze Buch geschrieben ist, machen das Lesen nicht leicht. Ich habe mich nicht sehr gerne im Kopf von Isabel aufgehalten beim Lesen... und doch hat mir die Lektüre etwas gebracht, denn solche Menschen gibt es, Isabel ist in all ihrer Schrägheit durchaus authentisch gezeichnet und es ist horizonterweiternd, die Welt einmal aus ihrer Perspektive zu betrachten.

Zusätzlich macht das Buch sehr nachdenklich über Themen wie Schuld und Wiedergutmachung, und Opfer auf vielen Seiten (auch Isabel hat das Haus ja nicht selbst unrechtmäßig erworben, ist als Jugendliche dort hingezogen und auch für sie ist es zu Recht gefühlsmäßig ein Zuhause), aber auch über Themen wie die Stellung homosexueller, lesbischer und queerer Menschen in der Gesellschaft damals und heute. Damit ist es ein gutes Buch, das in vielerlei Hinsicht zum Nachdenken und Diskutieren anregt, aber nicht unbedingt Wohlfühllektüre.

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Veröffentlicht am 12.01.2025

Kinder-Kriegen oder nicht aus verschiedenen Perspektiven betrachtet

Eva
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Eva" von Verena Kessler ist ein leicht und schnell lesbares, dünnes Büchlein von etwa 200 Seiten. Aus vier verschiedenen Perspektiven lernen wir vier Frauen kennen, die zum Thema eigene Kinder haben oder ...

Eva" von Verena Kessler ist ein leicht und schnell lesbares, dünnes Büchlein von etwa 200 Seiten. Aus vier verschiedenen Perspektiven lernen wir vier Frauen kennen, die zum Thema eigene Kinder haben oder wollen ganz unterschiedlich stehen, und deren Leben lose miteinander verknüpft sind:

Eva, die noch nie Kinder wollte, Lehrerin ist, und sich moralisch über andere erhebt, indem sie erst ein Interview dazu gibt, dass die Menschheit aus Klimaschutzgründen auf eigene Kinder verzichten sollten und später noch ein Buch dazu schreibt, trotz Anfeindungen.

Mona, die so halb ungeplant drei Kinder hat.

Ihre nur ein Jahr jüngere Schwester Sina, die sich sehnlichst ein Kind wünscht, aber es will nicht klappen.

Und schließlich noch eine vierte Frau, deren Kind gestorben ist.

Ich habe das Buch innerhalb eines Tages ausgelesen und es hat mich gut unterhalten. Ob es bei mir einen tieferen Eindruck hinterlassen haben wird, weiß ich aber nicht... grundsätzlich waren mir diese Perspektiven alle bekannt und das Buch hat mir dadurch nicht unbedingt neue Blickwinkel aufgezeigt. Auch hätten dem Buch möglicherweise ein paar Seiten mehr, in denen man die Figuren noch besser kennen lernen hätte können, gut getan.

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Veröffentlicht am 02.01.2025

Nachdenklich machendes Buch über Heimunterbringung und die Folgen

Vor der Nacht
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Das Buch "Vor der Nacht" von Salih Jamal zeichnet sich durch eine ganz besonders schöne Sprache aus, mit vielen Metaphern, die zum Nachdenken anregen. Das beginnt schon ganz am Anfang und zieht sich durch ...

Das Buch "Vor der Nacht" von Salih Jamal zeichnet sich durch eine ganz besonders schöne Sprache aus, mit vielen Metaphern, die zum Nachdenken anregen. Das beginnt schon ganz am Anfang und zieht sich durch das ganze Buch:

"Da, wo ich bin, kann ich nicht ankommen. Und da, wo ich ankomme, kann ich nicht hin."

"Ich berichte von Leben, die auf Seelen gelegt worden sind, die dem Leben nicht gewachsen waren."

"Nichts war mehr an seinem Ort. Nicht mal ich selbst, als wäre ich aus der Landschaft gefallen."

"Meine Eltern schauten beide zueinander auf. Bis sie gemeinsam in den Abgrund hinabblicken mussten."

Diese eindringlichen Sprachbilder laden also beim Lesen immer wieder dazu ein, innezuhalten und zu reflektieren, das mochte ich sehr.

Inhaltlich ist es ein Buch, das von der Handlung her - insbesondere in der ersten Hälfte - auch ein Jugendbuch sein könnte. Durch die Augen von Jonas (dem im Heim von den anderen Kindern der Spitzname "Jimmy" gegeben wird) lernen wir ihn, einige weitere Kinder und deren Umgebung kennen. Die Kinder können alle aus verschiedensten Gründen nicht mehr daheim wohnen, ihre Eltern sind tot, im Gefängnis oder sonstwo verschollen, und so kommen sie in das Heim der "Wölfin" Vora, die gelegentlich Gewalt ausübt und die Kinder sonst ignoriert. Dort leben sie in Zweibettzimmern, und was den Kindern Halt gibt, ist die innige Gemeinschaft und der Zusammenhalt, der sie bald miteinander verbindet, und die gemeinsamen Ausflüge in den Wald hinter der Autobahn, aber auch das Füreinander-Einstehen, wenn eines von ihnen angegriffen wird. Diese Kameradschaft und Solidarität unter den Kindern ist schön zu lesen.

Dann werden die Kinder älter und verlassen das Heim Stück für Stück, manche dramatisch durch eine Flucht, manche relativ unspektakulär durch Adoption oder Erreichen des 18. Geburtstags. Und sie verlieren sich gegenseitig aus den Augen, bis Jimmy - angespornt durch eine zufällige Begegnung mit einem Mädchen aus dem Kinderheim - sie einen nach dem anderen wieder aufspürt und wir so erfahren, was weiter aus den nun erwachsenen ehemaligen Heimkindern geworden ist.

Bis hierhin war es ein sehr schönes und bewegendes Buch für mich, wenn auch die charakterliche Darstellung mancher Personen, z.B. der Heimleitung Vora und ihrer Tochter, für mich eher blass geblieben ist (was aber durchaus damit zu erklären ist, dass wir die beiden durch die Augen des noch nicht so reflektierten jugendlichen Jimmy wahrnehmen). Der zweite Teil des Buches wird dann aber sehr dramatisch und lässt an schlimmen Umständen und Klischees nichts aus: von Schwerstkriminalität inklusive mehreren Morden bis zu Prostitution, sehr toxischen Beziehungen, schweren Demütigungen und Drogensucht ist da alles dabei - in ein bisschen Slapstick-artig, kabarettistischer Form, sodass ich es inhaltlich nicht mehr ganz ernst nehmen konnte und hier gefühlsmäßig nicht mehr mitgeschwungen bin.

Die Botschaft des Buches, wie sehr eine schwere Heimkindheit das eigene Leben prägen kann und nachwirkt, ist eine wichtige. Dennoch war es für mich etwas zu viel an Dramatik, hier hätte ich mir mehr Differenzierung gewünscht. Und ob wie diese möglich gewesen wäre, weiß ich nicht - immerhin scheint es sich zumindest in Teilen um eine wahre Geschichte zu handeln und so ist es schwer zu beurteilen, was davon wahr ist bzw. was der Anonymisierung der beteiligten Personen dient.

Insgesamt war es jedenfalls ein gutes und nachdenklich machendes Buch mit sehr schöner Sprache, das ich gerne gelesen habe, und über das ich noch weiter nachdenken werde.

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Veröffentlicht am 24.12.2024

Inspiriert durch Authentizität, Ehrlichkeit und Verletzlichkeit

Heimweh nach mir
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"Heimweh nach mir" ist das erste Buch der jungen Influencerin Elena Anna Mayr. Im jungen Alter von 23 Jahren hat die Autorin schon einiges an Rückschlägen und dunklen Zeiten erlebt und dadurch schon frühzeitig ...

"Heimweh nach mir" ist das erste Buch der jungen Influencerin Elena Anna Mayr. Im jungen Alter von 23 Jahren hat die Autorin schon einiges an Rückschlägen und dunklen Zeiten erlebt und dadurch schon frühzeitig begonnen, sich mit den tiefgreifenden Fragen des Lebens auseinanderzusetzen.

Damit, wer wir sein möchten, wie wir leben möchten und auf was für ein Leben wir später einmal zurückblicken möchten. So wohltuend an diesem wunderschön gestalteten Buch ist, dass es eben nicht darum geht, sich selbst zu optimieren, sondern darum, echt und authentisch zu sein, sich selbst anzunehmen und mit sich selbst wohl zu fühlen. Dazu ruft die Autorin auf und das lebt sie vor, durch das Teilen vieler persönlicher Erfahrungen aus ihrem Leben als Antwort auf die Fragen.

Das Buch enthält 33 Fragen, die zum Nachdenken über das eigene Leben anregen sollen, zum Beispiel "War das ein Fehler oder eine Erfahrung?", "Willst du dieser Mensch überhaupt sein?" oder "Wem gibst du Macht über dich?". Die Kapitel sind so gegliedert, dass sie mit einer Hauptfrage beginnen, dann kommt ein Text der Autorin und dann finden sich abschließend noch ein paar weitere Fragen zum Reflektieren.

Die Texte der Autorin waren für mich beim Lesen unterschiedlich interessant. Manche waren sehr berührend und spannend, bei anderen habe ich mich aber gefragt, wo der genaue Zusammenhang zur ursprünglich gestellten Frage sein sollte, da sie für mich höchstens in loser Verbindung dazu standen. So sehr ich einerseits die Authentizität und Verletzlichkeit schätze, die die Autorin durch das Teilen ihrer persönlichen Geschichte zeigt, hat sie sich gefühlt für mich manchmal ein bisschen zu sehr darin verloren und der Kontakt zu mir als Leserin ist verloren gegangen. Wenn ich mit dem Buch arbeite, werde ich eher nur auf die Fragen am Anfang und am Ende der Kapitel blicken und persönlich über diese nachdenken und schreiben. In dieser Hinsicht bietet das Buch viele wertvolle Hinweise zum Nachdenken über das eigene Leben.

Ich empfehle das Buch allen, die sich für persönliche Weiterentwicklung und tiefgreifende Reflexion des eigenen Lebens interessieren, besonders aber Jugendlichen und jungen Menschen in ihren 20ern, also jenen, die in einem ähnlichen Alter sind wie die Autorin.

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Veröffentlicht am 23.12.2024

Denkmal einer Mutter für ihren ermordeten Sohn

American Mother
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Als ich die Beschreibung des Buches "American Mother" von Colum McCann mit Diane Foley zum ersten Mal gelesen und mich für die Lektüre des Buches entschieden habe, dachte ich, im Zentrum des Buches würde ...

Als ich die Beschreibung des Buches "American Mother" von Colum McCann mit Diane Foley zum ersten Mal gelesen und mich für die Lektüre des Buches entschieden habe, dachte ich, im Zentrum des Buches würde die Begegnung zwischen der Mutter des vom IS ermordeten James ("Jim") Foley mit einem seiner Entführer und Mörder, Alexanda Kotey, stehen. Diese Begegnung kommt im Buch auch durchaus vor, ist aber weit weniger zentral, als ich vermutet hätte.

Das Buch beginnt in einem kurzen ersten Abschnitt direkt damit, wie Diane Alexanda in seiner Zelle gegenübersitzt. Es wird einiges von der Atmosphäre dort und von ihren Gedanken und Gefühlen geschildert, aber nur wenige Sätze aus dem Gespräch.

Darauf folgt ein langer mittlerer Abschnitt, der den Hauptteil des Buches ausmacht. In diesem lernen wir den verstorbenen James Foley, sein Leben und seine Herkunftsfamilie aus der Perspektive der hinterbliebenen Mutter kennen. Mitfühlend betrachtet kann man sagen, es zeigt sich in dieser Beschreibung die große Liebe der Mutter für ihren verstorbenen Sohn, denn sie idealisiert und heroisiert ihn sehr. So wirklich nahe kommt mir James Foley dadurch nicht. Ich bekomme den Eindruck, dass er ein Getriebener war, der nicht so recht wusste, wohin mit sich im Leben. Der nach einem Vorfall mit Cannabis nur noch als Freelancer im Journalismus tätig sein konnte, und auch nach einer ersten Entführung in Libyen, von der er glücklicherweise wieder frei gekommen ist, das Risiko nicht scheute, sondern geradezu suchte, und sich als Freelancer mit Syrien in ein noch gefährlicheres Gebiet aufmachte, alle Warnungen in den Wind schlagend. Laut seiner Mutter natürlich getrieben von noblen Motiven: die Wahrheit über das Elend der Menschen im dortigen Krieg zu recherchieren und zu verbreiten.

Geprägt ist das ganze Buch durch Diane Foleys Weltsicht und diese ist tief religiös, in einer Art, wie es für nicht-religiöse Lesende möglicherweise oft schwer nachvollziehen sein kann. Beispielsweise ist die größte Sorge der Mutter, als ihr Sohn in Geiselhaft ist, ob er dort auch beten wird können, das kommt als Priorität deutlich vor der Sorge um seine Ernährung oder Gesundheit. Und auch im Kontakt mit dem Entführer und Mörder Alexanda Kotey sagt sie diesem, er solle dankbar für seinen Glauben sein... negierend, dass ausgerechnet dieser Glaube zur Fanatisierung ihres Gegenübers beigetragen hat und damit mitverantwortlich für das Leid und den Tod ihres Sohnes ist.

Solche kritischen Reflexionen sind nicht die Sache von Diane Foley, auch sonst merkt man in dem Buch, dass sie eine sehr starre und einseitige Weltsicht zu haben scheint und auch die Handlungen der amerikanischen Regierung und des amerikanischen Militärs und deren Konsequenzen niemals auch nur ansatzweise kritisch hinterfragt - das sind in ihrer Sicht alles Helden, die für das Gute kämpfen, und das einzig Unverständliche ist, warum sie sich nicht für die Befreiung der amerikanischen Geiseln eingesetzt haben und sogar der Familie bei Androhung von Strafverfolgung verboten haben, auf eigene Faust Geld dafür zu sammeln.

Am Ende des Buches kommt es in einem kurzen letzten Abschnitt noch einmal zu einer abschließenden letzten Begegnung zwischen Diane Foley und Alexanda Kotey im Gefängnis.

Es ist schwierig, einem Buch, das so ein persönlicher Erfahrungsbericht ist, Sterne zu geben. Die trauernde Mutter hat jedenfalls meinen tiefsten Respekt dafür, wie mutig sie in Kontakt mit dem Mörder ihres Sohnes geht, wie sehr sie sich für die Änderung der Haltung der amerikanischen Regierung zu Geiselnahmen einsetzt und wie sie von dem allen berichtet. Ihre tiefe Liebe zu ihrem Sohn und ihr unerschütterlicher Glaube an Gott werden im Buch spürbar, das ist beeindruckend.

Literarisch hätte ich mir von dem Buch mehr erwartet, insbesondere durch die Zusammenarbeit mit dem Autor Colum McCann. Ebenso hätte das Buch von der Einarbeitung von Hintergrundinformationen und von etwas mehr kritischer Reflexion profitieren können. Wäre es ein Roman, würde ich dem Buch 3 Sterne geben, hier bekommt es einen Zusatzstern für meinen Respekt vor der wahren Geschichte und dem Umgang damit.

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