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Nilchen

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Veröffentlicht am 09.02.2025

Wie ein kleiner Junge und ein großer Junge Freundschaft schließen

Ein Liekesch für Jascha
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Was um alles in der Welt ist ein Liekesch? Fragt man sich doch, wenn man diesen Titel liest: „Ein Liekesch für Jascha“. Recht einfach erklärt, denn der kleine Jaša aus Bosnien ist noch nicht so lange in ...

Was um alles in der Welt ist ein Liekesch? Fragt man sich doch, wenn man diesen Titel liest: „Ein Liekesch für Jascha“. Recht einfach erklärt, denn der kleine Jaša aus Bosnien ist noch nicht so lange in Deutschland, dass er jedes Wort in der Schule versteht und so wird kurzer Hand aus der Bemerkung der Sportlehrerin, dass Jaša ein paar Liegestütze machen soll um die dünnen Ärmchen aufzupeppen: Liekesch. DAS zentrale Element dieser Geschichte. Wo findet man dieses Sportgerät? Richtig, im Sportgeschäft, hier trifft er auf einen jungen Mann, Frank, der scheinbar Rechtschreibschwierigkeiten hat und seiner kürzlich verstorbene Mutter Briefe schreibt. Das eine kommt zum anderen und Frank und Jaša, den man allerdings Jascha ausspricht, haben sich gefunden.
Eine zarte Geschichte über das Leben mit all seinen Hürden die es so mit sich bringen kann. Ohne Belehrung, einfach mit viel Gefühl erzählt. Hier fühlen sich sicherlich viele abgeholt, die sich als defizitär empfinden. Tolle Geschichte und gut geschrieben von dem Duo Mehrnousch Zaeri-Esfahani & Frauke Angel. Wunderbar ist auch die Art wie Franks Briefe inklusive der Rechtschreibfehler (natürlich verbessert!) dargestellt werden. Großartig.
Auch tun die schönen Illustrationen von Barbara Jung natürlich auch noch viel mit dem Text. Beides ergänzt sich sehr gut.
Selbst lesbar ab der 2/3 Klasse. Die Altersangabe an 8 Jahren passt. Vorlesbar auch schon ab der Vorschule.
Fazit: Was ein herzallerliebstes Buch! Muss in alle Kinderzimmer einziehen, weil es nett ist und viel Wärme verströmt.

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Veröffentlicht am 26.01.2025

Ein literarisches Juwel

Umlaufbahnen
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Es gab sooooo mega viele gute Besprechungen über Umlaufbahnen von Samantha Harvey, da konnte ich nicht widerstehen und wollte es auch lesen. Hier verschiebt sich die Perspektive im wahrsten Sinne des Wortes ...

Es gab sooooo mega viele gute Besprechungen über Umlaufbahnen von Samantha Harvey, da konnte ich nicht widerstehen und wollte es auch lesen. Hier verschiebt sich die Perspektive im wahrsten Sinne des Wortes beim Lesen.
Samantha Harvey nimmt uns mit in eine Raumstation, in der vier Männer und zwei Frauen (davon 2 Kosmonauten) inmitten der Unendlichkeit des Alls die Erde sechzehnmal am Tag umkreisen. Diese scheinbar einfache Prämisse entfaltet eine unendliche Komplexität. Die Protagonist:innen schweben nicht nur physisch, sondern auch emotional und existenziell – zwischen der Sehnsucht nach dem Planeten, den sie hinter sich gelassen haben, und der Ehrfurcht vor der erhabenen, verletzlichen Schönheit dieser leuchtenden Kugel im Nichts. Die Idee, diese Dualität zwischen Nähe und Distanz, zwischen Isolation und universeller Verbindung zu erforschen, ist schlicht genial.
Die Prosa ist von einer sprachlichen Eleganz, die ihresgleichen sucht. Die Beschreibungen der Erde aus dem All – „diesiges blassgrün schimmerndes Meer“ oder „Gran Canarias steile, strahlenförmige Schluchten wie eine eilig gebaute Sandburg“ – sind so präzise und poetisch, dass man das Gefühl hat, die Welt tatsächlich mit den Augen der Astronaut:innen zu sehen. Die Erde wird zur Diva in einem Ozean der Leere, gleichzeitig majestätisch und fragil.
Die fragmentarische Struktur des Romans, die auf klare Handlung und Spannungsbögen verzichtet, spiegelt die Schwerelosigkeit des Settings wider. Gedanken, Erinnerungen und Beobachtungen treiben wie Partikel im Raum und bilden ein einzigartiges literarisches Mosaik. Der Booker Prize 2024 ist sehr verdient gewonnen.
Der Roman wird von existenziellen Überlegungen durchzogen wie ein stilles Pulsieren, verstärkt durch die persönlichen Geschichten der Astronaut:innen: die sterbende Mutter einer Raumfahrerin, die Fragen einer Tochter, die Sehnsucht nach Blumen vor einem Fenster in Moskau. Es macht das Lesen so wahnsinnig intensiv. Das letzte Mal, dass ich mich so unbedeutend klein in diesem Universum fühlte, war am Abgrund des Grand Canyon.
Die Isolation des Alls bringt die Charaktere nicht nur einander näher, sondern auch sich selbst. Samantha Harvey zeigt mit großem Einfühlungsvermögen, wie widersprüchlich der menschliche Geist ist: der gleichzeitige Wunsch, zurückzukehren, und für immer zu bleiben. Diese Paradoxien machen das Buch so zutiefst menschlich und berührend.
Der Roman ist auch äußerst gut von Julia Wolf übersetzt. Großartig auch, dass sie es auf den Klappentext hinten geschafft hat. Immerhin außen sichtbar. Tolle Übersetzungsleistung.
Fazit: Dieser Roman ist große Kunst! Ein außergewöhnliches Buch, das sowohl Herz als auch Verstand anspricht. Wer sich auf die Schwerelosigkeit dieser poetischen Reise einlässt, wird nicht nur die Erde, sondern auch sich selbst mit neuen Augen sehen.

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Veröffentlicht am 26.01.2025

Frieden auf Erden - unser aller Ziel

Radio Sarajevo
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“ Zivilisierte Menschen gedeihen im Frieden, Idioten gedeihen im Krieg.” (S. 66)
Wer Krieg verstehen will in einer sehr persönlichen Dimension, wenig Kontakt zu Menschen hat, die bereits im Krieg gelitten ...


“ Zivilisierte Menschen gedeihen im Frieden, Idioten gedeihen im Krieg.” (S. 66)
Wer Krieg verstehen will in einer sehr persönlichen Dimension, wenig Kontakt zu Menschen hat, die bereits im Krieg gelitten haben, dann bitte unbedingt dieses Buch lesen!
Radio Sarajevo ist kein Roman, es ist ein romanartiger Text, der sich aus den vielen Kindheitserinnerung von Tijan Sila speist. Wer es nicht weiß, hält es gerne mal für einen Roman. Weniger als 200 Seiten und doch so oft ein Hieb in die Magengrube, weil das epische Ausmaß an Leid deutlich wird, dass Menschen und vor allem unschuldige Kinder in Kriegen erleiden müssen. Ein Leben lang psychisch gezeichnet vom Erlebten.
“Die Geschichte ist über Jugoslawien hinweggefegt, als seien die Landesgrenzen nur eine Spur im Sand gewesen und das kommunistische Ethos mit Kreide auf Asphalt geschrieben.” (S. 41)
Tijan Sila beschreibt wie der Alltag im Krieg in Sarajevo in den 90er Jahren war, wer gegen wen kämpfte und wie jeder sein Überleben sicherte, wo geschlafen werden konnte, ohne Schule, wenig Essen. Immer wieder musste ich bei den Beschreibungen an die Ukraine denken und so viele andere Teile der Erde, wo Gewalt und Krieg leider zum Alltag wurden.
“Meine Eltern hatten den Krieg zwar überlebt, und doch vernichtete er sie am Ende.” (S. 75)
Wenn man nun glaubt, die Lektüre wäre durchweg grausam. Bei weitem nicht, es liest sich gut, da Tijan Sila ein enormes Gespür für die deutsche Sprache hat und er gibt der Leserschaft Lichtblicke mit an die Hand, an denen man sich festklammert. Aber ja, auch die Verzweiflung und die Ohnmacht ist zu spüren, wenn Jugendliche anfangen Klebstoff zu schnüffeln, weil die Langeweile und Aussichtslosigkeit so groß wurden.
Fazit: Für alle die Frieden auf Erden nicht für das größte Ziel der Menschheit halten. Unbedingt lesen.

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Veröffentlicht am 26.01.2025

Frieden auf Erden - unser aller Ziel

Radio Sarajevo
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“ Zivilisierte Menschen gedeihen im Frieden, Idioten gedeihen im Krieg.” (S. 66)
Wer Krieg verstehen will in einer sehr persönlichen Dimension, wenig Kontakt zu Menschen hat, die bereits im Krieg gelitten ...

“ Zivilisierte Menschen gedeihen im Frieden, Idioten gedeihen im Krieg.” (S. 66)
Wer Krieg verstehen will in einer sehr persönlichen Dimension, wenig Kontakt zu Menschen hat, die bereits im Krieg gelitten haben, dann bitte unbedingt dieses Buch lesen!
Radio Sarajevo ist kein Roman, es ist ein romanartiger Text, der sich aus den vielen Kindheitserinnerung von Tijan Sila speist. Wer es nicht weiß, hält es gerne mal für einen Roman. Weniger als 200 Seiten und doch so oft ein Hieb in die Magengrube, weil das epische Ausmaß an Leid deutlich wird, dass Menschen und vor allem unschuldige Kinder in Kriegen erleiden müssen. Ein Leben lang psychisch gezeichnet vom Erlebten.
“Die Geschichte ist über Jugoslawien hinweggefegt, als seien die Landesgrenzen nur eine Spur im Sand gewesen und das kommunistische Ethos mit Kreide auf Asphalt geschrieben.” (S. 41)
Tijan Sila beschreibt wie der Alltag im Krieg in Sarajevo in den 90er Jahren war, wer gegen wen kämpfte und wie jeder sein Überleben sicherte, wo geschlafen werden konnte, ohne Schule, wenig Essen. Immer wieder musste ich bei den Beschreibungen an die Ukraine denken und so viele andere Teile der Erde, wo Gewalt und Krieg leider zum Alltag wurden.
“Meine Eltern hatten den Krieg zwar überlebt, und doch vernichtete er sie am Ende.” (S. 75)
Wenn man nun glaubt, die Lektüre wäre durchweg grausam. Bei weitem nicht, es liest sich gut, da Tijan Sila ein enormes Gespür für die deutsche Sprache hat und er gibt der Leserschaft Lichtblicke mit an die Hand, an denen man sich festklammert. Aber ja, auch die Verzweiflung und die Ohnmacht ist zu spüren, wenn Jugendliche anfangen Klebstoff zu schnüffeln, weil die Langeweile und Aussichtslosigkeit so groß wurden.
Fazit: Für alle die Frieden auf Erden nicht für das größte Ziel der Menschheit halten. Unbedingt lesen.

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Veröffentlicht am 21.01.2025

Verliebt wie 16, aber knapp 50, in einen der 30 ist

Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben
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Manchmal stolpert man über einen Buchtitel, der so charmant und witzig ist, dass man einfach zugreifen muss – so ging es mir bei Anika Deckers Roman Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen ...

Manchmal stolpert man über einen Buchtitel, der so charmant und witzig ist, dass man einfach zugreifen muss – so ging es mir bei Anika Deckers Roman Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben. Und was soll ich sagen? Es hat SEHR überzeugt.
Die Geschichte dreht sich um Nina, eine fast 50-jährige, geschiedene Mutter zweier erwachsener Kinder, die nach einer kräftezehrenden Scheidung in einer kleinen Wohnung lebt und einen unterbezahlten Job hat. Mitten in dieses Leben voller Herausforderungen platzt plötzlich David, fast 30, jung, charmant und irgendwie ganz anders. Was folgt, ist eine intensive, mitreißende Liebesgeschichte, die nicht nur Ninas Leben, sondern auch ihre gesamte Familie auf den Kopf stellt.
Die Ich-Perspektive von Nina hat mich sofort in ihre Welt hineingezogen. Es war, als würde ich einer guten Freundin lauschen, die mir ihr Herz ausschüttet – ehrlich, humorvoll und oft unglaublich berührend.
Die Kapitel aus den unterschiedlichen Perspektiven (u. a. ihrer Schwester Lena und ihrer Kinder) geben dem Roman eine Vielschichtigkeit in deren immer Nina aus der Ich-Perspektive erzählt, umrahmt von den anderen Stimmen. Man versteht nicht nur Ninas innere Kämpfe, sondern auch die Spannungen und Missverständnisse, die ihre Beziehungen prägen. Dabei wird die Komplexität von Familie und Liebe mit einem warmherzigen, manchmal scharfzüngigen Blick geschildert.
Nina ist eine starke Hauptfigur gepaart mit ihrer Verletzlichkeit, macht sie das so unglaublich menschlich. Ihre Unsicherheiten in der Beziehung mit einem jüngeren Mann, der Druck der gesellschaftlichen Erwartungen und die Herausforderungen, sich selbst treu zu bleiben, wurden toll erzählt. Gleichzeitig ist es großartig, dass sie den Mut hat, noch einmal ganz neu zu lieben – mit all der Intensität und dem Chaos, das dazugehört. Egal was die Konventionen sagen.
Der Schauplatz in der Filmbranche verleiht der Geschichte zusätzlichen Reiz. Decker, die selbst aus dieser Welt kommt, beschreibt die patriarchalen Strukturen und die oft toxische Dynamik so glaubwürdig, dass ich mich mitten in diesem Spannungsfeld wiedergefunden habe.
Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben ist ein Roman, der sich nicht scheut, große Themen wie Liebe, Verlust, Familienbande und Selbstfindung anzupacken – und das auf eine unverschämt unterhaltsame Weise. Ich habe gelacht und mitgefühlt. Besonders der Mix aus scharfem Humor, emotionaler Tiefe und authentischen Figuren macht das Buch zu einem echten Highlight.
Für mich ist es ein Buch, das zeigt, dass Glück und Liebe keine Altersgrenze kennen – und dass wir uns manchmal trauen müssen, das Leben einfach zu genießen. Absolute Leseempfehlung!

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