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Veröffentlicht am 24.03.2025

RomCom mit interessantem Setting und berührenden Themen.

How To End A Love Story
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Angeteasert als »eine der besten Liebesgeschichten des Jahres!« und in Kombination mit einem vielversprechenden Klappentext musste ich „How to end a Lovestory“ unbedingt eine Chance geben. Verlust, Trauma, ...

Angeteasert als »eine der besten Liebesgeschichten des Jahres!« und in Kombination mit einem vielversprechenden Klappentext musste ich „How to end a Lovestory“ unbedingt eine Chance geben. Verlust, Trauma, mentale Probleme und eine Quasi-Second-Chance – zumindest auf ein Kennenlernen – klangen einfach nach viel Herzschmerz. Und ja, vor allem in den letzten zwanzig Prozent bekommen wir etliche Emotionen um die Ohren gehauen, Überlegungen, die tief treffen, eine starke charakterliche Entwicklung sowie einen Mix aus Abschiedsschmerz, Loslassen und neu Anfangen. Die Handlung zuvor? Nun...

Yulin Kuang, selbst Drehbuchautorin und Regisseurin, bediente sich passend einer Rahmenhandlung, die die Produktion einer Serie umreißt. Hat es an Details über die Arbeit am Set gefehlt, mangelt es der Story zumindest nicht an zähen Stellen.
Der Stil ist eigentlich sehr gut, modern und detailreich, aber aufgrund der personalen Erzählweise durchgehend auf Distanz bedacht. Es fiel mir gerade zu Beginn schwer, aufrichtig mitzufühlen, andererseits gab es vieles, das ich aufgrund der authentischen Ausarbeitung verstehen konnte.

Bspw. Helens widersprüchliche, aber absolut echte Empfindungen. Hält sie sich zu keiner Zeit für liebenswert und gut genug; ist nie frei von Wehmut und der Scham, die sie stetig bei der Erinnerung an ihr letztes Gespräch mit Michelle, für die sie nicht ausreichte, befällt; ist noch immer wütend auf sich selbst, die Umstände und den Menschen, der ging, noch immer in Trauer, hegt die [fiktive] Autorin doch auch Gedanken über und Gefühle für ihre Schwester, die weit entfernt von rosa glänzend und Lobeshymnen sind. Auch Helens nie pausierende Suche nach Antworten und Gründen wird mehrfach aufgegriffen. Genauere Einblicke in Grant und auf seinen Lebensweg hätten die Handlung mit Sicherheit emotional aufgewertet. Der Drehbuchautor ist ein unglaublich guter Mensch, ein Mann zum Verlieben, dem es weder an Ernst noch an Humor, nicht an Leidenschaft und Tiefe fehlt. Dass er mit dem, was vor dreizehn Jahren geschah, kämpft und hadert, ist durchweg ersichtlich, wenn sich die im Klappentext erwähnte Angststörung auch nur in zwei, drei Szenen zeigt und dies sichtlich „bemüht“ wirkt.

Nichtsdestotrotz waren beide Protagonisten gut gezeichnet, im Gegensatz zu dem Übergang ihres Verhältnisses – von unfriendly zu strangers-to-friends zu love-interests in unter zwei Seiten. Ungefähr. Diese Entwicklung selbst war nicht sonderlich griffig, dafür gab es wunderbare Zweisamkeitsszenen danach. Ungeschönte, offene Gespräche, direkt und ehrlich – was Helens Versuche, sich vehement und bewusst gegen ein Mehr als nur Spaß zu sperren, nicht stoppt und sie auch nicht von der Haltung, eine Beziehung mit DIESEM Mann sei ein Tabu, abbringt …
Die expliziten Szenen setzt Kuang punktgenau und sehr spicy ein, ebenso wie den Witz, der der Geschichte trotz der tragischen Ausgangssituation, all der Selbstzweifel und des Lebensschmerzes innewohnt.
Im Gesamten gingen die Nebenfiguren ein wenig unter, wobei diese zumindest in relevanten Momenten präsent waren.

Zu Beginn vielleicht gewöhnungsbedürftig war der perspektivische Aufbau, wechselt diese doch mitten im Kapitel, einzig durch eine Leerzeile kenntlich. Hier und da wird man somit unweigerlich aus einer Szene gerissen, gleichzeitig erhält die Storyline dadurch ein gewisses Tempo.
Helens Beziehung zu ihren Eltern ist übrigens ein weiterer Punkt, der viel Gewicht bekommt – ich war hin- und hergerissen zwischen „Behaupte dich! Du bist über 30 Jahre!“ und „Omg. Ich kann’s so verstehen!“ Auch diese wichtige Problematik – für andere ein gutes, sorgenfreies Leben zu führen und Erwartungen zu erfüllen – findet, wie vieles andere, eine ausreichende Aufarbeitung und einen stimmigen Abschluss.

Insgesamt wartet in „How to end a Lovestory“ eine rührende Liebesgeschichte, die abgesehen von den erwähnten Schwächen mit Witz und Gefühl erzählt wurde, nicht an überraschenden und einheizenden Momenten sowie tiefschürfenden Erkenntnissen, nicht an Konflikten und Problemen geizt.

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Veröffentlicht am 12.03.2025

Trotz unausgereiftem Worldbuilding eine unterhaltsame Slow-Burn-Romance.

Der Halbelf, der mich liebte
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„Der Halbelf, der mich liebte“: war seicht in Sachen Spannung, ungewöhnlich bzgl. der eingebrachten Elemente und romantisch-süß.

Mit ihrer Freundin arbeitet Elle in einem kleinen Laden, in dem sie magische ...

„Der Halbelf, der mich liebte“: war seicht in Sachen Spannung, ungewöhnlich bzgl. der eingebrachten Elemente und romantisch-süß.

Mit ihrer Freundin arbeitet Elle in einem kleinen Laden, in dem sie magische Glyphen anfertigt und verkauft. Auf einen ihrer Kunden, der untypisch häufig bei ihnen vorbeischaut, hat Elle, Nachfahrin einer chinesischen Gottheit, einen Crush entwickelt. Die magisch versierte Kalligrafin ahnt weder, dass es dem attraktiven Franzosen genauso geht, noch, wer oder was Luc ist. Außerdem will sie unter allen Umständen vermeiden, dass sie einander ernsthaft näher kommen. Denn niemand soll ihre Wahrheit aufdecken …

Mia Tsai schuf eine Ausgangslage, die vor Geheimnissen strotzt, und vor Anziehung pulsiert.
Während Elle zu Anfang reserviert wirkt, distanziert, offenbart sie nach und nach eine liebevolle, fürsorgliche Seite. Zeigt sich verletzlich. Der halbelfische Agent bringt die Emotionen der jungen Frau durcheinander, dabei erkennt sie letztlich durch Luc so vieles. Dieser ist sehr charmant, achtsam und einer von den Guten. Dass es zwischen den beiden eine Menge Ungesagtes gibt, verborgene Identitäten, verleiht der Geschichte, die im Grunde ziemlich süß ist, ein bisschen Aufregung und eine mysteriöse Note. Die intensiven Empfindungen, die Elle und Luc füreinander teilen, sorgen für Humor und Romantik, für unbeholfene wie innige Augenblicke.

Tsai spart nicht an bildhaften Beschreibungen und an Details, die es und ermöglichen, die Protagonisten genau kennen- und verstehen zulernen.
„Der Halbelf, der mich liebte“ war durchweg flott und unkompliziert zu lesen. Für kurzzeitige Irritation sorgten lediglich anderssprachige, nicht übersetzte Sätze – auf die Hintergründe hierzu geht die Autorin im Nachwort ein.
Themen wie Neuanfänge, Vergebung, Selbstfindung- und akzeptanz werden angeschnitten, doch wie auch die Agentensache oberflächlich behandelt
Hingegen kamen Elle, ihr persönliches Drama sowie ihr Zustand, hin- und hergerissen zwischen Pflicht, Familie und den eigenen Wünschen, samt ihrem inneren Wachsen greifbar zur Geltung.

Der Fokus liegt auf der romantischen Entwicklung. Fans von Slow-Burn, die auf Verständnis und Akzeptanz basiert, kommen hier voll auf ihre Kosten. Mia Tsais locker-softer Stil unterstreicht diese, während auch die Gespräche und die hauptsächlich cozy Atmosphäre zu einer gemütlichen Storyline beitragen. Jedoch bleiben Worldbuilding und Spannung durchweg auf der Strecke. Der Plot ist weder besonders fantastisch, obgleich Magie und mythische Wesenheiten existieren, noch ereignisreich. Wie auch die Rahmenhandlung – die geheime Identität von Luc und seine Missionen – fungieren die Nebenfiguren eher als Beiwerk.

Nichtsdestotrotz empfand ich Herkunft und Berufung von Elle, die Elemente der chinesischen Mythologie und die Idee, einer magischen Community inkl. Agenten, interessant und originell.
Es fehlte für mich hier einfach an einer fokussierten Ausarbeitung, denn am Ende war dieses Buch eine gemütliche, seichte Slow-Burn-Romance mit einem Hauch Phantastik.

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Veröffentlicht am 03.03.2025

Cute Protagonisten, ernste Themen, gute Entwicklung.

The Story Behind Us
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„The Story behind us“ bringt neben queerer Liebe und Cozy-Vibes, neben Neuanfängen und Kuchenglück auch das Thema toxische Beziehung auf den Tisch.

~Es handelt sich um eine Kurzmeinung, da ich den Roman ...

„The Story behind us“ bringt neben queerer Liebe und Cozy-Vibes, neben Neuanfängen und Kuchenglück auch das Thema toxische Beziehung auf den Tisch.

~Es handelt sich um eine Kurzmeinung, da ich den Roman „für mich“ gehört habe, und evtl. sind daher die Namen nicht korrekt geschrieben.~

Im Vordergrund stehen James und Bentley, bezeichnet als DAS perfekte Paar. Wobei ich dies bereits vor der „Sache“, die Bentley widerfährt, nicht so empfand. Denn James will mehr vom Leben, will raus aus Juniper Falls, sich weiter entwickeln und bekommt die Gelegenheit, als er die Zusage von einem seiner favorisierten Colleges bekommt. Ein Grund zur Freude also, oder? Nicht für Bentley. Dieser hat nicht vor, eine Universität außerhalb seiner Heimatstadt zu besuchen und hält an dem Plan, sich als Partyorganisator einen Namen zu machen fest. Als er von James' neuen Möglichkeiten erfährt, fühlt er sich verraten – ohne zu hinterfragen, weshalb dieser nicht ehrlich zu ihm war – und stellt seinen Freund vor die Wahl …
Die nächsten Wochen sind angefüllt von Herzschmerz und Trauer, bis der Zufall Bentley eine wahnwitzige Idee präsentiert – doch wie das Schicksal so läuft, gerät bald alles in Schieflage …

Jellas Stil ist wie gewohnt wunderbar zu lesen, einfühlsam und authentisch, und obgleich ernste Themen aufgegriffen werden, kamen Humor, Leichtigkeit und Gemütlichkeit nicht zu kurz. Wenn ich die Protagonisten im Gesamten auch mochte, war Bentleys Reaktion, dieses trotzige und „alles oder gar nichts“ Verhalten, in meinen Augen weder sonderlich erwachsen noch gesund. Er verlangt, dass James für ihn bleibt, ohne die Bereitschaft, selbst von seinem Weg abzuweichen, nach Alternativen zu suchen, zuzuhören. Als er auf Will trifft, hofft er leise auf ein Happy End, nur mit einem anderen Menschen. Einen, der ihn wertschätzt, bleibt. Und stückchenweise wird aus dem einst vor spontanen Einfällen übersprudelnden, lebenslustigen, selbstbewussten Mann ein Schatten, der Angst hat, allein zu sein, nicht merkt, wie das Gift von ihm Besitz ergreift …

Die Autorin zeigt auf authentische Art wie sich schädliche Einflüsse einerseits rasend schnell, andererseits unbemerkt ausbreiten, wie Manipulationen wirken und Krater schlagen können, wie sich Negativität und Selbstzweifel einnisten. Wie leicht es ist, sich in (emotionaler) Abhängigkeit zu verlieren, sich in eine Rolle drängen, abschotten zu lassen. Zudem zeichnet Benks das typische Bild eines Narzissten – Will, zu Beginn charmant und fürsorglich, regelrecht unwiderstehlich, entpuppt nach und nach sein aufbrausendes, kontrollierendes und kalkulierendes, kaltes Selbst. Und dieser Wandel sorgt auch bei der Leserschaft für Unbehagen.

Zwischenzeitlich versucht James, sich auf seinen Umzug nach New York vorzubereiten. Doch dafür muss er zuvor Bentley loslassen. Und gerade seine Schwester scheint hierbei eine Hilfe zu sein, wenn auch auf andere Weise als geahnt. Den Großteil der Handlung nimmt zwar die toxische Beziehung ein, doch auch Bentleys Bruder und dessen Freundin, Logan und die Konditorei sowie deren Verkaufsschlager bekommen Raum. Ebenso wichtig ist James Familie, die ich wirklich toll fand. Durch einige Rückblicke in die Beziehung der Protagonisten bekam diese Substanz, eine griffige Basis und etliche romantische Momente. Auch fand ich die Entwicklung von Bentley authentisch inszeniert, wenn er auch erst tief fallen musste.

„The Story behind us“ ist reich an berührenden, melancholischen Augenblicken, schält Selbstzweifel hervor, schlägt Wunden. Doch erzählt Jella zugleich von innerem Wachstum und Familie, von Freundschaft und Liebe. Und garniert all das mit Witz, Süßem und Swift.

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Veröffentlicht am 23.01.2025

Was ist dein dunkelstes Geheimnis?

Seven Ways to Tell a Lie
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„Seven Ways to Tell a Lie“ ist der neue Jugend-Thriller von Colin Hadler, in dem uns der Autor in eine unbescholtene Kleinstadt führt – in der ein Video dafür sorgt, dass Chaos und Unbehagen ausbrechen ...

„Seven Ways to Tell a Lie“ ist der neue Jugend-Thriller von Colin Hadler, in dem uns der Autor in eine unbescholtene Kleinstadt führt – in der ein Video dafür sorgt, dass Chaos und Unbehagen ausbrechen …

Ein Unglück, das niemand überlebt.
Das sich nie ereignet hat, wie Jonah, einer der Toten, weiß.
Doch wer steckt hinter dem schrecklichen Deepfake und was will er/sie damit erreichen? Eine Prophezeiung? Oder nur ein schlechter Scherz?

Als immer mehr Clips auftauchen, die Jonah und seine ehemalige Clique, die vor einem Jahr zerbrochen ist, als Enya spurlos verschwand, „ansprechen“, machen sich die Jugendlichen gemeinsam auf die Suche nach den Initiatoren und nach Wahrheiten. Dabei kommen ungeahnte Geheimnisse ans Licht …

Wiedergegeben wird das Geschehen aus der Sicht von Jonah, durch den wir seine alten FreundInnen – Ruby, Victor, Samuel, Jessica, Laurin – kennenlernen und auch einiges über Enya erfahren. Thea schließt sich dem Trupp an und bereichert diesen, ist sie doch nicht vom Zwist der TeenagerInnen betroffen. Langsam verändert sich die Dynamik, wird mal enger und freundschaftlicher, bis Misstrauen und Argwohn mitmischen. Aufgrund der unterschiedlichen Charaktere und der Vielzahl (möglicher) Motive, der Tatsache, dass jedeR mindestens ein Geheimnis von mehr oder minder größerem Ausmaß hat, ist es nicht ersichtlich, wer hinter den Videos steckt – und somit führt uns der Autor gekonnt an der Nase herum.

Da „Seven Ways to Tell a Lie“ ab 13 Jahren empfohlen wird, war es wenig überraschend, dass der Stil recht einfach gehalten wurde, mir an so mancher Stelle Ernst und Tiefe, ja, auch Abwechslung und vor allem Spannung fehlten. Der Verlauf – bestückt mit immer neuen „Twists“ und Offenbarungen – selbst wirkte öfter stark konstruiert, im Showdown fehlte es mir an Details, war die Auflösung zwar hervorragend gewählt und unerwartet, jedoch rasch vorbei. Wie Hadler sensible Themen – u. A. Homophobie, Rassismus, Gewalt – einflocht, durch die die einzelnen Figuren und Reaktionen mehr Griffigkeit bekamen, ist gut gelungen und in einem Buch, das sich an eine jüngere Zielgruppe richtet, ungemein wichtig. Zusätzlich beschäftigt sich Colin mit den – aktuell heiß diskutierten – Gefahren rund um KI. Wie leicht Mensch Fake-News verbreiten, Medien manipulieren kann. Unangenehme Vorstellung, doch leider Realität.

Fazit: Ein Roman, der zum Nachdenken animiert; spaßige, gefühlvolle und spannende Sequenzen bereithält. Was ist dein dunkelstes Geheimnis?

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Veröffentlicht am 14.12.2024

Softe Story mit wichtigen Themen.

The Grain of Guilt - Klinikum St. Nikolaus
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Marie Bender will einen Neuanfang – raus aus dem Schatten ihres Vaters, raus aus einem lieblosen Elternhaus, in dem eine makellose Fassade alles ist, was zählt. Einfach weg von dem Gedanken, nie zu genügen. ...

Marie Bender will einen Neuanfang – raus aus dem Schatten ihres Vaters, raus aus einem lieblosen Elternhaus, in dem eine makellose Fassade alles ist, was zählt. Einfach weg von dem Gedanken, nie zu genügen. Um endlich frei zu sein, zieht sie von Hamburg nach München und tritt im Klinikum St. Nikolaus sogleich eine Stelle als Assistenzärztin an. Recht schnell zeigt sich: Den Namen „Bender“ wird sie auch hier nicht los. Vor allem Lionel Colbert scheint seine neue Kollegin sofort in eine Schublade zu stecken …

„The Grain of Guilt“ war mein erstes Buch von Toni Mella. Zu Beginn möchte ich sagen, dass die Autorin selbst in Medizin bewandert und Ärztin ist. Dieses Wissen ist dem Roman anzumerken und gibt sowohl dem Hospital-Setting, den Abläufen und dem Trubel als auch den anzutreffenden Erkrankungen Authentizität.
Da das Geschehen aus wechselnder Perspektive dargelegt wird, lernen wir die Protagonisten einzeln kennen.
Marie – privilegiert aufgewachsen, bevormundet durch ihren Vater, der ein bekannter und erfolgreicher Arzt ist – will endlich nicht mehr die „Tochter von …“ sein, eigene Erfahrungen machen, Erfolge erzielen. München scheint ihr dafür weit genug weg. Und abgesehen des mürrischen Colberts lebt sich die empathische Hamburgerin schnell in der Klinik und in ihrer neuen WG ein. Leider geht ihr Lionels unfaires Verhalten, der nicht müde wird, mit Vorurteilen und Spitzen um sich zu werfen, nicht aus dem Kopf. Dass sein Bruder das genaue Gegenteil von ihm ist, kann zudem nur ein Witz des Schicksals sein. Wo Lionel harsch, wortkarg und unfreundlich auftritt, ist Matthias locker, nie um einen Spruch verlegen und charmant. Aber trotz der Unterschiede sind die Geschwister unzertrennlich, eine Verbindung, die tiefer geht …
Der Ältere der Colbert-Brüder kann nicht fassen, dass er von nun an regelmäßig mit der „Tochter von …“ konfrontiert werden soll! Seit Monaten ist es ein Kampf für ihn, im St. Nikolaus zu arbeiten, und mit Marie vor der Nase und der Erinnerung, die ihr Nachname mit sich bringt, scheint sich dies jetzt auch nicht zu ändern. Gut, dass er Ablenkung und Ruhe im Kochen findet, und dieser Leidenschaft nicht nur in seiner Wohnung nachgehen kann. Auch das Eishockey und die Pub-Abende muss er ja zum Glück nicht mit ihr verbringen … Dachte er zumindest, blöd nur, dass Benders Mitbewohnerinnen Freundinnen der Brüder sind und Matthias einen Narren an der Neuen gefressen hat.

Diese Geschichte wurde in einem ruhigen, modernen Ton erzählt und schreitet rasch voran. Dadurch bleibt kaum Zeit für eine nachvollziehbare – emotionale – Entwicklung und auch die gewichtigen Themen müssen auf den Raum, den es bräuchte, um sich entfalten zu können, verzichten. Wir bekommen einen Eindruck von Maries Kindheit und Jugend, ihren kalten Eltern, deren Aufmerksamkeit sie sich verdienen musste; ihren ungesunden Bewältigungsstrategien und der Stärke, die sie in sich fand, um diesen Einhalt zu gebieten. Für mich blieb das alles etwas zu undeutlich.
Lionels Ängste und Schuldgefühle, seine immer währende Sorge um Matthias, die liebevolle Bindung der Brüder und die Doppelbelastung, die der 27-Jährige durch zwei Jobs trägt, waren im Vergleich greifbarer. Ob seine Abneigung und sein vorschnelles Urteilen angemessen sind, sei dahingestellt. Der romantische Aspekt, das Spiel aus heiß-kalt, brachte wenig Neues mit sich, passierte einfach. Hier und da fand ich Verhaltensweisen zu überdramatisiert, zu abrupt und Lionels Augen zu blau. Dafür hält der Verlauf die eine oder andere Spannungskomponente bereit, Momente, die zum mit bangen verleiten und unvorhergesehene Ereignisse.
Beide kämpfen mit der Vergangenheit, kämpfen in der Gegenwart – ob sie es schaffen, ihre Differenzen beizulegen und einander eine wirkliche Chance zu geben?

„The Grain of Guilt“ erinnert daran, wie kurz das Leben und wie wichtig es ist, das zu tun, was man liebt, dass jedem Ende ein neuer Anfang inneliegt und in jedem von uns ungeahnte Stärke steckt. Toni Mella animiert dazu, genauer hinzuschauen, unsere Träume zu verfolgen und uns bewusst zu machen, dass wir mehr sind als ein Name, ein Fehler oder eine Diagnose.

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