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Veröffentlicht am 11.02.2025

Amüsante Unterhaltung

Elternabend
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Sascha Nebel rauscht mit geklautem SUV in eine Klimademo und merkt es zunächst gar nicht. Eine der Aktivistinnen zertrümmert mit einem Baseballschläger seine Xenonlichter, bevor sie sich der Windschutzscheibe ...

Sascha Nebel rauscht mit geklautem SUV in eine Klimademo und merkt es zunächst gar nicht. Eine der Aktivistinnen zertrümmert mit einem Baseballschläger seine Xenonlichter, bevor sie sich der Windschutzscheibe widmet und nach dem Dach die Rücklichter demoliert. Sascha sieht etwa dreihundert Meter vor sich das erste polizeiliche Einsatzfahrzeug und weiß, dass er abhauen muss. Die Aktivistin sieht das genauso wie er und ist einige Millisekunden schneller. Sascha hechtet ihr in ein Waldstück hinterher. Zwei Polizisten sind ihnen dicht auf den Fersen. Sascha entledigt sich im Spurt seines Jacketts und klettert einen Hang hinauf. Am Ende des Hügels erwartet ihn ein Reisebus. Eine ältere Frau mit wilder Mähne steht auf den Einstiegsstufen und erkennt ihn als Herr Schmolke, der er nicht ist. Einer der Polizisten kommt näher und so entscheidet Sascha sich einzusteigen, blickt direkt in die Augen der Klimaterroristin und setzt sich zu ihr. Auch die Fahrgäste erkennen ihn als Lutz Schmolke und die Frau neben ihm als Christin Schmolke, offenbar seine Frau. Während er versucht, sich einen Reim auf die außergewöhnliche Situation zu machen, studiert er die anderen Fahrgäste. Gleich hinter ihm, Mann, der sich als Witzbold ausgibt: Der Hase, der tot war, wieder ausgegraben wurde, gewaschen und geföhnt zurück in seinen Stall gesetzt wurde. Lacher auf seiner Seite. Ganz hinten letzte Reihe hagerer Typ, der ihn düster ansieht. Einige Frauen beschwichtigender Ton, wenn deren Männer zu laut lachen. Sascha würde gerne an der nächsten Raststätte aussteigen, ganz egal, wo die sein wird. Er überlegt, eine dringende Pipipause zu simulieren, aber der Bus ist bestens ausgestattet. Damit wird er nicht durchkommen.

Fazit: Da ich weder Thriller noch Krimis gerne lese, mir aber Sebastian Fitzek namentlich immer wieder begegnet ist, dachte ich mir, dass ich seinen ersten Nichtthriller lesen sollte. Die Geschichte ist stark konstruiert, aber auch lustig. Sein lakonischer Schreibstil hat mich gut unterhalten. Der Protagonist ist ein depressiver Mann mittleren Alters, der einen enormen Verlust bewältigen muss. Er schlittert in eine Situation, die ungewöhnlicher nicht sein könnte und durchlebt zahlreiche Peinlichkeiten, die sich an Situationskomik überbieten. Natürlich waren auch zahlreiche Plattitüden vorhanden. Ein bisschen befremdlich ist, dass Fitzek eine Krankheit wie Depression und auch die tragischen Hintergründe des Protagonisten etwas salopp abgehandelt hat. Ich mag mich aber nicht aufspielen, vielleicht ist Verdrängung, auch eine gesunde Art damit umzugehen. Ich habe mich jedenfalls (ohne großes Nachdenken) amüsant unterhalten gefühlt.

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Veröffentlicht am 28.01.2025

Ein warmer, menschlicher Roman

Ein Hund an meiner Tafel
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Ein geflüchtetes Wesen kriecht durch den trockenen Sonnenhut, erhebt sich und sprintet etwas. Sophie erhebt sich und da steht es in einigem Abstand zu ihr, zerzaust, abgemagert, scheu. Sophie kann die ...

Ein geflüchtetes Wesen kriecht durch den trockenen Sonnenhut, erhebt sich und sprintet etwas. Sophie erhebt sich und da steht es in einigem Abstand zu ihr, zerzaust, abgemagert, scheu. Sophie kann die zerrissene Kette sehen. Sie geht langsam rückwärts ins Haus, flüstert, dass sie etwas zu Essen holt.

Uns stockte der Atem, wir zitterten. Beide. Gemeinsam. S. 10

Sophies Mann Grieg und sie haben sich vor drei Jahren in die Vogesen zurückgezogen. Sie leben in der Abgeschiedenheit eines einzelnen Hauses am weiten Rand von Les Bois-Bannis. Der Ortsname bedeutet Verbannte Wälder und steht dafür, wie sie sich fühlen. Seltsam, verbannt, freiwillig ausgeschlossen. Zwei bucklige alte, steif, hölzern und morsch wie die raue Umgebung. Sie waren nie Menschenfreunde, Grieg noch weniger als sie in seiner zynischen Unbeugsamkeit. Während ihre Körper verfallen, werden sie mehr und mehr zu den Kindern, die sie einst waren, wunderlich. Und damit entsteht eine neue Art der Liebe.

Die verwilderte kleine Hündin erscheint wenige Tage darauf, als Sophie von ihrem Verlag zurückgereist kommt. Da sitzt sie am Rande der Wiese und blickt sie an. Sie kommt mit hinein und Sophie kann sie untersuchen. Sieht die schwarzblauen Hämatome an Rippen und Bauch. Das Geschlecht der Hündin ist aufgerissen, als sei sie vergewaltigt worden. Sophie holt Essigwasser, Bürste und Zeckenzange und während sie den Hund pflegt, weint sie in ihr Fell. Sie nennt das misshandelte Wesen Yes. Ursprünglich waren sie und Grieg in die Einöde gegangen, um sich vor der Gesellschaft zu schützen, doch mit dem Schicksal der Hündin holt Sophie der ganze Schmerz, die Unvernunft der Menschen, die Ausbeutung der Natur und der Hang schwächere zu quälen, wieder ein.

Fazit: Claudie Hunzinger hat einen warmen menschlichen Roman geschaffen. Die Stimmfarbe ist französisch melodisch und voller Poesie. Sie erzählt von einem alten, sonderlichen Paar, das sich eigensinnig aus der Gesellschaft ausschließt, um der Unberechenbarkeit des Menschen und dem Raubbau an der Natur zu entfliehen. Beide sind zu feinfühlig und offen, um sich vor den menschengemachten Tatsachen zu verschließen. Grieg flüchtet in seine Welt der Bücher, die ihm eine Offenbarung sind. Sophie schreibt an ihrem dritten Buch und findet den Anfang nicht. Mit der Hündin bekommt ihr Leben einen tieferen Sinn und eine Aufgabe. Ich mochte diese Geschichte voller wichtiger Sätze und Einsichten sehr. Das Thema Zoophilie hat mich hart getroffen, meinen Würgereflex ausgelöst und mich innerlich schreien lassen. Ja, menschliche Abgründe können einen ganz tief in den Wald hineinjagen. Meine Leseempfehlung für dieses leise Buch mit den großen Themen Altwerden, Liebe, Fürsorge und Freiheit.

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Veröffentlicht am 24.01.2025

Deprimierendes Lebensgefühl

Dancing Queen
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Paulina ist Mitte dreißig, gerade hat sich Felipe von ihr getrennt. Zumindest kommt es ihr so vor. Sie tauschen sich immer noch körperlich aus, nachdem er vom Fußballspiel verschwitzt in ihre Dusche gesprungen ...

Paulina ist Mitte dreißig, gerade hat sich Felipe von ihr getrennt. Zumindest kommt es ihr so vor. Sie tauschen sich immer noch körperlich aus, nachdem er vom Fußballspiel verschwitzt in ihre Dusche gesprungen ist, aber sie sind auseinandergedriftet.

Jeden Mittag, an dem sie arbeitet, wartet sie auf ihre Kollegin und Beinahe-Freundin Maite, damit sie Paulinas Hunger stillen können, bevor sie pampig wird. Maite sieht zehn Jahre jünger aus als sie ist und trägt blasse Kleidung, die Menschen dazu verleitet, ihr einen Vitaminmangel zu attestieren. Jeden Mittag erzählt Maite Paulina von dem Mann, der sie einmal trifft und sich dann tagelang nicht meldet. Sie sinniert tränenreich über die Tatsache, dass er womöglich zu ängstlich ist, eine feste Bindung einzugehen. Sie bedauert, dass ihr die Zeit davonläuft und ihren Kinderwunsch zerrinnen lässt. Paulina kommentiert lakonisch, was Maite nur noch mehr weinen lässt. Paulina sind diese Gespräche zuwider, das Gejammer und Geheule.

Paulina sitzt in ihrem Auto und kann sich nicht bewegen. Ihr Auge schmerzt höllisch, als stecke etwas darin. Sie spürt ihre Beine und Füße nicht. In ihrem Nacken macht sich ein kühles Rinnsal breit, das sie nicht zuordnen kann. Was macht sie hier? Von hinten hört sie eine junge Mädchenstimme, die sie Paulina nennt. Die Stimme sagt ihr nichts, warum ist das Mädchen bei ihr im Wagen? Paulina denkt an Maite.

Maite hatte die Idee, ihren Vater zu besuchen, runter nach Buenos Aires, ein bisschen entspannen. Paulina schließt sich sofort an und schon bald sitzen sie in Paulinas Auto und fahren auf eine gerade Bundesstraße. Sie wechseln sich ab und Paulina erinnert sich an den Film Thelma und Louise.

Paulina hört Sirenen, kurz darauf sieht sie die flackernden Lichter. Das Mädchen hinter ihr ist ausgestiegen. Es fragt, wo der Hund ist, geht um den Wagen herum, sieht Paulina an und schreit.

Fazit: Camila Fabbri entführt mich in das Erleben einer nicht mehr ganz jungen Frau. Die Protagonistin denkt viel spricht aber wenig. Wenn sie redet, dann in einem rotzigen, lakonischen Ton, der Gleichgültigkeit signalisiert. Sie macht einen öden Job, der ihr nichts abverlangt. Ihr Freund behandelt sie lieblos, sie ihn ebenfalls. Sie hat keine Freunde. Alles scheint ihr einerlei, egal, nichts ist wichtig. Dann passiert eine Tragödie, die sie in ihren Grundfesten erschüttert. Plötzlich wird sie empathisch und trifft eine Entscheidung mit schwerwiegenden Folgen. Die Autorin zeigt das Leben einer Frau Mitte dreißig, die sich eine rosige Zweisamkeit abgeschminkt hat. Sie weiß, dass sie den Alterungsprozess nicht aufhalten kann und in kein typisches Frauenbild passt. Sie konsumiert Pornos gegen ihre Einsamkeit und fristet ein liebloses Dasein. Die Geschichte ist gut gemacht. Paulina hat einen schweren Unfall und sitzt bewegungsunfähig hinter dem Lenkrad. Von dort rekonstruiert sie ihre jüngste Vergangenheit und findet heraus, wie sie in diese Situation geraten ist. Das Ende habe ich nicht wirklich verstanden, das hat meinen Lesegenuss aber nicht geschmälert. Es könnte eben so oder so sein.

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Veröffentlicht am 23.01.2025

Satire über den Zustand unserer Gesellschaft

Das Leben ist eins der Härtesten
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Renate Gabor ist traurig. Ihr Malteser Mischling Mandarine-Schatzi ist mit dem Kopf in einer Punikaflasche steckengeblieben und erstickt. Sie hatte das Tier noch wiederbeleben wollen, aber ihre Hilfe kam ...

Renate Gabor ist traurig. Ihr Malteser Mischling Mandarine-Schatzi ist mit dem Kopf in einer Punikaflasche steckengeblieben und erstickt. Sie hatte das Tier noch wiederbeleben wollen, aber ihre Hilfe kam zu spät. Sie war nur kurz mit der Zumbatruppe unterwegs gewesen, mit so was hätte sie nie gerechnet. Jetzt hat sie eine Traueranzeige im Detmolder Kurier geschaltet. Einerseits wünschte sie, ihr Sohn Thorsten sei hier, andererseits ist der schwul, eigensinnig und passt in keine Handtasche. Sie hatte Mandarine-Schatzi in Ungarn gefunden. Dort hatte sie sich zu einem Spottpreis das Kinn absaugen lassen. Der Hund lebte auf einer Tötungsstation und lugte durch den Zaun. Renate war auf der Stelle schockverliebt.

Silke, eigentlich Renates Freundin, zurzeit gehen sie sich etwas aus dem Weg, arbeitet in der Bahnhofsmission. Ihr Vorgesetzter ist der Herr Marquard, ehemals Coach für große Unternehmen, der sich langweilte und eine neue Herausforderung suchte. Jetzt will er diesen Ort der Nächstenliebe in eine seelenlose Relaxzone für den gehobenen Mittelstand verwandeln. Die Obdachlosen dürfen sich nicht mehr allzu wohl fühlen, ist seine Ansage. Silke isst neuerdings weniger, weil ihr Mann Roland meinte, ihr Hintern hätte seit ihrer Hochzeit einen gewaltigen Hagelschaden erlitten.

Willy-Martin arbeitet in einem Taubenschlag für Zuchttiere. Wenn er nach Hause kommt, spielt er gerne online Kniffel, um sich zu zerstreuen. Seine neuste Mitspielerin ist Kerstin alias „Knochenbrecherin“. Sie haben sich mittlerweile auch schon geschrieben und planen ein Kennenlernen. Willy-Martin hofft, dass er kein allzu abschreckendes Bild von sich gibt. Bisher hatte er kein Glück mit Frauen.

Fazit: Giulia Becker hat in ihrem Debüt eine bissigböse Satire über den Zustand unserer Gesellschaft erzählt. Sie rupft einige Federn und so parodiert sie den Kaufrausch via Homeshopping als Kompensation für Traurigkeit. Das Onlinedating gegen die Einsamkeit und zeigt, wie man sich in seinem virtuellen Gegenüber täuschen kann. Alte weiße Männer mit großen Egos und wenig Mitgefühl, die auf Erfolg getrimmt sind und ihren mangelnden Selbstwert unterdrücken müssen. Postmenopausale selbstoptimierungsfanatische Frauen, die Scammern auf den Leim gehen. Die Autorin bringt die liebenswerten Charaktere mit den egoistischen in eine Geschichte und lässt sie aufeinander los. Das ist herrlich skurril und lustig erzählt. Und es wird klar, warum sie im Autorenteam von Jan Böhmermann sitzt, dessen ätzenden Humor ich selten schätze (ich habe es aber auch schnell aufgegeben) Am Ende waren mir manche Eigenheiten (Niesattacken) ein bisschen zu viel, aber grundsätzlich habe ich mich humorvoll und ideenreich unterhalten gefühlt.

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Veröffentlicht am 22.01.2025

Ziemlich schräg

Stadt
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Tues Mutter leidet unter der verpfuschten Operation eines Arms. Für ihren Verdienstausfall hat sie von der Versicherung 900.000 Kronen bekommen. Die Schulden sind bezahlt und ein paar Gartenmöbel waren ...

Tues Mutter leidet unter der verpfuschten Operation eines Arms. Für ihren Verdienstausfall hat sie von der Versicherung 900.000 Kronen bekommen. Die Schulden sind bezahlt und ein paar Gartenmöbel waren auch noch drin. Einen der Plastikstühle hat sie an dem Fahnenmast gehisst, so was macht sie manchmal. Sie nimmt Tabletten, damit sie aus dem Bett kommt und wieder fast wie früher ist. Nach dem Aufstehen allerdings liegt sie auf dem Sofa, raucht und sieht fern. An manchen Tagen setzt sie sich ins Auto und verschwindet einfach für Stunden oder halbe Tage. Tues Vater arbeitet im Sommer als Landschaftsgärtner und im Winter als Schlachter. Im Ort redet niemand mit ihnen. Tue weiß nicht, wann das angefangen hat.

Auf einer Fahrt im Wagen seiner Mutter erzählt sie Tue, dass sie sich verliebt hat, dass sie sich trennen will, Tue könne doch mitkommen. Er will davon nichts hören, droht es seinem Vater zu erzählen. Sie droht ihm, seinem Vater zu sagen, dass Tue schwul ist. Er würde ihn umbringen, wenn er das erführe. Zuhause bietet sich das immer gleiche Bild. Frühstück, Schule, schmutzige, enge Wohnung. Der schlecht gelaunte Vater, der stille Bruder, die unglückliche Mutter auf dem Sofa oder abwesend.

Fazit: Der Anfang zwanzigjährige Autor wird für seine Tue-Trilogie in Dänemark gefeiert. In Stadt, dem zweiten Teil führt er seinen Protagonisten durch eine ziemlich schräge Coming of Age Story. Das Setting wirkt nofuturemässig. Die Mutter leidet an einer bipolaren Depression. Als sie Tues Vater heiratete, hatte sie sich mehr von ihm versprochen. Ihre Zockersucht treibt die Familie in Schulden. Der Vater ist als Ernährer, der sich durch schlecht bezahlte Jobs hangelt, überfordert. Seine schlechte Laune macht ihn unberechenbar. Der Geldsegen bringt keine Entspannung in die Familie. Tue ist melancholisch und wütend zugleich. Er möchte seine Sexualität ausleben, hat aber auch Angst davor. Die Stimmung der Geschichte ist zuerst amüsant, dann immer aussichtsloser und düsterer. Dabei zuzusehen, in welche Situationen Tue sich bringt, ist unangenehm, fast schmerzlich. Die Story wirkt authentisch, alles ist stimmig, so eine Familie mit dieser destruktiven Dynamik wird es sicher geben, nicht nur eine. Ein Buch für alle, die einen Blick hinter die Vorhänge werfen möchten. Ich habe den ersten Teil nicht gelesen und auch nicht vermisst. Man kann problemlos mit diesem zweiten Teil starten, um Tue kennenzulernen.

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