Wie Begehren geweckt wird
Die VerdorbenenJohann studiert in den 70er-Jahren Germanistik in Marburg an der Lahn. Von den dreihundert Mark seiner Eltern muss er das Zimmer zahlen und sich verpflegen. Doch dann kündigt sein Vater bei der örtlichen ...
Johann studiert in den 70er-Jahren Germanistik in Marburg an der Lahn. Von den dreihundert Mark seiner Eltern muss er das Zimmer zahlen und sich verpflegen. Doch dann kündigt sein Vater bei der örtlichen Redaktion und der Sohn ist auf sich allein gestellt. Ihr Verhältnis war bis dahin angestrengt, denn sie überboten sich im Besserwissen. Seine Mutter, die promovierte Literaturwissenschaftlerin, die nie gelehrt hatte, kam ursprünglich aus England. Johann bewirbt sich als Tutor, um die neuen Studenten einzuführen und verdient sich damit mehr dazu als er braucht. Sein Vater hatte ihn, als er sechs war, einmal gefragt, was sein Wunsch für ein ganzes Leben sei. Darüber musste Johann erst gründlich nachdenken und sie vertagten das Gespräch auf den nächsten Morgen. Johann blieb seinem Vater die Antwort schuldig, denn er würde in seinem Leben einmal einen Mann töten wollen, aber das konnte er seinem Vater ja nicht sagen und der fragte gott sei Dank auch nicht mehr danach. Seine Mutter traute ihm wenig zu, außer vielleicht ein guter Mensch zu werden.
Am Wochenende des Semesterendes war er mit seinen Studenten aufs Land, in ein Heim der Universität, gefahren. Ein Paar war dabei, das erzählte, schon seit der Volksschule zusammen zu sein. Er hieß Tommi, war dünn und groß und narbig im Gesicht, sprach sanft und leise. Sie gehörten einander, deshalb fanden sie innerhalb der Gruppe nicht recht ihren Platz, blieben außerhalb der Dynamik. Johann spazierte mit Tommis Christiane um den See, sie wäre ihm nicht groß aufgefallen. Sie sprachen über Belangloses.
Die Woche darauf bat das Paar ihn etwas mit ihnen trinken zu gehen. Nachdem sie einen Platz gefunden hatten, schwiegen sie lange. Dann sagte Christiane spontan, dass sie zu Johann ziehen werde. Er wohnte in einer Vierer WG und verstand nicht, was sie ihm damit sagen wollte. Als sie nach draußen gingen, war Johann kurz mit ihr allein und hakte nach. Sie werde sich von Tommi trennen und mit ihm zusammen sein. Johann sagte ihr, dass er das nicht wolle. Sie drehte sich um und rannte weg.
Fazit: Was für ein sonderbarer Anfang einer Geschichte, die sehr genau austariert ist. Michael Köhlmeier hat einen recht wankelmütigen Protagonisten geschaffen. Seit er von der augenscheinlichen Verliebtheit Christianes erfahren hat, lässt er seine Gedanken immer wieder um die Möglichkeit kreisen, eine Frau an seiner Seite zu wissen, obwohl er zuvor nie das Bedürfnis nach Zweisamkeit verspürte und Christiane auch nicht attraktiv findet. Die Aussicht auf eine Partnerschaft und auch darauf Tommi die Frau zu nehmen, beginnt ihn zu beherrschen. Der Autor zeigt, wie Begehren geweckt wird. Im Immergleichen jedoch wird die Gier fad und muss neu angefacht werden. Die Gratwanderung zwischen Neugier und Lust kann bald die Grenzen des guten Geschmacks überschreiten und mehr als unangenehm werden. Ich mag die Schreibweise des Autors, die abstrusen Charaktere. Von mir eine Leseempfehlung für diesen Klassiker.