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Veröffentlicht am 03.03.2025

Ein humorvoller Unterhaltungsroman mit gewissen Tiefen

Von hier aus weiter
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Marlene ist Mitte siebzig und gerade Witwe geworden. Ihr Mann war schwer krank und wollte in Würde sterben, sich die letzte Hürde der Pflegebedürftigkeit und der Schmerzen ersparen, deswegen hat er nachgeholfen. ...

Marlene ist Mitte siebzig und gerade Witwe geworden. Ihr Mann war schwer krank und wollte in Würde sterben, sich die letzte Hürde der Pflegebedürftigkeit und der Schmerzen ersparen, deswegen hat er nachgeholfen. Vor fünf Jahren hatte die resolute Ida Polanski Rolfs Arztpraxis übernommen und wurde ihm eine Vertraute.

Rolfs und Marlenes Plan gab vor, gemeinsam zu gehen, doch dann war Marlene mit starken Kopfschmerzen neben ihrem leblosen Mann erwacht. Er hinterließ ihr das große Haus, eine gehörige Portion Wut und einen ganzen Schrank voller Sedativa.

Es dauerte nie länger als zwanzig Minuten, bis die Wirkung einsetzte, dieses wattige Rauschen, das ihre Gedanken auseinandertrieb und alles, was zuvor streng und unbarmherzig war, in breiweiche Belanglosigkeit verwandelte. S. 20

Die Beisetzung ist für Marlene eine Tortur, die sie schnell hinter sich bringen will. Rolfs drei Söhne aus erster Ehe und deren sechzehn Enkel haben sich um die angemessene Verabschiedung gekümmert. Die Kinder, von denen sie namentlich drei benennen kann, was die schwarzen Kostümchen, die sie wie Krähen erscheinen lassen, erschweren. Marlene hatte sich nie etwas aus Familienfeiern gemacht.

Wieder zu Hause angekommen empfängt Marlene den Klempner, den sie wegen ihrer Duscharmatur gerufen hatte und der entpuppt sich als einer ihrer ehemaligen Grundschüler, aber nicht nur das.

Fazit: Susann Pásztor hat eine skurrile Geschichte erzählt. Die Protagonistin lebte ihr Leben eher vor sich hin, als dass sie es gefeiert hätte. Deshalb fiel ihr der Gedanke, zusammen mit ihrem Mann aus dem Leben zu scheiden, gar nicht schwer. Sie hat keine eigenen Kinder und zu denen ihres Mannes keinen Bezug. Sie ist wütend, als sie erfährt, dass ihr absichtlich kein Freitod vergönnt war und hadert weiterhin mit ihrem Dasein. Im Laufe der Geschichte drängen sich verschiedene Menschen in ihre Existenz, die sie zum Weiterleben motivieren wollen. Die Autorin erzählt humorvoll und umschifft die harten Fakten einer Frau, die schon während ihrer Ehe einsam war und sich fremdbestimmt fühlte. Die Gefahr, dass die Geschichte ins Oberflächliche, Belanglose rutscht, ist vorhanden und hat mich Mitte des Buches eingenommen. Ich habe mich aber durch die Situationskomik amüsant unterhalten gefühlt. Tja, und müssen schwierige Lebensumstände auch immer schwerwiegend verhandelt werden? Ich denke nein. Ein humorvoller Unterhaltungsroman mit gewissen Tiefen.

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Veröffentlicht am 12.02.2025

Leich, lustig und unterhaltsam

Der Maulwurf
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Anna, Sascha und die Teenagerin Marie sind angekommen in ihrem Haus auf dem Land, umgeben von 1.800 Quadratmetern Garten. Sascha ist Sustainabilitymanager bei Schicks und zuständig für alle Fragen der ...

Anna, Sascha und die Teenagerin Marie sind angekommen in ihrem Haus auf dem Land, umgeben von 1.800 Quadratmetern Garten. Sascha ist Sustainabilitymanager bei Schicks und zuständig für alle Fragen der Nachhaltigkeit in Sachen Produktion und Firmenpräsentation. Selbstverständlich hat er sich einen schicken E-Roller gekauft. Damit rollt er zum Bahnhof, steigt in den Zug und von dort gleitet er in die Firma, bis mitten hinein ins Foyer, um am Empfang noch eine Ehrenrunde zu drehen und die Bewunderung seiner Mitarbeiter einzuheimsen.

Sascha möchte nachhaltig mähen und diskutiert mit dem Baumarktmitarbeiter seine Ideale. Es scheint allerdings, als wolle der ihm unbedingt einen stinkenden PS starken Aufsitzmäher verkaufen. Sascha aber besteht auf einem Handmäher. Zuhause fällt sein staunender Blick auf eine kleine Erderhebung. Während er mit dem Mäher seine ersten Bahnen zieht, versucht er den kleinen Wall zu ignorieren. Nach der dritten Bahn zittern seine durchtrainierten Arme und an den Händen bilden sich Blasen. Er trinkt zwei Gläser Wasser und lässt sich von Anna die Hände pflastern. Für heute ist erst einmal Schluss.

Am nächsten Morgen steht er wie immer um 6:30 Uhr auf, trinkt ein Glas Wasser, duscht, bereitet sein Müsli aus Hafer, Apfel, Banane und Leinsamen, öffnet die Terrassentür und schaut mit seinem Hafermilchkaffee in den Garten. Sascha staunt nicht schlecht, denn der eine Hügel hat sich vergrößert und daneben sind zwei weitere entstanden. Jetzt stören sie gewaltig die Blickachse und Sascha wird klar, dass er etwas unternehmen muss.

Fazit: Mark Spörrle hat eine Satire geschaffen, die definitiv skurril ist. Der Protagonist, ein extrem ordnungsliebender Mensch, der seinem rituell gestalteten Alltag folgt, wird mit der unberechenbaren Natur konfrontiert, einem nicht kontrollierbaren Maulwurf, der zu allem Übel unter Naturschutz steht und von seiner Tochter heiß geliebt wird. Sascha steigert sich im Laufe der Geschichte so sehr in die Existenz des kleinen Erdterroristen, dass ihm sein gesamtes Leben entgleitet. Ich verstehe diese witzige Geschichte auch als Parodie auf die Ökohysterie. Der Autor bedient sich jeder Menge Klischees, aber das darf Satire auch, gilt es doch Situationen zu überspitzen. Der Autor schreibt richtig unterhaltsam und animiert die bildliche Vorstellungskraft. Und so habe ich seitenweise mit Sascha im Dreck gekniet und den Maulwurf beschworen, den Garten zu verlassen und sich anderswo nützlich zu machen. Das war leicht, lustig und unterhaltsam.

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Veröffentlicht am 11.02.2025

Amüsante Unterhaltung

Elternabend
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Sascha Nebel rauscht mit geklautem SUV in eine Klimademo und merkt es zunächst gar nicht. Eine der Aktivistinnen zertrümmert mit einem Baseballschläger seine Xenonlichter, bevor sie sich der Windschutzscheibe ...

Sascha Nebel rauscht mit geklautem SUV in eine Klimademo und merkt es zunächst gar nicht. Eine der Aktivistinnen zertrümmert mit einem Baseballschläger seine Xenonlichter, bevor sie sich der Windschutzscheibe widmet und nach dem Dach die Rücklichter demoliert. Sascha sieht etwa dreihundert Meter vor sich das erste polizeiliche Einsatzfahrzeug und weiß, dass er abhauen muss. Die Aktivistin sieht das genauso wie er und ist einige Millisekunden schneller. Sascha hechtet ihr in ein Waldstück hinterher. Zwei Polizisten sind ihnen dicht auf den Fersen. Sascha entledigt sich im Spurt seines Jacketts und klettert einen Hang hinauf. Am Ende des Hügels erwartet ihn ein Reisebus. Eine ältere Frau mit wilder Mähne steht auf den Einstiegsstufen und erkennt ihn als Herr Schmolke, der er nicht ist. Einer der Polizisten kommt näher und so entscheidet Sascha sich einzusteigen, blickt direkt in die Augen der Klimaterroristin und setzt sich zu ihr. Auch die Fahrgäste erkennen ihn als Lutz Schmolke und die Frau neben ihm als Christin Schmolke, offenbar seine Frau. Während er versucht, sich einen Reim auf die außergewöhnliche Situation zu machen, studiert er die anderen Fahrgäste. Gleich hinter ihm, Mann, der sich als Witzbold ausgibt: Der Hase, der tot war, wieder ausgegraben wurde, gewaschen und geföhnt zurück in seinen Stall gesetzt wurde. Lacher auf seiner Seite. Ganz hinten letzte Reihe hagerer Typ, der ihn düster ansieht. Einige Frauen beschwichtigender Ton, wenn deren Männer zu laut lachen. Sascha würde gerne an der nächsten Raststätte aussteigen, ganz egal, wo die sein wird. Er überlegt, eine dringende Pipipause zu simulieren, aber der Bus ist bestens ausgestattet. Damit wird er nicht durchkommen.

Fazit: Da ich weder Thriller noch Krimis gerne lese, mir aber Sebastian Fitzek namentlich immer wieder begegnet ist, dachte ich mir, dass ich seinen ersten Nichtthriller lesen sollte. Die Geschichte ist stark konstruiert, aber auch lustig. Sein lakonischer Schreibstil hat mich gut unterhalten. Der Protagonist ist ein depressiver Mann mittleren Alters, der einen enormen Verlust bewältigen muss. Er schlittert in eine Situation, die ungewöhnlicher nicht sein könnte und durchlebt zahlreiche Peinlichkeiten, die sich an Situationskomik überbieten. Natürlich waren auch zahlreiche Plattitüden vorhanden. Ein bisschen befremdlich ist, dass Fitzek eine Krankheit wie Depression und auch die tragischen Hintergründe des Protagonisten etwas salopp abgehandelt hat. Ich mag mich aber nicht aufspielen, vielleicht ist Verdrängung, auch eine gesunde Art damit umzugehen. Ich habe mich jedenfalls (ohne großes Nachdenken) amüsant unterhalten gefühlt.

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Veröffentlicht am 28.01.2025

Ein warmer, menschlicher Roman

Ein Hund an meiner Tafel
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Ein geflüchtetes Wesen kriecht durch den trockenen Sonnenhut, erhebt sich und sprintet etwas. Sophie erhebt sich und da steht es in einigem Abstand zu ihr, zerzaust, abgemagert, scheu. Sophie kann die ...

Ein geflüchtetes Wesen kriecht durch den trockenen Sonnenhut, erhebt sich und sprintet etwas. Sophie erhebt sich und da steht es in einigem Abstand zu ihr, zerzaust, abgemagert, scheu. Sophie kann die zerrissene Kette sehen. Sie geht langsam rückwärts ins Haus, flüstert, dass sie etwas zu Essen holt.

Uns stockte der Atem, wir zitterten. Beide. Gemeinsam. S. 10

Sophies Mann Grieg und sie haben sich vor drei Jahren in die Vogesen zurückgezogen. Sie leben in der Abgeschiedenheit eines einzelnen Hauses am weiten Rand von Les Bois-Bannis. Der Ortsname bedeutet Verbannte Wälder und steht dafür, wie sie sich fühlen. Seltsam, verbannt, freiwillig ausgeschlossen. Zwei bucklige alte, steif, hölzern und morsch wie die raue Umgebung. Sie waren nie Menschenfreunde, Grieg noch weniger als sie in seiner zynischen Unbeugsamkeit. Während ihre Körper verfallen, werden sie mehr und mehr zu den Kindern, die sie einst waren, wunderlich. Und damit entsteht eine neue Art der Liebe.

Die verwilderte kleine Hündin erscheint wenige Tage darauf, als Sophie von ihrem Verlag zurückgereist kommt. Da sitzt sie am Rande der Wiese und blickt sie an. Sie kommt mit hinein und Sophie kann sie untersuchen. Sieht die schwarzblauen Hämatome an Rippen und Bauch. Das Geschlecht der Hündin ist aufgerissen, als sei sie vergewaltigt worden. Sophie holt Essigwasser, Bürste und Zeckenzange und während sie den Hund pflegt, weint sie in ihr Fell. Sie nennt das misshandelte Wesen Yes. Ursprünglich waren sie und Grieg in die Einöde gegangen, um sich vor der Gesellschaft zu schützen, doch mit dem Schicksal der Hündin holt Sophie der ganze Schmerz, die Unvernunft der Menschen, die Ausbeutung der Natur und der Hang schwächere zu quälen, wieder ein.

Fazit: Claudie Hunzinger hat einen warmen menschlichen Roman geschaffen. Die Stimmfarbe ist französisch melodisch und voller Poesie. Sie erzählt von einem alten, sonderlichen Paar, das sich eigensinnig aus der Gesellschaft ausschließt, um der Unberechenbarkeit des Menschen und dem Raubbau an der Natur zu entfliehen. Beide sind zu feinfühlig und offen, um sich vor den menschengemachten Tatsachen zu verschließen. Grieg flüchtet in seine Welt der Bücher, die ihm eine Offenbarung sind. Sophie schreibt an ihrem dritten Buch und findet den Anfang nicht. Mit der Hündin bekommt ihr Leben einen tieferen Sinn und eine Aufgabe. Ich mochte diese Geschichte voller wichtiger Sätze und Einsichten sehr. Das Thema Zoophilie hat mich hart getroffen, meinen Würgereflex ausgelöst und mich innerlich schreien lassen. Ja, menschliche Abgründe können einen ganz tief in den Wald hineinjagen. Meine Leseempfehlung für dieses leise Buch mit den großen Themen Altwerden, Liebe, Fürsorge und Freiheit.

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Veröffentlicht am 24.01.2025

Deprimierendes Lebensgefühl

Dancing Queen
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Paulina ist Mitte dreißig, gerade hat sich Felipe von ihr getrennt. Zumindest kommt es ihr so vor. Sie tauschen sich immer noch körperlich aus, nachdem er vom Fußballspiel verschwitzt in ihre Dusche gesprungen ...

Paulina ist Mitte dreißig, gerade hat sich Felipe von ihr getrennt. Zumindest kommt es ihr so vor. Sie tauschen sich immer noch körperlich aus, nachdem er vom Fußballspiel verschwitzt in ihre Dusche gesprungen ist, aber sie sind auseinandergedriftet.

Jeden Mittag, an dem sie arbeitet, wartet sie auf ihre Kollegin und Beinahe-Freundin Maite, damit sie Paulinas Hunger stillen können, bevor sie pampig wird. Maite sieht zehn Jahre jünger aus als sie ist und trägt blasse Kleidung, die Menschen dazu verleitet, ihr einen Vitaminmangel zu attestieren. Jeden Mittag erzählt Maite Paulina von dem Mann, der sie einmal trifft und sich dann tagelang nicht meldet. Sie sinniert tränenreich über die Tatsache, dass er womöglich zu ängstlich ist, eine feste Bindung einzugehen. Sie bedauert, dass ihr die Zeit davonläuft und ihren Kinderwunsch zerrinnen lässt. Paulina kommentiert lakonisch, was Maite nur noch mehr weinen lässt. Paulina sind diese Gespräche zuwider, das Gejammer und Geheule.

Paulina sitzt in ihrem Auto und kann sich nicht bewegen. Ihr Auge schmerzt höllisch, als stecke etwas darin. Sie spürt ihre Beine und Füße nicht. In ihrem Nacken macht sich ein kühles Rinnsal breit, das sie nicht zuordnen kann. Was macht sie hier? Von hinten hört sie eine junge Mädchenstimme, die sie Paulina nennt. Die Stimme sagt ihr nichts, warum ist das Mädchen bei ihr im Wagen? Paulina denkt an Maite.

Maite hatte die Idee, ihren Vater zu besuchen, runter nach Buenos Aires, ein bisschen entspannen. Paulina schließt sich sofort an und schon bald sitzen sie in Paulinas Auto und fahren auf eine gerade Bundesstraße. Sie wechseln sich ab und Paulina erinnert sich an den Film Thelma und Louise.

Paulina hört Sirenen, kurz darauf sieht sie die flackernden Lichter. Das Mädchen hinter ihr ist ausgestiegen. Es fragt, wo der Hund ist, geht um den Wagen herum, sieht Paulina an und schreit.

Fazit: Camila Fabbri entführt mich in das Erleben einer nicht mehr ganz jungen Frau. Die Protagonistin denkt viel spricht aber wenig. Wenn sie redet, dann in einem rotzigen, lakonischen Ton, der Gleichgültigkeit signalisiert. Sie macht einen öden Job, der ihr nichts abverlangt. Ihr Freund behandelt sie lieblos, sie ihn ebenfalls. Sie hat keine Freunde. Alles scheint ihr einerlei, egal, nichts ist wichtig. Dann passiert eine Tragödie, die sie in ihren Grundfesten erschüttert. Plötzlich wird sie empathisch und trifft eine Entscheidung mit schwerwiegenden Folgen. Die Autorin zeigt das Leben einer Frau Mitte dreißig, die sich eine rosige Zweisamkeit abgeschminkt hat. Sie weiß, dass sie den Alterungsprozess nicht aufhalten kann und in kein typisches Frauenbild passt. Sie konsumiert Pornos gegen ihre Einsamkeit und fristet ein liebloses Dasein. Die Geschichte ist gut gemacht. Paulina hat einen schweren Unfall und sitzt bewegungsunfähig hinter dem Lenkrad. Von dort rekonstruiert sie ihre jüngste Vergangenheit und findet heraus, wie sie in diese Situation geraten ist. Das Ende habe ich nicht wirklich verstanden, das hat meinen Lesegenuss aber nicht geschmälert. Es könnte eben so oder so sein.

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