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Veröffentlicht am 30.03.2025

Literarische Spannung

Der Gott des Waldes
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Warum irgendwer auf die Idee gekommen ist, dieses Buch "Der Gott des Waldes" zu nennen, erschließt sich mir nach der kompletten Lektüre aller 590 Seiten nicht.
Beinahe hätte ich das Buch nicht gekauft, ...

Warum irgendwer auf die Idee gekommen ist, dieses Buch "Der Gott des Waldes" zu nennen, erschließt sich mir nach der kompletten Lektüre aller 590 Seiten nicht.
Beinahe hätte ich das Buch nicht gekauft, weil ich an einen Thriller mit paranormalen Elementen geglaubt habe. Die finden sich in diesem Spannungsroman, der noch viel mehr ein Gesellschaftsroman ist, jedoch nicht. Es geht um das Verschwinden der zwei Kinder der wohlhabenden Familie Van Laar - mit 15 Jahren Abstand, und um die Menschen, die mit dieser Familie in Verbindung stehen. Aus zahlreichen Perspektiven erzählt die Autorin von einem großen dunklen Haus in einem Naturschutzgebiet, von einem Feriencamp, vom Wald in den Adirondiacks, davon, wie die starren Strukturen sozialer Schichten ein Leben prägen und auch zerstören können. Dabei werden über Jahrzehnte hinweg unterschiedliche Zeitebenen umspannt.
Ich habe selten ein Buch gelesen, das so komplex ist, ohne verwirrend zu sein. Das so gut darin ist, über viele Seiten hinweg, die Spannung aufrechtzuerhalten, ohne dabei laut oder blutrünstig zu sein. "Der Gott des Waldes" hat einen merkwürdigen Titel, ist aber ansonsten ein selten gut geplottetes und cleveres Buch. Ein wirklich gelungenes Mix Up aus Familien-, Spannungs- und Gesellschaftsroman. In seinem Kern klassisch amerikanische Literatur, und doch in den inhaltlichen Details und der handwerklichen Ausführung einzigartig.
Bisher eines der besten Bücher des Jahres für mich!

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Veröffentlicht am 30.03.2025

Modernes Märchen

Für Polina
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"Für Polina" ist mein erster Roman für Takis Würger. Ich habe ihn gekauft, weil die ersten Rezensionen so durchschlagend begeistert waren und werde ihn im kommenden Dezember wahrscheinlich noch mehrmals ...


"Für Polina" ist mein erster Roman für Takis Würger. Ich habe ihn gekauft, weil die ersten Rezensionen so durchschlagend begeistert waren und werde ihn im kommenden Dezember wahrscheinlich noch mehrmals kaufen, weil ich die Geschichte um das Musikgenie Hannes Prager für eines dieser Bücher halte, die sich nahezu universell verschenken lassen. Vor allem in der Weihnachtszeit, da man sich inhaltlich an der ein oder anderen Stelle doch nah an der Kitschgrenze bewegt.
Hannes wächst mit seiner alleinerziehenden Mutter Fritzi und deren kauzigen Heinrich Hildebrand unbeschwert in einer alten Hannoveraner Moorvilla auf. Ein fester Bestandteil seiner Kindheit ist das Mädchen Polina, die Tochter der besten Freundin seiner Mutter. Mit dem Älterwerden wird aus dem geschwisterähnlichen Verhältnis der beiden Kinder mehr. Doch als Erwachsener verliert Hannes Polina aus den Augen. Und irgendwann ist es nur sein außergewöhnliches Talent für Musik, das sie zu ihm zurückbringen kann.

In Ansätzen erinnert mich dieser Roman an die Bücher von Mariana Leky. Er ist geprägt ausgesprochen originellen Charakteren und ausgesprochen originellen Charakteren, die teilweise so überzeichnet werden, dass sie mehr fantastisch als realistisch merken. Die Bilder, die der Autor zeichnet, haben beinahe etwas Märchenhaftes an sich. Diese Originalität, das "Seltsame" an der Geschichte, ist es aber auch, die die ansonsten doch etwas schnulzig-romantische Handlung ausgleicht und damit erst richtig lesbar macht.
Nach dem Motto: Wenn schon unglaublich, warum dann nicht absurd?
Das hat etwas so Charmantes, Tragischkomisches und Liebenswürdiges, dass man dieses Buch nur mögen kann. Eine Sekunde dachte ich, dass das Ende die Geschichte aus den Fugen reißt, aber dann die letzte, kluge Wendung, hat den Roman wirklich rund werden lassen.

Fazit: Ich würde mir zu Weihnachten eine deutsche Verfilmung dieser Geschichte ansehen. Ein verschneites Hamburg, Til Schweiger als Heinrich Hildebrand, das wäre doch mal was.

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Veröffentlicht am 25.01.2025

Nicht intermittierend

Intermezzo
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Sally Rooneys neuster Roman ist zur Abwechslung keine Geschichte über Freunde - sondern Geschwister. Der charismatische Anwalt Peter ist mehr als ein Jahrzehnt älter als Ivan, der wiederum ein junges Schachgenie ...

Sally Rooneys neuster Roman ist zur Abwechslung keine Geschichte über Freunde - sondern Geschwister. Der charismatische Anwalt Peter ist mehr als ein Jahrzehnt älter als Ivan, der wiederum ein junges Schachgenie ist. Peter erscheint von außen betrachtet glatt, ein erfolgreicher Anwalt, der auf andere herabschaut. Ivan im Gegensatz dazu ist sozial unbeholfen, und eckt damit oft an, aber auch nachdenklich und weise.

Intemezzo als Geschichte handelt auch von Trauer, und den unterschiedlichen, teils polarisierenden Arten, auf die beide Brüder mit dieser Empfindung umgehen. Ivan verliert die Freude am Schachspiel, ihm fehlt plötzlich der Antrieb, und Peter ertränkt seinen Kummer, und divergiert zwischen Frauen aus der Vergangenheit und Gegenwart hin und her.

Die beiden Männer sind komplex gezeichnet, geschaffen von einer Autorin, die unwahrscheinlich gut darin ist, uns als Lesenden den Weg in eine innere Tiefe zu zeigen, die gleichzeitig sensibel und abgründig ist.

Auch weibliche Charaktere sind für die Erzählung entscheidend. Sie sehen sich Gefühlen wie Liebe und Verwirrung dargestellt, und all diese Emotionen wirken ehrlich und wahrhaftig. Die Frauen in "Intermezzo" haben mir oft noch besser gefallen, als die im Zentrum der Erzählung stehenden Brüder.

Dass Sally Rooney tiefe, lange und intensive innere Monologe verfassen kann, hat sie schon in ihren Vorgänger-Romanen bewiesen. Ihre Darstellung von Liebe, Trauer und Verzweiflung ist greifbar und echt. Das Buch zwingt sein Publikum sich mit sich selbst und den ganz großen Fragen des Lebens auseinanderzusetzen.

Das Ende war spannend und wenig vorhersehbar. Definitiv ein Showstopper.

Intermezzo ist schwer mit „Normale Menschen“ zu vergleichen. Die Bücher sind zu unterschiedlich, sie sind wahrscheinlich auch nicht dazu gedacht, nebeneinander gestellt. Was aber für beide zutrifft, ist dass sie mich in ihren Bann gezogen haben. "Schöne Welt, wo bist du?" bleibt allerdings weiter mein Lieblings Rooney.

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Veröffentlicht am 25.01.2025

Brat Girl Fall

Blue Sisters
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Mit "Cleopatra und Frankenstein" hat Coco Mellors eines der vermutlich meist besprochenen und meist fotografierten Bücher der letzten Jahre geschrieben. Es ist nicht einfach an solch ein Debüt erfolgreich ...

Mit "Cleopatra und Frankenstein" hat Coco Mellors eines der vermutlich meist besprochenen und meist fotografierten Bücher der letzten Jahre geschrieben. Es ist nicht einfach an solch ein Debüt erfolgreich anzuknüpfen. Mit "Blue Sisters" ist es ihr gelungen.
Wir lernen Avery, Lucky und Bonnie kennen. Drei Schwestern, die bis vor einem Jahr noch vier Schwestern gewesen sind. Nach Nickys Tod treffen sie sich in New York, um den Verkauf ihres gemeinsamen Elternhauses zu verhindern. Obwohl die drei ganz unterschiedliche Lebenswege eingeschlagen haben und ganz verschieden mit der Verlust der vierten Schwester umgehen, verbindet die gemeinsame Vergangenheit sie bis heute; - hinterlässt tiefe Spuren in ihren zum Teil fragilen Welten. Coco Mellors zeigt auf, wie viel die Kindheit auch im Erwachsenenleben noch ausmacht. Wie sehr wir geprägt sind, durch die, die wir einmal waren.
Zentrale Themen sind Verlust, Familie und Vergangenheit. Außerdem erzählt die Autorin - wie auch schon in Cleopatra und Frankenstein - von einer Art modernen großstädtischen Verwahrlosung. Jede der drei Schwestern für sich hat ein problembehaftetes Leben. Der Text ist geprägt von einer gewissen Melancholie, manchmal beinahe Wut. "Feeling Blue" eben.
Sprachlich trifft der Roman den Ton seiner Zeit. Schön, sensibel, dann wieder schonungslos und kaltschnäuzig.
Coco Mellors hat es wie kaum eine zweite heraus, Charaktere zu schaffen, die authentisch in ihrer Kaputtheit sind, und sowohl spannend als auch melancholoromantisch von den Problemen junger Erwachsener in einem modernen, großstädtischen Amerika zu erzählen.
Sie schafft es diesen ganz eigenen Takt in Worte und Bilder zu übersetzten.
"Blue Sisters" ist eines meiner Bücher des Jahres. Der perfekte Roman für den kommenden brat girl fall.

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Veröffentlicht am 09.08.2024

Girlhood

Die schönste Version
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"Die schönste Version" von Ruth-Maria Thomas ist die maximal schönste Version eines Romans, der im Großen und Ganzen wenig schöne Themenfelder verhandelt. Es geht um Jella, die sich auf einer Polizeiwache ...

"Die schönste Version" von Ruth-Maria Thomas ist die maximal schönste Version eines Romans, der im Großen und Ganzen wenig schöne Themenfelder verhandelt. Es geht um Jella, die sich auf einer Polizeiwache wiederfindet, nachdem ihr Freund Yannick im Streit ihren Hals zugedrückt hat. Danach steht sie vor den Scherben ihrer Beziehung. Zurück im ehemaligen Kinderzimmer rekapituliert sie ihr bisheriges Leben. Die Kindheit und Jugend, in der ostdeutschen Kleinstadt. Die Freundschaften und Begegnungen, die sie geprägt haben. Zwischen all diesen Erinnerungen sucht sie Antworten auf die eine große Frage: Wie konnte es so weit kommen?

Seit im vergangenen Jahr "Barbie, der Film" so ein großer Hit gewesen ist und Taylor Swift mit ihrer Eras Tour alle Rekorde bricht, ist der "Girlhood" zu einem Modebegriff in den sozialen Medien geworden. Endlich habe ich ein Schlagwort, mit dem ich beschreiben kann, worum es in den meisten meiner literarischen Lieblingswerke geht: Ums Frauwerden und ums Frausein.
Es ist nicht immer eine leichte Art von Girlhood, die Jella da durchlebt. Aber eine, die greifbar und authentisch geschildert wird. Ich habe die Atmosphäre der späten 00er Jahre wiedererkannt. Eine Zeit vor Me Too, als noch niemand wusste, was woke sein bedeutet. Vor diesem Hintergrund wird Jella vom Mädchen zur Frau und vor diesem Hintergrund nimmt die intensive, turbulente und vor allem gefährliche Beziehung, die sie mit Yannick führen wird, ihre Anfänge. Die Autorin beschreibt emphatisch, emotional und manchmal auch derb dieses Aufwachsen. Schreibstil und Inhalt sind fesselnd. Das Buch ist kurz und liest sich schnell. Es ist ein wilder Ritt durch eine Zeit, die gerade erst zur Vergangenheit geworden ist und doch schon fern von der Gegenwart ist.
Besonders gefallen hat mir außerdem, wie die Identitätsbildung durch weibliche Freundschaften besprochen wurde. Neben anderer schwieriger Themen, wie häuslicher Gewalt oder toxischer Beziehungsstrukturen ist das einer der größten Stärken dieser Geschichte.

Fazit:
"Die schönste Version" der besten deutschsprachigen, die ich dieses Jahr gelesen habe.

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