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Veröffentlicht am 19.12.2020

Ein Buch, wild und unberechenbar wie ein Tiger

Tiger
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Ein ganz und gar außergewöhnliches Buch hat Polly Clark mit „Tiger“ geschaffen, die einzelnen Handlungsstränge mit ihren jeweiligen Figuren und Zeitebenen durchziehen die Geschichte wie die einzelnen Streifen ...

Ein ganz und gar außergewöhnliches Buch hat Polly Clark mit „Tiger“ geschaffen, die einzelnen Handlungsstränge mit ihren jeweiligen Figuren und Zeitebenen durchziehen die Geschichte wie die einzelnen Streifen das Fell eines Tigers. Und der Tiger ist auch das verbindende Elemente, das all diese Konstellationen, unterschiedlichen Leben und Schicksale zusammenhält, sie verbindet und schließlich in ihren jeweiligen Verwundungen, Vernarbungen und Traumata erlöst. Und davon gibt es viele in diesem Buch, denn die einzelnen Figuren sind alle gebrochene, teilweise kaum noch fähig, ihr jeweiliges Leben zu meistern und den Herausforderungen, die aus Vergangenheit und Gegenwart erwachsen, zu meistern. An eine persönliche Zukunft ist zum Teil nicht mal zu denken.
Das alles hört sich sehr schwer an für den Leser – schwer zu verstehen, schwer zu durchdringen und ja, auch schwer zu ertragen. Das ist es stellenweise auch, zugleich schafft es Polly Clark, ihrer Erzählung sehr viel Leichtigkeit zu verleihen und ihren Leser selbst mit ihren teilweise detailreichen Schilderungen der Natur und vor allem ihrer Tier- und Pflanzenwelt in ihren Bann zu ziehen. Und auch die Figuren und ihre Schicksale sind mir in weiten Strecken ans Herz gewachsen und mit ihrer Einzigartigkeit auch jetzt noch in meinem Kopf und Gedanken: die verwundete Frieda, Tomas in seiner Einsamkeit und seinem Schmerz, Edit, verloren und eine neue Heimat findend, Sina, ein Geschöpf, das erst im Entstehen begriffen ist und sich und die Welt noch finden muss.
Was mich aber bis zur letzten Zeile nicht losgelassen hat, ist die Frage, was dieses Buch eigentlich ist. Ist es ein Roman über die Gesundung und Erweckung der Frau als mystisches Wesen – ich fürchte, in Teilen ist es so –, sind es die Schilderungen der Natur und vor allem des Tigers als einzigartiges Lebewesen, die im Mittelpunkt stehen, ist es ein Entwicklungsroman über typischerweise mehrere Figuren und Zeiten hinweg? Ich weiß es einfach nicht, es verwirrt mich. Und das gefällt mir.

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Veröffentlicht am 22.11.2020

Peter Grant unter Computernerds: Magie, Hochspannung und ein großes Lesevergnügen

Ein weißer Schwan in Tabernacle Street
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Nachts unter der Bettdecke und mit Leselicht in der Hand – Peter Grant konnte ich mal wieder nicht aus der Hand legen! Auch, wenn der Zugang zu der Geschichte sich erst ein wenig mühsam gestaltete. Die ...

Nachts unter der Bettdecke und mit Leselicht in der Hand – Peter Grant konnte ich mal wieder nicht aus der Hand legen! Auch, wenn der Zugang zu der Geschichte sich erst ein wenig mühsam gestaltete. Die verschiedenen Zeitebenen im ersten Teil haben bei mir ordentlich zu Verwirrung geführt, und das, obwohl ich mich da noch bei Tageslicht und damit sehr wach und sogar ausgeruht durch das magische London geschmökert habe. Da die zeitliche Collage in den weiteren Teilen nicht fortgesetzt wurde und für mich eine tiefere Absicht oder Funktion nicht zu erkennen war, würde ich sagen: lieber nicht.
Was aber die Geschichte an sich betrifft: lieber ja und lieber viel mehr davon!
Nachdem ich für mich nämlich erstmal Ordnung in Zeit, Namen und Personenkonstellationen gebracht hatte, begann der Spaß so richtig. Die Beschreibung des Arbeitslebens bei SCC war ein Genuss, und ich konnte viel Wahres aber auch viele Klischees über Tech-Unternehmen wiedererkennen. Und als ich gerade dachte: Okay, cooler Krimi, aber was ist mit all dem Magischen und Metaphysischen, für das ich diese Reihe so sehr liebe, hat Aaronovitch auch hier richtig Gas gegeben. Insektoide Drohnen, eine Dämonenfalle und die körperlose Stimme, die mir Gänsehaut zauberte. Herrlich! Und als ob das noch nicht genug gewesen wäre, wurden wir auch noch mit einem großen magischen Duell und einem fulminanten Showdown belohnt. Ich bin glücklich! Wenn auch vielleicht mit Blick auf meine nächtlichen Leseeskapaden ein wenig übermüdet. Aber die Augenringe haben sich gelohnt.
Was ich allerdings bemängeln möchte, ist eine andere Art von Eskapaden und zwar die der Übersetzerin. Spätestens nach der dritten Verwendung des Wortes „Bäuchlein“ war ich schon schwer genervt. Und als „große Truckerin im Herzen“ fiel mir natürlich sofort der Fehler „Sattelaufleger“ anstelle von „Sattelauflieger“ auf – aber sei’s drum. Einen Peter Grant kann so schnell nichts entstellen. Und deswegen: Chapeau Ben, dieser Band ist Dir wieder hervorragend gelungen!

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Veröffentlicht am 01.11.2020

Rasant durch Raum und Zeit

Die zitternde Welt
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So wie eine Eisenbahn erst langsam Fahrt aufnimmt, haben auch Figuren und Ereignisse im Verlauf der Handlung immer mehr an Dynamik und Intensität gewonnen.

Zu Beginn erschienen mir Maria und Wilhelm noch ...

So wie eine Eisenbahn erst langsam Fahrt aufnimmt, haben auch Figuren und Ereignisse im Verlauf der Handlung immer mehr an Dynamik und Intensität gewonnen.

Zu Beginn erschienen mir Maria und Wilhelm noch spröde, haben nur wenig über ihr Innenleben preisgegeben. Sie waren mir fremd, so wie auch Ort und Zeit der Ereignisse. Doch dann wurde ich mit auf eine rasante Fahrt genommen, habe mich so wie Maria in ihre anatolische Heimat verliebt und die beiden in ihrer sicherlich nicht nur für die damalige Zeit ungewöhnlichen Beziehung immer besser kennengelernt und sehr gerne begleitet. Maria, der Freigeist, voller Lebensgier und Lebensmut, und Wilhelm, dessen Beständigkeit und Verlässlichkeit sie erdet und in dem sie eine sichere Zukunft für sich und ihre Familie sieht.

Der Bruch, der zweite Teil des Romans. Der Erste Weltkrieg mit all seinen Schrecken und Grausamkeiten, die auch das persönliche Unglück der Familie werden. Wir erleben als Leser Perspektivwechsel, Sprünge durch Zeit und Raum und eine Schnelligkeit und Beschleunigung, die mich die Handlung wie im Rausch erleben ließen. Die Familie zerfällt so wie auch das Osmanische Reich. Die Folgen sind gravierend – für jeden einzelnen.

War ich zu Beginn noch etwas zögerlich, konnte ich das Buch schon bald nicht mehr aus der Hand legen. Gerade der Wechsel im Erzählstil hat für mich in der Rückschau einen großen Reiz der Handlung ausgemacht, und das intensive Innenleben insbesondere von Erich, das wir in der zweiten Hälfte des Romans erleben dürfen, hat mich ob der Tiefe und damit auch seiner erzählerischen Qualität beeindruckt.

Jetzt, am Ende der Reise, lässt mich das Buch ein wenig traurig zurück aufgrund der zerbrochenen Leben und dem Leid der Hauptfiguren. Aber es hat mir auch Einblicke in Zeit, Politik und Länder gewährt, die mir zum Teil nur wenig vertraut waren. Doch vor allem hat es mich mit seiner Geschichte in den Bann gezogen, und die Gedanken und Bilder in meinem Kopf werden die letzte Seite überdauern.

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Veröffentlicht am 26.01.2025

Was die Welt besonders macht

Die seltsamste aller Zahlen
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Jamies Welt ist besonders. Abläufe, Rituale und Muster bestimmen seine Tage und geben ihnen Struktur, Rot ist seine Lieblingsfarbe, und Menschen sind ihm fremd und unheimlich. Doch vor allem ist es seine ...

Jamies Welt ist besonders. Abläufe, Rituale und Muster bestimmen seine Tage und geben ihnen Struktur, Rot ist seine Lieblingsfarbe, und Menschen sind ihm fremd und unheimlich. Doch vor allem ist es seine Welt. In die nur wenige Zugang finden.
Ausgenommen sind hier sein Vater Eoin und seine Großmutter Marie. Seine Mutter Noelle, die bei Jamies Geburt unter tragischen Umständen zu Tode kam, hat eine nicht zu füllende Lücke in dem Leben ihres Sohnes hinterlassen. Eine Lücke, welche jener in Hoffnung und Verzweiflung mit dem Bau eines Perpetuum mobile zu überbrücken versucht, einer Maschine, die in ihrer unendlichen Bwegung seine tote Mutter wieder zum Leben erwecken soll.
Der Schulwechsel bringt Jamies fein austarierte Welt ins Schwanken. Sicherheit und Unterstützung findet er überraschend in seiner Lehrerin Tess, die sich des sensiblen Neuzugangs annimmt. Und dabei doch ihre ganz eigenen eigenen Sorgen und Nöte zu tragen hat. Der neue Werklehrer Tadgh macht das Trio komplett und bringt mit seiner Unvoreingenommenheit und unkonventionellem Auftreten Dynamik und Veränderung in das Leben der Drei und der gesamten Dorfgemeinde.
Die Geschichte hat mit Jamie einen Protagonisten, der mit seinem offenen, unverstellten Blick auf Menschen und Dinge und zugleich seiner Fragilität und scheinbaren Schutzlosigkeit das eigene Herz rührt. Und auch Tess und Tagh sprechen durch ihr auf Menschlichkeit beruhendem Handeln die Leser*innen auf einer emotionalen Ebene direkt an. Doch zugleich lässt dies die Geschichte für mich in großen Teilen wenig überraschend und neu erscheinen, in ihrem Fortgang vorhersehbar sein. Gut unterhalten fühlte ich mich dennoch, bei einer heißen Tasse und winterlichen Keksen.

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Veröffentlicht am 09.02.2024

Mörderjagd mit eingeschränkter Sicht

Schneesturm
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Eine kleine irische Insel, durch einen Schneesturm abgeschnitten von der Außenwelt – wenn das nicht schon ein hervorragendes Setting für einen spannenden Thriller ist! Und wenn dann noch eine Leiche in ...

Eine kleine irische Insel, durch einen Schneesturm abgeschnitten von der Außenwelt – wenn das nicht schon ein hervorragendes Setting für einen spannenden Thriller ist! Und wenn dann noch eine Leiche in der rauen irische See auftaucht, geschändet und damit offensichtlich Opfer eines Verbrechens, kann die Mörderjagd beginnen.
Und die Suche nach Motiv und Schuldigen erweist sich als überaus rätselhaft und führt die Leser dabei immer wieder in die Irre und im wahrsten Sinne des Wortes auf Glatteis. Denn mitten in dem Blizzard ist es an der einzigen Inselpolizistin, den Fall aufzuklären und zu ermitteln, wer ihre beste Freundin auf dem Gewissen hat. Eine besondere Herausforderung für Cara, denn ihre ehemaligen Freund*innnen gehören zum Kreis der Verdächtigen. Und nachdem sich die Clique zehn Jahre nicht mehr gesehen hat, scheint jeder von ihnen dunkle Geheimnisse und Abgründe in dem eigenen Leben zu haben. Und ein doppeltes Spiel zu spielen – mit Clara und miteinander.
Clara schlägt sich unter diesen schwierigen Bedingungen tapfer, ist in ihrem Handeln und mit ihren kombinatorischen Fähigkeiten jedoch nicht mit einer ausgebildeten Kriminalkommissarin vergleichbar. Immer wieder unterlaufen ihr grobe Fehler im Vorgehen: mal vergisst sie, die Spuren zu sichern, mal zieht sie ihre Freunde ins Vertrauen und den Mörder in diesem Zuge möglicherweise gleich mit.
Auch der Autorin scheint der eine oder andere Handlungsfaden zu entgleiten. Oder lässt sie ihn möglicherweise bewusst in einer Sackgasse enden? Und nicht immer sind die Figuren in ihrem Verhalten logisch und nachvollziehbar, aber Schock und Isolation sind in ihren Auswirkungen auch nicht zu unterschätzen.
Was für mich bleibt, ist ein durchaus spannendes Lesevergnügen mit einigen Leerstellen und Fragezeichen in meinem Kopf. Und eine Geschichte, die es trotz dieser Mängel geschafft hat, dass ich Weiberfastnacht in Köln lieber mit dem Buch in der Hand abends zu Hause geblieben bin als in den Kneipen zu schunkeln und zu bützen.

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