Originell und düster
The Book Eaters“The Book Eaters” ist ein Dark Fantasy Einzelband von Sunyi Dean - auch wenn es offenbar Hinweise gibt, dass weitere Bände und/oder Spin-offs folgen könnten. Das Subgenre und die Frage “Wie viele Menschen ...
“The Book Eaters” ist ein Dark Fantasy Einzelband von Sunyi Dean - auch wenn es offenbar Hinweise gibt, dass weitere Bände und/oder Spin-offs folgen könnten. Das Subgenre und die Frage “Wie viele Menschen würdest du opfern, um dein Kind zu retten?” im Titel dürfen hier ernst genommen und als klarer Hinweis verstanden werden, dass physische und psychische Gewalt an allen Personen- und Altersgruppen enthalten sind. Triggerwarnungen sind im Buch keine enthalten - sollten es aber in diesem Fall eindeutig sein.
Mit den Buchessern hat Dean eine Spezies geschaffen, die von ihrem Namen und ihrer Natur her für Buchliebhaber:innen direkt ansprechend und faszinierend klingt. Immerhin dreht sich ihr Leben um Bücher - wie unseres, nicht wahr? Trotz konzeptueller (und von der Autorin gewollter) Anlehnung an die blutsaugenden Vampire, sind die Buchesser ein frisches, originelles Konzept, das in meinen Augen gut funktioniert. Und über die ich tatsächlich gerne mehr erfahren hätte, als das Buch preisgibt. Sollte es also einen Folgeband geben, würde ich dahingehend mehr erwarten.
Das Buch spielt sich abwechselnd auf zwei Zeitebenen ab, wobei sowohl Vergangenheit als auch Gegenwart die Geschichte der Protagonistin Devon erzählen. Der Kontrast dieser beiden Charakterisierungen steigert natürlich die Spannung und Neugier beim Lesen. Und die beiden Zeitebenen komplementieren sich über zwei Drittel des Buches auf anregende Weise, werfen Fragen auf, ergründen Geheimnisse, streuen Teaser. Die Spannung war für mich so durchgehend sehr hoch und die Geschichte entwickelte eine extreme Sogwirkung. Leider hat die Autorin meiner Meinung nach den Moment verpasst, die Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen und sich auf den Hauptplot zu konzentrieren. Was vorher so gut funktioniert hat, verlor seine Wirkung, als alle Geheimnisse aufgedeckt waren und die Vergangenheit vor allem noch dazu diente, die Brutalität und Gewalt zu eskalieren. Die Gegenwart an sich hatte im letzten Drittel nicht genügend Twists und eigenes Material, um das Spannungslevel von zuvor zu halten.
Ich fand das unter anderem aber insbesondere deshalb schade, weil Dean meiner Meinung nach vorher einen sehr behutsamen und feinfühligen Umgang mit ihrem gewaltlastigen Setting gezeigt hat. Die Brutalität der Situation ist da und spürbar, wird aber nicht breit getreten, ist oft implizit. Dean zeigt immer nur so viel, wie nötig ist. Vieles bleibt bei Andeutungen und entfaltet sich bei mir als Leserin im Kopf. Schreibhandwerklich grossartig gemacht! Das war wirkungsvoll und genug. Schade, dass sie diesen kunstvollen Umgang zugunsten des Schocks und der Eskalation dann über Bord geworfen hat.
Im Allgemeinen war “The Book Eaters” für mich ein interessantes und vor allem originelles Leseerlebnis. Die Charaktere waren ansprechend, nachvollziehbar und mehrdimensional - ihre Entwicklung und ihre Motivationen mitzuverfolgen war spannend und regte mich oft zum Nachdenken an. Gemindert wurde dieses Erlebnis durch ein etwas plumpes und schlussendlich vorhersehbares Schlussdrittel und vor allem die Vielzahl an Schreibfehlern und fragwürdigen Übersetzungen.
Ich bedanke mich herzlich beim Verlag Lübbe für das Rezensionsexemplar! Meine Meinung bleibt natürlich und wie immer trotzdem meine eigene.