Der Kompass weist den Weg aus der Einsamkeit
Die Anatomie der Einsamkeit„Die Anatomie der Einsamkeit“ ist nach „Die Halbwertszeit von Glück“ Louise Pelts zweiter Roman und vom Aufbau her sind beide Bücher sich auch ähnlich.
Wir erleben parallele Geschichten in unterschiedlichen ...
„Die Anatomie der Einsamkeit“ ist nach „Die Halbwertszeit von Glück“ Louise Pelts zweiter Roman und vom Aufbau her sind beide Bücher sich auch ähnlich.
Wir erleben parallele Geschichten in unterschiedlichen Ländern zu unterschiedlichen Zeitpunkten, die eigentlich gar nichts miteinander zu tun haben können. Und doch wird sich im Laufe der Handlung eine Verbindung ergeben.
Den Titel hat die Autorin klug gewählt: es gibt verschiedene Formen von Einsamkeit und man kann Einsamkeit zerlegen, so wie die Anatomie einen Menschen in seine Bestandteile aufgliedert. Louise Pelt hat es selbst im Interview so beschrieben: „Es gibt unzählige Arten von EINSAMKEIT – vom physischen Alleinsein bis hin zu dem Gefühl, emotional isoliert zu sein. Sich ungesehen oder nirgendwo wirklich zugehörig zu fühlen, trotz Familie oder Freundschaften…
Einsamkeit hat viele Gesichter und unzählige Formen. Entscheidend ist, dass du die ANATOMIE der EINSAMKEIT kennst, die dich plagt, denn sonst kannst du sie nicht überwinden. Du musst verstehen, wo das Gefühl wurzelt, wie es sich zusammensetzt, um zu lernen, damit umzugehen oder es zu behandeln.
Entsprechend hat sie ihre Charaktere gewählt. Olive ist Journalistin in London und will endlich anspruchsvollere Themen bearbeiten und nicht immer nur die Horoskope ihrer Zeitschrift erstellen. Sie ist diejenige, die emotional einsam ist, sie fühlt sich nirgendwo zugehörig, nicht gesehen, trotz Familie oder ihres Partners.
Auf der anderen Seite der Erdkugel und 20 Jahre früher ist da Claire in New York. Erfolgreiche Anwältin, die gerade für ihre Kanzlei einen der größten Prozesse der letzten Jahre gewonnen hat und der nun alle Türen offenstehen. Claire macht nach außen einen sehr gefestigten Eindruck, sie ist sehr kontrolliert und hat sich selbst fest im Griff. Claire hat eine Zwillingsschwester, mit der seit Jahren der Kontakt abgebrochen ist. In ruhigen Momenten empfindet sie das schon als Leerstelle in ihrem Leben, zumal beide einmal sehr eng miteinander waren, so wie das bei Zwillingen oft der Fall ist.
Und so wirft sie die Nachricht vom Tod ihrer Schwester aus der Bahn. Auch wenn sie geglaubt hatte, alles hinter sich gelassen zu haben, so stellt sie fest, dass da doch immer noch eine starke emotionale Bindung bestand. Sie reist auf die einsame Insel an der Westküste der USA, auf der Iris lebte und lernt dort die Menschen kennen, mit denen Iris ihr Leben verbrachte, allen voran Frankie, eine ca. 60jährige Frau, die Iris in ihrem Haus auf der Insel hatte leben lassen. Iris hatte dort Frankies Vater Ib in den letzten Jahren seines Lebens betreut. Diese Begegnung verändert ihr Leben.
Olive hat von ihrer Großmutter Poppy – eigentlich Mathilde – als vorgezogenes Erbstück einen alten Kompass geerbt. Sie ist enttäuscht, weil sie immer geglaubt hatte, die Lieblingsenkelin ihrer Großmutter zu sein. Aber dieser Kompass scheint keinen Wert zu haben. Die Großmutter ist nach einem Schlaganfall immer hinfälliger geworden und wird im Haus der Eltern gepflegt. Sie ist kaum mehr ansprechbar und scheint sich schon zwischen Leben und Tod zu befinden.
Über Umwege erfährt sie, dass bei einer eingemauerten Leiche in Hamburg ein gleicher Kompass gefunden wurde und das weckt ihre journalistische Neugier. Mit dieser Geschichte überzeugt sie ihre Chefin, ihr die Recherche zu erlauben und zusammen mit einem Fotografen macht sie sich auf den Weg nach Hamburg und dabei auch auf den Weg in die Vergangenheit ihrer Großmutter.
Das Buch ist sehr einfühlsam geschrieben und rührt am Ende auch zu Tränen. Ob es denn Freudentränen waren oder Tränen über so viele verpasste Jahre, das sei einmal dahingestellt. Auf jeden Fall hat der Kompass seinen Zweck in wunderbarer Weise erfüllt und einigen Menschen den Weg zueinander gewiesen.