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Veröffentlicht am 30.01.2025

Schöne Adaption eines Klassikers

Demon Copperhead
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Der Titel erinnert nicht ohne Grund an David Copperfield von Charles Dickens. Barbara Kingsolver hat diesen Klassiker in die moderne Zeit transportiert, aber den dunklen, depressiven, aber fast schon emotionslosen ...

Der Titel erinnert nicht ohne Grund an David Copperfield von Charles Dickens. Barbara Kingsolver hat diesen Klassiker in die moderne Zeit transportiert, aber den dunklen, depressiven, aber fast schon emotionslosen Stil beibehalten, zu dem auch gehört, dass man Sinn und Zweck der Erzählung aus der Ich-Perspektive bis zum Ende nicht zwingend erkennt. Selbst die Namen der restlichen Figuren lehnen sich sehr stark an die des Originals an. Es hat fast den Anschein, als würde Demon Copperhead, der eigentlich Damon Fields heißt, einfach grundlos seine komplette Lebensgeschichte erzählen. Das allein ist schon ein Grund, warum es sicher nicht für jeden geeignet ist. Man muss sich darauf einlassen und der Story die Führung überlassen. Das kann nicht jeder. Wer das Original kennt, weiß aber, wohin die Reise geht.

Erstaunlich, aber kaum erschreckend, ist, dass in einem völlig anderen Zeitalter die Geschichte so gut funktioniert. Man entwickelt nicht gerade eine enge Beziehung zu Demon, dennoch erkennt man die Ungerechtigkeit, die ihm immer und immer wieder widerfährt und findet diese mitnichten tragbar. Mitgefühl habe ich für ihn, aber dennoch ist da eine Distanz, die mich erstaunt. Ich vermute, sein Leben hat ihn so abgestumpft, dass er zwar mit einem ironischen, teils auch sarkastischen Unterton erzählt, aber dabei dennoch ziemlich gefühlslos bleibt. Noch dazu ist die Geschichte in einer Gegend der USA angesiedelt, die rau und etwas hinterwäldlerisch ist. In Virginias Wäldern, in Appalachia, auf Tabakfarmen und bei Schwarzbrennern, den Hillbillys eben. Die Zeit, in der die Story angesiedelt ist, muss man schätzen. Zumindest erfährt man, dass Demon gerade elf Jahre alt wurde, als die Zigarettenwerbung verboten wurde und auch 9/11 wird erwähnt. An solchen Eckpfeilern kann man sich orientieren.

Die Sprachmelodie ist bemerkenswert. Sie ist sehr am Original angelehnt und dennoch auch für die Gegenwart passend und stimmig. Die Erwähnung von Charles Dickens fand ich sehr humorvoll und sie hat mir sehr gefallen. Es fallen unzählige Sätze, die bemerkenswert sind, fast schon philosophisch. Mit der Zeit merkt man, dass es nicht nur um Demon geht, sondern auch um seine Zeitgenossen, seine Freunde und seine Gegner. Eine ganze Reihe schwerer Schicksale werden dem Leser vor den Latz geknallt. So entsteht eine hochaktuelle Sozialstudie und eine Geschichte über das Pech, zur falschen Zeit und bei den falschen Menschen geboren zu werden und das Glück, sich gegen das Schicksal zu stemmen und nie aufzugeben. Dass dazu nicht nur ein eiserner Wille und eine gute Portion Glück gehört, sondern auch die Unterstützung anderer, kommt ebenfalls nicht zu kurz. Da hier nahezu alle Abgründe der Menschheit zur Sprache kommen, ist es keine leichte Kost. Allein der rote Faden der Abhängigkeiten, von Beziehungen über Alkohol bis zu harten Drogen, ist nichts für zarte Gemüter.

Für mich ist es eine fordernde Story, nicht uninteressant, aber ein wenig zu langatmig, dafür mit einem für das Vorangegangene sehr abruptem Ende. Daher gebe ich sehr gute vier Sterne.

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Veröffentlicht am 15.01.2025

Die Wahrheit

Das Mörderarchiv: Der Tod, der am Dienstag kommt
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Kaum gewöhnt sich Annie langsam daran, dass sie das Landgut von Tante Francis geerbt hat, taucht die Wahrsagerin Peony Lane bei ihr auf und überbringt ihr ein paar Neuigkeiten, die Annie lieber nicht gehört ...

Kaum gewöhnt sich Annie langsam daran, dass sie das Landgut von Tante Francis geerbt hat, taucht die Wahrsagerin Peony Lane bei ihr auf und überbringt ihr ein paar Neuigkeiten, die Annie lieber nicht gehört hätte. Und doch ist ihre Neugier geweckt. Immerhin hat Tante Francis ja auch ein gut gepflegtes Mörder-Archiv hinterlassen. Als die Wahrsagerin dann mit einem alten Dolch, den Annie kurz zuvor gefunden hatte, ermordet in Annies Orangerie liegt, bleibt ihr nichts anderes übrig, als herauszufinden, wer der Mörder ist und warum der Mord ihr angehängt werden soll.

Auch ohne den ersten Teil zu kennen, ist dieser zweite sehr unterhaltsam. Ein klein wenig britischer Humor, schön schwarz und trocken, klingt in fast jeder Zeile mit, aber auch eine Menge Gefühl. Diese Mischung ist sehr angenehm und kein bisschen kitschig. Man begleitet Annie sehr gern bei ihren Ermittlungen. Sie ist sehr sympathisch, sodass man mit ihr fiebert und fühlt. Auch die anderen Figuren sind sehr ansprechend angelegt. Selbst die unsympathischen gefallen mir. Man sieht ihre Schwächen, die zu ihrer unangenehmen Art führen. Das Leben hat sie alle irgendwie geprägt.

Die Geschehnisse sind spannend und rätselhaft. Es gibt immer mehr Puzzleteilchen und das Archiv sowie die Vorhersagen von Peony Lane spielen eine immer größere Rolle. Dass die Vergangenheit von Peony erzählt wird, ist berührend. Die Erzählstränge von Annie und Peony und damit Francis wechseln sich immer ab. Seltsamer Weise hatte ich öfter die beiden Frauen und Zeiten verwechselt, obwohl immer klar von der entsprechenden Figur und natürlich ihren Zeitgenossen gesprochen wird. Das hat mich ein bisschen abgelenkt und irritiert. Dennoch hatte ich vorzügliche Cozy-Crime-Zeit und gebe daher vier Sterne.

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Veröffentlicht am 12.01.2025

War es ein Fehlurteil?

Allein gegen die Lüge
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Danny Pine wurde vor sieben Jahren zu lebenslanger Haft verurteilt, weil er angeblich seine Highschool-Freundin ermordet hat. Er beteuert, er ist unschuldig. Seine Familie sammelt Beweise, um Danny freizubekommen. ...

Danny Pine wurde vor sieben Jahren zu lebenslanger Haft verurteilt, weil er angeblich seine Highschool-Freundin ermordet hat. Er beteuert, er ist unschuldig. Seine Familie sammelt Beweise, um Danny freizubekommen. Jetzt sind seine Eltern, sein kleiner Bruder und seine jüngere Schwester ums Leben gekommen. Ausgerechnet in Mexiko und bei einem Unfall. Weder Danny noch Matt, Dannys jüngerer Bruder, können das glauben. Eine True Crime Doku bringt den vermeintlichen Unfall mit Dannys Fall in Verbindung. Damit wird eine Reihe Ereignisse ausgelöst, die mit Matts Reise nach Mexiko, um seine Familie überführen lassen zu können, den Anfang findet.

Bei diesem Thriller ist mal wieder der deutsche Titel völlig neben dem Original. Every last fear, also jede letzte Angst, ist sehr viel zutreffender. Das tut der Sache aber keinen Abbruch, dass der Thriller facettenreich aufgebaut ist und im Grunde jeden menschlichen Abgrund nutzt. Es treffen so viele Unsäglichkeiten zusammen, dass man nur so staunt. Spannend ist das alles auf alle Fälle, aber auch etwas überladen und daher auch ein wenig anstrengend. Wenn man weiß, dass Alex Finlay das Synonym eines prominenten Anwalts in Washington DC ist, der mehr als 40 Klienten vor dem Obersten Gerichtshof der USA vertreten hat, wundert das nicht mehr.

Die einzelnen Figuren sind authentisch gezeichnet und lassen sich sehr gut unterscheiden. Sie haben gut ausgeprägte Charaktereigenschaften und Eigenheiten. Das mag ich sehr. Die Zusammenhänge sind anfangs nicht mal zu erahnen, doch mit der Zeit spürt man mehr, als dass man es logisch folgert, wohin der Hase läuft. Viele extreme, ausgefallene Situationen ergeben ein dramatisches Puzzle. Die unterschiedlichen Perspektiven und damit verbundenen Erzählstränge sind jedoch zum Teil auch ein wenig ermüdend und auch verwirrend. Insgesamt finde ich zu wenig Tiefe in der Darstellung. Es bleibt alles recht oberflächlich und selbst bei Aufregern regt sich niemand auf. Das befremdet mich dann schon etwas. Erst am Ende, am großen Showdown, kommt endlich Leben in die Figuren, Wut wird herausgelassen und die Figuren handeln so, wie ich es nachvollziehen kann.

Der Stil ist insgesamt gesehen angenehm, nicht zu simpel, mit den True-Crime-Einlagen auch hochmodern. Fast haben wir hier ein Familiendrama, keinen Thriller. Mir ist die Story vier Sterne wert.

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Veröffentlicht am 29.12.2024

Anja Klein stellt ihren Garten vor

Blumen, Kohl & Rock'n'Roll
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Dieses Buch macht definitiv Lust auf einen verwunschenen Garten. Doch was Anja Klein und ihr Mann da vorzeigen, ist nicht innerhalb einer Gartensaison gemacht. Das will wachsen, braucht Jahre und ganz ...

Dieses Buch macht definitiv Lust auf einen verwunschenen Garten. Doch was Anja Klein und ihr Mann da vorzeigen, ist nicht innerhalb einer Gartensaison gemacht. Das will wachsen, braucht Jahre und ganz viel Arbeit und Liebe. Ist dann endlich alles in etwa so, wie man es gern hätte, muss man es erhalten. Auch das ist mit nicht unwesentlich viel Arbeit verbunden. Wenn man das weiß und akzeptiert, ist dieses Buch ein Quell wunderbarer Anregungen, Tipps und Wissen. Sogar ein paar Rezepte finden sich. Das mag ich natürlich besonders!

Anja Klein erzählt über alles, was zum Garten gehört. Vom Anlegen von Beeten, selbst auf Rasen, über Blumenpracht bis zu Gemüseernte und das Verwenden von außergewöhnlichen Baumaterialien und Elementen. Natürlich treffen nicht alle Pflanzen jeden Geschmack. Ich persönlich bin beispielsweise von Him- und Brombeeren reichlich kuriert. Auch weiß ich nicht, wie viele Leser das Geld für fünfhundert Tulpenzwiebeln ausgeben. Und die nach der Blüte auch wieder ausgraben, zumindest das, was die Wühlmäuse übrig gelassen haben, um sie im nächsten Jahr wieder, aufgestockt um die fehlende Menge, einzugraben. Man darf auch nicht vergessen, dass Anja Klein hier von zwei Parzellen, die nebeneinander liegen, spricht.

Die Rechnung zur Rentabilität von eigenem Gemüse hinkt für mich dann doch. Beispielsweise wird die Pacht auf die kleine Fläche des Gemüseanbaus runtergerechnet. Das finde ich etwas blauäugig. Ich muss ja für den ganzen Garten Pacht bezahlen, selbst wenn ich nur ein kleines Beet mit Gemüse anbaue. Insofern sieht man schnell, dass man sein Gemüse auch beim Biobauern kaufen kann. Klar, macht weniger Spaß! Also könnte man doch gleich auf die komplette Rechnung verzichten, oder nicht? Etwas unter geht auch, dass man ständig gegen Unkraut kämpfen muss und ein zwei, dreiwöchiger Urlaub im Sommer nicht drin ist, wenn die Arbeit im Garten nicht umsonst gewesen sein soll.

Die Bilder verführen zum Träumen, machen unbändige Lust, genau solch ein Paradies zu besitzen. Da ich aber weiß, wie viel Zeit und Arbeit das kostet, ziehe ich für mich rein die Informationen, die ich für kleine Schritte benötige, um den Garten um unser Haus herum zu meinem persönlichen Paradies zu machen, das zugleich für Insekten und Menschen nützlich ist. Manche Erklärungen sind für mich nur schwer verständlich. Das ist zum Beispiel beim Rückschnitt vom Wein der Fall. Da verstehe ich so wenig, dass vor meinem geistigen Auge von der Weinpflanze nur wenig übrigbleibt. Insgesamt aber ist alles gut beschrieben und erklärt, mit Fotos unterstützt und dargestellt.

Für mich ein sehr schönes Buch, das jedoch gefährlich daran vorbeischrammt, die Leute ein bisschen zu blenden und den Aufwand zu verharmlosen. Ein wenig viel Selbstdarstellung ist noch dabei. Es ist eine Erfahrungssammlung, kein Fachwissen. Aber um nicht kleinlich zu sein, gebe ich vier Sterne. Drei wären tatsächlich etwas arg hart.

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Veröffentlicht am 23.12.2024

Reality-Show in der Tropenhölle

One Perfect Couple
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Lyla kommt beruflich nicht voran und wenn sie ganz ehrlich ist, tritt ihre Beziehung mit Nico auch auf der Stelle. Als Nico darauf drängt, bei einer Reality-Show mitzumachen, damit er seine Karriere als ...

Lyla kommt beruflich nicht voran und wenn sie ganz ehrlich ist, tritt ihre Beziehung mit Nico auch auf der Stelle. Als Nico darauf drängt, bei einer Reality-Show mitzumachen, damit er seine Karriere als Schauspieler vorantreiben kann, lässt sich Lyla von ihm überreden. Sie sollen in einem tropischen Paradies gegen vier andere Paare antreten. Dort angekommen, stellt sich schnell heraus, dass das anders laufen wird, als sich Lyla das wünschen würde. Nico zeigt sein wahres Gesicht und ein verheerender Sturm schneidet die kleine Gruppe Überlebender von der Außenwelt ab. Jetzt kämpft Lyla ums nackte Überleben.

Ich bin kein Fan von solchen TV-Formaten, aber ich liebe spannende Geschichten. Das Thema und Ruth Ware, das klang für mich gleich nach einer Story für mich! Umso erstaunter war ich, dass Lyla als ziemlich devotes Frauchen daherkam, das sich allem und jedem unterordnet, obwohl sie das gar nicht nötig hätte. Das hat mich, ehrlich gesagt, ziemlich geärgert, obwohl ich nicht die typische Frauenrechtlerin bin. Aber ich bin eben der Ansicht, Mann und Frau sind gleichberechtigt und man muss immer einen gemeinsamen Konsens finden, nicht sich selbst für jemanden aufgeben. Nun, obwohl Lyla sich von so ziemlich jedem sagen ließ, was sie wie wann und wo zu tun hat, änderte sich das mit der Sturmnacht und ihren Folgen. Und ab da hatte ich dann sehr viel mehr Freude an der Story!

Die Figuren sind teilweise etwas überspitzt angelegt. Man merkt deutlich, dass Ruth Ware die Welt der Reality-Stars so sehr mag, wie ich. Nämlich gar nicht. Sie zeigt auf, dass da alles nur Show ist und die echten Menschen dahinter niemals zum Vorschein kommen, außer es kommt zu Extremsituationen, wie diesem Sturm und der Isolation von der Außenwelt, ganz ohne Kameras, ganz ohne Anweisungen. Sie schildert erstaunlich glaubwürdig, wie weit manche gehen und welch dunkle Seiten der Mensch zutage bringt, wenn es ums Überleben geht. Gewaltbeziehungen und Machtmissbrauch sind ebenfalls Themen dieser Story.

Besonders cool finde ich einen kleinen, von der Autorin eingebauten Gag. Solche Dinge mag ich sehr! Der etwas langatmige, lahme Anfang mit einer für mich sehr passiven Lyla wird im Verlauf der Handlung mehr als wettgemacht. Die Wendungen und Überraschungen sind sehr gelungen. Die eingeschobenen Tagebucheinträge bringen eine ganz besondere Würze hinein. Der Schluss ist, wie bei der Autorin gewohnt, ein echter Knaller.

Der Unterhaltungswert ist hier echt hoch, die Spannung aber trotz allem eher nicht. Die Situationen sind dramatisch, als Thriller sehe ich die Story dennoch nicht ganz. Am Ende ist sie mir vier Sterne wert und ein Lob an die Sprecherin Julia Nachtmann bei der Hörbuchversion.

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