Die Frage, ob Russland überhaupt demokratiefähig und die russische Bevölkerung demokratiewillig ist, beantwortet der Autor Jens Siegert mit einem Blick in die jüngere und die länger zurückliegende Vergangenheit ...
Die Frage, ob Russland überhaupt demokratiefähig und die russische Bevölkerung demokratiewillig ist, beantwortet der Autor Jens Siegert mit einem Blick in die jüngere und die länger zurückliegende Vergangenheit Russlands. Die Herrschaftsfolge seit der Stabilisierung im Zarenreich, russische Revolution und stalinistische Diktatur haben das Selbst- und Politikverständnis des russischen Volkes und ihr Verhältnis zum Westen geprägt, genau wie die Öffnung in den 90er Jahren und die daraus resultierenden Enttäuschungen, die mit dem Ende des Kalten Krieges auch das Ende einer russischen Weltmachtstellung brachten. Dies wiederum bereitete den Nährboden für eine neue diktatorische Herrschaft unter Putin, in dem viele der Russen den Hersteller der alten Größe und Bedeutung des russischen Reiches sehen, wofür sie auch empfindliche Einschränkungen im Hinblick auf persönliche Freiheit und große Opferbereitschaft in Kauf zu nehmen bereit sind. Aber auch jetzt gibt es immer noch Gruppierungen im Land, die unter hohen Kosten Widerstand zu leisten bereit sind und damit Keim der Hoffnung auf eine demokratische Zukunft jenseits Putin.
Sehr kurz und kompakt gibt Siegert einen Überblick über russische Geschichte und trägt viel zum Verständnis russischer Denkweise heute bei. Er vermittelt ein realistisches Bild der politischen Lage in Russland. Er bezieht schon eine klare Position, aber ohne Polemik oder Schuldzuweisung. Er zeigt auf, wie Demokratie in Russland wieder erstarken könnte und auf wem die Hoffnung ruht. Ein aktuelles Buch, dass die notwendigen Informationen vermittelt, um Russlands Weg heute zu verstehen und Möglichkeiten seiner zukünftigen Entwicklung aufzuzeigen, und damit den Diskurs um die aktuelle russische Politik und die Haltung des Westen dazu bereichert.
Erschreckend sind die ganzen selbsternannten Heiler und Therapeuten, aber auch die echten, die auf Social-Media-Kanälen wie TikTok oder Instagram Geld mit der vermeintlichen Krankheit anderer Leute machen. ...
Erschreckend sind die ganzen selbsternannten Heiler und Therapeuten, aber auch die echten, die auf Social-Media-Kanälen wie TikTok oder Instagram Geld mit der vermeintlichen Krankheit anderer Leute machen. Und dabei liefern sie selbst erst einmal die Definitionen, mit Hilfe derer sich unsichere, überforderte, in dieser großen, weiten Welt orientierungslose Menschen eine Krankheit diagnostizieren, deren Lösung dann wieder in der Ratsuche auf eben jenem Kanal besteht, der einem die Diagnose bescherte. Ein Teufelskreis, wie es scheint!
In ihrem Buch „Digitale Diagnosen“ erklärt Laura Wiesböck sehr klug und weitsichtig die Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichen Definitionen von Gesundheit und Krankheit und darauf basierenden Heilsversprechen des Internets. Dabei zeigt sie stets Respekt für alle medizinisch diagnostizierten psychischen Erkrankungen und verneint auch nicht die Errungenschaften moderner digitaler Kommunikation, die für die Betroffenen Möglichkeit des Austausches mit Leidensgenoss:Innen sein kann, Enttabuisierung bestimmter Krankheitsbilder möglich macht und den Erkrankten eine Plattform bietet, sich anonym öffnen zu können. Insbesondere auch dann, wenn professionelle Hilfe nicht erreichbar oder finanzierbar ist. Gleichzeitig zeigt sie aber auch sehr deutlich, welches Schindluder auf allen Seiten mit diesem Trend betrieben wird: Da sind zum einen die, die es besser wissen müssten: die ausgebildeten professionellen Therapeuten, die auf einen Trend aufspringen, um an den großen finanziellen Gewinnmöglichkeiten beteiligt zu sein. Da sind die Influencer:Innen, die ohne Vorbildung und oft ohne Kenntnis, Bilder von dem entwerfen, was einen gesunden Menschen ausmacht, oder sich zu einem ästhetischen Bild des leidenden Kranken stilisieren, das sich gut vermarkten lässt, gestützt auf eine ganze Industrie von Selfcare-Produkten und Angeboten, mit denen man Menschen auf der Suche nach einem Sinn im werte- und traditionsleeren Leben ködern kann. Und dann sind dann zum Schluss eben diese Menschen, die häufig nach medizinischen Standards vielleicht gar nicht krank sind, sondern gerade eine miese Zeit haben, ein Tief oder eine schlechte Erfahrung gemacht haben, die zum menschlichen Leben dazugehört wie die Sonnenseiten. Diese nutzen dann die angebotenen Diagnoseverfahren, die ihnen ermöglichen, sich ein Krankheitsbild anzueignen, das sie von jeder Selbstverantwortung, das Leben wieder auf die Reihe zu kriegen, entbindet oder für das es im Netz zahlreiche „Therapiemöglichkeiten“ gibt, die der Selbstoptimierung mit dem Versprechen der Heilung dienen.
In Anbetracht eines zunehmenden Trends, die Sinnleere des eigenen Lebens mit Achtsamkeits-, Meditations-, Yoga oder sonstigen Lifestyle-Retreats zu füllen, ist dies ein wichtiges Buch, das eine ganze Industrie hinter diesem Trend entlarvt und der Gesellschaft den Spiegel vorhält, die das, was gesund ist, zu wenig schätzt und diejenigen, die wirklich krank sind, nicht genügend ernst nimmt, wenn sie glaubt, Krankheit mit einem Videotutorial oder frei verkäuflichen Gesundheitspräparaten welcher Art auch immer begegnen zu können.
um eine Kapitelüberschrift aus dem Buch selbst zu zitieren, mutet die Lebensbeschreibung des aus der britischen Armee in Asien desertierten Sodaten James Lewis alias Charles Masson an. Nur mit dem Ziel, ...
um eine Kapitelüberschrift aus dem Buch selbst zu zitieren, mutet die Lebensbeschreibung des aus der britischen Armee in Asien desertierten Sodaten James Lewis alias Charles Masson an. Nur mit dem Ziel, der Fron als einfacher Soldat in den britischen Reihen zu entkommen, dem keine Aussicht auf Besserung seiner Stellung beschieden ist, macht er sich eines Tages auf den Weg durch ein nicht nur ihm fremdes, wildes und nicht ungefährliches Land. Er wandert durch Gebirge und Wüsten ohne Kenntnis der Sprache und der Gepflogenheiten. Es ist allein schon ein Wunder, dass er als hellhäutiger, rothaariger Brite die immense Kraft der Sonne übersteht. Vielmehr noch ein Wunder ist, dass er durch Gegenden kommt, die noch nie ein Europäer gesehen hat – und auch das irgendwie lebend, mehr schlecht als recht, in Lumpen, ohne Schuhe, mit Blasen an den Füßen, halb verhungert … Und ein noch größeres Wunder ist, dass er nicht nur die Anfeindungen, Plünderungen und Prügel der Menschen, die ihm auf dem Weg begegnen, einigermaßen unbeschadet übersteht, auch wenn er manchmal wortwörtlich nur mit dem nackten Leben davonkommt. Nein, vielmehr gelingt es ihm, die Mechanismen der Gesellschaft in diesen rauhen Ländern zu durchschauen. Als Geschichtenerzähler, der seine Identität immer wieder neu erfindet und neben seinen Geschichten Wunder und Heilungen verkauft, findet er nicht nur einzelne Wohltäter, die ihm ihre Gastfreundschaft gewähren. Denn auch diese ist ein Spezifikum der Lande, die nicht nur Massons Überleben, sondern auch seinen sozialen Aufstieg ermöglichen. Bald schon spricht er vor den Größten des Landes und lernt die Sitten und Gebräuche und politisch verwirrenden Machtverhältnisse so gut kennen, wie kein Europäer außer ihm. Somit wird er wieder interessant für die Britische Ostindienkompanie, die aus ihm einen Spion machen will. Aber eigentlich hat Masson auf seinen Wanderungen durch die Länder Afghanistan und Indien eine ganz andere Bestimmung gefunden: die Suche nach den Spuren und den Stätten des großen Alexander. Und auch wenn er vielleicht kein weiteres Alexandria findet, so macht er doch eine außerordentliche Entdeckung über das Verhältnis des vermeintlich überlegenen Westens, der mit Alexander die Kultur und Zivilisation in die Barbarei des Ostens bringen wollte, wie man immer noch glaubt. Doch das Schicksal spielt dem in seiner Begeisterung für die Geschichte und die Geschichten so sympathischen, bescheidenen und in seiner Leidensfähigkeit bewunderungswürdigen Mann übel mit. Immer wieder wird er zum Opfer der Selbstüberschätzung und des überheblichen Machtwillens anderer und seiner Schwäche, nicht Nein sagen zu können.
Welche Bedeutung der schillernden und in historischen Zeugnissen schwer fassbaren Figur des James Lewis/Charles Masson eigentlich beikommt, macht das Buch „Alexandria Auf der Suche nach der verlorenen Stadt“ von Edmund Richardson deutlich. Nach einem beachtlichen Quellenstudium und einer über zehn Jahre dauernden Recherche ist Richardson zu einem glaubwürdigen Bild eines teilweise unglaublichen Lebens eines Mannes gelangt, um den sich und um den er selbst viele Ranken des Mythos geschlungen haben. Beachtliches Wissen um die geschichtlichen Zusammenhänge in so unübersichtlichen Ländern wie Afghanistan, Indien und Persien Anfang des 19. Jahrhunderts und eine unermüdliche Suche nach Spuren rund um den Globus erlauben dem Autor eine vertrauenswürdige Einschätzung dessen, was als wahr und was als Legende zu gelten hat. Er zeigt uns mit Masson nicht nur einen abenteuerlustigen Entdecker wie Schliemann oder Evans, sondern auch einen klugen Kopf, den die Liebe zu dem für sich entdeckten Land Afghanistan und die Begeisterung für die legendäre Figur Alexander des Großen zu einem Kritiker der Politik des britischen Empire und den westlichen Kolonialismus werden lässt. Seine Idee vom Zusammenspiel von West und Ost enthält auch heute noch bedenkenswerte Ansätze über den Umgang mit anderen Kulturen und dem Postulat der vermeintlichen Überlegenheit einer Kultur über die andere. Sein Blick auf das Leben in Afghanistan, das des einfachen Bauern und Händlern sowie das der herrschenden Machthaber, zeigt ein Land mit einer ganz eigenen reichen kulturellen Vergangenheit, die man nicht übersehen sollte, wenn man in ihm heute nur noch das Machtgebiet einer unaufgeklärten, alle Kultur unterdrückenden islamistischen Terrorbewegung sieht.
Das Buch ist ein spannend, aber nicht einfach zu lesendes, bisweilen verblüffendes und ungemein lehrreiches Lesevergnügen. Für den Nichtfachmann bisweilen ob der Fülle an Namen und Allianzen und Mesalliancen verwirrend und von daher auch nicht immer flott und vergnüglich, wie es die Bemerkung des Guardian, man habe hier einen Roman oder Thriller von John Le Carré vor sich liegen, vielleicht irreführend nahelegt. Es ist schon auch ein Stück Arbeit, das einem - mir zumindest - die Augen öffnet – mal wieder -, wie viel man von der Welt, von der Geschichte und von einigen Kulturen sowie von einzelnen zu Unrecht in Vergessenheit geratenen, aber durchaus beachtlichen Menschen nicht weiß. Ein Charles Masson hätte es nicht nur wegen der Abenteuerlichkeit seines Lebens auf jeden Fall verdient, den Rang eines Schliemanns einzunehmen. Also ein sehr lesenswertes, gelehrsames Buch, keine leichte Unterhaltungslektüre, aber lohnende Lektüre mit hohem Unterhaltungsfaktor.
„Ich fliege Himmel an mit ungezähmten Pferden“, so der Untertitel des Romans von Stefan Cordes über die Barockdichterin Sybilla Schwarz, zu Lebzeiten verkannt und diffamiert, als Frau fast chancenlos, ...
„Ich fliege Himmel an mit ungezähmten Pferden“, so der Untertitel des Romans von Stefan Cordes über die Barockdichterin Sybilla Schwarz, zu Lebzeiten verkannt und diffamiert, als Frau fast chancenlos, und dabei doch in ihren jungen Jahren und ihrem kurzem Leben so hochbegabt und mutig, ihren Traum, Dichterin zu werden, über allen Niederlagen, Rückschlägen und schwierigsten, oft lebensbedrohlichen äußeren Lebensumstände niemals aufzugeben.
So stellt man sich unter dem zitierten Satz Sybilla, kurz Billie, selber vor, die zu den Himmeln hinaufstürmen will, Grenzen überwinden, sich nicht aufhalten lässt, nicht zähmen lässt, nicht von den Männern, die über ihr Leben verfügen, nicht von der Kirche, die vorschreibt, nicht nur was zu glauben, sondern auch was zu denken ist. So sieht man sie auch im Roman auf einer halbwild lebenden gescheckten Stute am Ostseestrand entlang galoppieren. Sie, die gar nicht reiten kann, träumt davon zu reiten und dann reitet sie. Das ist Billie. So geht es ihr mit allem: Sie hat das Glück, in einem Haus aufzuwachsen, in dem es Bücher gibt. Eigentlich bestimmt für die Brüder, und ihre Schwerstern lernen weder lesen noch schreiben, Emi später dann doch, von Billie. Aber Billie war schon immer ein besonderes Mädchen: sie lernt lesen, sie lernt schreiben, sie lernt Latein und sie lernt dichten. Und da Gedichte nur zu Gedichten werden, wenn sie jemand liest, will sie gelesen werden. Sie will Dichterin werden, so wie einst Sappho. Denn wenn auch alle Bauwerke des Menschen einst vergehen, seine Worte werden Bestand haben. Und so hat das gedichtete Wort in Billies Leben eine ganz besonderen Wert. In den schlimmen Zeiten von Glaubenskrieg und Pest, von Hunger und Not bleiben die Bücher feste Konstante, Trost und Nahrung. Und wenn Billie auch das Lesen und Schreiben verboten wird, wenn sie mit Arbeit vom Lesen abgehalten werden soll und man ihr das Papier wegnimmt, damit sie nicht mehr schreiben kann, dann tut sie alle Arbeit, die man ihr aufträgt, ohne zu murren, egal, wie schwer die Arbeit auch ist, aber in ihrem Kopf und in ihrem Herzen bewegt sie die gelesenen Worte und die selbstgeschriebenen Verse.
„Ich fliege Himmel an mit ungezähmten Pferden.“ Sie selbst schrieb den Satz nicht als Ausdruck von Höhenflügen, sondern in einem Gedicht, das, wie sie sagt, „von Verzweiflung erzählt.“ Und es gibt vieles, was sie verzweifeln lässt: die Grausamkeit der Zeit, des 30jährigen Krieges, der Pest, des Hexen- und des Aberglaubens, die ihre viele geliebte Menschen nimmt, die Ignoranz der Männer, die die Welt dominieren, die der Frau den Platz am Herd zuweisen und von ihr erwarten, dass sie den Blick demütig zu Boden gesenkt hält wie das Vieh, die Rigidität der Religionen, die sich bekriegen für den rechten Glauben und das Seelenheil und die jeden bekriegen, der anders denkt oder anders liebt, wie Billie. Aber Billie steht auch im Kampf mit sich selbst: Ist sie wirklich eine berufene Dichterin oder ist es der Hochmut, der sie täuscht. Ist sie wie Arachne, deren Hochmut ein schlimmes Ende nahm? Und welches Ende wird Billie beschieden sein?
„Ich fliege Himmel an mit ungezähmten Pferden … Jetzt will ich in den Wald und mit Diana jagen!“ Für die Glaubensvertreter ist dieser Satz Indiz dafür, dass Billie mit dem Teufel im Bund steht, dass sie eine Hexe ist. So ist Billie gleich von mehreren Seiten angefochten: vom Krieg, der ihr Leben bedroht, von der Gefahr, als Hexe verbrannt zu werden, von dem Vorwurf des Hochmuts, der in einer Frau keine Dichterin von öffentlicher Bedeutung sehen kann, und von dem Wunsch nach einer Liebe, die sich nicht erfüllen kann.
Billie ist auf jeden Fall eine bewegende Figur, der der Autor mit seinem Roman ein lebendiges Bild verliehen hat in einem Porträt voll der unterschiedlichsten Figuren. Schon allein ihre Geschwister verkörpern ganz unterschiedliche Rollen: der gebildete Christian, der Billie die Welt der Bücher eröffnet, der Abenteurer Joachim, der in den Krieg zieht, Georg, der sich auf die Privilegien der Männerrolle beruft und Intelligenz als Teil männlicher Gene sieht, die Schwester Regina, die sich die Augen ausheult, solange sich kein Mann ihrer erbarmt hat, auch wenn er noch so alt und grämlich ist, Emmi, das ungeschickte, naive Huhn mit dem Herz am rechten Fleck. Daneben gibt es die schillernde Figur des Herzog von Croy, der in Billies Leben als Dichterin ein bedeutender Weichensteller ist. So schräg, exzentrisch, geckenhaft und oberflächlich er von außen erscheint, wie der Pfau auf dem Landgut von Billies Familie, so scharfsichtig und schonungslos ehrlich ist er zugleich. Da ist die lebenskluge Ide, nur Dienstmagd, aber Billies Freundin und Vertraute. Da donnert der Onkel Völschow mit der Bibel in der Hand und proklamiert den Sieg der Wahrheit, den er wohl auch damit durchsetzen würde, dass er den Widersprechenden mit einem Schlag der Bibel mundtot machen würde. Der Feingeist und Renaissancemensch mit dem sprechenden Namen Johannes Schöner, der Billie zum Dichten ermutigt, bringt mit seinem Haus etwas von der barocken Schönheit in das Dunkel dieser Zeit.
Neben dem Figurenpanorama besticht das Buch durch seine Bildgewaltigkeit. Mit gleicher Kunstfertigkeit zeichnet es die Bilder von Krieg, Schrecken, Tod und Verwüstung wie die der Hoffnung. Vielfach bedient es sich der Vergleiche aus der Natur und nutzt gekonnt die Jahreszeiten, die dem Leser die Situationen fühlbar machen: den Schmerz der Kälte des Winters, das Aufblühen des Lebens mit den ersten Frühlingsstrahlen des Sommers. Das macht das Buch atmosphärisch dicht und lässt das Geschehen lebendig vor Augen entstehen und nachfühlbar werden. Dabei sind die Sätze wie die Kapitel kurz und vorwärtsdrängend. Kein Wort, kein Satz zu viel. Keine episch-breiten Beschreibungen. Der Leser sieht und fühlt, ihm muss nicht wie einem Blinden detailliert beschrieben werden, was er zu sehen und zu fühlen hat.
Am meisten beeindruckend – nun endgültig zum Schluss kommend – ist die Klugheit und Belesenheit, die aus den vielen, häufig wenig bekannten Zitaten oder Verweisen auf die Schriftsteller der Antike, aber auch der Zeitgenossen Billies spricht. Verwoben wird die Handlung des Romans mit Bildern aus den Metamorphosen des Ovids: Billis Welt vergeht wie die Weltzeitalter Ovids, das bronzene und eiserne Zeitalter sind angebrochen. Billies Leben trägt Züge des Mythos um Arachne, der kunstfertigen Spinnerin, die ihren Stolz auf ihr Werk mit der Verwandlung in eine ekelige Spinne sühnen musste. Die Schriften Hildegard von Bingens, ausgerechnet einer Nonne, weist die Mädchen in die Kunstfertigkeiten der Liebe ein. Luthers Hexenphobie klingt aus dem Munde des wütenden Völschow, der die Schwäche des Mannes zum Fehler der Frau macht, die ihn verführt. Und eine erstaunliche Vielzahl an weiblichen Dichterinnen finden sich in der Bibliothek Schöners, nicht nur die viel bekannte Sappho. Und überall erspürt man die Motive des Barock: memento mori, carpe diem und die vanitas!
Auch wenn es die Frauen in der heutigen Welt schon leichter haben und dichtende Frauen ähnlich wie in anderen Zweigen nicht nur der Wissenschaften allmählich die Oberhand zu gewinnen scheinen, so erinnert dieser Roman zum einen an den Preis und die Stärke und den Mut, den nicht nur, aber besonders auch Frauen als Vordenkerinnen und Vorreiterinnen ihrer Zeit aufzubringen hatten, die uns den Weg bereitet haben. Zum anderen ermutigt Billies Geschichte nicht nur die Frauen, „ganz auf [s]ich [zu] vertrauen und [s]einen Weg [sich] selber [zu] suchen. So kann’s mir auch vor dir nicht grauen, selbst wenn du wagst, mich zu verfluchen. Wer sich vertraut in allen Dingen, wird Welt, wird Neid, wird Tod bezwingen.“ (Sybilla Schwarz, Gesang gegen den Neid)
In dem Bändchen „Berlin war meine Stadt“ hat der Herausgeber und Vorsitzende der Klaus Mann Initiative Berlin e. V. aus verschiedenen Werken Klaus Manns Texte zusammengestellt, die die Affinität des Schriftstellers ...
In dem Bändchen „Berlin war meine Stadt“ hat der Herausgeber und Vorsitzende der Klaus Mann Initiative Berlin e. V. aus verschiedenen Werken Klaus Manns Texte zusammengestellt, die die Affinität des Schriftstellers zum Berlin der wilden 20er Jahre zum Ausdruck bringen. Dezent eingeleitet, kann auch der Nicht-Kenner der Gesamtwerke direkt folgen, und es entsteht ihm nicht nur ein Bild Berlins, sondern auch des Autors Klaus Mann von seinen Jugendjahren bis hinein ins Exil. Die ausgewählten Texte sind nicht nur autobiographisches Zeugnis, in denen sich die Faszination und gleichzeitige Orientierungslosigkeit der Jugend in der haltlosen Zeit nach Ersten Weltkrieg und dem Ende des Kaiserreiches spiegeln. In diesen Ausschnitten äußert sich auch der politische Klaus Mann. Dabei geht es nicht nur um die historisch bedingte Kritik am Nationalismus und Nationalsozialismus, die ihn konsequent ins Exil trieben. Dies wird im eindrucksvollen Schlusskapitel, das auch literaturhistorisch spannend ist, lebendig geschildert. Klaus Mann vermag es, seine und die Position der emigrierten Schriftsteller als absolut klar, keineswegs opportun und notwendig deutlich zu machen. Darüber hinaus ergeben sich aus seiner liberalen, europäisch ausgerichteten Geisteshaltung manch Gedanken, die auch heute noch von absoluter Aktualität sind: „Wenn Europa liebenswert und groß gewesen ist, diesem zweifachen Erbe dankt es seinen Glanz. Golgatha und die Akropolis sind die Garanten europäischer Zivilisation, europäischen Lebens. Der Kontinent setzt seine Würde, ja seine Existenz aufs Spiel, sobald er diese doppelte Basis und Verpflichtung – Hellas plus Christentum – verleugnet und vergisst.“ (S.82). Vielleicht können solche Sätze in Zeiten neuer Orientierungslosigkeit Perspektive und Maßstab verleihen!
Die kleine Anthologie zeigt auf jeden Fall ein Bild von Klaus Mann, der bei aller Unstetheit, Nonkonformität, Todessehnsucht und Morphiumabhängigkeit ein scharfgesichtiger Denker und meisterhafter Schreiber ist, der sich nicht hinter seinem großen Vater zu verstecken muss. Auf jeden Fall bekommt man Lust, die Werke Klaus Manns wieder oder neu zu lesen.