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Veröffentlicht am 29.03.2025

Grenzenlose Vergangenheit

Nowhere Heart Land
3

Dissoziativ, verschluckt dich diese Geschichte und spuckt dich wieder aus. Oder du lässt dich nicht verschlucken:
Der Schreibstil dieses Buches ist recht speziell und ziemlich "hit or miss", entweder man ...

Dissoziativ, verschluckt dich diese Geschichte und spuckt dich wieder aus. Oder du lässt dich nicht verschlucken:
Der Schreibstil dieses Buches ist recht speziell und ziemlich "hit or miss", entweder man geht voll darin auf oder findet es anstrengend und kann nix damit anfangen. Die Erzählung besteht im Grunde aus dem inneren Erleben der Hauptperson Rosa, welches wir assoziativ unsortiert und dabei sehr dissoziativ Raum, Zeit und Identitäten verwischend vorgesetzt bekommen. Oder anders gesagt, hier geht viel durcheinander und es gibt immer wieder Brüche, Zeit- und Ortswechsel, die nur subtil klar werden weil die Übergänge fließen erzählt sind. Das ist zuweilen sehr alltagspoetisch, geht aber auch mit Beschreibungen von Alkoholmissbrauch und anderen Krisenausprägungen einher. Immer wieder kommt es zu Einschüben in anderen Sprachen, die für Rosa eine Bedeutung haben. Es wird nicht übersetzt, was für Lesende zumindest bei den Altgriechischen und Lateinischen Satzteilen Schwierigkeiten bereitet könnte. Auf mich wirkt der Stil zwar etwas gestochen, aber durchaus authentisch, ich habe mich beim Lesen ein wenig mit Rosa verloren und finde, dafür hat sie sich am Buchende zu wenig wieder gefunden, so dass ich selber leicht inkohärent aus der Erzählung gehe.

Hilfreich in dieser dissoziativen Verwaschung der Realität fand ich dann Rosas Interaktionen mit Personen die in ihrer Vergangenheit wichtig waren, weil diese sowohl Realitätsanker für mich als Lesenden waren und erst vor diesem Kontrast das ganze Ausmaß der Krise, die Rosa schiebt, deutlich wird. Persönlicher, realer Kontakt im hier und jetzt, geordnet, mit Vergangenheit und Zukunft, dazu ist Rosa lange nicht in der Lage. Stattdessen verwischt Social media noch weiter die Grenzen.

Gefallen hat mir die Umsetzung der Beschreibung dieser dissoziativen Krise von Rosa sehr, insbesondere mit den eingestreuten poetischen Schnipseln, politisch-gesellschaftlichen mini-Essayetts und die immer wieder kurzen Beschreibung die ganz beiläufig aktuelle Themen aufgreifen.

Ich würde jetzt nicht sagen, dass es ein Meisterwerk der Gefühle ist, denn die tauchen in der verherrlichten Sehnsucht und Nostalgie nur schwerlich mal als solche auf. Dadurch war bei mir eine spannende Mischung aus Mitfühlen und Distanz zu Rosa. Bisweilen fühlte ich mich beim Lesen ertappt und unsicher, was mein Lesen eigentlich in dieser social media Inszenierung, Stalking etc macht. Reproduzieren wir als Leser das Ganze nicht irgendwo?

Rosas Geschichte, ihre Beziehungen und Identitätssuche haben mich berührt. Mir gefällt, dass es auch für Rosa immer wichtiger wird in der Erinnerung neue Möglichkeiten zu sehen, ihr Narrativ "nützenberg" zu erweitern und damit den Anderen mehr Echtheit und Eigenständigkeit zuzugestehen. Auch das Ende, der Beginn von Rosas Weg raus aus der dissoziativen Krise war für mich sehr stimmig. Es war immer wieder beeindruckend, wie diese meandernde Erzählung so treffsicher auf den Punkt kommen konnte.

Ein Entwicklungsroman der mich persönlich gut abgeholt hat und den ich empfehlen, wenn euch der Stil zusagt.

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Veröffentlicht am 25.02.2025

Über Familie und Kinder, die pflegen

Die erste halbe Stunde im Paradies
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Ein Buch über pflegende Kinder. Düster, aber distanziert und gleichzeitig, voller Liebe. "die unerträgliche Gleichzeitigkeit unvereinbarer Gefühle." (s.250).

Anne und Kai sind Geschwister. In der Gegenwart ...

Ein Buch über pflegende Kinder. Düster, aber distanziert und gleichzeitig, voller Liebe. "die unerträgliche Gleichzeitigkeit unvereinbarer Gefühle." (s.250).

Anne und Kai sind Geschwister. In der Gegenwart ist Anne auf einem Pharmakongress als Kai anruft, weil er sonst niemanden hat, der ihn aus der Entzugsklinik abholen kann. In der Vergangenheit haben die beiden ihre Mutter gepflegt.
Aus Annes Perspektive erfahren wir, was das für eine Kindheit war. Aber Kais Anruf und seine plötzliche Wieder-Anwesenheit bringt Annes Funktionieren durcheinander.

Die Sprache spiegelt Anne's kühle Klarheit. An der Oberfläche ruht es still, darunter türmen sich die Emotionen.

Ich finde, es geht immer wieder um das Aushandeln von Würde. Der der Mutter, der der Kinder, der der Familie. Niemand gewinnt, niemand ist so wirklich im Unrecht, aber okay ist die Situation trotzdem nicht, auch Jahre später in der Gegenwart der Erzählung.

Wir dürfen als Lesende dabei sein, erstaunlicherweise fühlt sich diese intime Erzählung trotzdem sehr einladend an. Die Worte fließen, auch, wenn sich die Gefühle aufstauen. Das ist ein kleines stilistisches Wunder, wie leicht sich der Roman liest ohne dass inhaltlich etwas beschönigt wird.

Kinder, die pflegen sind, finde ich, selten Thema. Janine Adomeit nimmt sich der Thematik respektvoll und nuanciert an, das gefällt mir sehr.

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Veröffentlicht am 18.02.2025

Sehr gute Erklärung zu Autismus

Autismus, Trauma und Bewältigung
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Ich finde es schwer, dieses Buch insgesamt zu bewerten. Der erste Teil, in dem es nur um Autismus ging, war sehr gut, die kleine Einführung in Trauma ebenfalls gut. Dann kam das Zusammendenken von Autismus ...

Ich finde es schwer, dieses Buch insgesamt zu bewerten. Der erste Teil, in dem es nur um Autismus ging, war sehr gut, die kleine Einführung in Trauma ebenfalls gut. Dann kam das Zusammendenken von Autismus und Trauma und hier war das Buch meiner Meinung nach am Schwächsten.

Brit Wilczek schreibt grundsätzlich wohlwollend über autistische Menschen, etwas, was wir von Fachbüchern nicht gewohnt sind. Auch beziehen Ihre Beschreibungen und Erklärungen neuere wissenschaftliche Überlegungen zum Thema ein und berücksichtigen Schwierigkeiten die aufgrund der Unterschiedlichkeit zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen zustande kommen. Immer wieder ergänzen graphische Veranschaulichungen den Text. Insgesamt liest sich dieser Teil gut und leicht.
Wilczek hat sehr viele Aspekte des autistischen Seins berücksichtigt, die mir wichtig sind, die ich aber normalerweise nicht in Fachbüchern finde. Ich hatte an der ein oder anderen Stelle das Bedürfnis sie zu ergänzen, wenn sie nämlich doch in einem wohlwollenden pathology paradigm stehen bleibt, statt qualitativ eigenes autistisches in Betracht zu ziehen. Auf einer ganz subtilen Ebene steht hinter dem Wohlwollen keine Gleichberechtigung.
Nicht-autistische Menschen werden gefordert, aber in ihrer grundsätzlichen Haltung von Autismus als dem Anderen und ja, auch dem Abweichenden und Pathologischen bestätigt. Es gibt viele Nebensätze, die die Schuld von Angehörigen zu lindern wissen, die die Komponente des autistischen Sein betonen. Für Angehörige scheint das einen fruchtsamen Boden für eigene wohlwollende Beschäftigung mit ihren autistischen Angehörigen zu bieten, sie scheinen so tatsächlich gut verstehen zu können, was Wilczek ihnen über Autismus erklärt.

Der Teil zu Trauma allgemein war gut, aber da gibt es eine Vielzahl weiterer, tieferer Bücher.
Enttäuscht war ich vom letzten Teil, der Autismus und Trauma in Verbindung bringen will. Es geht sehr viel um die Differenzialdiagnostische Abgrenzung von Autismus und früher Traumatisierung. Es geht dann viel um die Begleitung der Diagnostik- und Nach-Diagnose-Phase. Das ist wichtig, keine Frage. Und die lebensgeschichtliche Verarbeitung die in diese Phase fällt als Traumaarbeit zu verstehen und zu framen ist durchaus sinnvoll.
Unter den sprichwörtlichen Tisch fallen leider die Autistinnen die zusätzlich mit Trauma klarkommen müssen, bei denen diese beiden Aspekte komplizierter verwoben sind. Wirklich konkretes, spezifisch auf Autismus durchdachtes, findet sich, leider, nicht. Keiner der Aspekte der mir aus meiner lived experience wichtig wäre wurde thematisiert, keine meiner Fragen beantwortet.
Dazu beschreibt Wilczek Autist
innen als geradezu übermenschlich resilient, ihre Beschreibung klingt schon etwas nach Inspiration-Porn. Zudem positioniert sie den neurodivergenz Begriff als Diagnose und auf Autismus bezogen bzw in Abgrenzung zu insb. Traumafolgestörungen. Das hat mich schlicht sehr geärgert.

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Veröffentlicht am 03.02.2025

Nachdenklicher thriller

Sing mir vom Tod
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Dieses Buch fühlt sich ein wenig an wie ein nicht zu fest gewebtes Tuch. Thematisch ist es eine Exploration von Gewalt und Weiblichkeit, von gewalttätigen Frauen. (wobei es sehr cis und zweigeschlechtlich ...

Dieses Buch fühlt sich ein wenig an wie ein nicht zu fest gewebtes Tuch. Thematisch ist es eine Exploration von Gewalt und Weiblichkeit, von gewalttätigen Frauen. (wobei es sehr cis und zweigeschlechtlich geschrieben ist).
Wir erfahren die Geschichte von Dios und Florida, die sich im Gefängnis kennen lernen und sich am Ende in Los Angeles gegenüber stehen. Es erzählen aber auch eine Zellengenossin die mit den Toten redet und eine Polizistin Aspekte dieser Geschichte, nicht nur Florida. Die verschiedenen Erzählperspektiven ergänzen sich gut, werden zu einem Chor.

Das Ganze spielt zur Zeit der offiziellen Pandemie, der Zeit von Abstandsregeln und shelter-in-place orders. Es ist mein erster Roman der in dieser jüngeren Vergangenheit spielt und ich war erst etwas skeptisch. Die Stimmung dieser Zeit fand ich aber sehr gut eingefangen und für den Roman sehr passend. Es herrscht eine Entfremdung, eine angespannte Ungewissheit vor, ein ZwischenRaum entsteht der die Thematik der Erzählung schärft.

Auch, oder gerade, weil das Ende von Anfang an in groben Zügen klar ist, ist dieser Thriller spannend. Es geht um das Nachvollziehen des Weges. Das Wie und Warum. Die Erzählweise überträgt das Gefühl von Dios getrieben zu werden auf mich als Leser.

Sprachlich pflegt Ivy Pochoda einen umgangssprachlichen Stil in den sie geschickt die größeren klassischen stilistischen Mittel eingewoben hat.
In der Handlung schwingt auch immer wieder die grundsätzliche Ebene mit, ohne, dass ich diese als zu dominant erlebt habe. Das philosophische fügt sich nahtlos in die Erzählung; Handlung und Reflexion gehen in einander über. Die sprachlichen Verflechtungen tragen dazu bei.

Meine Erwartungen hat "Sing mir vom Tod" übertroffen, die Mischung für mich sehr gut gepasst.

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Veröffentlicht am 18.01.2025

Schöner Auftakt der Fantasy Reihe

Heart & Shadow
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Am Ende des Buches fühle ich mich ganz gut angekommen in dieser Welt. Neben den offenen Fragen und Geheimnissen, die die nächsten Bände sicherlich interessant machen werden, sind mir die Grundzüge dessen, ...

Am Ende des Buches fühle ich mich ganz gut angekommen in dieser Welt. Neben den offenen Fragen und Geheimnissen, die die nächsten Bände sicherlich interessant machen werden, sind mir die Grundzüge dessen, in was für einer Welt die Geschichte spielt und mit wem ich es da zu tun habe, klar.

Zu Beginn des Buches ist es hauptsächlich Rah, die mich in die Geschichte mitgenommen hat. Sie ist stark, selbstbewusst, neugierig und aufmerksam. Von ihr erfahren wir erstmal am Meisten und ihre Art hat mir gut gefallen.
Die zweite Erzählperspektive ist die von Shina. Bei ihr habe ich länger gebraucht um mit ihr warm zu werden und leider fand ich den Erzählstrang aus ihrer Perspektive auch nicht so spannend und interessant, wie den aus Rahs. Mir war oft über lange Strecken unklar, warum ich bestimmte Informationen erzählt bekomme, weil die beiden Perspektiven eher nebeneinander her laufen und die jeweiligen Handlungen bald an unterschiedlichen Orten spielen. Die Kapitel sind recht kurz und wechseln sich in der Perspektive ab, wodurch der sich aufbauende Spannungsbogen immer wieder unterbrochen wird, was mich etwas genervt hat.

Trotzdem habe ich immer weiter gelesen und auch mit den Protagonistinnen-Teams mitgefühlt. Wir kommen recht weit herum in der Welt des Buches und die Beschreibungen der unterschiedlichen Landschaften und Städte sind kreativ und plastisch. Das worldbuilding wirkt opulent, das macht Spaß zu lesen. Zumal die Geschichte dieser Welt etwas zu sein scheint, was wir zusammen mit den Protagonistinnen erforschen dürfen.

Sprachlich fand ich es leicht und flüssig zu lesen, das foreshadowing ist gut und je weiter ich gelesen habe, umso besser wurde die Geschichte für mich. Als Einzelband würde ich es nicht empfehlen, aber als Auftakt einer Reihe ist "Heart & shadow" eine solide Grundlage, nach der ich unbedingt weiterlesen möchte.

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